Sigmar Gabriel - Vermächtnis eines an sich Gescheiterten

Sigmar Gabriel hätte ein großer Politiker werden und die SPD nach seinem Bilde formen können. Doch zu oft hinderten ihn sein großes Ego und seine fehlende Disziplin daran, seine Pläne konsequent auszuführen. Ein Nachgesang auf einen begabten Politiker, der sich selbst den Weg verbaut hat

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) nimmt am 12.10.2017 bei einer Wahlkampfveranstaltung der SPD in Einbeck (Niedersachsen) teil
Chance verpasst: Sigmar Gabriel ist an der SPD und vor allem an seiner Persönlichkeitsstruktur gescheitert / picture alliance

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Die Begriffe Leitkultur und Heimat sind am Ende nur Chiffren. Sigmar Gabriel möchte in seinem politischen Vermächtnis, das als Spiegel-Essay des Weges kommt, seinen Parteifreunden sagen, dass sie in den vergangenen Jahren auf dem völlig falschen Trip waren. Dass sie Themen hochgezogen haben, die keinen wirklich umtreiben. Und dass sie vorsätzlich an Themen vorbeigucken oder sie ausblenden, die bei vollem Bewusstsein und Verantwortungsgefühl für die eigene Wählerschaft nicht zu übersehen sind: Zeitweilig unkontrollierte Zuwanderung, Innere Sicherheit und neue Verteilungsfragen. Aber einer von ihrer Mission beseelten Heiko-Maas-SPD ist so ein Zeitenwechsel und damit einhergehender Themenwechsel offenbar nicht beizubringen. Sie lebt noch in der Welt vor der Ölkrise 1973, als der Sozialstaat idealtypisch schwedischer und deutscher Prägung noch nicht an seine Grenzen gekommen war und die Globalisierung nicht in Form von Millionen Menschen über die Grenzen drängte.

Der Mann, der bis vor kurzem acht Jahre lang Vorsitzender dieser SPD war, der er jetzt die Leviten liest, hat im Grundsatz recht. Aber warum kommt er damit jetzt? Was hat er vor?

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Dorothee Sehrt-Irrek | Mo, 25. Dezember 2017 - 14:00

treffen nicht selten auf die Miniaturen der vorangegangenen.
So geschehen Gabriel und anderen mit Merkel. Es sind eben beide Extreme in einer Zeit möglich, die begabten Führungspersönlichkeiten und das politische "Muttchen".
Gabriel hat sich vor allem nicht gegen die ältere Generation getraut, sprich Merkel.
Vielleicht war er aber auch so klug zu sehen, dass Merkels wahrlich begabtere Parteikollegen an Intrigen und einer speziellen Art von evtl. "Nicht-Politik" Merkels scheiterten.
Oft war nicht gut zu erkennen, welche Erzählung von manchen Medien gerade für Merkel gesponnen wurde.
Es sei denn, man hätte gewusst wer die Fäden spinnt, wer daran zieht und wer das letztlich ist, die an diesen Fäden hängt.
Ich fand es so schrecklich, dass ich mich weigerte, es zu denken.
Denkt man so etwas, verändert es einen auch.
Dann lieber sich mit allen anderen überraschen lassen, gegen die man sonst auch nur hätte anlaufen müssen.
Gabriel hat Familie, Europa und die Welt liegen vor ihm.

Herrn Heitmann.
Gabriel ist nicht wirklich an sich gescheitert, sondern die Mannschaft um ihn herum war irgendwann eine andere.
Geblieben war nur Merkel.
Deretwegen unbedingt länger etwas zu machen, für das man so wenig gelobt wird, da kann ich Gabriel verstehen.
Die Zeiten in der Politik haben sich geändert, auch bedingt durch die hohe Internet-Kompetenz der Bürger, die jetzt sehr wache Bürger geworden sind.
Ich veranschlage die meisten CDU/CSU-Wähler als solche der beiden Parteien, nicht etwa Merkels.
Deshalb empfinde ich dieses Feiern von Merkel auch fast als "spätromische Dekadenz".
Angesagt ist politische Mannschaftskompetenz der Parteien, vor allem Konzepte.
Mit diesem neuen Hintergrund wird Jens Spahn ohne Angst umgehen können, denn es verlangt ausser Ideen und Teamfähigkeit vor allem den Umgang mit mündigen Bürgern, einer selbstbewußten Wirtschaft und Wissenschaft.
Und Gabriel? Vielleicht geht er ganz raus aus der Politik?
Aber, Er ist ein Macher, hat tau-sende Ideen.

Manfred Gimmler | Mo, 25. Dezember 2017 - 14:58

Auch Sigmar Gabriel verläßt – wie übrigens jeder andere Mensch – sein „Werk“ und vollendet es nicht.

Sie haben allerdings recht, Herr Schwennicke, „das Vermächtnis eines an sich Gescheiterten“ zu thematisieren und dessen außerordentliche Begabung Ihren Lesern näherzubringen; denn der Nachgesang auf diesen Schwerdenker leistet wichtige Aufklärungsarbeit und ist natürlich so interessant wie etwa das Ereignis, daß Prinz Harry mit seiner Meghan bei der Queen Weihnachten feiern darf.

Die einst vom deutschen Journalismus gepriesene Besonnenheit und Klugheit der billionenteuren Kanzlerin haben wir nun zwölf Jahre bestaunen dürfen. Jetzt aber kennen wir alle den „wahren“ Preis! Leider hatten wir nie die Möglichkeit, in vollem Umfang Nutznießer eines außergewöhnlichen Talentes zu werden.

Einfach nur Klatsch und Tratsch!

Gustav Struve | Di, 26. Dezember 2017 - 01:57

Die Leute vom Cicero haben offensichtlich Freude an der Spitzen Feder. Das wiederum ist für mich eine Freude.

Markus Michaelis | Di, 26. Dezember 2017 - 02:38

Gabriel ist wahrscheinlich ein ganz guter Politiker, aber das Format und die geistige Festigkeit und Unabhängigkeit für die großen Veränderungen hatte er wahrscheinlich nie. Das muss auch nicht jeder haben und das ist auch nicht das Problem. Das Problem der SPD ist ihre innere Zerrissenheit, weil sie sehr verschiedene Migliedergruppen hat. Zusammen mit der sich schnell ändernden Welt würde hier glaube ich kein Vorsitzender viel gewinnen können, weil er entweder gegen die äußeren Realitäten oder die inneren Widersprüche kämpfen muss.

Alexander Mazurek | Mi, 27. Dezember 2017 - 00:47

... und ehemaliges SPD-Mitglied wünsche ich Deutschland und der Welt einen schnellstmöglichen Abgang der real existierenden SPD. Inzwischen leider weder sozial noch deutsch noch vernünftig. Nur noch angepasster Mitläufer, yes, we can, egal was, ganz egal!

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