- Das große Reformtheater
Gipfel, Ankündigungen und wohlklingende Versprechen prägen die Berliner Politik. Doch SPD und Kanzler Friedrich Merz verwässern notwendige Reformen aus Angst vor Konflikten und führen Deutschland in eine Phase politischer Lähmung. Dabei weiß es zumindest Merz eigentlich besser.
Wenn man nur auf die Äußerungen des politischen Personals in Berlin schaut, müsste man annehmen, dass Deutschland im Reformfieber ist. Spätestens seit der Bundestagswahl jagt bekanntlich ein Reformgipfel den nächsten. In dieser Woche, viele Monate nach dem berühmten „Herbst der Reformen“, gab es abermals einen Reformgipfel mit den Sozialpartnern. Kein Geheimnis ist indes, dass zwischen den ständigen rhetorischen Ankündigungen und dem Tatsächlichen keine Lücke klafft, sondern eine ganze Schlucht. Und so erleben wir tatsächlich kein Reformfieber, sondern eine große politische Depression. Die wird auch befeuert durch eine Kommunikation, die Zuversicht ausstrahlen soll und doch mitunter wirkt wie eine böswillige Veräppelung der Bürgerinnen und Bürger.
So erklärte der Regierungssprecher nach dem Gipfel in dieser Woche, dass der „Wirtschaftsstandort Deutschland vor großen Herausforderungen“ stehe. Hinzu wurden bahnbrechende Erkenntnisse verbreitet, dass das Ziel von Reformen sei, „mehr Wachstum und Wertschöpfung“ zu ermöglichen. Der politische Beobachter fragt sich verwundert: Ja, was denn sonst? Dem Bundeskanzler selbst war in der letzten Woche schon beim CDU-Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern ein „Wir schaffen das“ entglitten. Es gibt im politischen Deutschland keinen verbrannteren Satz als diesen. Schon gar nicht als CDU-Kanzler und gleich dreimal nicht, wenn man Friedrich Merz heißt. Trotzdem ist die Hilflosigkeit im monatelangen Beschwichtigen und Vertrösten offensichtlich so groß, dass es als eine gute Option schien, zum Merkel’schen Credo der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 zu greifen. Aber damals wie heute gilt es, eine spannende Frage zu beantworten: Was ist eigentlich dieses „das“?
Aus Merz’ Sicht ist es wohl am ehesten die Einhegung seines Koalitionspartners, um die wirklich notwendigen Reformen für Deutschland wenigstens einmal anzustoßen. Vom Umsetzen will ich schon gar nicht reden. Wobei ihm gar nicht aufgefallen zu sein scheint, dass es die Sozialdemokraten sind, die schon längst ihn geschafft haben und nicht das „das“ – und damit auch die Sache „Reformaufbruch“ in diesem Land.
Denn dass Friedrich Merz ausgerechnet in dieser Woche zitiert wird, er verliere langsam die Geduld mit den Sozialdemokraten, ist schon beachtlich. Welchen Anlass zur Hoffnung hatte er denn, dass diese sich noch zu einem Kurs durchringen können, der den dringend erhofften Durchbruch bringt? Es ist doch offensichtlich, dass die Sozialdemokraten ihm vor aller Öffentlichkeit auf der Nase herumtanzen.
Eine „Ja, aber“-Reformbereitschaft hat weite Teile der Politik erfasst
Hierzu nur ein Beispiel aus dieser Woche: Die Arbeitsministerin und SPD-Vorsitzende war zu Gast in der Sendung von Caren Miosga. Dabei wurde auch das Thema der Arbeitszeitflexibilisierung thematisiert. Hierzu heißt es im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich mehr Flexibilität wünschten, und weiter: „Deshalb wollen wir im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen – auch und gerade im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Das ist in der Tat eine sehr sinnvolle Maßnahme, auf die sich die Koalitionspartner verständigt haben. Das Problem ist, dass die Gewerkschaften dieses Thema in einer Emotionalität beackern, die die Sozialdemokraten unter erheblichen Druck setzt.
Und so versuchte die Arbeitsministerin bei Caren Miosga zu beschwichtigen, versteifte sich in der These, dass eine Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit nur dann gewollt sei, wenn sie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf diene. Das ist eine Überstrapazierung des Wortlauts der Formulierung im Koalitionsvertrag. Und es zeigt, dass sozialdemokratische Gemüter schon gedanklich keinen Zugang zu den jetzt notwendigen Reformen finden. Denn Flexibilisierung muss zwingend bedeuten, dass man sich eben nicht mehr für jeden Einzelfall rechtfertigen muss. Das sieht die Sozialministerin offenbar anders und verknüpft die Frage der Flexibilisierung mit der verpflichtenden Einführung der elektronischen Arbeitszeiterfassung, die ebenfalls im Koalitionsvertrag steht.
Ein anderes Beispiel liefert ihr Co-Vorsitzender Lars Klingbeil, der in dieser Woche den Gesetzentwurf zur Abschaffung der Bonpflicht präsentiert hat. Die Bonpflicht ist eine Art Mahnmal deutschen Kontroll- und Bürokratiezwangs. Oder schlicht ein teurer Schildbürgerstreich, denn bundesweit kann man seit der Einführung beobachten, wie die Bons nahtlos aus der Kasse in den Papierkorb gedruckt werden. Klingbeil gelobt zwar Abschaffung, verknüpft das Ganze aber mit der verpflichtenden Einführung von Registrierkassen in vielen Bereichen. Und vorerst gibt es auch nur die Abschaffung bis 30 Euro. Beide Beispiele zeigen, dass eine Vereinfachung in der deutschen Sozialdemokratie undenkbar scheint, wenn es nicht gleichzeitig komplizierter wird. Es ist eine „Ja, aber“-Reformbereitschaft, die inzwischen weite Teile der Politik erfasst hat und die die Menschen immer weiter vom politischen Betrieb entfremdet.
Mit Inkompetenz ist dies alles nicht zu erklären
Wenn die Wirkung von Reformen von sonstigen politischen Begleitmaßnahmen wieder aufgefressen wird, kann man es auch lassen. Das hat dann auch nichts mit politischer Kompromissfindung zu tun, sondern mit Unvernunft. Die Sozialdemokratie muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie überhaupt bereit ist, wirklich „Ja“ zu Reformen zu sagen. Und der Kanzler muss sich die Frage gefallen lassen, ob er bereit ist, seine Kanzlerschaft an dieses „Ja“ zu knüpfen.
Ich fürchte aber, dass beide Fragen schon beantwortet sind. Die SPD glaubt weiterhin, einen Geländegewinn erzielen zu können, wenn sie den Reformkurs möglichst lange hintertreibt. Obwohl diese Taktik sie inzwischen auf 11 Prozent in der Forsa-Umfrage gedrückt hat, wird sie sich davon nicht mehr abbringen lassen. Und Friedrich Merz hat sich längst dazu entschieden, dass er im Zweifel versuchen wird, sich weiter durchzumerkeln. Aber Angela Merkel war wenigstens parteipolitisch erfolgreich. Das kann man von Friedrich Merz nicht sagen, und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass er das auch nicht mehr auf ein annähernd Merkel’sches Niveau drehen kann.
So bleibt die düstere Ahnung, dass das rhetorische Reformfieber, die folgenlosen Ankündigungen und die inhaltsleeren Sprechblasen weiter die Regierungsräson darstellen werden. Ich mache keinen Hehl daraus, wie verheerend ich das für Deutschland und für unser demokratisches Gemeinwesen halte, und habe das an dieser Stelle auch schon ausführlicher ausgeführt.
Es gibt jedoch in dieser Bundesregierung kaum erfahrbare Problemlösungskompetenz, von einzelnen Lichtblicken abgesehen. Ich glaube nicht, dass dies alles mit Inkompetenz zu erklären ist. Ich glaube auch, dass Friedrich Merz noch immer weiß, was eigentlich notwendig wäre. Zumindest wusste er es ja auch noch vor einem Jahr und hält bis auf den heutigen Tag beachtenswerte Reden. Nur bleibt da insbesondere bei ihm diese Schlucht zwischen Reden und Handeln. Nein, Inkompetenz ist das nicht. Es ist politische Feigheit oder ein gefährlicher Hang zum politischen Theater.
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der Union & der SPD, es ist die Schockstarre & die große Angst, die Macht zu verlieren..
Noch reichen im Bund die rechnerischen Mehrheiten einer All Parteienkoalition gegen die AfD ! N O C H !
Aber was passiert, wenn Regierungsbündnisse aus Union, SPD, Grünen und der Mauermörderpartei zusammenkommen ? Da war die Ampel und jetzige GroKo dem gegenüber himmlische Zustände. Wenn nicht einmal die 2 Parteien die 2 Jahrzehnte in Regierungsverantwortung waren nunmehr nichts mehr gemeinsam zustande bringen, wenn dann noch Grüne & die SED Nachvolger Ministerposten stellen und letztlich die AfD als alleinige Oppositionspartei übrig bleibt, wie es ja derzeit schon praktiziert wird.?
Wenn bis zu den BT- Neuwhlen nicht bereits alles in Scherben liegt ist spätestens dann Ende Gelände ! Da wird die Merzsche Vorhersage Wahrheit, wenn alles in Trümmern liegt, der Neuaufbau leichter wird ? Deutschland braucht keinen Krieg sich zu zerstören, das tun die „besorgten Demokraten“ ganz allein!
MfG a d E R
"Wenn bis zu den BT- Neuwhlen nicht bereits alles in Scherben liegt ist spätestens dann Ende Gelände !"
Ich vermute das kann durchaus ochv3ine Legislatur länger so weiter gehen... ..., rein vom 'Zeitplan' her betrachtet, wenn sich das Allparteienkartell zu einer 'Super-Koalition' zusammen findet - 2029... - der Wille dazu ist offensichtlich vorhanden..., bei allen in Frage kommenden Kandidat:innen, oder haben Sie von irgendeiner Seite was anderes gehört? Ich nicht.
Wirtschaftlich wird das ganze durch neue (Sonder-) Schulden gestreckt... ... - 'nach uns die Sintflut' ist dann das Motte mit dem Argument nur so (Allparteienregierung + neue Schulden "unsere Demokratie" retten zu können... ... 🤔 - muss ja... /😉 - Ironie und Sarkasmus
Das Ergebnis ist natürlich dasselbe..., nur später..., nd krasser (Schulden!) - meiner Einschätzung nach.
Wir (Deutschland) können noch deutlich weiter nach unten... - aber sicher!
Sollte sich tatsächlich nach Neuwahlen eine links/links/links Koalition zusammenfinden, so sind deren Interessen doch so unterschiedlich, das dieses Zweckbündnis einzig und allein der Verhinderung einer funktionsfähigen Regierung mit AfD Beteiligung dienen wird. Das hätte entweder eine drastische Steigerung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme zur Folge oder/und chaotische Zustände auf den Straßen.
dass dieses Zweckbündnis
nicht gerade „bahnbrechend“, Herr Kubicki.
Dass Merz ein Feigling ist, brauchen Sie hier wohl keinem mehr mitzuteilen. Und dass er mal andere Reden hielt, auch nicht.
Und wenn jemand feige ist, dann stellt sich die Frage nach Inkompetenz nicht mehr, denn dann wird er immer gegen seine Überzeugung handeln. Daher ist es egal, wie Merz wirklich tickt. Noch schlimmer als seine Inkompetenz in Sachen Regierung finde ich seine widerlichen Ausfälligkeiten in Richtung AfD. Sie als direkte Nachfolgerin der Nazis zu sehen, eine direkte Linie von ihr zu Holocaust und Eroberungskriegen zu ziehen, war der Tiefpunkt von allem, was dieser schlechteste, unfähigste Kanzler aller Zeiten von sich gegeben hat.
Da hätte ich mir übrigens – völlig egal von Ihren politischen Absichten – von einem, der die Freiheit wieder hochhält, deutlichen Widerspruch erwartet. So etwas darf nicht im Raum stehen bleiben.
Aber Mut scheint nicht nur etwas zu sein, was Merz fehlt. Er scheint allen Altparteien zu fehlen.
👍👍👍👍👍👍
Vollkommen richtig beschrieben sehr geehrter Herr Will.
Mit dem Verlassen des Mutes, kam m M die Schockstarre und pure Angst ins Spiel ….. die Angst einer wirklichen politischen Neuorientierung weg von Grün und Links und nicht nur das nicht eingelöste Versprechen des BK von der CDU.
Es wird mehr als Zeit den links grünen Ideologen einen Riegel vorzuschieben um ein weiteres Abdriften dieses Landes zu verhindern.
Warten wir die Wahlen im Osten ab. Gibt es keine Regierungsbeteiligung od. die absolute Mehrheit für die AfD gibt es eine All -Parteienregierung von Schwarz bis zu den SED Erben und genau dieses, wird die Zustimmungswerte vor allem auf Bundesebene noch weiter nach oben treiben die sich durchaus bei der nächsten BT Wahl entscheidend werden könnten. Wäre auf alle Fälle besser, als mit knapper Mehrheit allein zu regieren.
Mit besten Gruß aus der Erfurter Republik
der vor nichts mehr Angst hat, als von der Bühne abtreten zu müssen und sich darob mit den falschen Freunden eingelassen hat. Derweil gewinnt das Publikum den Eindruck, dass die deutsche Bühnenlandschaft vollständig ruiniert werden soll. Dabei könnte dem gefallsüchtigen Mimen ein Scheinwerfer auf den Kopf fallen
die AfD halbieren zu wollen, stehen Taten gegenüber, die ihr t ä g l I c h Punkte liefern.
Es hat etwas zerstörerisches im Verhalten der SPD, auch für die CDU. Merz hat sich mit seiner politischen Inkompetenz völlig abhängig gemacht von der SPD und deren, mit Steurgeldern gestärkten Vorfeldorganisationen. So wird er und möglicherweise die CDU an der Brandmauer ein unschönes Ende nehmen. Opfer sind die nicht ganz unschuldigen Wahlbürger und die parlamentarische Demokratie, die bekanntlich mit schwindendem Vertrauen in die Politik Schaden erleidet. Eine dezimierte CDU kann der SPD in einer möglichen Rot-Rot -Grünen Koalition wieder zu Erfolg verhelfen bzw. deren Überleben sichern, sodass der Verlierer eindeutig die CDU wäre.
