- Teil 4: Auf der Suche nach einem Milieu
Was bleibt von einer Partei, wenn ihr Milieu schwindet? In Sachsen-Anhalt suchen SPD, Grüne, FDP und BSW nach Halt – und liefern dabei ein Lehrstück über Markenführung unter Existenzdruck. Teil 4 der Cicero-Kampagnenanalyse für Sachsen-Anhalt.
Programme werden geschrieben, um vergessen zu werden. Marken bleiben, weil sie orientieren sollten und im besten Fall Sicherheit bieten. In vier Teilen analysiert diese Serie die Parteien Sachsen-Anhalts als Marken im Überzeugungswettbewerb. Der vierte Teil schließlich wendet sich den inzwischen kleineren Parteien zu, SPD, Grünen, FDP und BSW, deren Marken sich zwischen den großen Polen behaupten müssen … sofern überhaupt noch jemand hinsieht.
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Es gibt im Supermarktregal eine Kategorie von Marken, die man nur findet, wenn man sich bückt: Diese Produkte kämpfen nicht um Marktführerschaft, sie kämpfen ums Bleiben. Vier solcher Marken treten in Sachsen-Anhalt an: SPD, Grüne, FDP und das BSW. Sie haben, bei aller Verschiedenheit, ein gemeinsames Problem: Sie alle suchen ein Milieu, das sie noch trägt … und wenn es nur über fünf Prozent des Wahlvolkes sind. Und sie lösen dieses Problem auf vier so unterschiedliche Weisen, dass sie zusammengenommen ein kleines Lehrbuch der Markenführung in der Defensive ergeben.
Die SPD: Das Beamtentum als Partei
Die SPD in Sachsen-Anhalt führt eine Kampagne unter dem Dach „Soziale Politik für dich“ und „Heimat in Sachsen-Anhalt“ mit Spitzenkandidat Armin Willingmann. Der lokale Obersozi ist promovierter Jurist, Professor und Minister, der für die geräuschlose Fortsetzung der Regierungsarbeit wirbt. Schon die Personalie ist das eigentliche Markensignal. Die alte Arbeiterpartei tritt mit einem Professor an … das ist kein Zufall, sondern der Endpunkt einer langen Verwandlung. Denn die Sozialdemokratie ist der Archetyp des Bildungsaufsteigers, und der landet, wenn er angekommen ist, fast unweigerlich beim Beamtentum. Das ist das eigentliche Markenparadox dieser Partei: Sie begann vor Urzeiten revolutionär, als Bewegung gegen die Verhältnisse, und sie endet brav-bürgerlich als deren planvolle Verwaltung. Was also als sozialer Sturm anfing, ist akkurate Sachbearbeitung geworden.
Man kennt diese Figur aus der Markenführung als das „So-tun-als-ob“: die Marke, die das Zeichen der Rebellion noch plakativ vor sich herträgt, während sie die Anpassung längst im Idealtypus vollzogen hat. Es ist das Prinzip des Wochenend-Rebellen: Man fährt am Sonnabend zwischen 14.43 und 18.03 Uhr unrasiert Harley, die Maschine blitzblank, die Lederkluft aus dem Fachhandel, der Aufstand TÜV-geprüft, natürlich bestens versichert, und grüßt beim Überholen lässig mit zwei Fingern die wilden Brüder im Geiste. Am Montag sitzt man um 9.03 Uhr frisch rasiert im marineblauen Zweireiher und in hellbraunen, handgenähten Budapestern wieder in der Investmentabteilung und plant seine Karriere. Die Rebellion hat klare Zeitfenster.
Genau dieses Zeitfenster-Prinzip strukturiert auch die Kampagne: Das Rot auf den Plakaten ist die Lederkluft und der Regierungsalltag der Zweireiher. Ausgegeben wird die Parole, das Erreichte „geräuschlos“ zu sichern, und „geräuschlos“ ist das ehrlichste Wort dieser Kampagne. Eine Partei, die einst den Generalstreik im Repertoire hatte, verspricht heute, nicht zu stören. Dass sie überhaupt noch in Rot wirbt, ist fast schon Etikettenschwindel. Beige träfe die Sache besser. Nur: In einem Land, in dem die SPD um die sechs Prozent pendelt, ist Geräuschlosigkeit keine Strategie mehr, sondern ein Symptom. Wer nichts zu berichten hat, wirbt eben damit, dass man ihn nicht hören wird. Das immerhin ist ein Versprechen, das die SPD sicher halten kann.
Die Grünen: Die Marke, die sich selbst zitiert
Die Grünen treten an mit „Nur mit Grün“. Sechs Themenplakate, von „Klima bleibt Thema!“ über „Von Kind an gleiche Chancen“ bis „Erneuerbar, bezahlbar, wunderbar“. Dazu ein vollelektrischer ID. Buzz als Tourbus, „Da für euch“. Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz im Fuchs-Hemd und mit fein inszenierten Unterarm-Tattoos à la Heidi Reichinnek in der Provinz-Variante vor grellem Grün.
Markensoziologisch ist das eine bemerkenswert selbstähnliche, fast trotzige Kampagne, und genau darin liegt ihr Problem. „Klima bleibt Thema!“ ist, bei Licht besehen, kein Versprechen, sondern eine Beschwörung. Es ist der Satz einer Marke, die spürt, dass ihr Thema gerade nicht en vogue ist, und die das durch liturgisches Responsorium zu ändern versucht. Es ist Markenkommunikation im Modus des Mantras. Das Mantra ist die Sprachform des Gläubigen, der allein im Raum betet.
Es richtet sich nicht nach außen an einen Zweifelnden, sondern vielmehr nach innen an die eigene, vielleicht sogar erschütterte Gewissheit. Der elektrische Bulli als „Hingucker“ im ländlichen Raum, in dem der Dacia und der Opel Corsa die vertrauteren Vehikel sind, bringt die Lücke zwischen Markenwelt und Lebenswelt auf den Punkt. Die Grünen führen eine handwerklich saubere Kampagne für eine Heimat, die ganz, ganz weit „anderswo“ an den Gestaden der Metropolen liegt.
Die FDP: Öffentlichkeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Die FDP plakatiert in klassischem Gelb-Blau, mit Lydia Hüskens und Sätzen wie aus dem liberalen Phrasenkatalog: „Lohn muss sich lohnen. Steuern runter.“, „Wer bleiben will, muss arbeiten.“, „Starke Wirtschaft. Besseres Leben.“, „Weil sich was ändern muss.“ Das ist professionell, und jeder Satz sitzt im Markenkern. Es gibt nur ein Problem: Niemand hört zu. Die Vorstellung der Kampagne auf dem YouTube-Kanal der FDP Sachsen-Anhalt: 201 Abonnenten, 340 Aufrufe, dreizehn Likes. Das ist Markenkommunikation als Selbstgespräch oder: Öffentlichkeitsarbeit unter striktem Ausschluss der Öffentlichkeit.
Markensoziologisch ist dieses kommunikative „Verhallen“ konsequent, und zwar auf zwei Ebenen. Die erste reicht tief in die deutsche Mentalitätsgeschichte. Das liberale Denken war dem Deutschen immer ein wenig suspekt, denn es mutet dem Einzelnen die Freiheit zu, und Freiheit heißt eben auch: Ungewissheit und die „Last“ der Eigenverantwortung. Der Liberale verlangt vom Menschen, dass er sein Leben selbst in die Hand nimmt, ganz ohne das kuschelige Netz aus Rentenpunkten, Fahrradhelm, Warnweste an Autobahnen und Vollkaskoschutz. Eine Marke aber, deren Grundversprechen hierzulande seit jeher eine Minderheit anspricht, hat keine Reserven, wenn es eng wird. Sie sendet dann nicht mehr in eine skeptische Öffentlichkeit, sondern in gar keine.
Die zweite Ebene ist fast grausam. Die FDP geriert sich als Partei der Leistung und des Wettbewerbs, aber der Markt, dem sie huldigt, hat sein Urteil gesprochen. Denn eine Marke existiert nicht durch ihr Senden und nicht durch einen Markeneintrag, sondern durch ihr Empfangenwerden und durch kollektive Zuschreibung. Eine Botschaft, die niemanden erreicht, ist keine schwache Marke, sondern sie ist schlicht nicht da. Die FDP erlebt damit am eigenen Leib, was sie stets programmatisch gepredigt hat: Wer am Markt keine Nachfrage findet, hat kein Anrecht auf Existenz.
Das BSW: Die Personenmarke ohne Person
Das BSW schließlich, mit dem Spitzenduo Claudia Wittig und Thomas Schulze, zieht mit der bundesweiten Kampagne „Unsere WM 2026: Weg mit Merz!“ in den Wahlkampf … Sie erinnern sich? Fußball-Weltmeisterschaft? Fußballrhetorik, ersonnen und zur Landtagswahl im September bereits so aktuell wie der Börsenkurs von Pan Am. Eine Partei, die sich als Stimme der Vergessenen versteht, wirbt mit einem Ereignis, das bis zum Wahltag selbst vergessen sein wird.
Worin aber besteht das positive Vorurteil dieser Marke überhaupt? Es ist, genau besehen, das Angebot der gutartigen Revolution. Das BSW verspricht den Aufruhr ohne das schlechte Gewissen. Wo die AfD den Bruch mit dem Bestehenden hart und drohend inszeniert, serviert ihn das BSW sozial weichgespült. Damit besetzt es eine präzise Marktlücke: Es ist die Marke für jene, die diffus rechts fühlen, aber sich nicht rechts nennen wollen.
Doch diese Marktlücke hat einen Konstruktionsfehler: Das BSW ist eine Personenmarke, deren Person nicht auf dem Wahlzettel steht. Der gesamte Markenwert konzentriert sich auf Sahra Wagenknecht. Jedoch: Charisma ist kein Franchise. Die Markensoziologie kennt dafür einen nüchternen Befund: Eine Marke, die nur dort funktioniert, wo ihre Gründerin persönlich erscheint, ist keine Marke, sondern ein Event.
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Der Autor hat den aus meiner Sicht wichtigsten Punkt ausgelassen: Wodurch unterscheiden sich diese Parteien in ihren Zielen und in dem, was sie erreichen wollen?
Da ist der Markenkern der „Beamtenpartei“ SPD inzw. genauso grün, wie jener der „Beamtenpartei“ die Grünen. Für die Nähe zum, aus ihrer Sicht, viel zu schlanken Sozialstaat stehen beide in Konkurrenz zu BSW und Linkspartei.
Viel gravierender ist jedoch: Mit wem will man regieren, die eigenen (?) Ziele durchbringen und sind das auch die Ziele der Menschen im Land? Wir werden aktuell in fast allen Medien mit den „schlimmen“ Folgen des Klimawandels torpediert, während die Menschen im Land Sorge um den Arbeitsplatz und ausr. Budget in den öffentlichen Haushalten haben. Dagegen propagieren die Parteien neue Steuern, vornehmlich für die Reichen, die Vermögenden. Aber wie reich ist man, wenn einem ein altes, geerbtes Häuschen gehört?
Der FDP fehlt ein Partner. Den, für den sie gewählt werden könnten (AfD), den wollen sie nicht.
die Partei-AUFTRITTE konkret im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt unter 'Marketingaspekten'..., und führt KEINE Programmanalyse durch... ...
Nix für ungut!
im Osten sagen würde die „Parteien der nationalen Front“ was m M noch genauer das Eingangsporträt = Titelbild zum nachfolgenden Artikel noch treffender beschreibt. (Es fehlt nur der „An- „Führer“ der, der CDU ….)
Nun, es geht in die entscheidende Runde des Wahlkampfs ….. wenn schon in der Sportschau gestern Abend Wahlwerbung gegen die AfD läuft scheint die Nervosität stetig zu steigen ….
Am meisten musste ich über die Super Grüne lachen, als außerhalb der Wahrnehmung in SA bekannt wurde, dass die Dame mit einem ehemaligem wirklichen Neonazi leiert ist. Der natürlich jetzt ein lupenreiner Demokrat sei 😂
Was ist das für eine verrückte politische Welt in diesem Land geworden ? Es scheint für einen radikalen Wechsel die Zeit mehr als
überfällig …….Hoffen wir das Beste.
MfG a d Erf.Rep.
ob die Tatsache, dass der Ehemann von der Grünenchefin Sziborra-Seidlitz mal Neonazi war nicht doch noch Auswirkungen haben wird? Ja, alles schon bekannt. Ja, auch dieser Mann kann sich geläutert haben, kann komplett seine Gesinnung geändert haben. Und ja, warum soll man ihm das vorhalten. Resozialisierung für alle, oder? Eben nicht. Genau diese unsympathische Grüne wollte Siegmund vorwerfen, er beschäftige ehem. Neonazis in seinem Team, die vor mehr als zwanzig Jahren zur NPD gehört haben sollen. Nein, zweifle ich nicht an. Aber gilt dann für diese Mitarbeiter nicht das Gleiche, wie für den Ehemann von Seidlitz? Hätte sie das nicht ausgegraben, wäre diese alte Märe mit ihrem Gatten wahrscheinlich vergessen geblieben, zumal sie ja darüber vor Jahren bereits Rede und Antwort gestanden hat. So aber holt diese Grüne ihre eigene Doppelmoral ein. Ob die Restwähler der Grünen das alle so toll finden. Die FDP ist ohnehin raus und die SPD? Ob die wirklich die 5% sicher überspringen werden?
Ich gebe Ihnen vollkommen Recht Herr Konrad. Aufschlussreicher ist jedoch das „Duell“ im zweiten Teil mit den Spitzenkandidaten außer denen von AfD &
CDU im mdr TV. Das sagt wirklich mehr als alle über die Doppelmoral der Grünen Spitzenkandidatin. Neben bei bemerkt sind die „Einlassungen“ der SED Erben und das lavieren des SPD Mannes hoch interessant. Aber, jeder sollte sich seine eigene. Meinung zum „Wahlkarampf“ in SA bilden.
Viele Grüße aus Thüringen
Nach welchen Kriterien möchte Herr Errichiello »diffus rechts« definieren? Was das BSW eigentlich zu klären hätte, wäre, was genau es denn unter dem Frau Wagenknecht zugeschriebenen Terminus »linkskonservativ« verstehen möchte. Dass das vermutlich nicht »links« im Sinne des Selbstverständnisses aller bisherigen »Links-der-Mitte«-Parteien sein wird, steht zu vermuten. Aber die Krise dieses Selbstverständnisses besteht doch gerade darin, dass diese Parteien durch ihre jahrzehntelange Elitenkooptation in die (neo)liberale Ordnung die Marke »links« bis zur Unkenntlichkeit verwässert haben und nun an die Ruderbänke der absaufenden Galeere des transatlantischen Liberalismus gekettet sind.
Die Daseinsberechtigung des BSW, also die systematische Lücke, die es füllen könnte, besteht darin, dass »Links« nicht mehr links ist und einer Neuerfindung harrt. Nur bringt das BSW für den Kampf in der intellektuellen Schwergewichtsklasse, der hierfür zu führen wäre, viel zu wenig Masse auf die Waage.
überhaupt eine Bedeutung und wenn, dann nicht nur als "Freizeitorganisation"?
Nach der Wende waren sie m.E. ganz wichtig, das sage ich wieder ohne Eitelkeit, aber sie mußten den Mangel organisieren?
Das bleibt vielleicht hängen, ich bin trotzdem Mitglied und hoffe jedesmal auf "geräuschlose" Verhandlungen.
Streiks sind kein Scherz, geehrter Autor...
Hoffentlich fällt die SPD auch dem einen oder der anderen auf, bzw. wieder ein, wenn sie vor dem Wahlzettel sitzen.
Der Autor möge bedenken, dass die DDR das Versprechen des Anrechtes der Arbeiter auf Wissen und Macht einlöste.
Was glauben Sie, wieviele Stimmen ich da als Hausfrau auf mich vereinigen könnte:)?
Klima bleibt in der Tat ein Thema und Frau Wagenknecht kann eine Bewegung tragen, wie weiland Rosa Luxemburg.
Irgendwie wäre es schön, wenn alle in den neuen Landtag kommen.
So schwer dann auch Verhandlungen werden können, das ist politisches Leben und keine "Friedhofsruhe".
Danke, Herr Erichiello für Ihre interessanten Beobachtungen
Es war sehr unterhaltsam...
CDU-Nivea passt super.
Die SPD ist der Kümmerer Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer. Er wurde entlassen und der Wähler entlässt die SPD in die Bedeutungslosigkeit.
Die AfD ist verstörend wie die Afri-Cola-Werbung aus den 70ern. In der AfD bezeichnet man die deutsche Sprache auch als feministisch-intersektionales Flittchen und gibt sich damit offen anti-deutsch. Alles ist in Afri-Cola!
Die Linke ist Ajona-Zahnpasta. Knallrote Tube, man bekommt nur winzige Portionen durch die Miniöffnung und die Rezeptur ist uralt.
Die Freien Wähler sind der Schweinsbraten in der Landgaststätte von Kläham, der Gegend, wo Hubsi Aiwanger wohnt. Die Wähler verschmähen den Schweinsbraten und wählen Klima- (Grüne), Welt- (SPD) oder Deutschland-Rettung (AfD). Am Ende der Retterei reicht es womöglich nicht einmal mehr für den Schweinsbraten.
"die deutsche Sprache auch als feministisch-intersektionales Flittchen" -- sehr gut! ;-)
