Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas / picture alliance / SZ Photo | Jürgen Heinrich

Sozialstaatsreform - Der große Reformwurf à la Agenda 2010 bleibt aus

Die Zusammenlegung von Sozialleistungen, die Digitalisierung der Verwaltung und bessere Anreize zur Arbeitsaufnahme – die Vorschläge der von Arbeitsministerin Bärbel Bas berufenen Sozialstaatskommission gehen in die richtige Richtung. Einen grundlegenden Umbau bedeuten sie nicht.

Hugo Müller-Vogg

Autoreninfo

Dr. Hugo Müller-Vogg arbeitet als Publizist in Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu politischen und wirtschaftlichen Fragen, darunter einen Interviewband mit Angela Merkel. Der gebürtige Mannheimer war von 1988 bis 2001 Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Als die Ampel-Regierung das Bürgergeld einführte, schwärmte der damalige Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) von der „größten Sozialstaatsreform seit 20 Jahren“. Nun ja, Heils „Grundeinkommen light“ wird inzwischen in Teilen rückabgewickelt. Dafür packt Heils Nachfolgerin Bärbel Bas (SPD) eine tiefergehende Reform an: eine Durchforstung des nicht mehr zu durchschauenden Dschungels an steuerfinanzierten Sozialleistungen.

Was die von Bas berufene Sozialstaatskommission auf 49 Seiten zusammengetragen und vorgeschlagen hat, ist allerdings kein Masterplan für ein leicht verständliches und möglichst unbürokratisches Sozialsystem. Vergleiche mit der „Agenda 2010“ von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sind deshalb nicht angebracht. Die Kommission, in der verschiedene Ministerien, Länder und kommunalen Spitzenverbände zusammenarbeiteten, schlägt keinerlei Kürzungen bei Transferleistungen vor. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die SPD-Fraktion das Vorhaben im Bundestag mitträgt.

Vorschläge beschränken sich auf eigentlich Selbsverständliches

Die Vorschläge der Kommission laufen mehr oder weniger nur darauf hinaus, was in einem modernen Staat eigentlich selbstverständlich sein sollte: Dass Bürger ihren Anspruch auf Sozialleistungen nicht bei unterschiedlichen Behörden beantragen und jedes Mal dieselben Fragen beantworten müssen. Auch sollte im Jahr 2026 die Digitalisierung in Behörden eine Selbstverständlichkeit sein.

Die wichtigste und drängendste geplante Änderung: Im neuen System soll es für jeden Antragsteller nur noch eine zuständige Behörde geben: Für arbeitsfähige Bürger ist dann das Job-Center zuständig, für Rentner, Kranke oder Menschen mit Behinderungen das Sozialamt. Diese beiden Behörden zahlen dann Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag aus. Zurzeit müssen die Anträge beim Jobcenter, in den Sozialämtern oder bei den Wohngeldstellen gestellt werden.

Ebenfalls ein großer Fortschritt wäre die Umsetzung des Vorschlags, die Angaben der Antragsteller digitalisiert allen Ämtern zur Verfügung zu stellen. Es ist allerdings zu befürchten, dass die Datenschützer hier Bedenken anmelden. Eine weitere Erleichterung: Für die Auszahlung des Kindergeldes soll in Zukunft kein Antrag mehr notwendig sein. Das soll der Staat automatisch nach der Geburt eines Kindes überweisen.

Bisher mehr als 500 verschiedene Sozialleistungen

Das Ifo-Institut hat kürzlich in einer Studie festgestellt, dass es mehr als 500 verschiedene Sozialleistungen gibt. Dabei sorgen unter anderem unterschiedliche Einkommensdefinitionen für Verwirrung. Für Bürger soll es deshalb in Zukunft eine Erstanlaufstelle für möglichst alle Sozialleistungen geben. Dort sollen sie Auskünfte erhalten, Anträge abgeben können und beim Beantragen von Leistungen Hilfe bekommen. Das käme nicht zuletzt vielen Antragstellern, nicht zuletzt älteren, zugute, die überfordert sind, ihre Anträge online zu stellen. Deshalb sollen die Kommunen entsprechende Hilfsangebote machen, was wiederum eine Ausweitung der Bürokratie bedeutet.

Eine wesentliche Schwäche des derzeitigen Sozialsystems besteht darin, dass es sich für Bezieher von Bürgergeld kaum lohnt, wenigstens eine Teilzeit-Arbeit aufzunehmen, weil von dem zusätzlichen Verdienst der größte Teil auf das Bürgergeld angerechnet wird. Zurzeit können Bürgergeldbezieher 100 Euro hinzuverdienen, ohne dass die staatliche Leistung gekürzt wird. Bei Einkommen zwischen 100 und 520 Euro bleiben 20 Prozent anrechnungsfrei, zwischen 520 und 1.000 Euro sind es 30 Prozent. Bei höheren Hinzuverdiensten bleiben dem Bürgergeldempfänger nur 10 Prozent. Somit lohnt sich Minijob relativ mehr als einer Stelle mit 1500 Euro.

Die Kommission schlägt vor, diese Regelungen so zu verändern, dass Bürgergeldbezieher bei höheren Hinzuverdiensten mehr Geld behalten dürfen als bei geringfügig entlohnter Tätigkeit. So sollen nur noch 50 Euro im Monat anrechnungsfrei bleiben, bei höheren Einkünften aber bis zu 30 Prozent.

„Entzugsraten“ sollen angepasst werden

Ein weiterer Nachteil des derzeitigen Systems: Beziehern von kleinen und mittleren Einkommen bleibt bei einem Mehrverdienst netto kaum etwas übrig, weil Sozialtransfers dann wegfallen. So hat das Ifo-Institut folgende Rechnung aufgemacht: Erhöht eine in München lebende Familie mit zwei Kindern ihre Bruttoeinkommen von 3000 auf 5000 Euro, bleiben netto nur 32 Euro mehr, weil Wohngeld und Kinderzuschlag gestrichen werden. Hier schlägt die Kommission vor, die „Entzugsraten“ so anzupassen, dass sich ein höheres Erwerbseinkommen klarer im Gesamteinkommen widerspiegelt.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat mehrfach betont, den Sozialstaat in seiner heutigen Form könnte sich Deutschland nicht mehr leisten: „Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar.“ Bas hatte darauf mit „Bullshit“ reagiert. Jetzt betonte sie, ihr sei der Schutz sozialstaatlicher Rechte wichtig: "Keine Leistungskürzung, das Schutzniveau bleibt erhalten". Das klingt anders als Gerhard Schröder im März 2003 bei der „Agenda 2010“: "Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fordern und mehr Eigenleistung von jedem einzelnen abfordern müssen." Daran kann – und will – Bas sich gar nicht messen lassen. 

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IngoFrank | Di., 27. Januar 2026 - 17:46

Vielen eingesparten Verwaltungskräften ?
Erden die auch freigesetzt wie in jedem privatwirtschaftlichen Unternehmen ? Was ist Ihr Plan Frau Arbeits & Sozialministerin ? Fürs Nichtstun Geld bekommen ?
Wenn aus 4 dann 2 Bereiche entstehen sind 2 eingespart wenn ich richtig gerechnet habe ?
MfG a d Erfurter Republik

Ich hätte da so eine Idee nachdem Herr Dr. Müller-Vogg in seinem 2. Beitrag für heute die außen vor gelassenen des ersten wie von mir beanstandet nun erwähnt. Danke Herr Müller-Vogg! Wo war ich? Ah ja, bei den Anreizen eine Arbeit aufzunehmen und dem zu niedrigen anrechnungsfreien Nebenverdienst von nur 100€. Auf den ersten Blick und aus der Erfahrung, denn ein Bekannter von mir arbeitete tatsächlich lieber mehr und ließ sich jeden müden Euro über 100 abziehen, weiß ich, wie es die meisten seiner Kollegen unter gleichen Verhältnissen anstellten und ihm kameradschaftlich den ein oder anderen Tipp dazu gaben;). Sie arbeiteten noch nebenher als "freie Mitarbeiter;)" auf einem Geschäftsfeld, welches sich der Kontrolle aus Personalmangel seitens der dafür zuständigen Behörde allzu oft entzieht. Diesen Umstand könnte man beheben mit einer "Versetzung" der freigesetzten Mitarbeiter zur FKS. Also "No problem!" wie Alf vom Planeten Melmac zu sagen pflegte. LG in die ER

Sabine Lehmann | Di., 27. Januar 2026 - 18:22

Was für ein schönes Wort. Gut, es läge nahe mich jetzt über die Arbeitsfähigkeit der amtierenden Regierung auszulassen, auch die von Genossin Bärbel, aber ich lass' es. Ich habe heute schon genug ausgeteilt. Was an diesem Begriff aber tatsächlich bemerkenswert ist, wenn es darum geht Sozialleistungen, Bürgergeld u. Arbeitslosenhilfe zu ergattern, ist eine EU-Vorschrift, die übrigens auch in Deutschland gilt, wonach als "arbeitsfähig" gilt, wer mindestens 5,5 Stunden in der Woche(!) arbeitet.
Wow, das muss man erst mal sacken lassen. Das dachten sich auch Millionen Reisende aus Osteuropa, dem nahen und fernen Orient, im Grunde eigentlich Alle, die das Arbeiten nicht gerade erfunden haben u. kamen nach Germany und tun es noch.
Jetzt standen einige Städte im Ruhrgebiet kurz vor dem "Kreislaufkollaps" u. haben die Ausländerämter endlich mal angewiesen dem sofort ein Ende zu setzen. Für Leute, die nur zum Abkassieren einreisen, gibt's kein Bürgergeld mehr. Geld gibt's trotzdem, logo, oder?

Tina | Di., 27. Januar 2026 - 22:06

Wenn es immer sichtbarer wird, dass die Arbeitnehmer sich nichts mehr leisten können und es immer sichbarer wird, dass die Bürgergeldempfänger, hauptsächlich Ukrainer, Syrer , Afghane Eritreer Haus, Miete, Heizkosten, Kindergeld,Krankenkasse ohne einen Finger krumm zu machen, wird es zum Bürgerkrieg kommen.
Dicke Autos und deutsche Mamas müssen ihre Kinder mit 6 Monate in der Kita abgeben. Diese Altparteien müssen, bevor es in Deutschland zum Aufstand kommt, abgelöst werden.

Sabine Lehmann | Di., 27. Januar 2026 - 22:27

Diese Reform ist nicht mal ein Reförmchen, sie ist ein Witz. Nur leider keiner, über den man lachen kann. Es sei denn, man hat die Schwelle zur geschlossenen Abteilung der nächstgelegenen Irrenanstalt bereits überschritten, weil man den täglichen Irrsinn in dieser Freiluft-Irrenanstalt nicht mehr ausgehalten hat u. daher nur noch über wahnhaftes Lachen verfügt.
Das von Merz so hochgelobte 50 Seiten lange Dossier, von Bärbel neben ihrer Diplomarbeit in „Malen nach Zahlen“ ganz nebenher kreiert, ist lediglich eine Umorganisation behördlicher Zuständigkeiten u. für unsere Millionen Bereichernden der einfachste Weg in Zukunft an die sauer verdiente Staatskohle zu kommen, ganz ohne Arbeit selbstverständlich u. ohne morgendliches lästiges Aufstehen auch, denn am Handy flugs ein paar Mal in die Tasten gehauen u. schon ist der Antrag auf irgendeine „Stütze“ online abgeschickt. Digitalisierung kann so schön sein, man muss es nur wollen. Ja, die Bärbel, sie ist halt auch eine echte Bereicherung!

Birgit | Mi., 28. Januar 2026 - 00:56

Dieser Tanker kann seine Richtung nicht ändern. Wer die Verwaltung und ihre strukturen kennt, weiß, dass das mit dieser Truppe von Entscheidern nicht gelingen wird..viel heißer Brei und Lärm um nichts. Ich erwarte mir eher eine Verkomplizierung durch sinnloses neu schneiden von Zuständigkeiten und Ausnahmen. Vor allem dürfen ja auch keine Leitungspositionen.verloren gehen, denn man muss ja mit den Leuten irgendwo hin, ohne nennenswerte örtliche und versetzungsrelevante Einschnitte. Also viel Kosmetik wird es geben ohne Gravierendes.

Tina | Mi., 28. Januar 2026 - 01:36

Wer hat denn die Vollzeitstellen abgeschafft?
Liege ich falsch wenn ich behaupte es war Schröder SPD und die Grünen?
Halbtagsstellen,
Minijobs, Leiharbeit. Viele Firmen arbeiten doch nur noch mit 500 Euro Jober.
Discounter Aldi, Lidl, Penny wer stellt den Vollzeitbeschäftigte ein? In den Krankenhäusern , wer arbeitet noch Vollzeit? Im Alter sind doch alle gleich denn wer sich etwas aufgebaut wird es für die Pflege wieder abgeben müssen. Wer ein Haus mit großem Grundstück hat liegt schnell über der Grenze es seinen Kinder zu vererben ohne dass der Staat die Hände aufhält. Solange wir jährlichen 50 Milliarden für den Zuzug ausgeben, einen Bundestag mit 700 Politiker uns leisten, ein EU Parlament das jährlich 2250 Milliarden Euro verschlingt, wir schon nicht mehr wissen wer Ukrainer Kriegsflüchtlinge oder doch Sinti- Roma sind, Kindergeld für Leihkinder bezahlen, Zweitfrauen einfliegen lassen, lassen wir die Menschen entscheiden für den Staat zu arbeiten oder auf mehr Freizeit zu setzen

Tina | Mi., 28. Januar 2026 - 01:42

Habe leider meinen Kommentar in der falschen Rubrik abgeschickt. Betrifft Ausbeutung der Fleißigen.
Vielleicht kann Cicero es richtig einordnen?

Maria Arenz | Mi., 28. Januar 2026 - 07:49

mit dieser Aufgabe zu betrauen heißt wahrlich, die Ziege zur Gärtnerin zu machen. (hier gendere ich ausnahmsweise mal gern). Abgesehen von ihrer ideologischen Verblendung ist sie auch angesichts der Komplexität der Aufgabe hoffnungslos überfordert. Daß Merz scheitern muß, war schon klar, als er sich neben dem Politologen Kingbeil als Finanzminister auch noch eine Frau mit diesem Werdegang ausgerechnet als Arbeitsministerin auf's Auge drücken ließ.

Ernst-Günther Konrad | Mi., 28. Januar 2026 - 10:22

Was sich eigentlich gut und vernünftig anhört ist auch diesmal wieder nur reines Täuschungsmanöver. Durch den vermeintlich Abbau von Bürokratie will man es den Betrügern einfach nur leichter machen und dort, wo es mögliche kleinere Hindernisse gab, will man auch die für den Bürgergeldempfänger und sonstige Bezieher sozialer Leistungen beseitigen. Bas und Klingbeil, diese SPD will nicht wirklich eine tiefgreifende Reform it Einsparungen, die wollen dem Kind einfach nur einen neuen Name geben und das *politische Geschlecht* ändern. Und das schlimme wird sein, diese UNION wird auch diesen Unsinn mitmachen. Wenn Bas was ankündigt ist es was? Genau. Bullshit.

Sie sagen es, lieber Herr Konrad. Es geht nur um das richtige "wording". Gib dem Kind einen neuen Namen, schon sind die Probleme gelöst!? Sind denn die Wähler wirklich so dumm, das nicht zu durchschauen? Oder geht es den Akteuren in Wirklichkeit nur darum, den Bezug von gegenleistungsfreien Sozialbezügen für die entsprechende Klientel noch leichter zu machen, um neue bzw. alte Wähler zu rekrutieren? An dringend nötigen Einsparungen fehlt es komplett. Wir überweisen z.B. jährlich 560 Millionen € Kindergeld ins Ausland. Und für die kolumbianischen Kühlschränke wurden 500 neue Stellen Entwicklungshelfer "erfunden".
Im übrigen wird diese ganz neue Logistik in den Behörden ein "Erdbeben" auslösen, fürchte ich, denn wer den aktuellen Behörden-Dschungel kennt, kann leicht erahnen, was die Abgabe u. neue Zuordnung von Zuständigkeiten für ein Chaos anrichten wird. Die Digitalisierung auf Steinzeitniveau wird ihr übriges dazu tun. Viel Spaß. Die Kollegen der Sozialämter tun mir jetzt schon leid

Angelika Sehnert | Mi., 28. Januar 2026 - 14:26

Das Traurige ist doch, dass niemand mehr wagt, die Sinnhaftigkeit von Sozialleistungen überhaupt zu hinterfragen. Wohngeld ist ja nur nötig, weil Mieten unbezahlbar sind. Warum sind Mieten unbezahlbar? Weil es zu wenige Wohnungen gibt. Warum gibt es zu wenige Wohnungen? Weil die Politik Bauen aus ideologischen Gründen extrem verteuert, unrentabel gemacht hat und wegen der Zuwanderung. So könnte man jede Sozialleistungen durchdeklinieren. Man landet immer bei dem Befund, dass die Politik damit Missstände abfedern will, die sie selbst geschaffen hat. Der einfachste Ansatz wäre, den Bürgern mehr Netto vom Brutto zu lassen, also ein leistungsgerechtes Steuer- und Abgabensystem, mit einer negativen EK-Steuer für Geringverdiener in der alle vielleicht noch notwendigen Leistungen gebündelt wären. Aber die Absicht der SPD ist ja eine andere: Man will über Sozialleistungen Abhängigkeit schaffen. Man will den selbstbestimmten, eigenverantwortlichen Bürger gar nicht, man will Almosenempfänger.