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Potsdam - Kopf-an-Kopf-Rennen ums Direktmandat

Potsdam gehört zu den spannendsten deutschen Wahlkreisen. Die Direktkandidaten von SPD, Linke und CDU liefern sich ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen. Cicero Online war vor Ort

Autoreninfo

Studiert Politikwissenschaften in Hamburg und hat unter anderem für die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

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Potsdam-Drewitz, ein Jugendtreff in einer Plattenbausiedlung. Der Veranstaltungssaal ist schlicht, die Wände aus Beton. Direkt gegenüber des Eingangs, auf der Empore, hängt ein knallgelbes Banner mit dem Motto des Club 18: „Besser isses“. Darunter hocken ein paar Teenager in Jeans und schwarzen T-Shirts, einige gucken skeptisch. Denn heute Abend sind nicht sie die Hauptgäste. Sondern die sechs Politiker, die ebenerdig rechts daneben sitzen – auf orangefarbenen Plastikstühlen.

Sie tragen Blazer, Pumps und Ralph-Lauren-Hemd, wirken in der lockeren Atmosphäre ein wenig deplaziert. Hinter ihnen hängen ihre Wahlplakate. Die Direktkandidaten des Wahlkreises 61 sind zu einer Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl geladen.

Es ist ein nervenzehrender Schlagabtausch.


„Was soll das sein?“ herrscht die CDU-Politikerin Katherina Reiche den Kandidaten der Piraten an, als dieser ein „einziges Rentenmodell“ und bedingungsloses Grundeinkommen fordert. „Darüber reden wir, wenn wir an der Regierung sind“, gibt Cornelius Everding mit einem lammfrommen Lächeln zurück.

Alles, was vor dem 22. September stattfindet, ist Kaffeesatzleserei, ruft Norbert Müller von der Linken, etwas gereizt. Als er über die Einführung einer Millionärssteuer spricht, geht FDP-Frau Jacqueline Krüger, deren petrolgrünes Haar sich mit dem grasgrünen Blazer beißt, auf Müller los. Die Sozialdemokratin Andrea Wicklein glaubt, dass sich die von Müller geforderte Angleichung der Renten auch negativ auswirken könnte.

Weder der Moderator noch das Publikum kommen in der Diskussionsrunde richtig zu Wort. Die Mahnung, man möge sich doch an die Redezeit halten, geht ungehört unter. sollen sich die Kandidaten auch den Fragen der Bürger stellen – und der anwesenden Erstwähler. Auf der Empore döst einer der Jugendlichen auf seinem Stuhl.

Dabei geht es auch um ihre Themen: Die CDU-Kandidatin Katherina Reiche etwa hält die Bildungsmisere in Potsdam für ein klares „Systemversagen“ der rot-roten Regierung. „Schwachsinn“, entgegnet die Grüne Annalena Baerbock. Vor Aufregung fegt Pirat Everding seine leere Wasserflasche vom Tisch.

Der Schlagabtausch widerlegt die These, die etablierten Parteien näherten sich programmatisch immer weiter einander an.

Letztes Mal lag die SPD nur noch knapp vorne.


Im Wahlkreis 61, der neben Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam unter anderem Teltow, Kleinmachnow und Werder umfasst, ist noch alles möglich. Seit 1990 gewinnt hier die SPD das Direktmandat, bei den letzten drei Wahlen war Andrea Wicklein erfolgreich. 2009 allerdings wurde es denkbar knapp für sie. Die Linke lag mit 28,6 Prozent für ihren damaligen Kandidaten Rolf Kutzmutz nur hauchdünne 205 Stimmen hinter den Sozialdemokraten.

Als alteingesessener Potsdamer und Beinahe-Bürgermeister von 1993 war Kutzmutz beliebt bei der traditionell eher links orientierten Bevölkerung. Aber auch die CDU konnte zuletzt deutlich aufholen. Mit 24 Prozent hinkt sie zwar immer noch ein wenig hinterher. Aber weniger als fünf Prozentpunkte Abstand zur Konkurrenz sind auch kein völlig unrealistischer Kraftakt mehr. Außerdem gehört Katherina Reiche seit den 90ern zum festen Polit-Inventar in Potsdam. Mit gerade einmal 25 Jahren und einem fertigen Chemiestudium an der Universität Potsdam zog Reiche 1998 erstmals in den Bundestag ein. Heute ist sie Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium.

Potsdam als ostdeutsche Boomtown ist prädestiniert dafür, sich permanent neu zu erfinden. Die Spannung zwischen preußischem Erbe, früherer SED-Hochburg und prosperierender Universitätsstadt mit Luxus-Zuzug lässt alle Möglichkeiten zu: Von der links orientierten brandenburgischen Metropole, bis hin zum prunkvollen Wohnviertel für reiche Berliner mit Hang zum Wilhelminischen Kulturgut. In den vergangenen Jahren sind viele Menschen nach Potsdam gezogen, die der Stadt nach und nach einen neuen Charakter verleihen könnten.

So ist auch der Wahlkreis 61 im Wandel begriffen. Der ehemalige SED-Funktionär Kutzmutz hat sich zurückgezogen. Dadurch hat die Potsdamer Linke ein starkes Zugpferd verloren. Stattdessen tritt nun Norbert Müller an. Unkonventionell, mit Dreitagebart, die Haare im Nacken zusammengebunden. Der junge Lehramtsstudent, Jahrgang 1986 und junger Familienvater, ist trotz langjähriger Mitgliedschaft bei der Linksjugend und in der Partei weniger profiliert als sein Vorgänger. Das könnte ihm am Wahltag zum Verhängnis werden. Trotzdem habe er gerade innerhalb des letzten Jahres einen regelrechten Aufschwung erlebt, erzählt er. Vom unbekannten Newcomer zum kompetenten Ansprechpartner. Mittlerweile wird er sogar auf der Straße erkannt. „Die Leute wenden sich gezielt an mich“, sagt er. Vor allem in der Hochschulpolitik und im soziokulturellen Jugendmilieu hat sich Müller einen Namen gemacht.

Der Straßenwahlkampf liegt nicht jedem


Ein paar Stunden vor der Veranstaltung im Club 18 steht Norbert Müller, zusammen mit einer Handvoll Wahlkampfhelfer, auf dem Platz der Einheit. In der Potsdamer Innenstadt haben sie einen kleinen Infostand am Rande des Parks aufgebaut. Sie wollen mit den Passanten ins Gespräch kommen. Ein idealer Standort sei das wirklich nicht, gibt Müller zu, der dem strahlenden Sonnenschein zum Trotz ein schwarzes Hemd und eine lange Hose trägt. Viele Touristen und Jugendliche sonnen sich auf der Wiese, wenige Einheimische kommen vorbei. Müller versucht mit einem älteren Mann Schritt zu halten. Der gibt nach, lässt sich einen Infoflyer in die Hand drücken. Auf ein Gespräch scheint er aber keine Lust zu haben.

Ich bin ein schrecklich ungeduldiger Mensch“ verrät der linke Direktkandidat 18. Er kommt schnell zum Punkt, redet sachlich, präzise, hakt die Punkte, die ihm wichtig sind, der Reihe nach ab, ohne dabei oberflächlich zu wirken. Selten sieht man ihn lächeln. Es sei ein „anspruchsvoller Wahlkampf“ für ihn. 

Die distanziert wirkende Katherina Reiche scheint für den Straßenwahlkampf weniger gemacht. Trotzdem ist sie nicht zu unterschätzen. Ihrer Rhetorik ist vom Plenarsaal-Sprech gefärbt. Die dreifache Mutter, stets im eleganten Blazer und mit perfekt sitzendem dunkelbraunen Bob, weiß sich Gehör zu verschaffen. Im Club 18 mag ihre harsche, zuweilen oberlehrerhafte Art befremdlich wirken, gerade für das jüngere Publikum. Das buht bei Reiches Feststellung: „Wenn die Löhne sich gut entwickeln – und das tun sie – dann wird es auch Überschüsse in den Rentenkassen geben“. Beim älteren, vorwiegend männlichen Teil kommt die 40-Jährige dagegen gut an. D

ie Herren im Anzug nicken zufrieden. Das macht sich auch im Wahlverhalten bemerkbar. Seit Ende der 90er Jahre hat sich Reiche um sechs Prozentpunkte gesteigert. In diesem Jahr könnte sie die Sozialdemokraten und die Linkspartei packen, auch deswegen, weil die CDU bundesweit deutlich vorne liegt. Mit dieser Rückendeckung fällt es ihr leicht, Forderungen nach einem höheren Spitzensteuersatz oder nach einer Millionärssteuer erbarmungslos abzuschmettern.

Müller hat keine Rückendeckung. Dass er so gar nicht von seinem Standpunkt abweichen will, reizt die Gemüter. Als er sich darüber beschwert, wie ungerecht es sei, wenn Unternehmen lediglich 25 Prozent Steuern zahlen müssten, wird es einem Mann im Publikum zu viel. Er springt auf, arbeitet sich umständlich durch die Stuhlreihen bis zum Podium herunter. Der Moderators rügt ihn, der Anzugträger bleibt mit drohend verschränkten Armen an der Seite stehen. Die Jugendlichen stoßen sich gegenseitig mit den Ellbogen an und lachen. Müller indes verzieht keine Miene. Er bleibt dem Slogan treu, der auf dem Plakat hinter ihm steht: „Sozial, auch nach der Wahl“.

 

Ganz anders dagegen agiert die 55-jährige Andrea Wicklein. Podiumsdiskussionen im größeren Kreise, bei denen die Kandidaten ihren Standpunkt möglichst knapp und publikumswirksam vertreten sollen, liegen ihr nicht sonderlich, räumt sie ein. Die Sozialdemokratin im SPD-roten Blazer, die bereits drei Mal über das Direktmandat in den Bundestag kam, legt mehr Wert auf persönliche Gespräche. Ein klarer Vorteil ist ihr mittlerweile hoher Bekanntheitsgrad. Als die Mauer fiel, war sie 31, teilte das Schicksal vieler Ostdeutscher, plötzlich ohne Arbeit dazustehen. Noch dazu als alleinerziehende Mutter. Das macht sie für einen Wahlkreis, in dem zu den wichtigsten Themen die Angleichung der Ost-West-Renten und der Kampf gegen den Niedriglohnsektor gehören, zu einer vertrauenswürdigen Ansprechpartnerin. „Ich bin eher der ruhige Typ, gehe auf die Menschen zu und höre zu. Das ist meine Mentalität“, sagt sie.

Die Linke könnte einen Teil ihrer Wähler an Wicklein verlieren


Sie bevorzugt den direkten Kontakt mit den Bürgern, beispielsweise beim Haustürwahlkampf. Sie wirbt in Potsdam jedoch nicht nur für sich selbst, sondern ausdrücklich auch für die Grünen. „Das ist auf alle Fälle ein rot-grüner Wahlkampf“, sagt sie. „Wir machen das massiv“. Das ungewöhnliche Angebot der Sozialdemokraten lautet daher: Erststimme für Wicklein, Zweitstimme für die Grünen.

So vielfältig die Themen sind, an denen man sich reibt, so unabwägbar ist deren Relevanz für den Wähler. Zwar treten der Wohnungsnotstand und Bildungsfragen als Hauptsorgen der Potsdamer klar hervor – wem die Wähler jedoch eine Lösung zutrauen, ist schwer zu prognostizieren. Der starke Zuzug von Besserverdienern und traditionellem Bürgertum könnte die Wählerschaft insgesamt ein Stück in Richtung CDU und Katherina Reiche treiben. Denn die steigenden Mieten verdrängen sozial schwache Bürger.

Das Rennen wird sich in erster Linie zwischen CDU und SPD entscheiden. Die Linke wird vermutlich nach dem Rückzug Kutzmutz‘ nicht völlig einbrechen. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass ein gewisser Teil der linken Wählerschaft zu den Sozialdemokraten abwandert. Wicklein darf sich also durchaus optimistisch geben und darauf setzen, dass sich die Zuzügler der Potsdamer Tradition anpassen und eher ins Mitte-Links-Lager tendieren. Müller dagegen hat sich vorsorglich schon eine entspannte Einstellung zugelegt: „Ich werde nicht in Tränen ausbrechen, wenn ich nicht gewählt werde.
 

 

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