RT Deutsch - Keine Angst vor Propaganda

Kolumne: Zwischen den Zeilen. Der staatlich finanzierte Sender Russia Today (RT) sendet nun auch auf Deutsch. Und verzückt die Welt mit lupenreiner Propaganda

Zeigt nur Ausschnitte der Wirklichkeit, RT Deutsch.
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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Der Chefredakteur von RT Deutsch, Iwan Rodionov, hat Recht. Dem Mediennutzer ist einiges zuzutrauen. In einem Interview wehrt sich Rodionow gegen die Propagandavorwürfe gegen seinen Sender von Seiten der „Mainstreammedien“. Er plädiert für den mündigen Medienkonsumenten, der doch selbst entscheiden könne, was Gut, was Böse, was Lüge, was Propaganda sei. Stimmt.

Im Falle von RT Deutsch wird es dem aufgeklärten Nutzer besonders leicht gemacht. Es hat den Anschein, als versuche der Sender, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, den Verdacht, es könne sich hier um echten Journalismus handeln, entgegenzusteuern. Die Themenauswahl, die Gäste, der Moderationsstil sprechen eine eindeutige Sprache: Wir schaffen uns eine eigene Wirklichkeit. Wenig originell sind größtenteils dann auch die „Experten“, die im Studio Rede und Antworten stehen, ein Who is Who abseitiger Welterklärer: Man trifft auf Ken Jebsen, der als Redner bei sogenannten Mahnwachen auftritt und regelmäßig vor Zionisten warnt, auf Christoph Hörstel, einem Ex-ARD-Journalisten, der die CIA für Mitorganisatoren der Anschläge vom 11. September hält, oder auf Wolfgang Gehrcke und Dieter Dehm von der Linkspartei, die selbst in der Linken meist nur müdes Kopfschütteln hervorrufen.

Rodionov ist also Voll und Ganz zuzustimmen: Für den mündigen Bürger geht nun wahrlich keine Gefahr vom deutschen RT-Ableger aus. Allein, wer die Bestätigung seines Weltbildes sucht, ist hier gut aufgehoben.

Der Sender hat den Anspruch, der fehlende Teil des Ganzen zu sein. Gegen dieses Anliegen ist im Grunde auch nichts einzuwenden. Blöd nur, wenn aus dem fehlenden Teil dann selbst ein Ganzes wird. Und eben das ist das Problem, dass RT den Ausschnitt, den es sich sucht, zur Welt erklärt. Das Prinzip ist extreme Selektion: Einzelfälle gelten als repräsentativ, Zusammenhänge werden weglassen, steile Thesen werden als Fragen in den Raum geworfen und so oft es geht, das Wort „vermeintlich“ in die Sätze gestreut. Die Macher folgen der Methode Höhlengleichnis: Nicht umdrehen, ja nicht ins Licht gucken, sondern weiter die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit halten. Platon hätte seine helle Freude.

Ideologie-verstrahlte Kommentarspaltenwirklichkeit
 

Eine weitere Regel lautet, die Themenbreite ja nicht ausufern zu lassen. Zur Abstimmung stehen: USA und Israel haben Schuld, die EU ist unfähig, Russland mag ja vielleicht ein Problem haben, die anderen aber noch ein viel Größeres, der Westen will Krieg bzw. die Medien sind gleichgeschaltet. Und wenn das nicht funktioniert, weil irgend so ein Trottel aus der Redaktion aus Versehen einen richtigen Experten gecastet hat, heißt es durchhalten, die Kritik weghaspeln, wegkommentieren, um die Senderwirklichkeit so gut es geht zu wahren.

Ein Beispiel. Thema: Homophobie. „Russland steht in der Wahrnehmung ganz oben, wenn es um Homophobie geht. Woran liegt das?“ Fragt die Moderatorin. Schalte. Kamera zeigt Außenreporterin. Sie lässt ein paar Berliner Passanten zu Wort kommen, um zugleich die Antwort auf die aufgeworfene Frage höchst selbst zu liefern: Es liege, an der „westlichen Arroganz, mit der wir (sie meint die Deutschen) eine Veränderung von Russland einfordern, wo wir diese Veränderung in den 70er Jahren erst selber geschafft haben.“ Achso.

Schwenk ins Studio. Nur die Haarfarbe ändert sich, der Tenor bleibt: „Wird die Debatte um Schwulenrechte von der Politik instrumentalisiert?“, fragt die Moderatorin rhetorisch. Der Studiogast ist Jörg Steinert, der, zum Schaden des redaktionellen Weltbildes, kluge und russlandkritische Antworten liefert.

Damit dass den notleidenden Zuschauer aber nicht gänzlich verwirrt, bilanziert die Moderatorin zum Abschluss in die Kamera: „Ich möchte dazu nur noch sagen, dass ich in keinster Weise die homophobe Grundstimmung in Russland leugnen oder verteidigen möchte, aber ich glaube nicht, dass wir mit unserer Arroganz auf ein anderes Land blicken, um ihm zu sagen, wie Sie damit umzugehen haben oder nicht.“ Wenn nichts hilft, hilft eine wunderbare Aber-Konstruktion, der gängigste Kniff, um Kritikfähigkeit zu simulieren, um dann im selben Satz alle Kritik von sich zu weisen. Weil also selbst die Suggestivfragen derart hölzern gestellt werden, darf am Ende ein die klare Richtung angebender Holzhammer nicht fehlen.

Damit ist die klassische Definition von Propaganda erfüllt. Denn bei ihr spielt der Wahrheitsgehalt der Information im Grunde keine Rolle. Es geht vielmehr um eine systematische, selektive Auswahl von Information, um die öffentliche Sicht auf ein bestimmtes Ziel hin zu formen, zu manipulieren.

Mit anderen Worten: Wenn Sie sich ein Bild von der Mona Lisa machen wollen, aber nur einen kleinen Ausschnitt ihres Lächelns kennen, sogleich aber eine profunde Meinung über Werk und Künstler abgeben, dann haben sie das Prinzip RT Deutsch verstanden.

Im Grunde aber muss man dem Kreml regelrecht dankbar sein, dass es eine Plattform finanziert, auf der die bauchfühligen Wahrheitsverkünder ihr Herz ausschütten können. Dass die Ideologie-verstrahlte Kommentarspaltenwirklichkeit nun einen eigenen Sender hat, ein Wohnzimmer. Dass man ihnen ein Zuhause gibt. Sie bündelt und ausstellt. So muss man sich die Irrlichter nicht mehr mühsam im Netz zusammensuchen, sondern bekommt sie auf einen Klick serviert. Putin sei Dank.

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