Jens Spahn
Jens Spahn, damals noch als Gesundheitsminister, nimmt an einer Pressekonferenz zum Thema Corona-Impfverordnung teil / picture alliance / Caro | Ruffer

Spahns Rücktritt und die Corona-Aufarbeitung - Der Weg ist frei für die Entschuldigung

Mit dem Rücktritt von Jens Spahn hat die Union die Chance bekommen, ihre Corona-Politik tabulos aufzuarbeiten. Will sie das Verhältnis zwischen sich und großen Teilen der entfremdeten Wählerschaft noch einmal in Ordnung bringen, sollte sie mit einer Entschuldigung beginnen.

Ralf Hanselle / Antje Berghäuser

Autoreninfo

Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero. Im Verlag zu Klampen erschien von ihm zuletzt das Buch „Homo digitalis. Obdachlose im Cyberspace“.

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Was für eine unglaubliche Chance! Am 18. Juli ist Jens Spahn als politischer Frontmann der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag zurückgetreten. Damit hat die Union erstmals seit der Abwahl Angela Merkels und ihrer schwarz-roten Koalition im Herbst 2021 die Möglichkeit, ihre zurückliegende Corona-Politik tabulos und ohne Rücksichtnahme auf Einzelschicksale aufzuarbeiten. Denn mit dem Rückzug des 46-jährigen Ex-Gesundheitsministers und dessen reumütiger Rückkehr ins Glied der Unionsfraktion muss der letzte prominente Politiker aus den ersten Tagen der Corona-Krise nicht mehr um sein hervorgehobenes Amt fürchten.

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Brigitte Miller | Fr., 24. Juli 2026 - 19:45

"Wir werden einander viel verzeihen müssen", sagte Jens Spahn, er hat gar ein Buch mit diesem Titel geschrieben.
Ich hoffte auf seiner homepage die Lösung zu dieser geheimnisvollen Aussage zu finden. wer wem? Wir ihm? Er uns, wenn ja weshalb?

Aus einer Rezesion bei amazon: "Scheinheiliger versuch, sich reinzuwaschen. Anders als der Titel es vermuten lässt, zeigt JS nirgends in 296 Seiten Text die geringste Reue für eigene Fehler und deren Auswirkungen. Im Gegenteil, er bedient sich des Stilmittels „ich gebe einen kleinen Fehler zu, relativiere diesen und überdecke / verstecke somit (vermeintlich geschickt) den / die großen Fehler, das echte Problem."
Dass die Union eine ernsthafte Aufarbeitung in Angriff nehmen wird, wage ich zu bezweifeln.
Too big to fail.

Angelika Sehnert | Fr., 24. Juli 2026 - 19:53

Nie und nimmer! Diese menschliche Größe gibt es im Berliner Politikbetrieb nicht mehr. Statt Gewissen gibt es dort nur noch Selbstgewissheit.
Die „Friends of Jens“ geben die Hoffnung bestimmt nicht auf ihr Schützling könnte nach angemessener Abkühlphase doch noch Kanzler werden.
Könnte hinhauen, die Personaldecke der Union ist erbärmlich dünn, wie sich heute gezeigt hat. Linnemann in einem Himmelfahrtskommando zu verheizen, zugleich die Brücken zur Wirtschaft abzureißen, ein Jüngelchen zum Staatsminister machen und am Ende keinen Ersatz für einen noch zu entlassenden Minister zu haben, das sieht schon mehr nach Verzweiflung denn nach Gestaltung aus, aber das nur nebenbei.

Um sich von den etablierten Parteien abzuwenden braucht es keine unaufgearbeitete Gesundheitskrise mehr. Es genügt ein täglicher Blick in die Zeitung.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr., 24. Juli 2026 - 20:40

Politikbetrieb.
Da konnte er nicht von außen auf die Protagonisten schauen.
Wir schon.
Mich würde eher interessieren, was Herr Spahn an Informationen zur Verfügung stand, was nicht und wer für diese oder eben nicht diese verantwortlich zeichnete.
Herr Macron sprach von einem "Krieg gegen das Virus", Frau Merkel von der "rößten Herausforderungen nach dem 2. Weltkrieg"?
Es ist nicht jedem Menschen gegeben, sich für über den Dingen schwebend zu halten.
Christa Wolf schrieb doch wohl in einem sehr viel gravierenderen Zusammenhang "Du sollst dich nicht entschuldigen, du sollst nur sagen, wie es kam".
Das würde mir völlig reichen.

Markus Michaelis | Fr., 24. Juli 2026 - 22:46

Ja, die Regierung und viele andere staatstragende Institutionen und Kreise haben während Covid über das Ziel hinausgeschossen, Dinge als alternativlos durchsetzen wollen, die nicht so klar waren. Entschuldigungen sind aber nicht das Wichtigste, weil sie wieder zu sehr in die Richtung gehen, dass irgendwas klar falsch war, andere Dinge dann klar richtig gewesen wären. Die Regierung hatte damals aber auch für Millionen Menschen gehandelt, die die Maßnahmen so (und auch noch härter) wollten, und vollkommen klar war nichts.

Besser wäre es, alle Seiten, aber insbesondere auch die Regierung, würden sich offener dazu bekennen, dass die Dinge bei Covid nicht so klar waren, dass sie auch heute nicht so klar sind, nicht bei der EU, nicht zur Wirtschaft, nicht zum Sozialstaat, nicht zur Migration, nicht zum Klima. Alle sollten mehr Nachdenklichkeit und Prioritätensetzungen in einem Meer von nicht so klaren Dingen zulassen.

Hier waren die Dinge scheinbar klarer denn man hat ganz anders gehandelt - zum Glück kann ich nur sagen!
Man hätte auch in Deutschland anders handeln können wenn man es ernsthaft gewollt hätte.
Nur das Beipiel wie man bei Kindern, Familien und Schulen in Deutschland agiert hat ist ein ausreichender Grund sich dafür zu entschuldigen.

Angelika Sehnert | Sa., 25. Juli 2026 - 14:21

Antwort auf von Ann-Kathrin Grönhall

Ich fürchte, von „Wollen“ kann keine Rede sein. Es war die Dauerpanikmache von Politik und Medien, die ein Klima der Angst schufen, in dem dann durchgesetzt wurde, was immer man wollte.

Gisela Hachenberg | Fr., 24. Juli 2026 - 22:47

Ich hätte dem stellvertretenden Chefredakteur des Cicero etwas mehr Sachverstand zugetraut, wenn er erklären will, warum Wähler „obskure Kräfte“ (gemeint ist ja wohl die böse AfD) wählen wollen. Diesen
Umstand nur mit den Folgen von Corona zu begründen, ist mit das Verrückteste, was ich
in letzter Zeit gelesen habe. „Obskur“ sind für mich die Wertungen der Institute, die Sie anführen. Es scheint ja wohl Hunderte von diesen für mich wertlosen „Instituten“ zu geben, die ja alle irgendwie Geld erwirtschaften müssen. Eine Entschuldigung von dem entrückten Spahn oder der CDU? Wo leben Sie, Herr Hanselle? Never, ever wird das passieren. Im Übrigen halte ich es wie Frau Sehnert in ihrem Kommentar. Die Umfragewerte für „obskure Kräfte“ haben wenig, eher nichts mit Corona, sondern mit der grottenschlechten Performance der momentanen Regierung zu tun. In Ihrer elitären Umgebung, Herr Hanselle, gibt es wahrscheinlich keine Wähler der „obskuren Kräfte“, die Sie fragen könnten, oder?

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa., 25. Juli 2026 - 06:45

Antwort auf von Gisela Hachenberg

Wähler nur ein Beispiel von vielen, Frau Hachenburg?
Was glauben Sie, was ich von Frau Merkels Qualifikation in jeder Hinsicht gehalten habe, als sie ihre Politik zur evtl. "alternativlosen" erklärte oder, so würde ich es eher sehen, eine Politik als evtl. "alternativlos" bezeichnete, damit sie sie zu ihrer Politik erklären konnte, denn eine andere hätte sie dann ja nicht machen können?
Ich kannte nach meinem Dafürhalten gute und schlechte Politik, nicht aber, dass Politiker* einen "Freifahrtschein" für ihr Handeln benötigt hätten.
Solche Leute hätte ich niemals gewählt, denke ich mal.
Der unselige "Führer" machte Politik, von der er "beseelt" war?
Frau Merkel "führte" nach meinem Eindruck überhaupt nicht.
Das ging eher in Richtung "Follow the science and the moral imperative"?
Sie entschied aber darüber?
Nach welchen Kriterien?
Ich frage die Wissenschaft:
Unter der Voraussetzung des Corona-Virus als einem Ergebnis einer Gain-of-Function-Forschung, welche Massnahmen waren angezeigt?

entscheiden können, gilt für sie die diplomatische Immunität.
Die kann in schweren Fällen aufgehoben werden, man muss also in der Lage sein, die eigene Politik zu rechtfertigen.
Nun scheinen Sie mir sagen zu wollen, verehrte Frau Hachenburg, dass dies Probleme von vielleicht Gestern waren, jetzt wäre einfach alles schlecht außer der AfD-Politik?
Ich persönlich kann da aber keine wirklich sinnvolle und "vertretbare" Politik erkennen, außer, sehr überspitzt, "Nein, die Suppe ess ich nicht".
Dagegen sind wahrscheinlich selbst Götter machtlos.
Es ist m.M.n. auch kein Anlass, so eine Partei zu verbieten.
Ich bin in einem fast "Paradies" aufgewachsen, der alten Bundesrepublik Deutschland.
Der andere Teil Deutschlands fühlte sich für sehr viele Menschen wie ein Gefängnis an?
Die CDU/CSU versucht dem Rechnung zu tragen, indem sie die Differenz zu ganz links UND zu ganz rechts aufzeigt.
Wir sind darin auf einem vertretbaren Weg und ich stehe als SPD´lerin heute zur CDU/CSU.
Zusammenstehen

Ist das Coronavirus das Ergebnis einer Gain-of-Function-Forschung und was sollte uns das dann sagen?
Einstweilen vermute ich dann in der Performance unserer damaligen Bundesregierung eine des "Zauberlehrlings" von Goethe.
Ich will nicht von Schuld reden, dann eher von Unfähigkeit, aber hinzufügen, wir sind auch nur Menschen und selbst Götter machen Fehler, wenn man mich fragt.

Ich bin sehr diverse Schreibweisen meines Namens gewohnt und zwar völlig anlasslos.
Bei Ihnen ist das für mich nicht so.
Ich hatte bei Ihrem Namen von Beginn an die Assoziation zu "Hachenburg", Brigitte.
Ich habe dort zeitweilig bestellt.
Ich bitte nochmals um Entschuldigung

Ich nehme Ihre Entschuldigung gerne an. Kann mal passieren. Aber da mein „berg“ öfter mit „burg“ verwechselt wird, möchte ich es mal richtigstellen. Schönes Wochenende für Sie!

Dorothee Sehrt-Irrek | So., 26. Juli 2026 - 09:21

Antwort auf von Gisela Hachenberg

Ich glaube gerne, dass Ihnen das öfter passiert und vielleicht gab ich Ihnen einen Hinweis auf die Gründe.
Ein weiterer könnte sein, dass "-berg" und "-burg" in der Vorstellung nicht so weit auseinanderliegen.
Ein dritter Grund könnte wirklich eine Form der "Unachtsamkeit" sein, bei mir sicher, was Sie aber bitte nicht mit mangelndem Respekt gleichsetzen mögen.

Urban Will | Fr., 24. Juli 2026 - 23:05

ticken. Das glauben Sie doch nicht im Ernst, dass sich da jemand „freiwillig“ entschuldigen wird. Und noch weniger, dass so eine Entschuldigung groß etwas am Ergebnis ändern würde. Die AfD liegt im Osten, so meine feste Überzeugung, in Hauptsache nicht deshalb vorne, weil die Altparteien sämtlich alle bei Corona versagt haben. Der Osten spürt längst, dass wir in eine DDR 2.0 hinein rutschen (und ich finde es kläglich, dass in einem „politischen Magazin“ der Dreck, mit dem AfD-Kandidaten in Niedersachsen von der Wahl ausgeschlossen werden, nicht aufgearbeitet wird) und dass es – bis auf die FDP und vielleicht noch das BWS – alle Altparteien sind, die dies eiskalt durchziehen. Nur zu einem Zweck: die einzig wirkliche Opposition durch die Hintertür raus zu halten, weil man sie halt nicht verbieten kann.
Das und natürlich die grottenschlechte, gegen Volk und Land gerichtete Politik, ist alles so widerlich, dass es außer der AfD keine Partei mehr gibt, die freie Bürger noch wählen können.

Es gibt Dinge,die sind mit einem Mea Culpa nicht wieder gut zu machen.Zum Beispiel den Angehörigen die Sterbebegleitung und den Abschied zu verweigern sind Narben,die man den Rest seines Lebens mit sich trägt!Zu einer "Aufarbeitung",damit sich so etwas nie wiederholen kann gehörte für mich primär eine glasklare Bewertung!,nicht Urteil dieser bis dahin einmaligen Ein-Uebergriffe in unsere Grundrechte durch unsere obersten Verfassungshüter.Die wie Sie ganz zu recht feststellen .auch scheinbar bis heute nicht präventiv eingreifen können? o. möchten? wenn sich das Gleiche zur Ausschaltung politischer Gegner und deren Grundrechte ereignet.Eine m.E. nach mit einer Vorgehensweise,die weder zu einer angeblich gefestigten Demokratie zu Gesicht steht,noch die Zustimmung eines jeden echten Demokraten,der die Freiheiten eines solchen Systems aufrecht erhalten möchte.Meinungsfreiheit,Pressefreiheit,Wahlfreiheit und was noch so alles auf dem Spiel steht! LG

IH | Sa., 25. Juli 2026 - 11:01

Eine Bitte um Verzeihung kann nur ein allererster Schritt sein. Und selbst dieser Schritt wäre unglaubwürdig. Noch heute ahndet der Staat Verstöße gegen Coronamassnahmen unerbittlich und kaltschnäuzig und verweigert jede Aufarbeitung: Hunderte Ärzte wurden und werden vom Staat angegriffen wegen Maskenattesten; Soldaten wurden und werden disziplinarisch gemaßregelt und aus dem Dienst entlassen wegen Impfverweigerung; eine an Lächerlichkeit kaum zu überbietende unwürdige Enqete Kommission zur Aufarbeitung der Coronazeit.
Spahn sagte“wir werden einander viel zu verzeihen haben“. Nein! Ich habe nichts getan, weswegen ich ihn um Verzeihung bitten müsste. Er hat tausend Gründe, viele Millionen Menschen um Verzeihung zu bitten.

Jan S. | Sa., 25. Juli 2026 - 12:48

Es wird keine Entschuldigung geben, schon allein weil in den Ländern noch viele damals Verantwortliche in Amt und Würden sind und weil das öffentliche Eingeständnis von Fehlern im deutschen Politikbetrieb nicht goutiert wird. Hinter jeder Ecke lauern diejenigen, die sich entweder Rache und Vergeltung versprechen, oder die politisches Kapital aus vermeintlichen Schwächen schlagen wollen, die andere zugeben. Wer soll diese Bitte um Entschuldigung aussprechen, etwa der Kanzler? Der würde als Chef der CDU umgehend zum Sündenbock gemacht, weil er der CDU vorsteht. Viele hochrangige Amtsträger von damals sitzen auch noch im Bundestag, so Helge Braun, so Armin Laschet, so Jens Spahn. Ein Markus Söder, der sich damals als einer der rigorosesten Maßnahmen- Befürworter hervorgetan hat, würde sofort unter Zugzwang geraten usw. Wir haben leider absolut keine Fehlerkultur in Deutschlands politischer Klasse, und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.

Sabine Lehmann | Sa., 25. Juli 2026 - 19:20

"Wovon träumst Du?" Eine seitens meiner Mutter häufig benutzte rhetorische Frage, wenn ich ihr wieder mit Wünschen um die Ecke kam, die sie für unrealistisch hielt;-)
Aber im Ernst, niemand wird doch allen Ernstes auch nur ansatzweise in Betracht ziehen, dass jemals Irgendjemand für Irgendetwas aus dem Dunstkreis deutscher Politik um Entschuldigung bitten wird, oder? Haben wir denn seit dem Pesthauch aus der Uckermark so gar nichts gelernt? Denn "aufgemerkelt":
Am Teflon beschichteten Hosenanzug(alternativ gehen auch Zebra-Kostüme, Bomberjacken, Problemponys u. rote Sneaker) perlt doch alles ab was nach Verantwortung, Integrität oder Aufrichtigkeit riecht. Das ist eine historische Tatsache, an der auch die Causa Spahn nichts ändern wird. Wobei Letzterer auch im Abgang nicht gerade einsichtig oder gar schuldbewusst daher kam.
Bescheidenheit ist einer Zier, aber besser geht es ohne ihr. Eine bestechende Erkenntnis, die Deutschland vermutlich genau dahin gebracht hat, wo es heute steht.