Bärbel Bas
Will mit ihrer Kompromisslosigkeit den Koalitionspartner demütigen: Arbeitsministerin Bärbel Bas / picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopr

Rentenstreit in der Koalition - Will die SPD überhaupt regieren?

Im derzeitigen Rentenstreit zeigt sich nicht nur ein Machtkampf innerhalb der schwarz-roten Koalition, sondern auch ein strategisches Manöver der SPD – und ein erstaunliches Versagen der Union.

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Wolfgang Kubicki ist stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender und war Bundestagsvizepräsident. (Foto: dpa)

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Der Rentenkonflikt der Regierung verläuft im Moment zwischen Kanzleramt und Unionsfraktion. Das ist bemerkenswert, aber als überzeugter Parlamentarier, der ich über dreieinhalb Jahrzehnte in diesem Land sein durfte, sehe ich darin allein keinen politischen Weltuntergang. Im Gegenteil: Hier zeigt sich die Machtverteilung, wie sie von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes gewünscht war. Gesetzgeber ist nicht das Bundeskabinett, sondern der Deutsche Bundestag. Entscheidungskompetenz beinhaltet dabei auch die Pflicht der gewissenhaften Prüfung, und das ist eine komplizierte Angelegenheit im Spannungsfeld zwischen eigenen Überzeugungen und Loyalität zur eigenen Fraktion und Regierung – wenn es hart auf hart kommt, sogar zwischen Gewissen und Staatsräson. 

Denn einerseits ist die Freiheit der Abgeordneten nicht ohne Grund ein verfassungsmäßig abgesichertes Recht, andererseits wird eine politische Kraft nur regierungs- und gestaltungsfähig sein können, wenn ihre Abgeordneten diese Freiheit in Loyalität zu ihrer Fraktion ausüben und jeweils sorgsam abwägen. Auflösen kann man dieses Spannungsfeld – wie so oft im Leben – nur durch Kommunikation. Diese passiert in der Regel nicht öffentlich. Das ist in diesem Fall nicht mehr möglich. Und das liegt an einem bemerkenswerten Manöver der SPD und einem geradezu beispiellosen Dilettantismus der Union.

Um das Manöver der SPD richtig einordnen zu können, muss man einen Blick in den Koalitionsvertrag von Union und SPD werfen. Dort ist der Kompromiss zur Rente klar umrissen: „Wir werden die Alterssicherung für alle Generationen auf verlässliche Füße stellen. Deshalb werden wir das Rentenniveau bei 48 Prozent gesetzlich bis zum Jahr 2031 absichern.“ Alles über das Jahr 2031 hinausgehende soll einer Rentenkommission vorbehalten sein. Man kann das inhaltlich bewerten, wie man mag, aber der vereinbarte zukünftige gesetzliche Rahmen für das Rentenniveau ist damit völlig unzweideutig umrissen. 

Trotz Koalitionsvertrag sprach Merz ein Basta-Wort zugunsten der SPD

Das ficht Arbeitsministerin Bärbel Bas allerdings nicht an, und sie legte einen Gesetzentwurf vor, der auch Aussagen zum Rentenniveau nach 2031 trifft, in der Gesetzesbegründung wie folgt zusammengefasst: „Auch nach 2031 liegt das Rentenniveau um rund einen Prozentpunkt höher als im geltenden Recht.“ Vom Koalitionsvertrag gedeckt war das nicht. Aber siehe da: Das Vorgehen der Arbeitsministerin wurde aus ihrer Sicht belohnt. Das Kabinett winkte den Entwurf durch. Auch das ist kein Beinbruch, denn die gesetzgeberische Verantwortung liegt ja beim Parlament und den Fraktionen. Genug Zeit, um in dem von der Verfassung vorgesehenen Rahmen den Willen von Abgeordneten, Koalition und Parteien zu synchronisieren.

Ja, richtig gelesen: von den Parteien. Fraktionen sind die parlamentarischen Arme der Parteien. Die Parteien sind nicht die zivilgesellschaftlichen Arme von Regierung und Parlamentariern. Koalitionsverträge werden daher von Parteien und nicht von Fraktionen oder gar dem Bundeskabinett besiegelt. Irgendwie scheint Friedrich Merz das vergessen zu haben, denn trotz Koalitionsvertrag und sehr absehbarem Dissens mit mindestens einem Teil seiner Fraktion und seiner Partei sprach er ein Basta-Wort zugunsten der SPD. Die SPD wiederum konnte ihr Glück kaum fassen und erhöhte auf „Alles oder nichts“: Entweder das Gesetz kommt wie von Bärbel Bas in ihrem Haus erarbeitet – oder gar nicht. In Boulevard-Medien werden solche ultimativen Ansagen gerne mit einem kurzen lautmalerischen Wort kommentiert: Rumms!

Die SPD führt den Rentenwahlkampf einfach weiter

Gerummst hat es dann auch gewaltig – und zwar in der Union selbst. Machtpolitisch kann man der SPD nicht einmal einen Vorwurf machen, denn das strategische Unvermögen von Friedrich Merz und Jens Spahn hat diesen Ball der SPD auf den Elfmeterpunkt gelegt. Bloß bleibt in der Diskussion über den Koalitionszoff völlig unterbeleuchtet, welchen Nutzen die SPD aus einem solchen machtpolitischen Manöver – nicht einmal ein Jahr nach der Bundestagswahl – ziehen will. Niemand hätte der SPD einen Vorwurf machen können, wenn sie sich auf die im Koalitionsvertrag vereinbarte Linie zurückgezogen hätte. Aber sie sucht die offene Demütigung des Koalitionspartners. Und das wirft abseits aller verfassungstheoretischen Überlegungen über Gesetzgebungshoheit die Frage auf: Will die SPD überhaupt bis 2029 mit der Union regieren?

Die SPD unter Lars Klingbeil versucht schon lange, aus dem Rententhema parteipolitischen Erfolg zu pressen. Beispielsweise im letzten Wahlkampf, als der damalige Kanzler in sehr unappetitlicher Weise die Renten mit der Unterstützung für die Ukraine verknüpfte. Der Erfolg dieser Kampagne war mäßig, wie wir inzwischen wissen. Aber Lars Klingbeil scheint an einen späten Erfolg dieser Strategie zu glauben. Anders ist nicht zu erklären, dass er just in dem Moment, als der Kanzler sich auf dem Deutschlandtag der Jungen Union nach allen Regeln der Kunst für seine falsch verstandene Koalitionstreue grillen lassen musste, vom Landesparteitag der SPD in Baden-Württemberg munter Öl ins Feuer kippte und verkündete: An diesem Gesetz wird nichts mehr verändert. Die SPD führt den Rentenwahlkampf – nur kurz unterbrochen von den Koalitionsverhandlungen – einfach weiter. Aber wer einen Wahlkampf führt, spielt auch mit der Möglichkeit, dass schon bald wieder gewählt werden könnte.

Dazu passen auch weitere öffentliche Auftritte von namhaften SPD-Politikern in dieser Woche. Nicht nur Bärbel Bas ließ keinen Zweifel an ihrer Kompromisslosigkeit. In der Talkshow von Markus Lanz saß am Dienstag Karl Lauterbach und unterstellte den Kritikern an dem Gesetzentwurf Verschwörungstheorien. Kurz zuvor erweckte er auf X noch den falschen Eindruck, den Kritikern unter den Unionsabgeordneten gehe es um eine Kürzung der Renten.

Die SPD hat Friedrich Merz schon bei der Kanzlerwahl blamiert

Nach dreieinhalb Jahren mit der SPD in einer Koalition weiß ich um das zunehmend bizarre Politikverständnis, das sich dort breitgemacht hat. Aber politischer Erfolg misst sich nicht in der maximalen Demütigung des Koalitionspartners, selbst wenn er so laienhaft agiert wie Friedrich Merz. Die SPD hat Friedrich Merz schon bei der Kanzlerwahl blamiert, als er nicht die nötigen Stimmen erreichte. Bei der „Stadtbild“-Debatte haben sich namhafte Sozialdemokraten an die Spitze derer gesetzt, die den Kanzler ganz bewusst missverstehen wollten. Beim sogenannten „Herbst der Reformen“ haben sie ihm nicht einmal den Anschein gegönnt, er habe sich mit diesem Vorhaben in irgendeiner Art und Weise durchsetzen können. Die Sozialdemokraten spielen ein falsches Spiel zulasten der Gestaltungsfähigkeit dieses Landes – nicht erst in dieser Koalition.

Derweil eskaliert der Rentenstreit auch in der Gesellschaft, und Vertreter verschiedener Generationen überziehen sich wechselseitig mit Vorwürfen. Das ist keine zwangsläufige Entwicklung, sondern Resultat einer Politik, die diese Konfrontation sucht und will. Der Weg aus dieser Sackgasse ist eine große, umfassende und strukturelle Rentenreform. Eine, bei der der Einfallsreichtum über höhere Zuschüsse hinausgeht. Eine, die mehr Geld durch die kapitalgedeckte Säule erwirtschaftet und in der das Renteneintrittsalter flexibilisiert wird. 

Diese strukturelle Reform wird aber nicht kommen, solange diese SPD weiter regiert. Dabei ist doch klar, dass kein Politiker in Deutschland gegen auskömmliche und gute Renten argumentieren wird. Es geht hier um politisches Handwerk und weniger um politische Überzeugungen. Die SPD ignoriert das und übersieht zudem, dass sie den Rentenniveau-Überbietungswettkampf schon lange gegen die AfD verloren hat. So bleibt die SPD, was sie schon in der Ampel war: die politische Organisation der Reformblockade.

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Urban Will | Sa., 22. November 2025 - 09:17

Merz und die Union so lange demütigen, bis die Sache kollabiert, die Brandmauer fällt und dann den dreckigsten Lagerwahlkampf aufziehen, den größten Kulturkampf ("gute" Sozialdemokratie als – wieder – letztes Bollwerk gegen die Nazis, zu denen dann auch die CDU gehört), den dieses Land je gesehen hat.
Darin sehen sie wohl ihre letzte Chance, der Einstelligkeit zu entgehen und ihre Bodentruppen stehen parat, wie man immer wieder, schon bei den kleinsten Anlässen (so jetzt etwa die Gewaltdrohungen gg Hotels in Gießen wg. d AfD) sieht.

Leider gibt es viele Dumme in diesem Lande, die diesen Dreck glauben.
Aber: dieser Kulturkampf ist unvermeidlich. Wenn dieses Land nicht komplett von den Sozen diktiert und in den Untergang gebracht werden soll, muss er geführt werden.
Und je länger die feige Union zögert, desto schlimmer wird das ganze.
Daher: weg mit Merz (der kann das nicht, der ist der größte Feigling), neue Leute an die Spitze, Brandmauer weg und zs. mit den Blauen auf in den Kampf.

Nun, was steht dem Linken Lager gegenüber ? Die abgewirtschafteten Grünen mit 12%? Die „rote Heidi“ von den SED- Erben in der gleichen Preisklasse ? + eine um die 15% dümpelnde SPD ergeben knapp 40%.
Dem gegenüber stehen Union und AfD zusammen mit gut 50% wobei ü AfD die Verluste der Union (CDU) locker auffängt.
Die entscheidende Frage ist für mich, was passiert mit der CDU beim Fall der BM ? Was sagen deren Mandatsträger und wie reagieren deren Wähler ?

Da die derzeitige Schieflage Deutschlands, erkennbar fast für jeden Wähler, in der Grün linken Politik der letzten 20 Jahren hat, und die Probleme jeden Tag mehr werden und in fast jedem Portmonee merklich spürbar ist, glaube ich einfach nicht, das sich am „Vorsprung“ des bürgerlichen Lages aus Union & AfD gegenüber dem linken Block etwas ändert.
Was nicht zu unterschätzen ist, ist der Einfluss der Wirtschaft.
Das Herr Müller nicht der Einzige ist, der mit Frau Weidel speist, dürfte auch klar sein.
MfG aus der Erfurter Republik

Gerade letzte Woche hatten die bei NIUS das Thema. Und ja, ich bin auch überzeugt, die SPD will regieren. Aber anders als die Union es glaubt. So lange mit Merz bis es geht. Danach raus aus der Koalition und dann mit dem Rest linker Parteien als stärkste Partei eine linke Regierung bilden und der UNION weiterhin die Brandmauer aufschwätzen. Die wollen eine DDR 2.0 und das wird auf Dauer nicht mit den Schwarzen gehen, auch wenn Merz sich unterwirft, da sind einfach zu viele unbekannte in der Rechnung.

Maria Arenz | Sa., 22. November 2025 - 09:44

bekommt für mich in diesen Tagen einen ganz andern, einen schrecklichen Sinn. So ein elendes Ende der dritten, der Berliner Republik, hätte ich mir trotz meiner grundsätzlichen Neigung zu Pessimismus nicht vorstellen können. Der Handlungsspielraum für die von Kubicki skizzierte Rentenreform, die das System hätte zukunftsfest machen können, war zeitlich und finanziell seit den Nuller Jahren ja durchaus vorhanden und die Notwendigkeit, es anzupacken, lag auch offen zutage. Wer es warum nicht angegangen ist, wissen wir. Die Dame kaut weiter an ihren Fingernägeln und beckmessert unter Beifall unserer so genannten Qualitätsmedien vom Spielfeldrand aus. Bei Fortbestand der in der Sache idiotischen und demokratisch völlig unverantwortlichen Brandmauer kann sich ihr Liebling Hendrik schonmal warmlaufen. Für den Job als Kellner in einer SPD-Linke/Grün- CDU-Koalition. Zuständig für's Nachfüllen der Wassergläser.

hätten wir dann nach Schröder, Merkel, Scholz und Merz schon den fünften SPD-Kanzler (m/w/d) in Folge. Wenn die Brandmauer bleibt, wird es so kommen. Das fürchte ich auch.

IngoFrank | Sa., 22. November 2025 - 11:44

Auftretens der SPD wie „der Maz am Troge“, unschuldig.

Die Erfindung der Brandmauer, damit die Eindämmung der Koalitionsmöglichkeiten der Union, war nun mal eine „Erfindung“ Merkels die auf der rot grünen Leimspur sich hat fangen lassen !
Das das ein großer strategischer Fehler war, weil wirklich „Alle“ davon ausgingen, dass sich die AfD selber erledigt.
Allerdings war Merz als Parteichef & als Kanzler die „Hoffnungsfigur“ für „links ist vorbei“ ! Das er diese Hoffnungen in keiner Weise erfüllt hat, sich von der SPD & Grünen erpressen ließ um Kanzler zu werden und „zu bleiben“ kann er niemand anderen als sich selbst anlasten.
Das ist das Problem ganz unabhängig v Merz als Person. Hält die CDU den zu erwartenden medialen Druck beim Abriss der BM aus um sich aus der links grünen Koalitionsumklammerung zu lösen, oder sieht die CDU weiterhin tatenlos zu, bis die AfD keinen Koalitionspartner mehr braucht. Sie muss sich bald entscheiden sonst ist vorbei mit CDU und Merz
MfG a d Erf Rep

Wolfgang Borchardt | Sa., 22. November 2025 - 13:26

SPD nur kurze Messer, aber kontinuierlich zugestochen, hat die CDU bald garnichts mehr zu sagen. Dann. Ist der Weg frei für Rot- Rot - Grün und der ökonomische Zusammenbruch rückt näher.

Bernhard Marquardt | Sa., 22. November 2025 - 14:22

Mal in den Spiegel blicken:
„als überzeugter Parlamentarier, der ich über dreieinhalb Jahrzehnte in diesem Land sein durfte“, haben es sämtliche Regierungen einschl. derer, an denen die FDP beteiligt war, nicht geschafft, die Rente auf eine solide und zukunftsfähige Basis zu stellen.
Trotz der Blüm's „Die Rende is sischä“ war der Generationenvertrag damals bereits gescheitert. Und jeder mit einem abgeschlossenen Hauptschulabschluss kann das nachrechnen. Die verantwortlichen(?) Politiker wissen das natürlich alle, aber seit mehr als einer Generation will niemand die heiße Kartoffel Rente anfassen.
Aus Angst vor dem Wähler(un-)willen traut man sich nicht, dem Volk hinsichtlich der ohne 130 Md. Steuerzuschuss längst zahlungsunfähigen Rentenversicherung reinen Wein einzuschenken. Die heutige Regierung treibt die Rosstäuscherei einfach weiter.
Zu Lasten der kommenden Generationen, die aller Voraussicht nach zu den Schulden die Renten der Alten zukünftig nicht mehr stemmen können werden.