Republik der Rechthaber - Sarrazin, der Euro und die Brüllaffen

Wieder große Buchstaben, wieder ein Cover in Schwarz, Rot und Weiß: „Europa braucht den Euro nicht“ folgt auf „Deutschland schafft sich ab“. Doch damit gibt sich der Autor Thilo Sarrazin nur der Lächerlichkeit preis. Ein Kommentar

Thilo Sarrazin, Europa braucht den Euro nicht, Deutschland schafft sich ab
(picture alliance) Nehmt die Kinder von der Straße: Apostel Thilo kommt!

Es ist wieder soweit. Zeit, die Kinder von der Straße zu nehmen. Die Luft wird bald erneut bleihaltiger werden in Deutschland. Thilo Sarrazin hat wieder ein Buch geschrieben. Die Ruh‘ ist hin. Seid bereit.

Nach „Deutschland schafft sich ab“ nun: „Europa braucht den Euro nicht“, das gleiche hämmernde Versmaß im Titel, und so viel ist schon angesichts der abermals brüllend großen Lettern  in Schwarz und Rot klar: Zwischentöne und Pastellfarben wird man vergebens suchen in diesem Werk.

Thilo Sarrazin gehört zum festen Personal in der Republik der Rechthaber.  Selbstzweifel oder das Prinzip von These, Antithese und Synthese  liegen einem Rechthaber wie Sarrazin fern.

[gallery:Thilo Sarrazin]

Durch Leute wie Sarrazin hat der politische Diskurs in Deutschland Schaden genommen und nimmt weiter Schaden. Jede Achtung vor dem Argument des Andersdenkenden verschwindet, alles, was zählt, ist die Phonzahl, in der der eigene Standpunkt hinausposaunt wird. Wie die Brüllaffen sitzen die Sarrazins sich in den Bäumen gegenüber und schreien sich an. In den Talkshows, zu denen sie daraufhin unmittelbar eingeladen werden, sitzen sie dann auf Stühlen. Das ist aber nur ein scheinbarer zivilisatorischer Fortschritt. Im Prinzip geht es auf den Sitzmöbeln dennoch zu wie auf den Brüllaffenbäumen.

Aber was soll man machen? Das Rezept geht auf. Man nehme ein Körnchen Wahrheit und vermenge das Ganze mit einem großen Haufen Unsinn. Das wiederum wird in feste Pappendeckel gebunden und in großen Stapeln bei den großen Bücher-Aldis ausgelegt. Und dort abgegriffen.

Gekauft werden diese Bücher wegen des großen Haufens Unsinns, den der Autor sowohl im Buch als auch bei Auftritten und Interviews zu dessen Verkaufssteigerung loslässt. Wie im Falle Sarrazins jenen, dass manche Ethnien genetisch bedingt per se intelligenter sind als andere und Deutschland also infolge der Zuwanderung verdummt. Und all jene, die sich eine kritische Meinung zu Sarrazins Tun erlauben, sich aber verkneifen, das Buch zu kaufen, werden geschurigelt. Auch und gerade wenn es sich dabei um die Bundeskanzlerin handelt.

Lesen Sie weiter, wie Sarrazin sich der Lächerlichkeit preis gibt...

Heißt das im Umkehrschluss, ich muss Sarrazins Buch kaufen, gleichsam als Lizenz, um mitreden zu dürfen. Dahinter könnte man beinahe eine perfide Verkaufsstrategie vermuten. Deshalb: Nein, man muss nicht jeden Blödsinn kaufen und von der ersten bis zur letzten Seite lesen, um sich eine kritische Meinung dazu leisten zu dürfen. Die Kenntnis von Schlüsselsätzen reicht dafür völlig aus.

Gerechtfertigt wird die Verbreitung des großen Haufens Blödsinn jeweils mit dem Körnchen Wahrheit, das sich darin befindet. Im Falle von Sarrazins Deutschland-Abschaffung war das der Umstand, dass die Probleme einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland zu lange gewissermaßen folkloristisch verklärt werden. Bei seinem Anti-Euro Buch dürfte dieser wahre Kern (Untertitel: „Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat“) darin bestehen, dass in der Kindheits- und Jugendphase der gemeinsamen Währung Europas Fehler gemacht worden sind, die sich jetzt rächen.

Wow. Gut, dass wir unsern Thilo haben. Und schlecht, dass Helmut Kohl und nicht er damals die Geschicke unseres Landes gesteuert hat.

[gallery:Eine kleine Geschichte des Euro]

Am Mittwoch dieser Woche hat Sarrazin schon mal ein bisschen auf die Pauke gehauen, damit sich wieder alle an erinnern. Als eine Art Vorgeschmack auf sein Buch hat er bei einer Veranstaltung in Berlin das Ende der DDR als „Notschlachtung“ bezeichnet: „Es war eine Notschlachtung, so wie die Schweine damals gekeult wurden, die keiner mehr essen wollte.“

Herrje, was soll man dazu sagen, ohne seufzend den aktuellen Buchtitel zu variieren: Deutschland braucht den Thilo nicht.

Man möchte verzweifeln. Aber vielleicht erwächst das Rettende ja auch just aus Sarrazin selbst. Denn der frühere Berliner Finanzsenator  wendet das einzige Mittel an, das gegen Sarrazin hilft: Im Überschwang seines Bedeutsamkeitsgefühls zu überdrehen und sich der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das Ende der DDR eine Notschlachtung? Seit Mittwoch ist der Rechthaber Sarrazin auf einem guten Weg, zum Karl Dall des deutschen Politikbetriebs zu werden. 

 

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