Siggi Peppone aus dem Harz

Der Ort, in dem er litt, siegte, lehrte, liebte und lebt: Was Sigmar Gabriel, der neue SPD-Vorsitzende, jetzt für die Partei braucht, hat er in seiner Heimatstadt Goslar gelernt.

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Kurios, dass die momentane Lage des frisch gekürten SPD-Chefs, als Erbe einer zerrissenen Partei, in vieler Hinsicht der Situation ähnelt, in die er 1959, vor fast genau 50 Jahren hineingeboren wurde: als zweites Kind eines Kommunalbeamten aus einer Flüchtlingsfamilie und einer Krankenschwester, mitten in einen Rosenkrieg hinein. Drei Jahre ist er, als die Eltern sich trennen. Die Mutter bezieht das Dachgeschoss eines Fachwerkhauses auf der Kornstraße und nimmt Tochter Gudrun mit. Sigmar bleibt unglücklich beim herrischen Vater und dessen Mutter Lina zurück, in einer grauen Wohnungsbausiedlung im Stadtteil Jürgenohl. Kaum ein Grundschulfreund bekommt Sigmars Zuhause zu sehen, wenn er sich zum Spielen trifft, dann draußen. Der Bub wird vor Kummer still und dick, wenn die Kinder Gummitwist oder Huckekästchen auf dem Schulhof spielen, steht er trüb am Rand. Nur alle zwei Wochen darf Sigmar die Mutter besuchen, nur dort, sagen Freunde, ist er froh. Der Sohn ihrer Vermieter, Burkhart Siebert, ist fünf Jahre älter und wird so etwas wie ein großer Bruder. „Die Kornstraße war für Sigmar die heile Welt“, sagt Siebert heute. Mit dessen Schwester lernt Sigmar Akkordeon, Burkhart lässt ihn mit seiner Märklin-Eisenbahn spielen, die beiden klettern zusammen über die Dächer der Altstadt oder streunen durch die Wälder der umliegenden Harzer Hügel. Als Sigmar auf die Realschule kommt, ein efeubewachsenes Gebäude von 1808, ist er schulisch vielen Mitschülern voraus, aber der Scheidungskrieg der Eltern blockiert ihm bald das Getriebe: Der Vater spielt seine Kontakte bei der Stadt aus, um Mutter und Sohn ganz zu trennen, die Mutter erzwingt sich das Besuchsrecht mit einem Sitzstreik vor dem Amtsgericht, gewinnt schließlich sogar das Sorgerecht. Trotzdem wird Sigmar vom Vater bei dessen Umzug kurzzeitig ins Hamburger Hinterland geschleift. Gabriel selbst fragt sich Jahrzehnte später noch, ob er damit nicht Opfer einer Kindesentführung wurde. Dazu unzählige Auftritte bei Kinderpsychologen und Gerichtsverhandlungen, irgendwann schmieren dem mürben Knaben die Noten ab. So sehr, dass die Lehrer ihn auf die Sonderschule schicken wollen. Die Lage entschärft sich, als geschieht, was Sigmar sich seit Jahren wünscht: Er darf ganz bei der Mutter leben. Die, ähnlich aufbrausend wie der Politiker Gabriel später, kämpft an der Schule wie eine Löwin für ihren Sohn, verhandelt mit den Lehrern, Schwester Gudrun gibt ihm Nachhilfe, er berappelt sich und darf bleiben. Die vaterlose Kleinfamilie zieht in den dritten Stock einer Sechziger-Jahre-Mietskaserne auf der Virchowstraße, Sigmar schaut von seinem Kinderzimmer direkt auf den Spielplatz der Siedlung. Dort draußen sitzt er dann im Sommer mit seinem Schulfreund Daniel Schumann und spielt Schach. „Niemand“, erzählt der, „konnte Sigmar schlagen.“ Auf dem moosigen Spielplatztisch beweist das Kind, was den heutigen SPD-Vorsitzenden zum ungemütlichen Gegner macht: Er hat Eröffnungszüge und eine fertige Strategie im Kopf, Schritte des Gegenspielers scheint er vorauszusehen: „Meistens war ich in fünf Zügen schachmatt“, sagt Schumann. Der Geist des jungen Gabriels ist wach, er wird zu einem der Klassenbesten, das Fleisch aber bremst ihn. Freunde schleppen ihn zum Fußballverein, aber „Sigmar war ein Dickerchen und als Kicker eindeutig zweite Wahl“, erinnert sich Schumann. Stattdessen spaziert Sigmar lieber nachdenklich mit seinem Dackel Gustl durch die Siedlung. „Ich will nicht sagen, er war ein Streber, aber er hatte nie was mit den Raufbolden am Hut“, sagt Schumann. Vielleicht hat Gabriel den Freunden auch nur ein Jahrzehnt ätzende Erfahrung mit der Zerrissenheit der Welt voraus, jedenfalls tickt er in einem anderen Tempo und verweigert sich den präpubertären Torheiten seiner Altersgenossen: Als die Schüler in der siebten Klasse beginnen, heimlich hinter der Trauerweide an der Schulbrücke Kippen zu rauchen und Bier zu trinken, steigt er aus. Und als seine Altersgenossen beginnen, den Mädchen hinterherzusteigen, bleibt Sigmar zurück. Er hat seine eigene Agenda. In der zehnten Klasse nimmt sie Gestalt an, und Sigmar erfindet sich neu. Er wechselt von der Realschule aufs erzkonservative Ratsgymnasium, damals eine Eliteschmiede. Die neuen Schulkameraden nennen ihn liebevoll „Dicke Gabi“, aber er wird nicht gemobbt, wie viele andere Ex-Realschüler. Irgendetwas imponiert den Mitschülern am stillen Ernst des molligen Jungen mit dem akkuraten Seitenscheitel und dem immer etwas zu knappen Hemdkragen, der eigentlich so gar nicht in die Stufe passt. Es sind die späten Siebziger, die Schüler hören Frank Zappa und Uriah Heep, tragen Drei-Meter-Strickschals und Wildlederschlappen und albern am Wochenende betrunken am Lagerfeuer herum. Gabriel nicht. „Der Vater war weg, er trug Verantwortung für die Mutter, was sollte er die noch mit pubertärer Rebellion ärgern?“, sagt eine Freundin. Sigmar grenzt sich anders ab, besonders vom Vater, der als reaktionär gilt: Er tritt 1976 den „Falken“ bei, einer SPD-nahen Jugendorganisation. „Wir machten Party, Sigmar machte Politik“, beschreibt seine Schulfreundin Gabriele Wagner die Folge. Sigmar organisiert Schuldemos und Konzerte mit linken Bands, macht sich im Jugendzentrum für die Raumnutzung kommunistischer Gruppen stark und ist für die Lehrer damit der „rote Siggi“. Vor allem aber gewinnt er mit der neuen Rolle massiv an Selbstbewusstsein, erzählt Wagner. So viel, dass er das höchste Amt in seiner Reichweite anpeilt: Er bewirbt sich als Schulsprecher. Während sein Gegenkandidat siegesgewiss dicke Sprüche in der Aula klopft, entpuppt sich der arglos wirkende Ex-Realschüler als knallharter Netzwerker: Er knöpft sich alle Klassensprecher der Unterstufe in Einzelgesprächen vor. „Erst als Gabriel die Wahl gewonnen hatte, dämmerte seinen Gegnern, dass sie es verpasst hatten, die Youngster auf ihre Seite zu ziehen“, erzählt ein Schulkamerad. Jetzt kam niemand mehr an Gabriel vorbei. Auch nicht der damalige Schuldirektor, ein CDU-Mitglied, dem der „rote Siggi“ ein Dorn im Auge war. Doch um geschmissen zu werden, war der zu gut in der Schule, und durch die Politik hatte er einen guten Draht zur Presse. Kam ihm etwas in der Schule nicht koscher vor, ließ er das an die Zeitung durchsickern. Das gab ihm Macht, erzählen Freunde. Überhaupt, sagt auch sein damaliger Sozialkundelehrer Klaus Drüner, durfte man Gabriel nicht unterschätzen: „Er sah niedlich aus, mit seinen Pausbacken, aber er konnte unerbittlich sein, besonders wenn er glaubte, ein Unrecht zu sehen.“ Einmal, erinnert sich Drüner, stürmte Sigmar unangemeldet das Sekretariat, um den Direktor zu sprechen. „Termin ausmachen, später wiederkommen“ hieß es, bevor die Tür zuging. Er klopfte wieder, und bevor ihm die Tür ein zweites Mal vor der Nase geschlossen wurde, knallte er den Fuß dazwischen. Vor so viel Beharrlichkeit knickte die Schulleitung ein, er wurde vorgelassen und von den Lehrern mit dem neuen Spitznamen „Erzengel Gabriel“ bedacht. Keine Engelsgleicheit, aber eine chronische soziale Neigung bescheinigt ihm auch sein damaliger Tanzlehrer, Victor Ratkovic. Mit 16 Jahren entdeckt Sigmar, bisher keine Sportskanone, die Liebe zum Hüftschwung auf dem Discoparkett. Im Tanzverein TSC Schwarz-Gold lässt er wöchentlich Dampf und Schweiß ab, und erbarmt sich dabei immer auch der unbeliebten Mädchen: Schreckschrauben, Mauerblümchen, alle führte er furchtlos aufs Parkett. „Wie die aussahen, war ihm völlig egal“, sagt Ratkovic. „Die sollen auch einen schönen Abend haben, gib sie mir“, sagte Gabriel dann. Vielleicht, weil er selber einmal das Mauerblümchen war. Möglicherweise hilft ihm diese Erfahrung heute, die ungeliebte Tante SPD wieder flottzumachen. Als Gabriel 1979 Abitur macht, verdiente er sich das Geld für den Führerschein als Kellner bei Ratkovic: „Der beste, den ich je hatte“, erinnert der sich heute, „einer, der es schaffte, den Gästen noch fünf Minuten vor Schluss des Balls eine Flasche Wasser anzudrehen.“ Der vergeistigte Gabriel war jetzt zur sendungsbewussten Wuchtbrumme geworden, mittlerweile SPD-Mitglied und eine politische Instanz im Ort. Nur im Fliegerhorst Goslar wusste man das nicht zu schätzen. Als der rote Falke nach dem Abitur in die lokale Luftwaffenkaserne eingezogen wird, beäugt man ihn mit Argusaugen. Während andere, wie sein Kamerad Wolfgang Naumann, in der Gefechtstruppe aufsteigen, wird Gabriel im Geschäftszimmer geparkt. Nicht weil er zu dick, sondern weil er zu links für die Luftraumüberwachung an der innerdeutschen Grenze ist, glaubt Naumann. Von zwei Jahren Bundeswehr bleiben Gabriel der bescheidene Rang eines Obergefreiten und eine kaputte Wirbelsäule. Er rutscht bei Glatteis von der Funkantenne. Die letzte Rücken-OP hatte er 2006. Erst zehn Jahre später schlägt er wieder in Goslar auf, nach einem Lehramtsstudium in Göttingen, mittlerweile als Vater einer Tochter. Als er 1988 sein Referendariat am Christian-von-Dohm-Gymnasium, der linksliberalen Alternative zum Ratsgymnasium, beginnt, ist ihm sein Ruf bereits vorausgeeilt. „Hoffentlich mischt der uns hier nicht den Laden auf“, dachte der damalige Englischlehrer und FDP-Mann Gerhardt Müller zuerst. „Aber wir mochten ihn schnell, auch die konservativen Lehrer“, sagt er. Schließlich wurde Müller sein Mentor, begleitete den Referendar auf den Lehrproben und ist bis heute beeindruckt, wie Gabriel mögliche Kritik der Prüfungskommission immer schon vorauszuberechnen schien. „Gabriel kam den Prüfern mit dreifach gedrehten Defensiven zuvor und wendete jede unvorhergesehene Situation zu seinen Gunsten.“ Für die wirklichen rhetorischen Sternstunden aber, sagt Müller, brauchte Gabriel „Publikum, Futter, Bewunderung“. Das bekam er von seinen Schülern. Gabriel unterrichtet Deutsch und Politik, die Oberstufe nennt ihn „Peppone“, nach Don Camillos sozialistischem Lieblingsfeind, einem ähnlich feisten Polterer wie Gabriel selbst. In der Unterstufe nannten sie ihn einfach nur den „Siechmar“, erinnert sich Christian Wirz. Der hagere, katholische Priester gehörte zu einer Handvoll Schüler, die besonders gerne mit Gabriel stritten, weshalb der sie die „Altherrenriege“ taufte. Wirz war schon damals tief katholisch, und zu der Zeit „auf so nem Anti-Kommunismus-Trip“, eigentlich also der altklug-konservative Gegenentwurf zum Referendar. Aber der Lehrer habe ihn das nie spüren lassen und ohnehin unideologisch und fair argumentiert, sagt Wirz. „Er war witzig und schlagfertig, sodass man selbst an haushoch verlorenen Diskussionen Spaß hatte“, erinnert sich der Priester. Versuche, den jungen jovialen Lehrer zu duzen, schmetterte Gabriel ab: „Solange wir keine Nacht zusammen im Straßengraben verbracht haben, bin ich Herr Gabriel“, sagte der Lehrer dann. Unter den Schülern, die Gabriel zurücklässt, als er 1989 in den Landtag zieht, hat er jedenfalls einer das „Du“ angeboten: Seiner ehemaligen Oberstufenschülerin Munise Demirel, die er nach seinem Abgang heiratet. Die Ehe scheitert, das Haus von damals bewohnt er noch heute. Fast jedes Wochenende rollt der Mercedes E-Klasse des SPD-Vorsitzenden auf die Hügel im Stadtteil Sudmerberg, wo sein Bergarbeiterhaus mit dem roten Spitzdach steht. 120 Quadratmeter, ein Luxus gegen die Virchowstraße, ein Witz für einen Spitzenpolitiker. Als Gabriel niedersächsischer Ministerpräsident wird, siedelt man die Nachbarn um, reißt deren Haus ab und pflanzt einen Polizeicontainer hinter den Gartenteich, aus dem dann schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte gelangweilt auf die Wiese starren. Jetzt ist es die blonde Zahnärztin Anke Stadler, die am Wochenende dort mit ihm seine Asterix-Sammlung durchblättert, ihn begleitet wenn er die alten Schulfreunde im „Köpi“, der Ortskneipe, trifft oder die greise, zuckerkranke Mutter im Rollstuhl über den Marktplatz schiebt. Auch die Balldamen von Ratkovic betanzt er noch, eskortiert von parkettsicheren Polizisten. Zu Munise Demirel pflegt er bis heute eine enge Freundschaft, genau wie zur Mutter seiner Tochter Saskia. Freunde sagen, er sei ein Frauenversteher. Vielleicht ist er ja der Richtige für das gebrochene Herz der alten SPD.

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