Ursula von der Leyen - Das Röschen geht in die Verteidigung

Ursula von der Leyen wird die erste Verteidigungsministerin der Bundesrepublik. Als unser Reporter Constantin Magnis von der Leyen im Sommer porträtierte, stieß er auf eine Frau, die in ihrer eigenen Welt lebt, die Parteifreunde gegen sich aufbringt. Wie wurde sie so? Ein aktualisiertes Porträt

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wird erste deutsche Bundesverteidigungsministerin
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Constantin Magnis ist Chefreporter bei Cicero

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Ursula von der Leyen ist vier Jahre alt, als sie ihrer Mutter von einem sonderbaren Traum erzählt. Darin sagt sie: „Vater im Himmel, ich breche die Wolken! Und ich brach die Wolken! Und da sagte ich: Vater im Himmel, ich breche die Tür! Und ich brach die Tür! Als die Tür gebrochen war, schwebte ich dem Himmel entgegen, und ich wurde ein Engel. Kleine braune Flügel hatte ich, und eine kleine, weiße Unterhose …“

Was Heidi Adele Albrecht, Frau des späteren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, da 1963 von ihrer Tochter notiert, liest sich wie ein Bild für deren spätere politische Reise. Wo andere sich Jahrzehnte nach oben arbeiteten, vollzieht Ursula von der Leyen in wenigen Jahren ihren himmelfahrtsähnlichen Aufstieg an die Spitze der CDU. Auf dem Weg nach oben, so schien es, brach jede Tür, die sie beschlossen hatte einzurennen, selbst wenn die eigene Partei von innen dagegendrückte.

Aber jetzt, kurz vor der Wahl, hat sie einen entscheidenden Punkt erreicht. In einer inzwischen von Kronprinzen völlig bereinigten CDU wirkt die Arbeitsministerin auf einmal wie die Einzige, die Merkel im Notfall beerben könnte. Doch es ist auch kühl und einsam um sie geworden. Ihre Alleingänge zu Rente und Frauenquote haben sie Sympathien in der Partei gekostet. In Berlin würden ihr nach wiederholten Flügelstürmen nicht wenige Kollegen von Herzen einen Absturz gönnen. Was die Kanzlerin von all dem hält, dürfte sich nach der Wahl zeigen, wenn klar wird, ob die Ministerin Macht hinzugewinnt oder verliert. Stagnieren wäre schon auffällig für von der Leyen.

Auch Merkel gilt als überrascht davon, wie rigoros von der Leyen der Partei ihre Linie aufdrücken will. Überraschungen mag die Kanzlerin nicht, die Neigung zu Alleingängen auch nicht gerade. Ausgerechnet Eigenschaften, die von der Leyens Aufstieg bisher angetrieben haben, könnten sie zu Fall bringen: das enorme Selbstbewusstsein der Ministerin, diese Überzeugung, eine Sonderrolle zu spielen, ja geradezu herausragen zu müssen. Wer verstehen will, wie sie so wurde, muss ganz von vorne anfangen.

Ursula von der Leyen erhält mit 13 ihre erste Führungsrolle


Schon die zitierten Tagebucheinträge ihrer inzwischen verstorbenen Mutter sind ein Indiz. Allein dass sie veröffentlicht wurden, zeugt von einer Familie, die auch ihr Privates als bereichernd für die Allgemeinheit empfindet und die Äußerungen ihrer Kinder für verewigungswürdig. Ursula Gertrud, Spitzname „Röschen“, ist die Dritte von sieben Geschwistern. Sie wird 1958 geboren, in Brüssel, wo ihr Vater Ernst Albrecht, Kosename „Percy“, für die EU-Vorgängerin EG arbeitet. Zu Ursulas Geburt notiert die Mutter: „Wie kann ich anders als Dich nun auch als liebe, zarte Rosenblume an mein Herz zu drücken! Du bist ein sensationelles Baby: Das erste Kind, das sich nicht ins Leben hineinschreit, sondern von einem friedlichen Schlummer in den anderen gleitet. (…) Dein bevorzugter Laut, den die Brüder ständig nachahmen: ereeh, ereeh!“

Die Albrechts sind ein eleganter, großbürgerlicher Clan, tief gläubige Protestanten, es wird gemeinsam gebetet und gesungen, abends liest das Ehepaar sich gegenseitig Platon vor, am Wochenende jagt „Percy“ Fasanen beim belgischen Adel. Auf den jährlichen Familienfesten wird Charade gespielt und Quadrille getanzt, es werden Polonaisen durch Lampion-geschmückte Staudengärten veranstaltet und Bocciarunden auf dem Krokettrasen. Zu jedem Fest führen die Kinder Theaterstücke auf, die von ihrer Mutter geschrieben wurden. Es wird dem Auftreten der späteren Politikerin nicht geschadet haben.

Ihre wohl erste Führungsrolle bekommt Ursula mit 13 Jahren. Da stirbt ihre kleine Schwester Benita an Krebs. „Röschen“ ist jetzt das einzige Mädchen im Haus und kümmert sich um ihre Brüder. Im selben Jahr zieht die Familie von Belgien nach Niedersachsen, wo Ernst Albrecht 1976 überraschend zum Ministerpräsidenten gewählt wird. Die Albrechts werden die „First Family“ des Bundeslands, und Ursula ist die strahlende Prinzessin. Im Dorf Beinhorn hinter Hannover baut Albrecht eine Klinkervilla mit geziegeltem Obergeschoss. Sie nennen das Haus „Tundrinsheide“.

Das weitläufige Anwesen zwischen Pferdekoppeln und uralten Eichen wird bald zum mythischen Sitz der Familie und zu ihrer Bühne: Regelmäßig erscheinen Homestorys der Albrechts, „Röschen“ muss mit den Geschwistern Jägerlieder im NDR-Fernsehen singen, 1978 nimmt die ganze Familie die Schlager-Platte „Wohlauf in Gottes schöne Welt“ auf. Kommen Parteifreunde zu Besuch, werden die Kinder aufgereiht, um unter der Regie ihrer Mutter Hauskonzerte zu geben, Ursula meist am Klavier. Mancher Besucher verkneift sich währenddessen ein Grinsen. „Albrechts haben das Familienleben von 1918 kultiviert“, sagt ein CDU-Mann, der oft dort war. „Das war nicht von dieser Welt. Ein völlig eigenes Universum. Das macht es Röschen bis heute schwer, den Zugang zu ganz normalen Familien zu finden.“

Selbst auf Tundrinsheide, diesem Heimatplaneten im Albrecht-Universum, bekommt Röschen eine Sonderrolle: Die verbliebene Tochter gilt als Augapfel ihres Vaters. Im kleinen Kreis spricht er oft von ihr, über die fünf Söhne weniger. „Röschen“ hockt nachmittags auf der Haustreppe und wartet, bis ihr Vater nach Hause kommt. Während die Brüder bei Besprechungen rausgeschickt werden, erleben Besucher, wie Ursula unterm Schreibtisch ihres Vaters sitzen bleiben darf. Trotzdem wird auch sie zu eiserner Disziplin erzogen. In der Schule wird maximaler Fleiß erwartet, ein Studium ist selbstverständlich, die Promotion erwünscht. Heidi Adele Albrecht erzählt der Bild, wie sie ihren Sohn Harald einmal zur Strafe ohne Handschuhe Brennnesseln pflücken schickt. Fernsehen, berichten Nachbarn, durften die Kinder kaum, Micky Maus lesen auch nicht. Spielkameraden erinnern sich, dass die Albrecht-Buben Kalender hatten, in die sie Termine zum Spielen notierten.

Ungewöhnlich wird bald auch das Leben im Dorf um Tundrinsheide herum. Als Schutz vor der RAF wird in Beinhorn ein eigenes Polizeirevier installiert. Zwölf Beamte und zwei Autos patrouillieren die Straßen, die Kinder werden im Streifenwagen zur Schule gefahren, der Ort wird zur Burg der Albrechts.

Wulffs Wunderwaffe


Ursula ist an der Schule eine Überfliegerin, überspringt eine Klasse, macht mit 17 Jahren Abitur, Note 0,7. Ein normaler Studienalltag ist nicht möglich: Weil die Gefahr durch die RAF steigt, muss sie von Göttingen nach London wechseln, wo sie unter falschem Namen und bewacht von Scotland Yard studiert. Erst 1990, als Ernst Albrecht abgewählt wird, wird das Polizeirevier aufgelöst, das Wachhaus abgerissen, die Flutlichtanlage abmontiert. In Beinhorn kehrt Ruhe ein.

Aber Ende der Neunziger wird „Röschen“, inzwischen verheiratet, Medizinerin und Mutter von sieben Kindern, von ihrer Herkunft eingeholt. In Hannover knirscht es zwischen Fraktionschef Christian Wulff, katholisch, und dem Lager seines Vorgängers Jürgen Gansäuer, evangelisch, zu dem auch Wilfried Hasselmann gehört, CDU-Ehrenvorsitzender in Niedersachsen und Ernst Albrechts rechte Hand. Albrechts Begeisterung für seine Tochter ist bekannt, in kleiner Runde schwärmt er davon, wie es Strauß gelungen sei, seine Tochter Monika in der Politik unterzubringen. Als Wulff „Röschen“ auf einmal in sein Kompetenzteam beruft, zieht er Albrecht – und damit Hasselmann – auf seine Seite und neutralisiert so schlagartig seine parteiinternen Gegner.

Wulffs Wunderwaffe ist in ihrem damaligen Wohnort schon eine Attraktion, bevor sie 2001 zu den Kommunalwahlen antritt. Nahezu jeden Abend dreht das hochgewachsene, blonde Fräuleinwunder Jogging­runden durch den Ort: Sie zu Fuß, die perfekt erzogenen Kinder auf Rädern oder Inlineskates, das Pony trabt nebenher. Ihr Wahlkampf kommt über die Region wie ein Naturereignis: Kinder, Ziege, Pony, alle werden eingebunden, sie hat dank Wulff und ihrem Vater den Parteiapparat im Rücken, Bild und NDR begleiten ihre Kampagne. Sie hätten so etwas noch nie erlebt, sagen Ortspolitiker, denen bald klar wird, dass hier jemand gezielt aufgebaut wird.

Das bestätigt sich vor der Landtagswahl 2003. Im Vorfeld einer Kampfabstimmung um „Röschens“ späteren Wahlkreis macht die Bild den bisherigen Inhaber Lutz von der Heide, einen altgedienten Abgeordneten, nieder. Der zuständige Redakteur bekommt nach der Wahl einen Posten im Niedersächsischen Wirtschaftsministerium. Mitbewerber beäugen neidisch von der Leyens Wahlkampfstände, die mit Musikkapellen ausgestattet und von Wulff persönlich besucht werden. Am Wahltag, kurz bevor sie nicht nur Abgeordnete, sondern gleich auch Sozialministerin wird, sieht man „Röschen“ mit ihrem Vater durch den Landtag schlendern, händchenhaltend.

Für viele bleibt sie Außenseiterin, bestenfalls Exotin. Ob in Gemeinderat oder Landtag: Kollegen tun sich gelegentlich schwer mit „Röschen“, meist ohne ihr mehr vorwerfen zu können als ihre beherrschte Höflichkeit, die große, heile Familie, ihre Karriere, ihr sicheres Auftreten und die Tatsache, dass sie all das auch politisch einsetzt. Im Kern ist es die Verbitterung derer, die Jahrzehnte politische Kleinarbeit geleistet haben, um dann von der lächelnden Tochter ­Albrecht überholt zu werden.

Parteifreunde fühlen sich von ihr wie ein Kind behandelt


Dass sie im Landtag und später in Berlin Empfänge meidet und nach Sitzungen oft fluchtartig die Heimreise antritt, statt noch einen mitzutrinken, macht es nicht besser. Die Ministerin leistet sich den Luxus, das Drumherum zu vernachlässigen, weil ihr Leben nie aufgehört hat, um die Familie zu kreisen. Nicht nur um ihre sieben Kinder, sondern inzwischen auch wieder um „Tundrinsheide“, wo sie 2007 samt Familie eingezogen ist, um ihren demenzkranken Vater nicht allein zu lassen. In Beinhorn erlebt man die neue Hausfrau als nicht mehr ganz so volksnah wie die alte. Das Dorf wird kaum mehr, wie früher, zu Familienfesten eingeladen. Die Albrechts erschienen noch zu jeder Ortsfeier, von der Leyen schickt eher mal eine Kiste Bier vorbei. Sie plauscht auch selten mit den Dorfbewohnern, meist ruft sie nur ein „Guten Tag“ vom Pferd herunter. Und dennoch: Sie ist jetzt dort Herrin, wo sie einst ihren Weg begonnen hat. Der Kreis hat sich geschlossen.

Sechs Geschwister, sieben Kinder, wie soll das Leben als Objekt und Subjekt ehrgeiziger Kinderpädagogik nicht auch auf die Politikerin abfärben? Eine Szene im Sommer 2011. Ursula von der Leyen empfängt im Bundestag eine Schülergruppe. Aufmerksam sitzen die eben noch herumfeixenden Kinder vor der Ministerin, eines hat Fragen zur Frauenquote. „Da muss ich Druck machen“, sagt sie, rückt ganz nah und verschwörerisch an die Kinder heran und flüstert: „Und das gibt dann manchmal auch Krach.“ Sie strahlt und hebt die Augenbrauen, man möchte augenblicklich von ihr mit einer Tasse Kakao ins Bett gebracht und zugedeckt werden. Zum Abschied ein Gruppenfoto, dafür sollen die Kinder lächeln. „Und wie heißt das Wort mit der Ameise?“, ruft von der Leyen mit aufgerissenen Augen. „Aaa-mei-sen-scheiße!“, rufen die Kinder im Chor.

Auch das gehört zu ihren Problemen in Berlin: Viele Parteifreunde fühlen sich von ihr behandelt, als wären sie Teil einer Kindergruppe. Tatsächlich gehörte es – speziell in der Familienpolitik – zu von der Leyens Erfahrungen, ihrer Partei in der Zeit voraus zu sein, ihr auf die Sprünge helfen zu müssen, es besser zu wissen. Das hat viele gegen sie aufgebracht, wie ihr jüngstes, schlechtes Ergebnis bei der Wahl zur Parteivize zeigt. In der CDU antwortet niemand „Ameisenscheiße“, wenn sie ruft. Nie war sie in der Bundestagsfraktion unbeliebter. Es gibt bessere Ausgangslagen für den Weiterflug.

Trotzdem, viele Wähler lieben diese Ministerin. Schon deshalb wird Merkel gut daran tun, sich von der Leyen warmzuhalten. Solange sie ihr nicht gefährlich wird. Ihren Mentoren ist „Röschen“ inzwischen entwachsen. Wulff sowieso, und heute kümmert sie sich um Ernst Albrecht, nicht mehr umgekehrt. Im Laufe seiner Krankheit ging ihm auch ihr Spitzname verloren. Er hat ihn vergessen. „Röschen“, erklärte sie kürzlich, „gibt es nicht mehr.“

Spätestens bei der Kabinettsbildung wurde das deutlich: Weil Ursula von der Leyen das Arbeitsministerium an die SPD aufgeben musste, beanspruchte sie ein ähnliches mächtiges Ressort. Am liebsten wäre sie Außenministerin geworden. Diesen Posten griff sich aber erneut Frank-Walter Steinmeier (SPD). Merkel bot ihrer besten Frontfrau etwas besseres, das Verteidigungsministerium. Beiden gefiel der Schachzug, mit einer Frau an der Spitze eines harten, sehr harten Ressorts einen neuen PR-Coup zu landen. Von der Leyen wird an diesem Posten viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sie wird im Blitzlichtgewitter stehen, so viel ist sicher. Sie kann ihr Quotenthema an die letzte Männerfront der Republik tragen. Aber ihr neues Ministerium ist auch nicht ohne Risiko. Sie muss das Milliardendebakel um die Drohne Euro Hawk managen und den Abzug aus Afghanistan bewältigen.

Es ist wieder einmal ein Posten, an dem sich Ursula von der Leyen beweisen muss.

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