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Manfred Pollert

Politkabarett - „Die Regierung ist an Komik nicht zu überbieten“

Kalla Wefel ist Kabarettist und kandidiert in Osnabrück für das Amt des Oberbürgermeisters. Mit seinem ausgefallenen Wahlprogramm, in dem der 61-Jährige Witz und Ernst vereint, hat er mittlerweile schon  den Status einer lokalen Berühmtheit erlangt. Im Cicero-Interview spricht Wefel über seine Chancen, OB zu werden, über Wahlplakate im Briefmarkenformat und skurrile Städtepartnerschaften

Autoreninfo

Studiert Politikwissenschaften in Hamburg und hat unter anderem für die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

So erreichen Sie Julia Berghofer:

Eine Städtepartnerschaft mit Pjöngjang, Jerusalem und Mekka, das hat bisher noch niemand vorgeschlagen. Streben Sie dadurch mehr Völkerverständigung an?
Unbedingt! Meinen Freunden in Pjöngjang habe ich im Februar geschrieben, dass ich nach der Machtübernahme in Osnabrück eine Städtepartnerschaft mit ihnen anstrebe. Seitdem gibt es in Nordkorea nachweislich keine Atombombenversuch mehr. Das ist Weltpolitik!

Falls das mit der Machtübernahme gelingt, haben Sie ja auch schon eine Hymne.
Genau. „Olé Olé Olé, Kalla Wefel wird OB“, richtet sich mehr an die Mallorca-Fraktion, ich habe aber auch eine für Leute mit Mittlerer Reife geschrieben, die ich in meinem neuen Kabarettprogramm vorstelle. „Ein Mann für alle Fälle“ heißt sie.

Sehen Sie sich so, als Mann für alle Fälle?
Wissen Sie, die einzige Chance für einen Künstler im höheren Alter, zu einer vernünftigen Rente zu kommen, ist die, in die Politik zu gehen. Das muss man mal ganz objektiv sehen. Man braucht als Oberbürgermeister nur einen Skandal machen, fliegt aus dem Amt und kriegt sein Geld.

Wie stellen Sie sich Ihre Amtszeit vor?
Ich wollte direkt nach der Wahl eine Party machen und dann nach Kuba gehen und die Amtsgeschäfte direkt vom Strand aus weiterführen. Mit Laptop und Skype kann man das heute alles machen. Die städtischen Mitarbeiter müssten dann nachts arbeiten, aber das kriegen wir schon hin. Das ist wirklich durchdacht. Ich mag diese Stadt wirklich sehr. Und ich bezweifle, dass die Leute, die hier kandidieren, den gleichen Zugang zur Stadt haben wie ich.

Wie kommt das?
Nur einer von ihnen kommt aus Osnabrück. Außerdem bin ich der älteste  Kandidat, damit habe ich am meisten Bezug zur Stadt. Die anderen kommen aus Minden, aus Bremen, aus Hau-mich-tot, wohnen angeblich schon länger hier. Die tun mir irgendwie leid, weil sie das Konzept ihrer Parteien durchziehen müssen und in diesem schrecklichen Korsett von Vorgaben stecken.

In solch einem Korsett scheinen Sie ja nicht zu stecken.
Garantiert nicht. Witzig ist ja schon, dass CDU und Grüne offenbar dieselbe PR-Agentur haben. Beide werben mit den drei Substantiven Klima, Kinder, Kultur- inhaltsloser geht’s gar nicht mehr. Ich werbe nur mit einem K, für Kalla. Das reicht für Osnabrück. Ein Riesen-Plakat habe ich auch schon aufgehängt (gemeint ist ein etwa fünf mal fünf Zentimeter großer Aufkleber auf einer sonst leeren Plakatwand irgendwo in der Stadt, Anm. Red.). Das bleibt das einzige.

Sie glauben also nicht, dass man die Wahl gewinnt, in dem man Wahlplakate aufhängt?
Nein. Jedes Plakat, das die anderen aufhängen, ist Werbung für mich. Das beste Plakat hat die Partei Bibeltreuer Christen. Ralf Gervelmeyer sieht darauf aus wie ein Punk, der aus Versehen beim richtigen Friseur gelandet ist. Der ist hier in Osnabrück gerade sehr berühmt geworden ist durch seine Homophobie und weil er auf einem Gelände in der Innenstadt eine Art Tempel für seine Pfingstgemeinde errichten will.

Gegen die würden Sie als OB also vorgehen?
Nicht nur als OB, sondern auch als Einzelperson. Wenn die anfangen zu bauen, weiß ich nicht, ob da am nächsten Tag noch alles steht. Es hilft nur Durchsetzungsvermögen.

In Ihrem Wahlprogramm könnte man den Eindruck bekommen, dass Sie sich mit der Kirche generell nicht anfreunden können.
Ich kann mit Kirche überhaupt nichts anfangen. Eine meiner Forderungen ist die Trennung von Kirche und Stadt. Die gibt es zwar nicht in Deutschland, aber dann fangen wir eben hier in Osnabrück damit an. Ich möchte beispielsweise, dass die städtischen Kliniken Katholiken die Behandlung verwehren. So wie die das umgekehrt auch tun, bei vergewaltigten Frauen etwa. Außerdem sollte die Stadt Quoten-Schwule und Quoten-Lesben in Führungspositionen einstellen.

Viele halten diese und andere Ihrer Ideen für wahnwitzig.
Der Wahnwitz liegt nicht bei mir, sondern auf der anderen Seite. Wenn man sieht, wie in Deutschland mit Geld umgegangen wird. Was in Hamburg und Berlin passiert, haben wir hier auch. Ich komme zwar vom Theater, aber braucht eine kleine Stadt wie Osnabrück ein Dreispartentheater, obwohl die Schulen langsam in sich zusammenbrechen?

Von den anderen Kandidaten scheinen Sie trotzdem unterschätzt zu werden.
Stimmt, die nehmen mich überhaupt nicht ernst. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Sie haben aber das Problem, dass niemand sie kennt. Ich bin laut Umfragen nach Christian Wulff der bekannteste Politiker in Osnabrück.

Glauben sie, dass die deutsche Politik insgesamt mehr Humor vertragen könnte?
Mehr Humor, als die deutsche Bundesregierung gerade mit Rösler als Wirtschaftsminister, Schröder als Familienministerin und Niebel als Entwicklungsminister beweist, kann man gar nicht haben. Diese Bundesregierung ist an Komik nicht zu überbieten, wie soll ich als kleiner Osnabrücker da mithalten können!

Fühlen Sie sich denn zu Höherem berufen, zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen etwa oder zum Kanzler?
Ich würde das Amt des Bundespräsidenten vorziehen. Mit diesem Beruf haben wir Osnabrücker ja schon eine Tradition. Bundeskanzler wäre als Zwischenstation denkbar, aber dann müsste ich erst eine Partei gründen.

Wie stehen Sie denn zu Parteien?
Künstler haben in der Politik eigentlich nichts zu suchen. Heute nennt sich alles Mitte. Dass diese Mitte mittlerweile ultra-rechts und ich als Linker schon in der Mitte angekommen bin, merkt keiner.  Die Grünen sind in Baden-Württemberg zum Beispiel rechts von der CDU, in Osnabrück sind sie ganz nett, mehr nicht. Die SPD hier ist ein einziges Grauen. Da musste ich selbst kandidieren.

Werden Sie, wie Ihre Kontrahenten das tun, in den kommenden Wochen von Veranstaltung zu Veranstaltung ziehen?
Ich gehe auf gar keine Veranstaltung. Ich habe eine eigene, am 15. September, den Osnabrücker Heimatabend, da werden alle Kandidatinnen und Kandidaten eingeladen und jeder darf 20 Minuten lang moderieren. Das hat mit Kabarett nichts zu tun. Ich habe habe aber viele Auftritte, da sehne ich mich nicht so sehr nach der Öffentlichkeit in diesem Rahmen, teilweise ist das sogar unangenehm.

Werden sie auch auf der Straße auf ihr Programm angesprochen?
Laufend. „Da isser ja, unser neuer OB“, sagen sie dann immer.

Wie steht Ihre zwölfjährige Tochter dazu, dass ihr Vater neuerdings auch im politischen Rampenlicht steht. Ist das peinlich oder cool?
Sie hofft natürlich, dass der Vater endlich ein geregeltes Einkommen kriegt. Sie fand mich schon immer peinlich, eigentlich bin ich nur dann nicht peinlich, wenn ich auf der Bühne stehe. Wir haben uns aber furchtbar gern. Jeden Abend ruft sie aus Hamburg an und putzt mit mir die Zähne am Telefon.

Wie überzeugen Sie jetzt noch Ihre Skeptiker, wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
100 Prozent – alles darunter lehne ich ab. Von daher gibt es keine Skeptiker. Meine Freunde in Pjöngjang erwarten ja auch ein Ergebnis von über 80 Prozent.

                                                   

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