Zur Kritik an Richard David Precht - Wie politisch ist Künstliche Intelligenz?

Die Künstliche Intelligenz verschiebt die Grenzen des Machbaren. Richard David Precht kritisiert das in seinem aktuellen Buch. Zu Unrecht, wie der Neurobiologe Kuno Kirschfeld in einem Gastbeitrag für „Cicero“ monierte. Hier antworten ihm zwei Politikwissenschaftler.

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Kann man Künstlicher Intelligenz trauen? / dpa

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Dr. Pascal D. König ist Politikwissenschaftler im Projekt „Deciding about, by, and together with algorithmic decision-making systems” und am Center for Ethics and Digital Society (CEDIS) an der TU Kaiserslautern.

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Dr. Markus B. Siewert ist Politikwissenschaftler an der Hochschule für Politik an der TU München. Hier arbeitet er u.a. zu Fragen der politischen Steuerung und zu nationalen Governance-Ansätzen in Bezug auf Künstliche Intelligenz und Digitalisierung.

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Es ist nicht einfach, neutral und nüchtern über Künstliche Intelligenz (KI) zu sprechen, ist sie doch Gegenstand wirkmächtiger Projektionen. Für einige birgt KI die Möglichkeit, den Traum einer egalitären Gesellschaft herbeizuführen oder zumindest die Lebensqualität der Menschen mit einem Quantensprung zu verbessern. Andere hingegen verbinden mit KI zuvorderst Ängste, die bis zur Vision des völligen Kontrollverlusts und der Versklavung durch Maschinen reichen. Dabei hilft es nicht gerade, dass die öffentliche Wahrnehmung von KI stark von populärkulturellen Bildern á la „Terminator“ oder „2001: Odyssee im Weltraum“ geprägt ist.

Wie aufgeladen die Debatte über KI ist, zeigt sich auch in Kuno Kirschfelds zuletzt in Cicero erschienenem Kommentar, in dem er sich am jüngsten Buch des Populär-Philosophen Richard David Precht abarbeitet. Grundsätzlich ist es nachvollziehbar, dass KI-Forscher irritiert sind, wenn Precht als gelernter Germanist plötzlich in deren Territorium wildert und ihnen zudem ein bestimmtes Menschenbild unterstellt – zumal Precht mit seinen Äußerungen an einigen Stellen durchaus über das Ziel hinaus schießt und seiner Argumentation mehr Schattierungen und ein solideres Fundament gut getan hätten. Kirschfeld beschließt sein Fazit damit, dass Precht gerade wegen seiner unzutreffenden Beschreibung zu einer negativen Einschätzung von KI komme. Doch ist das nicht ebenfalls vereinfachend: Hieße das nicht im Umkehrschluss, dass eine zutreffende Bewertung des gesellschaftlichen Nutzens von KI zwangsläufig positiv ausfallen muss?

Wer bekommt was, wann und wie?

Ein zentraler Kritikpunkt Kirschfelds an Precht ist, dass er die Profitgier und das wirtschaftliche Interesse bei der Entwicklung von KI-Technologien überbetont – eine Fehleinschätzung, die vor allem aus Prechts Fokus auf die USA und deren Technologieförderlandschaft resultiere. Mit der Situation in Deutschland sei diese nicht vergleichbar. In der Tat bestehen erhebliche Unterschiede in den Wirtschaftsmodellen, doch spielen ökonomische Interessen bei der Technologieentwicklung auf beiden Seiten des Atlantiks eine bedeutende Rolle.

Für den Wirtschaftsstandort Deutschland und Europa ist die Bedeutung von KI-Technologien kaum zu überschätzen. KI ist Kernelement von Wertschöpfung, die auf Daten als zentralem Rohstoff fußt – und eben diese Wertschöpfung wird zunehmend wichtig. Die EU spricht schon seit einigen Jahren von Daten nicht nur als neuem Öl, sondern als Schlüsselressource für den künftigen Wohlstand der Gesellschaften.

So verzeichnet die Datenökonomie, wie die EU sie nennt, beachtliche Wachstumsraten von bis zu 12 Prozent im Jahr 2017. In Zeiten beinahe stagnierenden Wachstums im OECD-Raum lassen solche Zahlen aufhorchen. Im Wettbewerb um Wohlstand können es sich Regierungen kaum leisten, einem wachsenden Technologiesektor, allen voran der KI, Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Man muss nicht Wladimir Putin zustimmen, wonach derjenige die Weltherrschaft erlangt, der zuerst den Durchbruch im Bereich der KI vollbringt. Aber es ist klar: Es geht um sehr viel, auch darum, als Industrienation nicht abgehängt zu werden.

Cyber Valley und die Wirtschaft

Insofern ist das deutsche Cyber Valley nicht einfach nur eine beachtliche Einrichtung deutscher Spitzenforschung im Bereich KI, sondern auch eine Antwort auf das Silicon Valley im Standortwettbewerb. Selbstverständlich wird im Cyber Valley Grundlagenforschung betrieben, die nicht primär wirtschaftlichen Interessen dient. Doch am Ende dürfte es selbst bei Anwendungen wie dem von Kirschfeld angeführten Tischtennis spielenden Roboter darum gehen, welche Geschäftsmodelle damit möglich werden.

Wie der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, es ausdrückt: „Für die internationale Wirtschaft und die industriellen Wertschöpfungsketten bedeutet [KI] einen grundlegenden Strukturwandel. Mit unserem Beitritt zum Cyber Valley werden wir gemeinsam mit unseren Partnern die Forschung und den Transfer von der Wissenschaft in den Markt vorantreiben, um gemeinsam das Potenzial dieser Schlüsseltechnologie voll auszuschöpfen und den Standort Deutschland auch im internationalen Wettbewerb zu stärken.“

Künstliche Intelligenz als Wirtschaftsfaktor 

Klar ist in jedem Fall, dass wirtschaftliche Interessen mit KI-Forschung eng verflochten sind – enger als es sicherlich an einem germanistischen oder philosophischen Institut Praxis ist. Allgemein gehaltene Missionsstatements zu guten Vorsätzen der KI-Entwicklung sind daher im Kontext harter Interessen zu sehen, welche auch die Politik prägen.

So verkündete etwa der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek mit Blick auf die KI-Entwicklung in USA und China, „dass in Deutschland aus ethischen Bedenken nicht abermals eine Zukunftstechnologie verhindert werden dürfe“. Man sollte damit nicht unterstellen, dass Jarzombek gegen Ethik ist. Vielmehr dürfte seine Aussage von der Aussicht geleitet sein, dass es der Wirtschaftsnation Deutschland insgesamt schlechter gehen wird, wenn sie in puncto KI abgeschlagen ist.

Zielgerichtete Werbung

Ähnliches Denken findet man auch andernorts. Der Manager Jan Oetjen etwa betonte in einer Sitzung des Digitalausschusses im Bundestag die Wichtigkeit, mit der US-Konkurrenz mithalten zu können. Er verwies auf die Bedeutung der personalisierten Online-Werbung – die eine schwache Form von KI nutzt: „Wenn Sie nicht zielgerichtete Werbung ausspielen, verdienen Sie gerade mal ein Zehntel von dem, was ein Anbieter verdienen wird, der diese Werbefläche mit Profildaten anreichern kann“.

Damit liefert er zumindest indirekt eine Rechtfertigung, dass bestimmte Geschäftsmodelle möglich sein sollten, sodass Unternehmen rentabel arbeiten können. Das liegt nahe an einer Mentalität, wie zuletzt von Facebook gegenüber Apple geäußert, wonach bestimmte Geschäftsmodelle schon deshalb erlaubt sein sollten, weil sonst kein Profit mehr damit zu machen ist. Wer meint, ein solches Denken finde sich ausschließlich in den USA, irrt also.

Wie man Menschen mit KI manipuliert 

Kurzum: Das Szenario, dass bestehende Anreizlagen dazu führen, gesellschaftliche Werte und ethische Prinzipien zugunsten wirtschaftlicher Interessen mindestens sukzessive aufzuweichen, ist nicht so weit hergeholt, wie es laut Kirschfeld den Anschein hat. Zwar dürften die allermeisten KI-Anwendungen wohl unbedenklich sein, etwa wenn sie dazu beitragen, Produktionsprozesse zu verbessern.

Problematisch wird es aber potenziell dort, wo KI direkte Konsequenzen für Individuen oder gesellschaftliches Zusammenleben hat. Gerade bei solchen Anwendungen ist zu beobachten gewesen, dass sie nur allzu schnell dazu dienen, den Menschen berechenbar zu machen, um ihn steuern zu können. Shoshana Zuboff dokumentiert etwa ausführlich, mit welchem Elan Unternehmen lernende Systeme dazu eingesetzt haben, um Verhalten von Menschen vorherzusagen und so ihr Konsumverhalten zu beeinflussen.

Google und Apple beeinflussen die Gesetzgebung 

Zu meinen, dass KI-Entwicklungen schon deshalb zum Wohle der Gesellschaft geschehen werden, weil neben der Wirtschaft und Politik auch die Wissenschaft in Ethikräten oder anderen Gremien involviert ist, mutet naiv an. Eine solche Auffassung ist sogar gefährlich, insofern sie gegenüber den strukturellen Zusammenhängen, Interessenlagen und Verflechtungen blind ist.

Wir wissen, dass Interessensverbände der Wirtschaft über weitaus größere Mittel verfügen als andere Interessen. Tech-Giganten wie Apple oder Google beschäftigen ein Heer von Lobbyisten, um die Gesetzgebung zu beeinflussen. Wenn dann beispielsweise ein Philipp Amthor mit der KI-Firma Augustus Intelligence zusammenarbeitet, und sich hier sicherlich der ein oder andere auch die Klinke in die Hand gibt, geschieht dies nicht automatisch schon zum Wohle der Gesellschaft.

Ballistische Raketen im Hinterhof 

Mit Blick auf Forschung selbst muss man zwar nicht gleich die Gefahren prometheischen Strebens dramatisieren, doch kommt dieses Motiv auch nicht von ungefähr. So wissen wir etwa von KI-Pionier Marvin Minsky und seinen Jüngern, wie sie in ihrem Erfindergeist immer wieder Grenzen überschritten, bis hin zum Test ballistischer Raketen im Hinterhof von Freunden. Freie Forschung heißt zwar Grenzen des Machbaren zu verschieben, doch wie bei anderen Technologien wie der Atomkraft oder Biogenetik, ist auch bei KI zu hinterfragen, ob alles technisch Mögliche auch gesellschaftlich unproblematisch ist.

Jener Geist à la Minsky mag dabei nicht nur auf dem Boden des Silicon Valleys gedeihen. Dies gilt ebenso für eine verengte Sicht, welche verschiedenste Probleme rein technologisch lösen will und dabei gesellschaftspolitische Perspektiven ausblendet. Wenn etwa KI-Systeme zur Überwachung und Steuerung von Lernverhalten in der Schule genutzt werden, dann ist eine Seite davon eine rein technische und lässt sich als Optimierungsproblem begreifen. Ist das Problem erst so definiert, geht es nur noch darum, wer die besten Mittel zu seiner Lösung findet. Ob dieser Ansatz überhaupt sinnvoll ist und was die leitenden Ziele sind, kann die Wissenschaft aber nicht beantworten, sondern nur Gesellschaft und Politik.

Der Fokus der Wissenschaft liegt auf der Ethik   

Daher sollte die Frage erlaubt sein, ob der Wissenschaft allein eine verantwortliche Entwicklung von KI anvertraut werden kann, ohne gleich als Wissenschaftsgegnern gebrandmarkt zu werden. Es ist schon diskutabel, inwieweit Wissenschaft fähig ist, eine völlig interessenlose Sicht einzunehmen. So geht etwa Stuart Russell, eine Koryphäe auf dem Gebiet der KI-Forschung, hart mit seiner Disziplin ins Gericht und stellt ihr ein schlechtes Zeugnis für die Qualität ihrer eigenen Debatten aus. Diese zeige eine Reihe bedenklicher Tendenzen, von Formen der Verleugnung über Ablenkung und Beschwichtigung bis hin zu purem Wunschdenken.

Zudem überwiegen in der Wissenschaft Stimmen, die möglichst wenige Schranken setzen wollen, um Innovationen zu fördern und gegenüber anderen Staaten nicht ins Hintertreffen zu geraten. Auffällig ist auch eine Fokussierung auf ethische Anforderungen an KI, während Positionen für eine stärkere Regulierung weniger prominent vertreten sind. Ethik ist nicht verkehrt, aber gerade weil sie so offenkundig positiv besetzt ist, sprechen Wissenschaftlern wie Karen Yeung bereits von ethics washing. Ähnlich sieht Paul F. Nemitz, Berater der EU-Kommission und Mitglied der deutschen Datenethikkommission in der Betonung auf Ethik einen cleveren Schachzug der Industrie, um von Fragen verbindlicher Regulierung abzulenken. Dies sollte Bürger:innen wie Wissenschaftler:innen aufhorchen lassen.

Mögliche Antworten auf bestehende Herausforderungen

Man mag Precht dafür kritisieren, nur oberflächlich an Fachdebatten etwa zu Ethik und Regulierung von KI anzuknüpfen. Doch muss man anerkennen, dass er das Thema öffentlich sichtbarer macht. Dies betrifft zugleich das Argument Kirschfelds, dass die KI-Forschung an Orten wie dem Cyber Valley auf die „Akzeptanz durch die Öffentlichkeit angewiesen“ sei. Damit dieser Mechanismus greift, bedarf es aber eines öffentlichen Bewusstseins für die negativen und positiven Potenziale von KI und dafür, was auf dem Spiel steht.

An diesem Bewusstsein, mit dem sich eine Gesellschaft das Thema KI eher zu eigen machen könnte, mangelt es jedoch. Digitalpolitik und KI sind bislang kaum politisiert – obwohl sie als Megatrends mit massiven Folgen für künftiges gesellschaftliches Zusammenleben gelten. Dies ist bedeutsam, weil bei wenig politisierten Themen der Anreiz für die Politik gering ist, sich an der öffentlichen Meinung zu orientieren. Unter solchen Bedingungen findet Politikgestaltung hintergründig statt, und es können sich Partikularinteressen mit engen Verbindungen zur Politik eher durchsetzen, während diffuse Interessen, wie jene der Konsumenten, weit weniger schlafkräftig sind. Umso wichtiger ist ein realistischer Blick auf die Verflechtung von wirtschaftlichen und politischen Interessen, um zu begreifen, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird und wie dieser Prozess aktiv gestaltet werden kann.

EU ist fast eine tragische Gestalt

Hierbei geht in der öffentlichen Debatte etwas unter, dass für viele Herausforderungen eine Palette von Lösungsangeboten schon auf dem Tisch liegt. Die Anzahl der Beiträge zu ethischen Prinzipien sowie regulatorischen Anforderungen an KI ist geradezu explodiert. Neben wissenschaftlichen Beiträgen finden sich darunter auch Vorschläge von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Stiftungen sowie Berichte und Empfehlungen, die auf EU- wie auf nationaler Ebene formuliert wurden. Die EU ist dabei eine fast tragische Gestalt. Die EU-Kommission und das Europäische Parlament haben intensiv an Initiativen und Berichten gearbeitet, wie der Umgang mit KI und Daten im Interesse der Bürgern zu regeln ist – doch wer bekommt davon schon etwas mit? Schaut man sich an, wie das Europäische Parlament Daten und KI behandelt, so geht es dort keineswegs nur um wirtschaftliches Interesse. Und die Expertise, auf der die Arbeit des Parlaments beruht, ist fundiert und transparent nachlesbar.

Spannend bleibt, inwieweit die vorhandenen politischen Ideen tatsächlich umgesetzt werden. Margarete Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerb und Digitales, betont, dass wir uns an einer Weichenstellung befinden: „What we want to create is a society where technology serves humans, where humans are empowered, where humans are in control. […] We have one generation to do this. This is now.” Das öffentliche Interesse am Thema KI ist derzeit vergleichsweise günstig, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren und breitere Debatten zu führen. Aber dieses Fenster wird sich wieder schließen.

Der Sinn des Lebens

Sicher ist: Unabhängig von öffentlichen Aufmerksamkeitszyklen zu KI, die es seit den 1950er Jahren gibt, werden Entwicklung und Einsatz von KI voranschreiten. Wie der bereits erwähnte Stuart Russell schreibt, sind die erwarteten Umsätze mit KI-Innovationen so exorbitant groß, dass es für Firmen rational ist, viel Geld in die Forschung und Entwicklung zu stecken – auch ohne hieraus kurz- oder mittelfristig Profit zu ziehen.

Das ist im Übrigen keineswegs per se schlecht; im Gegenteil, so soll es auch sein. Wirtschaftlicher Wettbewerb und die Aussicht auf Gewinne sollen Anreize schaffen, Innnovationen zu entwickeln, welche einen Nutzen für Menschen und Gesellschaft produzieren. Letztlich darf man sich aber auch fragen, inwieweit KI-basierte Anwendungen und Technologien tatsächlich zur Lebenszufriedenheit beitragen werden.

Die empirische Glücksforschung zumindest lehrt uns, dass wirtschaftliches Wachstum (allein) in den offenbar weitgehend saturierten Industrienationen kaum noch zu mehr Glücksempfinden führt. Das ist aber eine andere Frage, eine, die tatsächlich an „den Sinn des Lebens“ rührt und deren Beantwortung wir gerne anderen überlassen.

Manfred Sonntag | So, 24. Januar 2021 - 18:48

Ein sehr interessanter Artikel. Ich habe aber ein Problem mit dem Begriff "Künstliche Itelligenz(KI)" für Algorithmen und Programme, selbst wenn sie in bestimmten Bereichen selbstlernend sind. Ich denke, dass hat mit Intelligenz nichts zu tun. Die KI mit personalisierender Werbung geht mir schon jetzt auf den Wecker. Gefährlich wird es, wenn die KI die Menschen manipulativ beeinflussen soll. Das könnte beispielsweise bei Wahlen oder anderen schwerwiegenden Entscheidung fatale Folgen haben, egal wer manipulieren will. Aber was soll es, wir sind in den letzten Jahren nicht einmal in der Lage die Bundesbahn sicher durch eingleisige Strecken fahren zu lassen. Immer wieder werden Lokführer, Stellwerkmitarbeiter etc. auf Grund ihrer Unaufmerksamkeit für falsche Weichenstellungen oder überfahrenen Rot-Signale schuldig gesprochen. Die Diskussion dazu könnte auch unter dem bekannten Titel "Überholen ohne einzuholen" erfolgen.

Vielleicht sind die Leute, die sich mit personalisierter Werbung beschäftigen, einfach zu dumm. Andernfalls könnte man auf die Idee kommen, dass um KI nur deshalb so schrecklich viel Hype gemacht wird, weil man damit Forschungsgelder bekommen kann.

Wie auch immer, jedes Mal, wenn ich einen Online-Kauf getätigt habe, bekomme ich auf meinem Laptop kiloweise Werbung für genau den bereits gekauften Artikel. Oder einen sehr ähnlichen. Oft noch am selben Tag.

Erstens nervt das, und zweitens widerspricht es aller Logik. Ich bin doch sicher NICHT motiviert, gleich noch einmal denselben Artikel zu kaufen und brauche nur noch einige weitere Anstöße durch Online-Werbung.

KI wird mMn sehr überschätzt. Es muss in den 50er Jahren gewesen sein als Marvin Minsky, der große Promoter von Artificial Intelligence und Cognitive Science, vorhersagte, dass es nur noch ein paar Jahre dauern würde, bis maschinelle Übersetzung einwandfrei funktionieren würde. Das gibt es aber heute immer noch nicht.

Will man Information & geistige Bildung fördern,
oder will man Manipulieren. Bei letzteren muss man es nur genügend wiederholen. Also Quantität. 999 Sender, in denen (überspitzt) 99% manipulierter geistiger Datenmüll gesendet wird. Jedenfalls war selbst das DDR-Fernsehen informativer & geistreicher, auch wenn diese der Propaganda-Maschinerie der Partei unterlag.

Man hätte eben doch nicht den riesigen Werbeslogan am Hochhaus gegenüber an der jüdischen Synagoge in Dresden entfernen sollen:
DER SOZIALISMUS SIEGT (oder wie ihr Spruch, Herr Sonntag).

Und dieser sogenannte "Fortschritt" kann uns auf die Füße fallen. Vergleich Winter 1978-79 zu heutzutage:
KEIN Strom bedeutet heutzutage:
KEIN (!!!) Wasser, Abwasser, Telefon, Medien & Kommunikation jeglicher Art, keine Lager sowie keine Versorgung der Bevölkerung & hinzu ein "Kleinkarierter Katastrophenschutz", der eine Katastrophe ist,
wenn wir nicht neue Wege einschlagen.
Aber bitte ohne Experimente des Sozialismus & Monopolkapitalismus

Karl-Heinz Weiß | So, 24. Januar 2021 - 18:53

”KI verschiebt die Grenzen des Machbaren“.
Diese Sorge ist unbegründet-Deutschland entdeckt während Corona gerade die Grundlagen der digitalen Welt, beschäftigt sich aber sofort mit allen denkbaren Problemen der KI. Genau das ist der Unterschied zu anderen Weltregionen, in denen schon vor längerer Zeit Faxgeräte ins Museum wanderten.

Albert Schultheis | Mo, 25. Januar 2021 - 09:24

In reply to by Karl-Heinz Weiß

ich kann Ihnen nur zustimmen! Ich erinnere nur an eine Diskussionsrunde in einem deutschen Ministerium zu Berlin, das sich zu einer Vorreiterfunktion in Sachen Digitalisierung bereit erklärt hatte, in der der Begriff "Mouse Click" problematisiert wurde, weil er nicht den Anforderungen der amtlichen deutschen Sprachpuritaner entsprach. Bei meinem späteren "Ausflug" ins deutsche Schulsystem scheiterten meine Bemühungen, meinen Unterricht zu digitalisieren (mit eigenem Laptop!), schon allein an den eher profanen Hindernissen, wie dem Herbeischaffen vor und Wegschaffen nach dem Unterricht eines Rollwagens für den Beamer sowie am Fehlen einer geeigneten Projektionsfläche in den total beengten Klassenzimmern. Bei einer Besprechung wagte ich, den Begriff "Qualitätsprozess" zu benutzen, worauf ich von einer Phalanx von Lehrer*Innenkolleg*Innen angegiftet wurde, wir hätten es mit "SuS" zu tun (also mit Schüler*Innen und Schülern) und nicht mit Maschinen! So viel zum Clash of "KI" meets Germany!

René Maçon | Mo, 25. Januar 2021 - 09:01

"Ethik ist nicht verkehrt, aber gerade weil sie so offenkundig positiv besetzt ist, sprechen Wissenschaftlern wie Karen Yeung bereits von ethics washing."

Das Einzige, was die wissenschaftliche Beschäftigung mit "Ethiken" bisher gezeigt hat, ist der Nachweis, dass es kein Verfahren gibt, eine allgemeingültige Ethik zu beweisen.

Passt auch ganz gut zu GG Art. 4. Alles andere muss über Gesetze geregelt werden.

Auch die Frage, ob Wirtschaftswachstum geben soll, ist letztlich eine persönliche. Denn Wirtschaftswachstum ist nichts anderes als das aggregierte Streben einzelner Menschen nach Einkommenswachstum.

Ob das der Grund ist, weshalb soviele Wokies Wirtschaftswachstum verbieten wollen?

Juliana Keppelen | Mo, 25. Januar 2021 - 09:49

der wichtigste in diesem Bericht.
"Die empirische Glücksforschung lehrt uns zumindest, dass wirtschaftliches Wachstum allein......". Die wichtigste Frage ist, brauchen wir all den virtuellen und realen Plunder um als Menschen zufrieden und glücklich zu sein?

Walter Bühler | Mo, 25. Januar 2021 - 13:24

... wenn Philosophen, Politologen und interessierte Laien über Künstliche Intelligenz (KI) diskutieren.

In der SF leben uralte Ängste fort: Geister, Riesen, der Golem, Dr. Faust und Dr. Frankenstein und noch einiges mehr. Hier wird das gruselige Vergnügen an der Apokalypse und an unverständlicher Gewalt literarisch für den psychischen Hausgebrauch aufbereitet.

In der Fantasy-Literatur wird all das mit skurrilen historischen Rückblenden gemischt. Wie Halloween und die Kataloge für LEGO-Spielzeug zeigen, suchen diese schaurig-grusligen Phantasien heute schon unsere Kinder heim.

Da außerdem Informatik und Mathematik nicht zu den beliebtesten Hobbies in Deutschland zählen, kann man sich leicht ausrechnen, auf welchem sachlichen Niveau eine Diskussion verlaufen muss, in der Politologen und Philosophen über KI diskutieren.

Die Wortprägung "Künstliche Intelligenz" ist eben sehr schlecht gewählt und leistet in jeder Diskussion nur einen Bärendienst.

Natürlich sind Wissenschaft und Philosophie zwei getrennte Kontinente. „KI“ als System wird Arbeitsplätze mit stereotypischen Tätigkeiten verändern, denn sie kann eine hohe Komplexität von Daten verarbeiten. Dafür wird sie programmiert. „KI“ wird ebenso zurechnungsfähig und handlungsfähig in der Produktion werden, ebenso in der Optimierung von Steuerungsprozessen (Energie, Verkehr, etc.).

Die Gefahren der Zentralisierung von Machtmonopolisierung durch „KI“ ist jedoch erkannt. Das wird in Demokratien politisch neu gestaltet werden müssen. Insofern ist die „Künstliche Intelligenz“ sehr politisch.

Menschliche und soziale Intelligenz wird die „KI“ nicht ersetzen können (der Mensch hat „Stopp-Regeln“). Von daher bleiben ebenso Vorhersagen über das menschliche Verhalten, als Reaktion auf diese Moderne, offen.

Im Schlusskapitel seines Buches erwähnt Precht auch sinnvolle Einsatzmöglichkeiten der KI: "KI zeigt Menschen eben nicht nur ihre Grenzen auf, sondern auch ihre Stärken." (S. 162) Diese guten Zwecke können nur erreicht werden, wenn die Technologie "KI" weiterentwickelt und auch gelehrt wird.

Aber wie der Titel schon ankündigt, wird im größten Teil des Buches gepredigt, dass KI das sinnvolle Leben bedroht. Das ganze Buch argumentiert im apokalyptischen Panorama der Klimakatastrophe und der vom Menschen ausgelösten ökologischen Zerstörung der Lebenswelt, wobei Prechts Horror-Gemälde sich mehr aus Facetten der SF zusammensetzt als mit den Details der technologischen KI.

Der Leser wird in der Summe vor der teuflischen KI gewarnt. Das dürfte zur Abschreckung von diesem Studium beitragen, und mit den "bösen" werden auch die "guten" Anwendungen der KI in Deutschland kaum mehr auf Interesse unter den Studenten stoßen.

Tomas Poth | Mo, 25. Januar 2021 - 18:09

KI ist hoch politisch weil es alle Lebensbereiche des Menschen betrifft oder zukünftig betreffen wird.
Wird es genutzt um unser Leben zu verbessern/erleichtern, unsere Freiheitsgrade zu erhöhen, oder machen wir uns zu Sklaven weil wir in immer stärkere Abhängigkeit zu den Spezialisten gebracht werden die die Algorithmen entwickeln, bis diese sich vielleicht sogar verselbstständigen. Ein Feuer kann jeder noch selbst entzünden um sich zu wärmen oder eine Suppe zu kochen. Was aber wenn man beim Online-Hilferuf in die endlos Warteschleife geschickt wird?