#stinkepeer - Gut, dass der alte Steinbrück wieder da ist!

Der Stinkefinger – ein weiterer Grund, um den SPD-Kanzlerkandidaten zum Pannen-Peer herunterzuschreiben. Dabei könnte er in den letzten Tagen des Wahlkampfes davon profitieren,  dass er sich auf seine alten Stärken besinnt und den Deutschen noch ein Gespür für Ironie zutraut. Ein Kommentar

Peer Steinbrück lächelnd vor einem SPD Plakat
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Vinzenz Greiner hat Slawistik und Politikwissenschaften in Passau und Bratislava studiert und danach bei Cicero volontiert. 2013 ist sein Buch „Politische Kultur: Tschechien und Slowakei im Vergleich“ im Münchener AVM-Verlag erschienen.

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„The German Humor“ ist neben Ordnungsdrang, Bratwurst und Kraut gesetzte Figur im Bild, das das Ausland von den Deutschen hat. Der landestypische Humor ist außerhalb der deutschen Grenzen gerade durch seine vermeintliche Nicht-Existenz berühmt geworden. Dabei ist dies nur ein Verständnisproblem.

Dieses Verständnisproblem ist offenbar nicht aufs Ausland begrenzt, wie die Debatte um #stinkepeer Steinbrücks erhobenen Mittelfinger zeigt. Reihenweise fallen seit gestern Journalisten und politische Gegner über Peer Steinbrück her. Dabei ließe sich angesichts des Bildes mit dem bräsig dreinblickenden Peer und dem ausgestreckten Mittelfinger auch denken: ‚Cool. Peer Steinbrück traut sich was. Er gibt wortlos eine geistreiche und ironische Antwort auf eine provokante Frage. Endlich: Die klare Kante ist wieder da.‘

Wir sollten uns freuen: Peer Steinbrück vertraut unserem Gespür für Ironie

Stattdessen stößt man auf die Kommentare von offenbar humorlosen Journalisten. Eine Kommentatorin auf ZEITonline sieht den den Mittelfinger fälschlicherweise an die Wähler und nicht gegen die Journalisten gerichtet. Und natürlich zweifeln Politiker von Union und FDP an nun erst Recht an der charakterlichen Eignung Steinbrücks für das Amt des Bundeskanzlers. Sie entfachen ein Strohfeuer, in dem verglüht, worüber wir uns erfreuen sollten: Steinbrücks Vertrauen in unser Gespür für Ironie.

So kennen viele Wähler Steinbrück eigentlich, er ist direkt, schlagfertig und unbequem. So konnte er Dinge besser als andere Politiker auf den Punkt bringen. Sein hanseatisches Naturell, das ihn gelegentlich zu Schnellschüssen verleitet, erzeugt Reibung.

Steinbrück als unprätentiöser Gegenpol zur Blässe Merkels

Als Steinbrück, damals noch im Amt des Finanzministers der Großen Koalition, mit der Schweiz über die Lockerung des Bankgeheimnis verhandelte, drohte er den Eidgenossen mit der Kavallerie. Als Silvio Berlusconis Partei und die Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe Grillo bei den italienischen Parlamentswahlen zweit- und drittstärkste Kraft wurden, kommentierte Steinbrück: „Bis zu einem gewissen Grad bin ich entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben.“

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Mit seiner unbekümmert-borstigen Art, zu der auch Zynismus und Selbstironie gehören, hatte sich Peer Steinbrück in den letzten Jahren als angenehmer, unprätentiöser Gegenpol zur kühlen Blässe und steifen Raute der Kanzlerin profiliert. So stieg er zum populären sozialdemokratischen Gegenspieler der Kanzlerin auf und wurde schließlich SPD-Kanzlerkandidat.

Nur hat Steinbrücks Humor zwei Geschmacksebenen. Zum einen ist er norddeutsch trocken, zum anderen ist seine Ironie scharf. Nicht jeder versteht dies und nicht jeder verträgt dies. Hinzu kommt: Wenn Klartext und Ironie aufeinandertreffen, ist dies immer eine Gratwanderung. Auch deshalb kürten viele Journalisten ihn zum Pannen-Peer.

Als die Berater Peer Steinbrück an die Kandare nahmen verlor er an Profil

Peer Steinbrück als #stinkepeer auf dem Magazin der SüddeutschenIm Laufe des Wahlkampfes hat Peer Steinbrück seine direkte, schlagfertige und ironische Seite immer seltener nach außen gekehrt, sich so vom authentischen Gegenpol zu Merkel zusehends entfernt. Zu groß war die Angst vor medialen Stolperfallen, zu sehr musste er sich den Erwartungen seiner SPD-Genossen unterwerfen. Sein Berater-Team nahm ihn immer mehr an die Kandare. Steinbrück war nicht mehr er selbst, er verlor seine Authentizität und sein Profil.

Darin sah der Wahlkampfexperte Michael Spreng das eigentliche Problem des scheinbar schon geschlagenen Kanzlerkandidaten der SPD. Er müsse wieder „der alte Steinbrück werden, der kantige, der unbequeme, der sagt, was ist“, so Spreng.

Genau das ist Peer Steinbrück jetzt mit einem einzigen Bild gelungen, für dessen Verständnis es nun wirklich keines feuilletonistischen Intellekts bedarf. Wohl aber eines Gespürs für Ironie. Der alte Steinbrück ist wieder da und das ist gut so. Nicht ausgeschlossen, dass manche Wähler dies besser verstehen, als jene humorlosen Journalisten, die ihn jetzt wieder als Pannen-Peer runterschreiben.

(© Alfred Steffen/Süddeutsche Zeitung Magazin)

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