Zwischen Rassismus und autoritärem China - In der Unordnung liegt die Kraft

Gegen die USA mit ihrem unbewältigten Rassismus gehen auch Bürger der Bundesrepublik auf die Straße, den chinesischen Digital-Stalinismus nehmen sie gleichgültig hin. Das ist ein Kompliment für die USA. Denn man protestiert nur dort, wo es Hoffnung auf Einsicht gibt.

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Anti-Rassismus-Proteste in Leipzig: Warum ausschließlich gegen die eine, die westliche Macht, die den Widerstand als Grundrecht und Freiheit garantiert? / dpa

Autoreninfo

Frank A. Meyer ist Journalist und Kolumnist des Magazins Cicero. Er arbeitet seit vielen Jahren für den Ringier-Verlag und lebt in Berlin.

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Ein Land im Krieg. Mit sich selbst. Der Präsident mobilisiert Soldaten. Gegen das Volk. Die Weltmacht Amerika erschüttert. Durch den Widerstand der Amerikaner.

Durch den Tod eines Schwarzen, herbeigeführt von einem Polizisten, der sein Knie auf den Hals des Festgenommenen drückte, obwohl er röchelte: „Ich kann nicht atmen!“ Bis der Mann erstickte. Das Video, das diesen mörderischen Polizeieinsatz zeigte, provozierte Bürgerinnen und Bürger im ganzen Land: zu Demonstrationen, zu Gewalt in heillosem Zorn, auch zu Gewalt um der Gewalt willen. Und immer wieder dieser Präsident, der das Chaos auch noch anheizt: durch seinen Irrwitz. Amerikas Unordnung!

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Markus Michaelis | Di, 21. Juli 2020 - 12:08

Es stimmt, diesen Aspekt gibt es auch, dass man gegen die USA überhaupt protestiert, weil es letzlich ein Teil von "uns" ist, man sich verantwortlich fühlt und Besserung für möglich hält. Das ist ein wichtiger Aspekt, aber nur ein Aspekt.

Ein anderer Aspekt ist etwa, dass das privilegierte Hollywood, Sillicon Valley, die Sportmillionäre und New York gegen das White Privilege der abgehängten Rednecks und Kleinbürger in den Flyover-States auf die Straße geht (was von der passenden Seite betrachtet richtig ist, aber es gibt auch viele andere Seiten).

Menschen sind nicht immer stark darin das Ganze oder Standpunkte der anderen Seite zu sehen - und wer mangels Blickweite 100% im Recht ist, tritt schnell nicht nur für Freiheit ein, sondern trampelt auf anderen Menschen herum und zerstört das notwendige Vertrauen in einer Gesellschaft.

Das gilt sicher für alle Seiten, nur kann ich die "strukturell bessere" Welt in dem Ganzen noch nicht so sicher ausmachen.

Kai Hügle | Di, 21. Juli 2020 - 17:55

In reply to by Markus Michaelis

Ihre Beschreibung, Ost- und Westküsten-LIberale sowie Sportmillionäre gehen gegen das weiße Prekariat auf die Straße, halte ich für falsch. Hier wird gegen Polizisten demonstriert, die wehrlose Tatverdächtige umbringen und Politiker, die nichts gegen diese Zustände unternehmen oder sie sogar aktiv unterstützen. Die Adressaten des Protests sind also, unabhängig von Herkunft und sozialem Status, Amerikaner, die Landsleute aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminieren.
Ich würde Ihnen aber insofern zustimmen, dass (nicht nur) in der amerikanischen Gesellschaft realer sozialer Abstieg und Abstiegsängste einen Nährboden für Rassismus und Gewalt darstellen; speziell für Menschen, die mit den Modernisierungsprozessen der letzten 20 bis 30 Jahre nicht Schritt halten konnten und die man mehr oder weniger sich selbst überlassen hat. Darin liegt ein enormes Konfliktpotential, auf dem Trump seine politische Karriere begründet hat und das er bis heute ausbeutet. Extrem gefährlich, dieser Mann...

Andre Möller | Di, 21. Juli 2020 - 12:33

ist dann die höchste Form der Freiheit? Der Beitrag ist unterkomplex. Nur eine Beschwörungsformel oder das Pfeifen im Walde...

Hans Jürgen Wienroth | Di, 21. Juli 2020 - 12:54

Ist Trump wirklich so ein schlechter Präsident? Zugegeben, er ist der Anti-Politiker schlechthin. Er wäre jedoch ohne seine unkonventionellen Methoden nie an die Macht gekommen. Was hat er bislang Schlechtes getan?
Er wehrt sich gegen unfaire Machenschaften der chin. Führung. Ist das falsch? Er will keinen wirtschaftsschädigenden, CO2-reduzierenden Industrieumbau, während China, Indien und andere als sogen. „Entwicklungsländer“ ein Kohlekraftwerk mit billigem Strom nach dem anderen neu ans Netz bringen.
Er fordert von Deutschland, sich an der Verteidigung Europas angemessen zu beteiligen, damit er im pazifischen Raum ein Gegengewicht zur aggressiven chin. Führung aufbauen kann.
Er greift bei den Rassismusunruhen hart durch. Wer die Zahlen der (kriminellen) Gewalt in den USA kennt, weiß, dass diese oft von Nicht-Weißen ausgeht. Seine politischen Gegner wollen das mit Appeasement regeln. Geht das? Zeigen nicht die Vorfälle in Stuttgart, Frankfurt & Co., dass dieser Weg nichts bewegt?

Urban Will | Di, 21. Juli 2020 - 13:04

Ein Paradoxon der Geschichte, dass sich brutale Systeme am besten dadurch gg. Widerstand „schützen“ und so, wie Sie sagen, für „Ordnung“ sorgen, dass sie extrem brutal dagegen vorgehen.

Auch im Dritten Reich sah man keine „Demos“, woraus viele der Obermoralisten heutiger Tage vom bequemen Sessel aus den Schluss ziehen, dass mehr oder weniger die Gesamtheit der Deutschen Hitler zustimmte.
Man vergisst hierbei sogar, dass es vor Hitler keinen Hitler gegeben hatte und ab der Reichskristallnacht am 9.11.38 die Verfolgung und Vernichtung der Juden und andere Gräueltaten ohne medialen Aufwasch „still und leise“ erfolgten.

@ Lenz und Co.: das soll hier nichts „entschuldigen“...

Zurück zum Artikel: Die linksgrüne Szene hat ggü den USA schon immer Beißreflexe. Das wäre ja hinzunehmen, aber es ist ein Fluch, dass diese Szene einen Großteil der Medien durchsetzt hat.

So fehlt für den neutralen Beobachter der neutrale Berichterstatter.
Man muss sich geradezu nach Alternativen umsehen.

Und unsere Regierung kann mit einem solchen System die "besten" Geschäfte machen. Die sog. westlichen Werte gelten nur für Trump, Orban oder die polnische Regierung, aber nicht für XI Jinping. Der hat ja eigene Werte. Unsere links-grünen moralinsauren Ideologen sollten dort mal für ein Jahr "Probe " wohnen, mal schauen wie sie am eigenen Leib erfahrend danach unterwegs sind. Danach in die USA und eine Runde auf Trump schimpfen, wenn sie da noch hinkommen. Vielleicht haben die in China auf unsere Linken gerade gewartet und feiern sie als "Volksbefreier" und behalten sie dort. Hätte ich nichts dagegen.

Christa Wallau | Di, 21. Juli 2020 - 13:20

Ja: Freiheit kann nur in einer gewissen Unordnung gedeihen bzw. der Tod der Freiheit ist eine alles beherrschende, staatliche Ordnung. Andererseits: Ohne staatlichen Ordnungsrahmen wird Freiheit zur Willkür der Starken / Unverschämten.
Mitten drin liegt der Idealzustand: Ausgewogenheit zwischen Un-Ordnung und Zwangs-Ordnung.
Dieser Zustand ist schwer zu erreichen u. noch schwerer zu erhalten.
In Deutschland hatten wir 1989/90 eine Lage, die dem Ideal nahe kam: Die Freiheit hatte sich Bahn gebrochen, ohne daß ein ein Chaos entstand. Ein seltener Glücksfall der Geschichte!
Wir bekamen die äußere Einheit unseres Staates geschenkt, u. nun standen uns alle Optionen offen, unseren freiheitlich-demokratischen Staat zu pflegen u. ihn gedeihen zu lassen.

Leider haben die wenigsten Deutschen 1990 begriffen, worin jetzt ihre wichtigste Aufgabe bestand: Die i n n e r e Einheit herzustellen! D. h.: GEMEINSAM tragfähige Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Freiheit u. Ordnung zu entwickeln.

Jürgen Keil | Di, 21. Juli 2020 - 16:59

Ja Herr Meyer, die Welt ist ambivalent. Zu China und Hongkong; wie sagen unsere Berliner Politiker so gern, „bin ich bei Ihnen“. Ihren Worten, der „linksliberalgrünen Szene samt Antifa fällt nichts ein“, widerspreche ich. Die wissen schon genau was sie wollen, sie wollen es nur nicht so offen sagen. Zur Rassismusproblematik: Nein, die deutschen Demonstranten gehen weniger wegen der amerikanischen PoCs (ich habe diese Abkürzung nicht erfunden), sondern wegen eines „alltäglichen Rassismus“ in Deutschland auf die Straße, und nicht nur gegen diesen, nein sogar gegen den, der vor hundert Jahren noch Zeitgeist war. Kann man ja tun, bringt uns das aber weiter? Ich hoffe, Ihre Kritik an der rotumrandeten „gelben Gefahr“, wird Sie nicht auch noch in Rassismusverdacht bringen.

Hans Jürgen Wienroth | Di, 21. Juli 2020 - 17:04

Ist Trump wirklich so ein schlechter Präsident? Zugegeben, er ist der Anti-Politiker schlechthin. Er wäre jedoch ohne seine unkonventionellen Methoden nie an die Macht gekommen. Was hat er bislang Schlechtes getan?
Er wehrt sich gegen unfaire Machenschaften der chin. Führung. Ist das falsch? Er will keinen wirtschaftsschädigenden, CO2-reduzierenden Industrieumbau, während China, Indien und andere als sogen. „Entwicklungsländer“ ein Kohlekraftwerk mit billigem Strom nach dem anderen neu ans Netz bringen.
Er fordert von Deutschland, sich an der Verteidigung Europas angemessen zu beteiligen, damit er im pazifischen Raum ein Gegengewicht zur aggressiven chin. Führung aufbauen kann.
Er greift bei den Rassismusunruhen hart durch. Wer die Zahlen der (kriminellen) Gewalt in den USA kennt, weiß, dass diese oft von Nicht-Weißen ausgeht. Seine politischen Gegner wollen das mit Appeasement regeln. Geht das? Zeigen nicht die Vorfälle in Stuttgart, Frankfurt & Co., dass dieser Weg nichts bewegt?

Gisela Fimiani | Di, 21. Juli 2020 - 18:04

„Amerika, dich hasst sich‘s besser“ gilt seit dessen Gründung. Warum sollte man sich da an China „abarbeiten“? Ai Wei Wei‘s Außenblick ist interessant. Freiheit scheint hierzulande eher negativ konnotiert zu sein. Da kann das „ordentliche“ China wohl eher punkten.

Es hat recht wenig mit Amerika-Hass zu tun, wenn man gegen Rassismus bzw. jemanden wie Trump demonstriert, dessen Politik in vielerlei Hinsicht anti-amerikanisch ist.
Die Erklärung, die Meyer für die hiesige Gleichgültigkeit gegenüber der chinesischen Diktatur anbietet, scheint mir plausibel.

Christoph Kuhlmann | Mi, 22. Juli 2020 - 01:55

Milieu gegen Diktatoren? Im Gegenteil, die Schrecken des real existierenden Sozialismus, die Ausbeutung der Werktätigen, ihre Unterdrückung und Knebelung durch faschistoide Staatssicherheitsstrukturen wurden global als sozialer Fortschritt auf dem Weg ins Paradies des Proletariates gefeiert. Es ist ja diese seltsame Melange aus Sozialismus und Freibeuterkapitalismus, die heutzutage mit dem Etikett links-liberal versehen wird. Da werden unter dem Stichwort Globalisierung die katastrophalen Arbeitsbedingungen in vielen Schwellenländern nur dann wahrgenommen, wenn deren Märkte in den entwickelten Ländern liegen und man den heimischen Distributoren dafür die "Schuld" geben kann. Da regt sich dann auch keiner auf, wenn ganze Belegschaften von Facharbeitern entlassen werden und durch Lohnsklaven im Rahmen von Werkverträgen ersetzt werden, wie in der deutschen Fleischindustrie vor Jahrzehnten. Das nennt sich dann Outsourcing und wird von Analysten hoch geschätzt.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 22. Juli 2020 - 09:54

wäre das Ihre Interpretation des Satzes von Nietzsche aus dem Zarathustra "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können"?
Ein Problem des Buches ist die Verzweiflung und Sehnsucht, in der Nietzsche es schrieb.
Die Sprache gerät dadurch manchmal gewaltig.
Ich werde nicht aufhören und nicht satt davon, ihre Liebe aufzuzeigen.

Günter Johannsen | Mi, 22. Juli 2020 - 10:30

Die Migranten sind inzwischen das Ersatz-Proletariat, weshalb
auch Linke, Grüne und sogar Linksextremisten mittlerweile für Merkel kämpfen, weil die sich für offene Grenzen einsetzt und sich somit für eine der wichtigsten Forderungen des linken Lagers stark macht.

Albert Schultheis | Mi, 22. Juli 2020 - 11:30

in der Unordnung lag noch niemals die Kraft, sondern nur eben - die Unordnung. Und diese ging in aller Regel mit Chaos, Rechtlosigkeit, Gewalt und Zerstörung einher. Bis sich der neue Hegemon, der neue Bully, Despot und Diktator durchgesetzt und die meisten Waffen in seine Verfügungsgewalt gebracht hat. Dann kehrt Law and Order ein und es ist Schluss mit der "schöpferischen Kraft" der Unordnung.