SPD-Spitze - Warten auf den Herbstinfarkt

Die SPD-Spitze soll nun in einem Monate langen Prozedere bis Anfang Dezember per Basis-Demokratie bestimmt werden. Ob aber die kränkelnde Partei das zähe Warten auf die Doppel-Chefarztbehandlung überlebt, ist fraglich.

Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer
Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer stellen das Verfahren vor / picture alliance

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Bastian Brauns leitet das Wirtschaftsressort „Kapital“ bei Cicero und Cicero Online. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er an der Henri-Nannen-Schule.

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Mit der SPD verhält sich es ein wenig wie mit einem Patienten beim Facharzt. Erst wartet er wochenlang auf einen Termin beim Radiologen. Dann sitzt er viele Stunden im Wartezimmer und kann einfach nicht begreifen, warum das alles so lange dauert. Er möchte doch nur durchleuchtet werden, damit endlich klar ist, was ihm fehlt. So sitzt die SPD mit verrutschtem Herzschrittmacher in einer Gemeinschaftspraxis von drei Ärzten mit nur einer Sprechstundenhilfe: Dr. Schäfer-Gümbel, Dr. Schwesig und Dr. Dreyer haben alle Hände voll zu tun, vor allem mit der überbordenden Bürokratie. Glücklicherweise aber hatte jemand einen Einfall: Eine neue Software soll es nun richten. Man hat es sich mit der Investition nicht leicht gemacht. Aber jetzt ist es entschieden. Ob das Basis-Update auf den viel zu alten Praxis-Rechnern aber wirklich laufen wird, ist ungewiss.

Ab 1. Juli soll es losgehen. Zweierteams, die Mann und Frau beinhalten müssen, oder auch Einzelbewerber können ihre Kandidatur für den SPD-Vorsitz einreichen. Voraussetzung: Man braucht die Unterstützung von fünf Unterbezirken, von einem Bezirk oder von einem Landesverband. Bewerbungen müssen bis 1. September eingegangen sein.

Das dürfte ein Wartezimmer-Sommer ohne Klimaanlage werden. Statt ihre wartenden Parteipatienten endlich zu behandeln, indem man etwa inhaltliche Medizin verschreibt, schicken Dr. Schäfer-Gümbel, Dr. Schwesig und Dr. Dreyer die SPD zu anderen Ärzten. Zu solchen, die aber erst demnächst eine Praxis eröffnen. Aber wohin gehen? Zu Dr. Kevin Kühnert in den Berliner Wedding? Zu Dr. Stefan Weil nach Hannover? Zu Dr. Simone Lange nach Kiel? Oder doch zu Dr. Gesine Schwan, die trotz Ruhestand wieder erwägt, eine eigene Praxis zu eröffnen?

Kongresse statt Konkretes

Haben sich die Teams aus Frau und Mann oder die Einzelkandidaten erfolgreich beworben, sollen sie sich nach dem 1. September dann in insgesamt 20 bis 30 Regionalkonferenzen der Parteibasis vorstellen. Vor der Behandlung also ein paar Fachärztekongresse mit Vorträgen, Referaten und weiteren Gesprächen. Das dauert nochmal fünf Wochen bis Mitte Oktober. Dann soll der Patient selbst, die insgesamt rund 440.000 SPD-Mitglieder, über sein mögliches Operations-Team oder einen Einzeloperateur abstimmen.

Aber nur wer mehr als 50 Prozent bekommt, darf auch in den OP-Saal. Bekommt keiner so viele Stimmen, wird erneut abgestimmt zwischen den beiden Bestplatzierten. Dann endlich am SPD Parteitag in Berlin sollen die Delegierten am 6. bis 8. Dezember dem Votum der Basis entsprechen. Ein letzter Oberärztekongress quasi, der dann endgültig bestimmt, wer als Chefarzt oder Chefarztteam den Patienten endlich unters Messer nimmt.

Institutionalisierte Selbstbeschäftigung

Es ist der SPD inzwischen so sehr zu gönnen, dass sie gesundet. Man ist sogar gewillt, dieser ewigen Prozedur eine Chance zu geben. Nur das Beste für den Patienten. Zu akzeptieren wäre sogar, dass der Patient unterdessen an homöopathische Zuckerkügelchen glaubt. Vielleicht hilft ja wenigstens Placebo.

Aber Skepsis ist angebracht. Ob es wirklich hilft, dieses Kreisen um sich selbst? Soll diese Form der Selbstbeschäftigung nun auch noch institutionalisiert werden? Eine Hoffnung zumindest besteht auf diesem Weg. Aufgrund der vielen Regionalkonferenzen und des langen Zeitraums, könnte das Interesse der Öffentlichkeit und der Medien derart ermüden, dass die SPD es vielleicht wirklich schafft, sich nur auf sich zu konzentrieren und nicht nur nach den Umfragen zu schielen.

Das ist nur eine Hoffnung. Ein banger Blick gen Osten aber lässt auch dieses Hoffen schwinden. Dort, gerade in der Fläche, herrscht Ärztemangel. Hier droht der SPD zumindest in Sachsen und Thüringen ab September der Herbstinfarkt. Dann könnte jede Hilfe zu spät gekommen sein – nicht trotz, sondern wegen des Basis-Updates 2019.

Aus der Perspektive des Ostlers möchte ich anmerken:
Die SPD-Führung schätzt offenbar ein, daß die drei anstehenden Landtags-wahlen im Osten verloren sind und die Bundesebene nicht mehr helfen kann. Die Basis in Sachsen, Brandenburg und Thüringen ist jetzt allein auf sich gestellt und muß versuchen, die absehbare Niederlagen einigermaßen in Grenzen zu halten.
Währenddessen durchlebt die Bundespartei eine monatelange 'Findungsphase'. Am Ende des Jahres kann die neugewählte SPD-Führung dann (mit einigem Recht) sagen: 'Wir fangen jetzt ganz neu an. Wir sind für die Niederlage in der Zone nicht verantwortlich! Wir waren nicht im Amt - wir sind es nicht gewesen!'
Man kann es auch kürzer formulieren:
Die SPD hat ihre Landesverbände in Brandenburg, Sachsen, Thüringen (und Sachsen-Anhalt) aufgegeben.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 26. Juni 2019 - 16:32

In reply to by Wilfried Düring

dann wäre es m.E. unverantwortlich von der Bundespartei.
Die SPD sollte auch das Begehren der östlichen Landesverbände auf zeitnahe Entscheidungen zumindest in Bezug auf die zukünftige Parteispitze stärker beherzigen, wenn es denn zeitlich möglich ist.
Die SPD muss zum politischen Mord an einem CDU-Politiker Stellung beziehen und das sollte schon mit Gewicht geschehen.
Ich würde daraus allerdings keine frühzeitige Auflösung der Koalition ableiten.
Die SPD hat sich wahrlich nichts vorzuwerfen.
Im Gegenteil sehe ich sie jetzt besonders gefordert für eine Stabilisierung der politischen Verhältnisse in Deutschland.
Terror, da kommt mir als Experte Otto Schily in den Sinn.
Meine Fragen an ihn.
Ist die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland in Gefahr und welchen Beitrag, welche Vorschläge kann die SPD zu einer Stabilisierung leisten bzw. beitragen?
Gerne hier im Cicero...

Tomas Poth | Di, 25. Juni 2019 - 11:43

Amüsante Diagnose Hr. Doktor.
Es ist das Warten darauf, dass dem Patienten und den Ärzten die Entscheidung von den Umständen abgenommen wird.
Der Patient ist austherapiert.

Robert Müller | Di, 25. Juni 2019 - 18:47

In reply to by Tomas Poth

Meiner Erfahrung nach steht das Verfahren eine Entscheidung zu treffen dann im Zentrum, wenn man völlig zerstritten ist. Ansonsten garantiert die Einigung auf ein Verfahren nicht ein gutes Ergebnis. Das aktuelle Beispiel ist die Wahl der CDU von AKK zur Nachfolgerin von Merkel. Wurde in den Medien gefeiert, aber offenbar voreilig.

Ich denke, das eigentliche Problem der SPD ist kein Personalproblem, sondern ein Sachproblem. Wer dann Chef wird, ist eigentlich egal.

Das Sachproblem scheint mir zu sein, dass die SPD keine "Arbeiterpartei" mehr ist, sondern eine Partei der "Studierten". Aktuell: Kevin Künert klagte sich ins Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ein, dann Fernstudum. Gesine Schwan ist Uni-Präsidentin. Im Grunde besteht das Personal der SPD aus der selben Schicht wie die Grünen, was ein Zusammengehen nahe legen würde. Und die ganz stramm Linken könnten zur Linkspartei wechseln.

Hans Jürgen Wienroth | Di, 25. Juni 2019 - 13:43

Reichen die 440.000 SPD Mitglieder aus, um die SPD nach oben zu bringen? Haben diese Mitglieder andere Vorstellungen von einer guten Politik, als ein großer Teil der Bevölkerung? Was haben bisher die Regionalkonferenzen von Frau Nahles an Politikveränderung gebracht, wenn es trotzdem immer weniger SPD Wähler gibt.
Was der SPD, genauso wie der CDU, fehlt ist das Ohr am Wahlvolk. Was hilft es, einer „Fridays For Future“ Jugend zu folgen, die noch nicht wählen darf und mehr Angst vor Klimawandel als vor Jobverlust hat? Das aber sind die Sorgen der prekär Beschäftigten, der Arbeitnehmer in Hilfsjobs usw. Welche Lösung bietet die SPD diesen sozial Benachteiligten an? Das große Füllhorn des Geldes, von dem jeder weiß, dass es begrenzt ist, gibt den Menschen keinerlei Bestätigung einer Leistung.

Gisela Fimiani | Di, 25. Juni 2019 - 15:05

Wenn man über Jahrzehnte vor allem gelernt hat, wie man als guter Parteisoldat Karriere macht, ist einem die Fähigkeit der „Kommunikation“ mit dem Souverän abhanden gekommen. Darüberhinaus könnte die Kommunikation zu höchst unangenehmen Folgen für zahlreiche Politiker führen. Selbstbeschäftigung ist das Mittel der Wahl, denn sie erspart die grausame Konfrontation mit der Realität. procrastination - Hamlet....-

Heidemarie Heim | Di, 25. Juni 2019 - 18:58

Aufgrund eines gewissen medizinischen Hintergrundwissens, jedoch einem Mangel an kardiologischer Fachkompetenz , ein für mich weiterer lesenswerter Beitrag zum Thema "Woran krankt die SPD?". Doch mit der Fremddiagnose ist das so eine Sache. Das kann insbesondere bei Wahlen von Fehldiagnose im Sinn von noch mal davongekommen bis zu niederschmetternd "austherapiert" wie es ein anderer Kommentar befand, führen. Persönlich neige ich deshalb auch wie dem Anschein nach die ehemalige Volkspartei SPD dazu, meine Arztbesuche auf das absolute Minimum zu begrenzen, um möglicher zielführender aber für mich unangenehmer Diagnose-Wahrheiten zu entgehen! Gerechterweise nimmt mir dieses Vorgehen dann aber auch die Möglichkeit bei Risiken und Nebenwirkungen meinen Arzt oder Apotheker zu erschlagen;-) Ob es die Batterie des HSM im Herzen einer GroKo?? noch bis Dezember macht? MfG

Christoph Kuhlmann | Di, 25. Juni 2019 - 22:26

ist der weitere Absturz programmiert. So viel gute Leute hat keine Partei, das sie sie permanent auswechseln kann. Leider mag die Partei offenbar andere Leute als die Wähler Das schlägt sich dann im Wahlergebnis nieder. Die SPD sollte endlich ihr grünes Herz entdecken und zumindest in Personalfragen Recyclingkonzepte ins Auge fassen.

Norbert Heyer | Mi, 26. Juni 2019 - 05:14

Wenn zwischen Erkrankung und Behandlung ein größerer Zeitraum verstreicht, kann der Patient auch (leider) sterben. Die SPD ist so von der Rolle und sie zeigt vor allen Augen, dass sie zu einem Kraftakt garnicht mehr fähig ist. In dieser Partei gibt es keinen einzigen Kandidaten/-in, der überzeugend und nachhaltig die Heilung einleiten kann. Bezeichnend ist, dass kaum Kandidaten sich freiwillig als Schleudersitz-Anwärter ins Gespräch bringen. Heute in der Zeitung gelesen, dass eine Kombination aus Frau Gesine und Herr Kevin doch ein gutes Gespann sein könnten. Sozusagen die Verschmelzung von Alt und Jung mit der gemeinsamen Gesinnung im strammen links-grün Bereich mit marxistischen Ausschlägen. Und nein - dieser Vorschlag stand nicht im Satirebereich oder unter „Vermischtes“, sondern ganz ernsthaft im politischen Teil. Aber auch egal, wer oder was es wird, dieser Posten hat einen derartigen Verschleißcharakter, dass eigentlich nur ein Masochist dafür in Frage kommt. Das Ende naht heran.

wilhelm kröger | Mi, 26. Juni 2019 - 11:56

braucht jetzt erstmal absolute Bett-Ruhe, am besten fixiert. Da er sich eh längst selbst nicht mehr (geistig-seelisch) engagiert, entscheiden wohl -wie immer sein Erinnerungsleben lang - seine Therapeuten. Warum sollte man da was ändern?

"Warum sollte man überhaupt irgendetwas ändern?" - jahrzehntelang funktionierte das Prinzip "BRD" ja doch - hervorragend(?)! Wieso sollte man plötzlich etwas - - ...eben!

Mein ernstgemeinter Tip: einfach CSPDU gründen - oder bei den aushäusigen Kindern (Ex-Grüne) unter-einziehen. Den Rest - braucht man nicht zu entsorgen, der zersetzt sich rückstandsfrei von alleine.

Aber ach: wird nicht klappen. 150 Jahre Parteigeschichte (und es WAR, vor WW1, eine GROẞE wichtige Partei!) lösen sich nicht einfach so auf. Dazu braucht es noch ein zwei Jahrzehnte - gehen wir mal optimistisch davon aus, dass das jetzige Konstrukt ("BRD") ohne Etikettenschwindel noch so lange hält. Was Fragezeichen ist. Dank (auch lange) sPD.

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