Seit 100 Tagen abgeordnet

Seit der Bundestagswahl ist auch Carsten Linnemann im Deutschen Bundestag, 32 Jahre alt, alleinstehend, katholisch. Cicero hat ihn in seinen ersten Wochen als Abgeordneter begleitet.

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Nach den ersten hundert Tagen im Deutschen Bundestag sagt der Abgeordnete Carsten Linnemann, CDU: „Ich habe mir den Einstieg schwieriger vorgestellt.“ Er sagt auch: „Ich kann mit meinen 32 Jahren nicht davon ausgehen, dass ich mein ganzes Leben MdB bin.“ Unabhängigkeit zu wahren, sei auch ein Gebot der Klugheit. Unabhängigkeit bewies er, als er in der Frage der Steuerentlastung für Hotels – „ein Beispiel für klare Klientelpolitik“ – sein von der Fraktionsmehrheit abweichendes Abstimmungsverhalten zu Protokoll gab. Anrufe von Hoteliers aus dem Wahlkreis blieben nicht aus. Carsten Linnemann entstammt dem Wahlkreis, in dem einst Rainer Barzel über siebzig Prozent der Erststimmen erzielte. Das ist 45 Jahre her. Paderborn ist wie seit 1200 Jahren Bischofsstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägte das für einige Jahrzehnte auch das politische Bild in diesem Teil Ostwestfalens. Doch 2009 erreichte die CDU hier nur noch 43 Prozent der Zweitstimmen, und Linnemann konnte froh sein, mit 52,1 Prozent der Erststimmen deutlich besser davongekommen zu sein als seine Partei. Jetzt hat er sechs Mitarbeiter in Berlin und Paderborn, alle werden bezahlt aus der Unkostenpauschale. Wer in den Tagen vor Weihnachten durch die Straßen Paderborns ging, in denen die weißen Ein- und Zweifamilienhäuser stehen, konnte hinter den Fenstern mit den dünnen Vorhängen prächtig geschmückte Christbäume sehen. Sie sind nicht mehr dem Heiligen Abend vorbehalten und der Zeit danach, sondern zum saisonbedingten Zimmerschmuck herabgekommen. Erst geschah das in den Kaufhäusern, dann in den öffentlichen Gebäuden, jetzt sind die Privatwohnungen so weit. Wer am ersten Weihnachtstag das Hochamt im Dom besucht, braucht sich nicht mehr auf ein Gedrängel einzustellen. Man hat sich in den vergangenen Jahren an die Frage gewöhnt, ob die CDU noch eine christliche Partei sei. Für Carsten Linnemann muss diese Frage anders gestellt werden und mit einer Vorbemerkung. Ein kluger Prälat aus der Zeit Barzels bemerkte einmal gegenüber einer zugezogenen Protestantin: „Die Paderborner sind gute Katholiken, aber nicht so gute Christen.“ Damals waren mehr als neunzig Prozent der Bürger katholischer Konfession, und sie lebten in scharfer Abgrenzung zu den Protestanten im benachbarten Lippe und Bielefeld. Heute sind nur noch sechzig Prozent der Paderborner Katholiken. Braucht die CDU noch die Katholiken? Carsten Linnemann kommt aus einer Gemeinde auf dem Land. Selbst hier gibt es bereits regional berühmte Gemeinden, die keinen CDU-Bürgermeister mehr haben – vor 45 Jahren eine absurde Vorstellung. In Paderborn ist der Bürgermeister zuletzt gerade noch von jedem vierten Wahlberechtigten gewählt worden. Die Wahlbeteiligung hatte bei fünfzig Prozent gelegen, die Hälfte davon war noch für die CDU erreichbar gewesen. Damit kann die Bundeskanzlerin Angela Merkel im fernen Berlin nichts zu tun gehabt haben. Linnemann führt denn auch das im Wahlkreis desaströse Abschneiden seiner Partei auf die Selbstzufriedenheit langjähriger Mandatsträger in den Rathäusern zurück. Die Prozentzahlen sind zurückgegangen – aber wegen der gestiegenen Zahl der konkurrierenden Parteien erlitten die Christdemokraten keinen Verlust bei den Posten und Pöstchen. Nichts Dramatisches also, doch keine gute Voraussetzung für einen Neubeginn. Bis zu den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen sind es nur noch wenige Monate. Auf dieses Paderborn kann Ministerpräsident Jürgen Rüttgers nicht mehr bauen. Was dieses Paderborn einst für die CDU war, typische Hochburg der Partei, das war Dortmund für die SPD. Die Kohle-, Stahl- und Bierstadt galt im Ruhrgebiet lange Zeit als „Herzkammer der Sozialdemokratie“. Im Rat der Stadt stellen die Sozialdemokraten immer noch die stärkste Fraktion – inzwischen jedoch aufgrund eines Stimmenanteils von 37 Prozent. Ihr Oberbürgermeisterkandidat obsiegte im August 2009 mit 45,5 Prozent der Stimmen, sein Gegner von der CDU erhielt 36,2 Prozent. Bekannt ist Dortmund über Westfalen hinaus heute nur noch wegen des Fußballvereins BVB aus der Ersten Bundesliga, der soeben 100 Jahre alt geworden ist. Gern zitiert wird heute das Wort eines Fußballfunktionärs (Reinhard Rauball), der BVB sei die Herzkammer Dortmunds. Das mag Jürgen Rüttgers schon eher freuen. Die Fußballer aus Paderborn haben es nach Jahrzehnten der Bedeutungslosigkeit in die Zweite Liga geschafft. Sie können sich dort über Lokalderbys gegen Bielefeld begeistern. Ersatz für Verlorenes ist das – noch – nicht. Alte und älteste Mitglieder der CDU sind voll Grimm. Paul Schmandt, jahrzehntelang Einzelhandelskaufmann in der Innenstadt gegenüber dem Rathaus, längst, wie man gegenwärtig gern sagt, die „Legende“ der örtlichen Mittelstandsvereinigung der CDU, vor mehr als fünfzig Jahren für die Junge Union Leiter des Landtagswahlkampfes – damals erreichte die CDU im Land die absolute Mehrheit –, verweist, wenn er ins Schimpfen kommt, auf einige Aktivitäten der Piratenpartei bei der vergangenen Bundestagswahl: Davon könnten sich die eigenen jungen Leute etwas abschauen. Schmandts Nachfolger an der Spitze der in der Partei mächtigsten Vereinigung, der Malermeister Friedhelm Koch, ist damit nicht gemeint. Er hätte Bundestagsabgeordneter werden können, wenn er, um den Begriff Max Webers zu gebrauchen, beruflich „abkömmlich“ wäre. Das ist er aber nicht. Und so wurde es Carsten Linnemann. Der Sohn eines Buchhändlers, der selbst einst Gymnasiasten die Expressionisten aus dem Arche-Verlag, aber auch Heinrich Böll verkaufte, studierte Betriebswirtschaftslehre, dann, inspiriert durch Vorträge des Deutsche-Bank-Managers Norbert Walter, auch Volkswirtschaftslehre. Nach dem Examen bewarb er sich bei diesem als Assistent, bekam die Stelle und blieb ein Jahr. Im Sommer 2007 dann fing er bei der Deutschen Industriebank (IKB) an. Den Beginn der Finanzkrise datiert Linnemann auf den 15. Juli desselben Jahres, Hauptbetroffene zuerst: die IKB. Im Parlament ist der so vorbereitete Abgeordnete, dessen Studienzeit Aufenthalte in London, New York und Hongkong aufweist, Mitglied des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales und dort Berichterstatter für das Thema „Arbeitslosengeld II“. Die ersten hundert Tage in Berlin nutzte er, um Berge von Akten durchzuarbeiten und sich sachkundig zu machen. „Es wird im Plenum dazwischengerufen und geschrien, dass man verrückt werden kann“, resümiert er seine ersten Erfahrungen vor dem hohen Haus. „Wer da nicht absolut sicher im Stoff ist, kommt aus dem Konzept.“ Die Bewältigung dieser Erfahrung durch Erwerben hoher Sachkompetenz steht in krassem Gegensatz zu einer Erfahrung, die er schon als Wahlkämpfer machte, die ihn aber als Redner mit der frischen Autorität eines Bundestagsabgeordneten noch mehr beunruhigt: „Ich kriege keine inhaltliche Auseinandersetzung. Die Menschen interessieren sich gar nicht für die inhaltlichen Aussagen.“ Er verweist auf den stets geschliffenen Auftritt des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und fügt an: „Das Wie ist durchschlagender als das Was.“ Und er setzt rasch hinzu, dass er ein Bewunderer Guttenbergs sei. Man glaubt es ihm ohne Weiteres. Auch Landesteile haben ihre Chefs. Für Linnemann ist das der Abgeordnete aus Minden, Steffen Kampeter, seit 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium. Inhaltlich wird der Paderborner mit dem Mann aus dem Windmühlenkreis jede Auseinandersetzung führen können und wohl auch angeboten bekommen. Bei dem Was allerdings dürfte er es beim Vergleich mit dem stoppelbärtigen Haudegen aus fünf Legislaturperioden schwer haben. Manche Parteifreunde in Linnemanns Wahlkreis haben dem jungen Abgeordneten schon dringend empfohlen zu heiraten. In Berlin wohnt der Paderborner in der Luisenstraße, fußläufig zum Reichstagsgebäude. Kann man sich in Berlin Gedanken darüber machen, was man den Menschen im Wahlkreis über die Politik der CDU erzählt und die eigene Vorstellung davon? Die ersten Erfahrungen nach hundert Tagen werden verarbeitet: „Die Menschen wollen nichts von Gesetzesvorhaben und Statistiken hören. Sie wollen wissen, wie sie in zwanzig oder dreißig Jahren leben werden.“ Müsste nicht, um darüber zu sprechen, Politik eine Lebensaufgabe sein? Berufspolitiker hin oder her – für die Abgeordneten, die einst in Dortmund oder Paderborn überragende Ergebnisse für sich und ihre Partei erzielten, war sie das. Für den Abgeordneten Linnemann ist sie das nicht mehr. Ein hoher Preis für Unabhängigkeit, aber vielleicht unvermeidlich.

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