Umgang mit Verschwörungstheoretikern - Die Welt als Speaker’s Corner

Die Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park ist legendär. Allerlei wirres Gerede kann einfach mal zum Besten gegeben werden. Danach ist wieder Business-as-usual. Warum wir uns von dieser Mentalität etwas für unsere aktuellen Debatten abschauen sollten.

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An der Speaker's Corner können sich auch Wirrköpfe äußern. Man muss sie ja nicht ernstnehmen / dpa

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Schon mal in London gewesen? Im Hyde Park vorbeigeschaut? Speaker’s Corner? Ein kurzweiliger Zeitvertreib. Seit Jahr und Tag stellen sich dort Leute auf eine Apfelsinenkiste oder sonst ein kleines Podest und schwingen große Reden unterschiedlich gewichtigen Gehalts.

Wobei die Inbrunst der Redner eines klarmacht: Selbst, wenn den Zuschauergrüppchen der Vortrag wirr oder verstiegen vorkommen mag: Die, die da das Wort führen, halten das, was sie da vortragen, für immens bedeutend, genial und zwingend. Genau darin liegt der besondere Reiz, das Liebenswerte dieses Ortes.

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Karl-Heinz Weiß | Mo, 23. November 2020 - 19:07

Inmitten der allgemeinen politischen Irrungen und Wirrungen ein sehr wohltuender Kommentar. Ich wage nur einen kleinen Einwand: Der Nachfahre eines deutschen Auswanderers hat in einem US-Hyde Park vor einigen Jahren klein angefangen......

Heidemarie Heim | Mo, 23. November 2020 - 21:28

Hoffentlich hat sich diese für mich auch etwas skurril anmutende Ecke seit meinem leider schon länger zurück liegenden Besuch der Stadt nicht wesentlich verändert! Diese Art Gelassenheit im Umgang mit abweichendem Verhalten und Aussehen (die schrägsten Styles (Frisuren, Mode, Doc Martens;) stammten immer von dort, war bei uns entweder nie ausgeprägt bzw. ist verloren gegangen im Meer der massiv medial geförderten Hysterien. Ein Gegenbeispiel auch die wie selbstverständlich gebildeten Wartereihen ohne Gerangel an Bussen, selbst in der engsten tube kein auf die Pelle rücken;(. Da kam ich mir mit meiner "deutsch forschen Art der Fortbewegung" wie der sprichwörtlich drängelnde Trampel vor;).Excuse me! Nun zurück zu der m.E. defizitären Aufmerksamkeit der Medien gegenüber
zigtausenden existentiell bedrohten Mitbürgern ohne Apfelsinenkiste und Fanklub! Die unbeachtet und leise untergehen im Kampf gegen Corona ganz ohne Schlagzeilen und Berichten! Was interessieren mich da Typen wie H&W? MfG

Hans Jürgen Wienroth | Mo, 23. November 2020 - 23:13

Wer entscheidet, was in unserem Lande relevant ist? Ich finde es sehr erstaunlich, dass sich so viele in Berlin und anderswo aufmachen, um gegen die Einschränkungen zu demonstrieren. Gilt in unserer Demokratie künftig nur noch das Wort der Mehrheit, wie es viele Politiker und Medienschaffende für richtig halten? Wie will man dann erkennen, wann die Mehrheit eine andere Meinung vertritt? Ist das dann überhaupt noch zulässig? Ihre Worte lassen Zweifel in mir aufkommen?

Werner Kistritz | Mo, 23. November 2020 - 23:34

Wer weiß schon, wie es richtig ist? Äußerungen wie die Leugnung des Holokaust bestrafen oder die Leute auf die Spielwiese schicken, wo sie sich gefahrlos austoben können?
Das Problem ist der Haß, den viele kultivieren. Ich möchte diesen Haß nicht in meinem näheren Umfeld haben. Habe mich deswegen auch schon von Bekannten getrennt. Haß vergiftet alles und spielt sich auch auf Spielwiesen nicht tot.
Dieser Wunsch zu hassen, anlasslos, ( "ich kenne persönlich keine Juden, aber ich hasse sie") ist für mich ein großes Rätsel. Vielleicht ist Menschlichkeit gar nicht so selbstverständlich, wie wie immer glauben. Vielleicht ist es nur Bequemlichkeit, Menschen "Spinner" zu nennen, anstatt sich aktiv der Destruktion, die in deren Argumenten schlummert, entgegenzustellen.

Christa Wallau | Di, 24. November 2020 - 00:58

das stimmt!
Ja, das wäre auch eine gute Sache für den Berliner
Tiergarten o. anderswo.
Ich habe in den 60er- und 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts bei London-Besuchen gern den Rednern im Hyde Park gelauscht, wobei mir jedes Mal ein kleiner, bebrillter Franziskanerpater aufgefallen ist, der mit großer Herzlichkeit - immer lächelnd - Nächstenliebe predigte. Auch fanatische Schreihälse gab es natürlich - mit unterschiedlichsten Themen.
Aber, lb. Herr Schwennicke, es sind inzwischen zu viele Leute bei uns, die sich ihre eigenen/ eigenartigen Gedanken machen u. damit an die Öffentlichkeit gehen, als daß man sie noch mit "Rede-Ecken" auffangen u. ruhigstellen könnte. Große Verunsicherung hat sich unter den Bürgern breit gemacht, für welche der Regierungsstil von Angela Merkel m E. die Verantwortung trägt. Sicher sind manche Theorien, bei denen Menschen Antworten/Orientierung suchen, unsinnig. Aber WARUM wird ihnen mehr geglaubt als der Regierung? Das ist doch die entscheidende Frage.

Wie kommen Sie darauf, dass den "Querdenkern" mehr Glauben geschenkt wird als der Regierung? Nur weil Sie Merkel verachten, heißt das doch nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung ein paar Spinnern nachläuft, die glauben, mehr von Viren und Seuchenschutz zu verstehen als Menschen, die sich z. T. seit Jahrzehnten mit nichts anderem befassen. Also ich würde mir nicht anmaßen, Herrn Hildmann das Kochen beizubringen oder Ihnen zu erklären, wie man Kindern Lesen, Schreiben und das 1x1 vermittelt. Aber wenn es um Virologie geht, ist plötzlich jeder Experte.
Ein Blick ins Ausland hilft, die Situation hier besser einzuordnen. Österreich ("Et tu, Kurz?") ist seit einer Woche dicht, also RICHTIG dicht! Keine Schulen, kein Einzelhandel - nichts geht mehr. In den USA sterben täglich um die 1.000 Menschen (Trump golft und twittert), und in Schweden hat man inzwischen eingesehen, dass der "Sonderweg" ein Irrweg war.
Das sind die Fakten.

als der Regierung?

Die Frage geht am Kern des Problems vorbei. Sie müsste richtiger lauten: WER d.h. wie viele in der Bevölkerung glauben wirren Theorien mehr als den Aussagen der Regierung.

Und das sind in letzter Konsequenz wohl relativ wenige.

Es gibt in der Tat Verunsicherung: Die betrifft aber mehr die Frage, ob die Verantwortlichen es schaffen, die Covid-Pandemie in den Griff zu bekommen.

Und sie betrifft sicher nicht generell die Politik der Kanzlerin, auch wenn das von Seiten der AfD immer wieder behauptet wird.

Die nächsten Wahlen werden zeigen, WIEVIELE im Volk WAS denken.

Christian van der Ploeg | Di, 24. November 2020 - 03:26

Vollste Zustimmung, Herr Schwennicke. Hier in Japan sieht man immer mal wieder die Rechtsextremisten bei ihren „Aufführungen“: alte Soldatenuniformen, Jap. Kriegsflagge, martialische Musik wenn sie an irgendwelchen Verkehrskreuzen herumschreien. Die Bevölkerung, Politik und Polizei ignoriert die komplett und abends sieht man sie frustriert ihre Sachen einpacken und nach Hause fahren. Bei uns 50 Nazis, die auflaufen, 5000 hehre Widerstandskämpfer der Antifa und dazwischen werden 500 arme Polizisten zerrieben. Lösungsansatz null aber immer wieder eskalieren um zu zeigen, dass man zu den guten gehört bzw. Spaß am Kampf und Zerstörung hat.

Ernst-Günther Konrad | Di, 24. November 2020 - 08:04

Ich gebe Ihnen insoweit recht, lieber Herr Schwennicke, dass durch die aoszialen Medien und die Gier vieler, nicht aller Medien, manche Menschen und ihre "Aussagen" eine völlig überzogene Aufmerksamkeit zu Teil wird, um Meinung zu machen und mit skandalträchtigen Untermalungen Verkaufszahlen zu generieren. Der ÖRR und die Regierungsmedien nutzen ihr "Monopol" meinungslenkend dazu, die Bevölkerung zu "informieren" und damit auch politisch Einfluss zu nehmen und sogar die Politik vor sich herzutreiben. Die Politiker wiederum nutzen inzwischen jeden Halbsatz, jede Geste anderer, sie für sich politisch umzudeuten und pampern die Presse im Gegenzug dafür, wenn sie ins Fernsehen dürfen oder sonst wie erwähnt werden.
Hildmann und Wendler wurden bei mir nur durch die Dauererwähnung in allen Medien bekannt. Vorher wusste ich nichts von denen und lebe noch. Was der eine sagte oder "singt" habe ich mir angehört und gut ist. Brauch ich nicht und aus die Maus. Es gibt wichtigeres im Leben.

Annette Seliger | Di, 24. November 2020 - 09:07

Hyde Park Mentalität als Ort sich einmal den Frust von der Seele zu reden? Nein, davon halte ich nichts. Im Grunde genommen ist der Hyde Park ein symbolischer Ort für das Demonstrationsrecht. Es ist diese Hybris der Regierenden zu meinen, dass durch Regierungshandeln ein Virus beseitigt wird - schon mal etwas von Immunsystem gehört frage ich da nur.
Es ist die gleiche Hybris zu meinen, dass man eine Erderwärmung auf 1,5 Grad, bezogen auf einen politischen Ausgangswert der Vorindustrie, begrenzen kann.
Es sind solche idiotischen Annahmen, die einfach auch so von den Medien schulterzuckend akzeptiert und dann auch noch weiterverbreitet werden. Gestern Abend das "Heute Journal", das verkündet die "Treibhausgase" hätten nicht abgenommen - trotz Corona. Ich frage mich dann immer was für Schwachmaten da zusammensitzen und wer diesen Menschen einmal erklärt dass die Erde kein Treibhaus und C0² kein Treibhausgas ist.
Also Herr Schwennicke nicht zu business as usual -machen Sie ihren Job.

Urban Will | Di, 24. November 2020 - 09:30

- ich nehme an, ich liege bei meiner Vermutung hier richtig – ist die vom Volk dorthin geschickte Opposition, ohne die eine Demokratie nicht auskommt.
Es mögen mittlerweile „Tabubrüche“ sein, wenn die Regierung der Dauerkanzlerin kritisiert wird und hierbei vielleicht auch mal etwas Dampf in die Bude kommt.
Traurige Entwicklung.
Aber ich habe nur bedingtes Verständnis, wenn eine der wichtigsten Organe der Demokratie, die parlamentarische Opposition, mit Selbstdarstellern in einem Londoner Park verglichen wird.
Und ein Journalist quasi dazu aufruft, sie süffisant zu ignorieren.

Auch die mehr als berechtigte Kritik an den Corona – Maßnahmen wird deshalb nicht weniger wert, weil einige da vielleicht über die Stränge schlagen.
Die Entwicklungen in D während der letzten Monate schreien nach Widerstand.

Wir haben das Streiten verlernt, Herr Schwennicke, Ihr Artikel ist ein weiterer Beweis dafür.

Eine Demokratie ohne Streit ist keine mehr.

"Eine Demokratie ohne Streit ist keine mehr."

Wenn die durch freie Wahlen legitimierte Opposition im Parlament permanent
ignoriert bzw. d i f f a m i e r t wird, dann bleibt den Bürgern ja gar nichts anderes mehr übrig, als auf die Straßen zu gehen, um sich dort - relativ wild durcheinander - Gehör zu verschaffen.

Nun auf diese Menschen zu schimpfen, ist teuflisch pervers und zeigt, wie weit es in Deutschland schon gekommen ist: Die sich Muster-Demokraten nennen, sind
längst keine mehr! Es herrscht totale Begriffsverwirrung.

Meckern ist der Stuhlgang der Seele !
Auch wenn die andere Meinung nicht meine Meinung ist , sie anzuhören und darüber zu diskutieren , das bedeutet gelebte Demokratie ! Auch wenn nicht alles richtig ist , was die Alternativen politischen Parteien sagen und von sich geben , es ist Demokratie in Deutschland , dass sie das dürfen . Wenn einige Demonstranten ausrasten , das würde ich nicht auf die Goldwaage legen . Nur wenn Gewalt angewendet wird , das geht gar nicht . Auch die Merkeltreuen Grün - Linken , haben oft für Kopfschütteln gesorgt , wenn sie mit ihren Aktionen den Bundestag in ein Narrenschiff verwandelten und lächerlich machten .
Wenn jetzt die Querdenker zu Narren erklärt werden , dann sollte die Regierung daran denken , dass auch die Grün - Linken einmal so auftraten . In England würden Querdenker und Alternative belächelt , wir sollten sie nicht verfolgen !

Norbert Heyer | Di, 24. November 2020 - 10:36

Ohne die eklatanten Fehlentscheidungen der Bundeskanzlerin und dem Marsch der Union nach links wäre die AfD garnicht erst entstanden. Eine gewachsene, traditionelle Demokratie wie GB mit einer durch die Alliierten „verordneten“ Demokratie zu vergleichen, ist nicht möglich. Uns Deutschen fehlt die Toleranz und Lässigkeit, skurrile Ansichten mit Nachsicht zu begegnen. Im Hyde-Park reden Weltverbesserer und Untergangspropheten, ohne aber die bestehende Demokratie „umbauen“ zu wollen. Bei uns redet die offizielle Politik von Transformation und erläutert mit keinem Wort, wie und was damit konkret gemeint ist. Dagegen wehren sich hier -viel zu wenige - Menschen und sie nehmen nur eine Partei wahr, die diese Politik ablehnt. Wir haben eine Opposition, die kaum Gestaltungsspielraum hat und viele Bürger sehen, wie schnell Grundrechte eingeschränkt werden können. GB hat den Brexit aber Sorgen um unsere
Demokratie sind als wesentlich einschneidender anzusehen. Der Vergleich mit GB hinkt daher.

Romuald Veselic | Mi, 25. November 2020 - 09:59

will, weil wir in Demokratie leben. Sowie als Kontra; ich pfeife drauf was du sagst, da wir in Demokratie leben."
Die Angelsachsen, besitzen einen anderen Verständnis für Demokratie. Soweit ich mich entsinnen kann, kein Land mit Mehrheit der Angelsachsen Bevölkerung, war je eine Diktatur. Ich persönlich, wünsche mir einen Speakcorner in Englischem Garten/München.