Sven Schulze Ulrich Siegmund
Spitzenkandidaten Sven Schulze (CDU) und Ulrich Siegmund (AfD) / picture alliance; bek

Serie: Kampagnenanalyse Sachsen-Anhalt - Epilog: Das Labor ist wieder geöffnet

Sachsen-Anhalt ist seit der Wende das politische Labor der Republik. Bei den anstehenden Landtagswahlen wird nun erprobt, ob Zugehörigkeit stärker wirkt als Programme. Epilog der Cicero-Kampagnenanalyse für Sachsen-Anhalt.

Oliver Errichiello

Autoreninfo

Prof. Dr. Oliver Errichiello ist Markensoziologe und lehrt an Universitäten in Deutschland und der Schweiz. Er leitet das Büro für Markenentwicklung in Hamburg. Sein Buch „Werbung für den Zeitgeist“ sorgte für kontroverse Diskussionen in der Branche.

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Programme werden geschrieben, um vergessen zu werden. Marken bleiben, weil sie orientieren sollten und im besten Fall Sicherheit bieten. In vier Teilen analysiert diese Serie die Parteien Sachsen-Anhalts als Marken im Überzeugungswettbewerb. 

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Sachsen-Anhalt ist seit der Wende das politische Laboratorium der Republik. Hier wurde 1994 das „Magdeburger Modell“ erfunden, die erste rot-rote Tolerierung der Bundesrepublik, die zur Blaupause für andere Länder wurde. Hier zog 1998 mit der DVU erstmals eine Rechtsaußen-Partei in ein ostdeutsches Landesparlament ein. Und hier entstand 2016 mit der „Kenia-Koalition“ das bundesweit erste Bündnis aus CDU, SPD und Grünen. Was in diesem Land zuerst geschieht, hat die merkwürdige Angewohnheit, später überall zu geschehen.

Man könnte den Befund freundlich formulieren: CDU, SPD, Grüne und FDP sind sich, jede auf ihre Weise, bemerkenswert treu geblieben. Markensoziologisch klingt das nach Lob, denn Zusageverlässlichkeit gilt zu Recht als höchste Tugend der Markenführung. Nur wird hier etwas Grundlegendes verwechselt. Treue ist keine Unterlassung. Erinnern wir uns an die blaue Dose: Nivea wirkt seit einem Jahrhundert unverändert, weil die Rezeptur unablässig verändert wurde. Wer dagegen nichts tut, bleibt sich nicht ähnlich, er bleibt bloß stehen. Und Stillstand sieht der Selbstähnlichkeit nur so lange zum Verwechseln ähnlich, wie sich die Umgebung nicht bewegt. In Sachsen-Anhalt bewegt sich allen Unkenrufen zum Trotz jedoch auch etwas.

Der eigentliche Befund liegt daher tiefer als in der Frage, wer sich wandelt und wer nicht. Er liegt in einem Missverständnis darüber, was „modern“ überhaupt bedeutet. Man hält sich selbst längst für zeitgemäß, weil man lustige und nahbare TikTok-Videos dreht. Doch Modernität bemisst sich nicht an der Kommunikationstechnik, sondern daran, ob man verstanden hat, wie Menschen heute tatsächlich zueinanderfinden und was sie bindet. Und ausgerechnet hier hängen die etablierten Marken einem Bild des Wählers nach, das älter ist, als Luis Trenker jemals war: dem informierten Bürger, der ein Programm liest. Diesen Bürger mag es geben, nur wird er beständig seltener.

Der Graben läuft nicht zwischen links und rechts

Was diese Parteien nicht begriffen haben, begreifen jene Marken, die vom Verlust leben: Zugehörigkeit entsteht heute selten durch das bessere Argument, sondern durch das Gefühl, gesehen zu werden, und dieses Gefühl lässt sich, auch in Zeiten des Kommunikationsgewitters, mit einem klapprigen Moped und einem hemdsärmeligen, naiven Auftritt erzeugen.

Der Graben dieses Wahlkampfs verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen zwei Menschenbildern. Hier der Wähler als Abwägender, dem man ein Angebot unterbreitet. Dort der Wähler als Zugehöriger, der wissen will, dass er zu „irgendetwas“ gehört. Ferdinand Tönnies hat für diese Unterscheidung vor bald 140 Jahren die Begriffe geliefert, und sie sind nicht gealtert: Die etablierten Parteien sprechen zur Gesellschaft und wundern sich, dass ihnen die Gemeinschaft nicht mehr zuhört. Wer nur das erste beherrscht, bleibt technisch modern und ist dennoch psychologisch aus der Zeit gefallen.

Ersatzangebote für ein Gefühl

Genau in diese Lücke stoßen jene Marken, die nicht mehr Zugehörigkeit versprechen, sondern einfach nur deren Verlust beklagen. Sie bieten Ersatzangebote für ein Gefühl, das die etablierte Politik gar nicht mehr im Angebot hat, weil sie es nie für nötig hielt, es zu führen. Was der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt vorführt, ist deshalb weniger die Krise einzelner Marken als die Grenze der Kommunikation überhaupt: Sie kann Zugehörigkeit bestätigen, aber nicht stiften. Sachsen-Anhalt ist damit wieder das, was es seit der Wende immer war: eine Versuchsanordnung. Getestet wird diesmal, ob Anwesenheit Kommunikation schlägt. Das Ergebnis kommt wie üblich zuerst aus Magdeburg … und dann von überall.

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Ingbert Jüdt | Di., 1. September 2026 - 07:54

Wenn das plausibel ist, dann macht Herr Errichiello ein sehr großes Fass auf, zumal er auch noch den Begriff der »Moderne« ins Spiel bringt. Dass nämlich »Gemeinschaft« etwas bietet, was »Gesellschaft« vermissen lässt, ist fundamentale Liberalismuskritik, die in ihrer philosophischen Ursprungsgestalt mit Michael Sandels Kritik von 1982 an John Rawls »Theory of Justice« die seither vielfach verästelte Kommunitarismus-Debatte auf den Weg gebracht hat.

Tönnies' Begriffe gelten mit gutem Grund als Grundbegriffe der Soziologie schlechthin, insofern die Soziologie eine Wissenschaft ist, die nach dem Ende der Epoche traditionaler Sozialbindungen erforschen wollte, wie (moderne) Gesellschaft allererst möglich ist und zusammenhalten kann.

Liberalismuskritik von rechts wurde im »Cicero« schon öfter beschrieben (und beklagt). Das verweist auf eine zentrale blinde Stelle in der Selbstwahrnehmung unserer Wessi-dominierten liberalen Eliten und erklärt das Ausmaß ihrer Unfähigkeit zur Selbstkritik.

Wolfgang Borchardt | Di., 1. September 2026 - 08:53

"Schönes Leben oder Nazis?" Für weitere Eskalationen und noch mehr Hysterie bleiben noch zwei weitere Wochen. Und vermeintlich alles für "unsere" Demokratie, die es nicht geben darf. Grundgesetzliche Demokratie ist für alle da. In mittlerweile Jahren haben die alten Parteien belegt, dass sie den neuen Herausforderungen nicht gewachsen sind. Nun sollen sie mit den Konsequenzen leben lernen, die sie selbst zu ziehen nicht bereit sind. Es reicht nur noch für den "Kampf gegen Rechts". Das wird nicht reichen.

Bloß, die spannende Frage wird sein, wann ist der Kipppunkt erreicht der die etablierten Parteien allesamt weg von der Macht, ins Nirvana fegt ….. ?
Braucht es wieder eine gigantische Hyper- Inflation od. einen Dritten WK der Europa und d halbe Welt in Schutt & Asche legt ? Was wird uns unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln ? Habe die ein solches Chaos verdient in dem sie Verantwortung übernehmen sollen für Dinge die ihre Groß & Urgroßeltern also wir, letztendlich zu verantworten haben ?
Warum lassen wir und die „Wahl“ freiwillig nehmen ? Von Typen die sich selbst als Demokraten bezeichnen letztlich aber keine sind weil sie uns unser höchstes Gut, die Freiheit der Meinung & d Rede wegnehmen wollen ?und bestimmen, was richtig & was falsch ist.
Wenn mein Tablett nicht mehr rund läuft, schalte ich es aus und fahre es nach einiger Zeit wieder hoch. Und das genau braucht dieses Land bevor es zu spät ist, und alles ich Schutt und Scherben liegt.
Mit freundlichen Grüßen a d Erf. Republik

Hans Jürgen Wienroth | Di., 1. September 2026 - 10:03

Zitat: „Die etablierten Parteien sprechen zur Gesellschaft und wundern sich, dass ihnen die Gemeinschaft nicht mehr zuhört.“ Liegt es vielleicht auch daran, dass die etablierte Politik „die Gemeinschaft“ zur Disposition bzw. offen für alle erklärt hat? Während Politik glaubt, die offene Gesellschaft könne Solidarität (mit allen, auch mit Feinden?) erzeugen, erklärt der Wähler immer mehr, dass er keine Experimente mag, weder kulturelle noch energie- oder wirtschaftspolitische.

Er möchte als Souverän an erster Stelle stehen und sich nicht bevormunden lassen, zumindest nicht in der Mehrheit.

Genau dieser Gedanke ging mir auch durch den Kopf... - (ungebremste!) 'Migration als die Mutter aller Probleme' ist nicht nur ein materielles und soziales Problem, ungebremste Migration belastet auch die Gesellschaft als Gemeinschaft. Sie trennt praktisch die real existierende Gesellschaft von der bestehenden Gemeinschaft ab - mit allen Folgen...

Ich war schon immer überzeugt von Thilo Sarrazins Berechnungen: Deutschland schafft sich ab, de facto. Das ist der objektiv spürbare Verlust, welcher heute die Wähler:innen im Scharen zur AfD treibt, und in den Bundesländern, welche 1990 gerne zur alten! Bundesrepublik beitraten zu allererst, gerade weil deren konkrete Erwartungen an 'die Gesellschaft als Gemeinschaft' seit 2015 massiv enttäuscht wurden..., der Rest wird folgen...

Aber bei/in den jetzigen Blockparteien - nichts anderes ist das mehr... - war und ist man bis heute nichteinmal bereit DARÜBER offen zu reden, geschweige denn zu handeln... - und so ist es dann wie es ist. (Punkt)

Ich kann ihren beiden Kommentaren nur zustimmen. Und ja, die *Gesellschaft* kann sich eine Menge von Sachsen Anhalt abschauen. Ich bezweifle vehement, dass die Menschen dort nur *manipuliert* sind. Ich glaube, dass die Menschen dort eben aufgrund ihrer Biografie sensibel schneller aufgewacht sind, als der Westen. Und die sind ja nicht allein. Die AFD ist im gesamten Osten der Republik stärkste Partei und holt im Westen auf. Das alles nur auf Manipulation zu schrumpfen, spricht den Bürgern die Fähigkeit ab, generell sich einfach nur neutral zu informieren, trotzt Manipulation alle politischer Richtungen immer öfter unbeeinflusst sein eigenes Bild zu machen. Nicht alle sind nur hirnlose Hinterherläufer. Viele davon und nicht wenige ehemalige Nichtwähler hinterfragen inzwischen die Politiker und ihre Aussagen, informieren sich auch bei freien Medien. Dem Wutbürger weicht immer mehr der informierte, analysierenden und kritisch überzeugte Wähler. Und davor hat man Angst.

Brigitte Miller | Di., 1. September 2026 - 11:47

dieser Satz nur der Desavouierung der AfD.

"Zugehörigkeit entsteht heute selten durch das bessere Argument, sondern durch das Gefühl, gesehen zu werden, und dieses Gefühl lässt sich, auch in Zeiten des Kommunikationsgewitters, mit einem klapprigen Moped und einem hemdsärmeligen, naiven Auftritt erzeugen"
Trotzdem frage ich: Ist gesehen werden für Bürger nicht sehr wichtig? Von der gegwärtigen Politik wird er jedenfalls nicht gesehen, ausser als Steuerzahler.
Legt Siegmund hemdsärmlige naive Auftritte hin?
Hat er keine Argumente?
Fährt er wirklich ein klappriges Moped?
Hoffentlich ist es noch TÜV geprüft!

Markus Michaelis | Di., 1. September 2026 - 14:39

Ich glaube, das ist ein zentraler Punkt.

Mein Eindruck ist, dass das Menschenbild (und Selbstbild) der etablierten Parteien oft in folgende Richtung geht: es gibt nur EIN richtiges Menschsein. Menschen, die nicht egoistisch und gebildet sind, erkennen dieses richtige Menschsein. Man schreibt Parteiprogramme, die das ausdrücken und der mündige Bürger, der frei von Gruppenzwängen und Egoismen ist, erkennt es als richtig.

Mein Menschenbild ist offener und gegensätzlicher. Für den Einzelnen sieht das obige Menschenbild zu oft so aus, dass Professoren und Experten mit neuen Erkenntnissen kommen und man als Bürger zu zeigen hat, dass man die neuesten Wahrheiten verstanden hat und richtig findet.

Familie oder Partnerschaft beruht dagegen oft mehr auf der Zugehörigkeit als Mensch. Ich überprüfe meinen Partner nicht täglich, ob er auf dem neuesten Menschenrechtsstand ist. Zuerst mal gehört man zusammen und arbeitet an gemeinsamen Entscheidungen - unter vielen, gegensätzlichen Möglichkeiten.

Markus Michaelis | Di., 1. September 2026 - 14:54

Harari folgend, der die Evolution heute als Prozess sieht, welche Ideen es schaffen größere und schlagkräftigere Gemeinschaften hervorzubringen - die dann andere Gemeinschaften verdrängen, vielleicht folgender Gedanke:

Gemeinschaften, die sich um abstrakte und als alleinig richtig angenommene Ideen aufbauen, sind erstmal erfolgreich, weil sie viele Menschen integrieren können. Auf Familien begründete Gemeinschaften schaffen höchstens einige zehntausend Menschen - winzig für heutige Anforderungen. Eher geschlossene Religionen mit sehr festen Werten schaffen einige Millionen - auch zu wenig, um global zu bestehen. Nationen, offene Religionen, Menschheitswerte schaffen hunderte Millionen - aber mit zunehmenden Fliehkräften.

Unsere Situation im Moment aus dieser Sicht: wir sind vor dem Schritt ein Menschheitssystem aufzubauen, das alles andere integrieren oder verdrängen wird, aber die Fliehkräfte nehmen dadurch zu?