Jörg Drieselmann
Jörg Drieselmann vor der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße / privat

Ex-Stasimuseum-Chef Jörg Drieselmann - Datenschutz in der Corona-Krise

Das Stasimuseum in der Berliner Normannenstraße hat sich der Erinnerung an die SED-Diktatur verpflichtet. Der Vorsitzende des Vereins, welcher die Ausstellung in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) organisiert, ist selbst Opfer des Überwachungsstaates geworden. Im Verordnungsregime der Corona-Krise werden seine Erinnerungen plötzlich wieder erschreckend lebendig. 

Philipp Fess

Autoreninfo

Philipp Fess hat Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften studiert und arbeitet als Journalist in Karlsruhe.

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Sein braunes Hemd mit den Streifen an den Ärmeln sieht ein wenig nach DDR-Trainingsanzug aus. Fast wirkt der 66-jährige Jörg Drieselmann darin so, als hätte er eben erst rübergemacht. Der hagere Brillenträger mit dem grau-weißen Bart gibt außerhalb von hochoffiziellen Anlässen nicht viel auf Form. Vielleicht, weil der Schritt zum Uniformen nicht weit ist. Und dem einheitlichen Denken hat der Mann, der jahrelang das Stasimuseum leitete, für immer den Rücken gekehrt. Drieselmann ist lieber ehrlich und direkt als diplomatisch und diskret. Schon in jungen Jahren ist ihm das zum Verhängnis geworden. 

1974 schreibt der damals 18-Jährige in seiner Heimatstadt Erfurt einige Zahlen auf ein Plakat. Zahlen, über die die meisten sich schon nicht getraut hätten zu sprechen: die Zahlen der Menschen, welche laut ZDF beim Übertreten der innerdeutschen Grenze getötet wurden. Das MfS verschleierte die Todesfälle gegenüber der Öffentlichkeit und „legendierte“ sie mit mehr oder minder fadenscheinigen Geschichten. Darauf wollte Drieselmann aufmerksam machen. Das Plakat nimmt er mit zu seinem Arbeitsplatz in einem „volkseigenen“ Betrieb. Dort findet es ein Spitzel, und Drieselmann wird wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet und anschließend zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Doch der junge Dissident sitzt nur zwei davon ab, das erste Jahr in der Untersuchungshaft in Erfurt, das zweite im Strafvollzug im Gefängnis Cottbus. 

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Tomas Poth | Di, 25. Januar 2022 - 15:50

Das hat wieder Aktualität in unserem Land.
Der oberste Schlapphut Haldenwang bezeichnet die Spaziergänger gegen die Corona-Maßnahmen als: Verachter des demokratischen Rechtsstaates und seiner Repräsentanten.
Hört hört, so spricht einer der unser Brot, das Brot des Souveräns ist!
Kaum anders werden die Teilnehmer an den Demos gegen Impfpflicht und Lockdown in den Mainstreammedien behandelt, von den Regierenden ganz zu schweigen.
Hier braut sich schon wieder ein neuer Totalitarismus zusammen.

Ingo frank | Di, 25. Januar 2022 - 15:55

in welcher Art & Weise die den Artikel kommentieren, die zu 100% hinter der Verfolgung derer stehen, die NICHT mit der derzeitigen staatlichen Corona Politik im Einklang stehen.
Mit freundlichen Grüßen aus der Erfurter Republik

...In diesem Fall wird entweder gar nicht kommentiert, oder aber es wird sich ein Kommentar eines Mit-Foristen herausgepickt, den man dann mit Spott, Häme, oder empörung zerpflückt.
Keinesfalls aber wird in so einem Fall auf den Artikel selber eingegangen.
...Achten Sie sich mal...

Ernst-Günther Konrad | Di, 25. Januar 2022 - 17:48

Mir als Wessi nach 1945 geboren fehlt jede persönliche Erfahrung von Diktatur und Unterdrückung. Da haben wir Wessis es nach dem Krieg als Kinder des Wirtschaftswunders , als Gnade der späten Geburt in Westdeutschland aufgewachsen, deutlich besser gehabt als die Kinder im Osten in der "DDR". Deshalb ist es nur zu verständlich, wenn es gerade die Diktaturerfahrenen, die Menschen die 1990 ermöglichten, jetzt wieder auf die Straße treibt, nachdem sie erhofft hatten, so etwas niemals mehr wieder zu erleben. Ich habe ostdeutsche Freunde und wenn die ins Erzählen kommen, staunte ich früher nur, heute erkenne ich fürchterliche Anzeichen, das auch bei uns der Totalitarismus wächst und wir als Gesamtdeutschland eine zweite "DDR" erleben werden, wenn sich die politischen Verhältnisse nicht eindeutig ändern. Und wieder erpresst ein Staat sein Bürger, zwingt sie zu widerlichen Kompromissen und behauptet dreist, es sei rechtsstaatlich. Das sagten die Verbrecher der DDR-Diktatur auch.

Und die Krux an diesen Problem - das fehlen der Erfahrung, wie sie selbst so schön schrieben.
Deswegen die zwei verschiedenen Lager in D.:

Die einen, die Kinder, Enkelkinder & Urenkel von Göppels, Schnitzler & anderen komm. Diktaturen, die Denkschablonen, Orwell & Gleichschritt verherrlichen wie gerade in China.
Dazu kommen aber auch die, die aus unterschiedlichsten Gründen in solchen Systemen mitmachen - egal warum (Meisterwerk zu DDR-Zeit, Werner Holt) oder Zuschauer ohne Widerspruch sind.

Und gerade im Westen wie aber auch bei vielen Jugendlichen, die keine Erfahrungen mit Diktaturen haben, werden geködert, weil es in einen jeden System Unzulänglichkeiten gibt. Man wird auf Linie getrimmt (auch hier wieder parallelen zu 1933), damit kein hinterfragen der Handlungen einer Macht, egal bei welches Muster, erfolgt.

Deshalb bitte, wenn auch die USA nicht ein Gentlemen ist & dazu schießwütig, China ist fmp. viel, viel (!!!) gefährlicher für die Freiheit des Geistes & des Glaubens.

Hans Schäfer | Mi, 26. Januar 2022 - 18:33

<<Was die Staatssicherheit dabei so gefährlich machte, war die völlig fehlende Kontrolle durch ein Parlament, unabhängige Gerichte und freie Medien>>
Streiche: die Staatssicherheit, setze: das Regierungshandeln.
Erschreckend die Parallelen. Die, deren Aufgabe es ist, Kontrolle auszuüben, sind abhängig von denen, die sie kontrollieren sollen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

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