Gruppenzwang am Aschermittwoch
() Gruppenzwang am Aschermittwoch
Politischer Aschermittwoch: der Feiertag des Wutbürgers

Heute ist es wieder soweit: Die Treuesten der Treuen unter den Parteimitgliedern und -anhängern pilgern zu den Altären, an denen der politische Aschermittwoch zelebriert wird. Doch ist dieses Hochamt der polemisierenden Parteipolitik noch zeitgemäß?

Die Heftigkeit der Auseinandersetzungen um den Rücktritt zu Guttenbergs zeigt: Viele Menschen verfolgen Politik stärker emotional als rational und haben ein Grundbedürfnis nach Emotionalisierung, Personalisierung und Zuspitzung. Der Wutbürger lässt grüßen. All diese Bedürfnisse werden von den pathetischen Aschermittwochsreden bedient. Die Freunde differenzierter, sachorientierter und rational abwägender Argumente in der Politik, sprich des Gebrauchs des Floretts statt des Dreschflegels, mögen sich von der Dampfhammer-Rhetorik leicht angewidert abwenden und sie ignorieren. Doch sie sind in der Minderheit, hat man allzu oft den Eindruck. Ein aktuelles Beispiel: In den ersten Tagen der Guttenbergschen Plagiatsaffäre schmückten über 500 Kommentare einen Artikel dazu auf ZEIT Online. Dagegen wurde ein Beitrag zu den weltpolitisch weit wichtigeren Unruhen in Libyen von gerade einmal einer Handvoll Leser des ZEIT-Portals kommentiert. Man mag einwenden, dass sich über den Ex-Verteidigungsminister viel trefflicher streiten lässt als das bei den Revolutionen im arabischen Raum der Fall ist, bei deren Bewertung ziemliche Einigkeit herrscht. Dennoch ist der unterschiedliche Emotionalisierungsgrad der beiden Themen eindeutig. Notorisch erinnert die Berichterstattung vom politischen Aschermittwoch alljährlich in nostalgischer Verklärung an Franz Josef Strauß (un-)selig, der seinerzeit die Biermaße genießenden Massen seiner Fans in der Passauer Nibelungenhalle zu Begeisterungsstürmen brachte. In die Annalen des parteipolitischen Schlagabtauschs ging die wüste Attacke in seiner Aschermittwochsrede 1975 ein, in der er die damalige SPD-geführte Bundesregierung bezichtigte, sie habe „einen Saustall ohnegleichen angerichtet“. Die Anhänger deftig-heftiger Redekunst kamen auch bei weniger beleidigenden Zuspitzungen des CSU-Vorsitzenden auf ihre Kosten. Doch die Sehnsucht nach Klartext redenden Politikern, die am Aschermittwoch, aber auch zu anderen Zeiten ihren Gegnern zumindest rhetorisch zeigen, wo der Bartel den Most holt, ist zeitlos modern – man mag das bedauern oder nicht. Das gilt im Besonderen für die ach so geschundenen konservativen Seelen in der Union. Deren larmoyantes Wehklagen über die nach ihrem Geschmack allzu nüchterne und sich allzu gemäßigt gebende Kanzlerin, der selbst die Schuld am Skiunfall des thüringischen Ministerpräsidenten Althaus noch in die Schuhe geschoben wird – schließlich wird auch er immer als einer der vielen Männeropfer der bösen Frau Parteivorsitzenden genannt -, reicht von den Kolumnenschreibern bis zu den berühmt-berüchtigten Stammtischen der Republik. Ihre unerfüllte Sehnsucht nach einem Politiker, der auf den Tisch haut und die Linken attackiert, braucht ein Ventil – nicht nur, aber gerade auch am Aschermittwoch. Das zu verkennen wäre ein politanalytischer Fehler. Parteien leben von ihren Mitgliedern und das insbesondere in Wahlkampfzeiten. Die eigene Basis zumindest bei Laune zu halten, mehr noch, sie zu mobilisieren und dazu zu motivieren, in mühseliger Kleinarbeit die Wahlkampfplakate der Kandidaten zu kleben und an Infoständen vor Supermärkten den meist widerwilligen Passanten die Broschüren in die Hand zu drücken, ist für die Parteien essentiell. Ohne motivierte Mitglieder und Anhänger lassen sich keine Wahlen gewinnen und damit kein Staat machen. Die Gefühle und Sehnsüchte der Basis gilt es also anzusprechen. Gerade darin liegt heutzutage der Sinn des politischen Aschermittwochs. Denn die große Zahl der Wechselwähler erreichen die Redner mit ihren undifferenzierten Haudraufsprüchen kaum. Sie dienen allenfalls der Volksbelustigung, wobei Politik durchaus auch unterhaltsam sein darf. Und so touren heute zu Beginn der Fastenzeit wieder die Seehofers, Westerwelles, Gysis usw. zu den Hochstätten des Politkarnevals. Wie der echte Fasching das Bedürfnis etlicher Menschen erfüllt, zumindest einmal im Jahr erlaubtermaßen über die Stränge zu schlagen, werden die Aschermittwochsredner wieder die ritualisierte Gelegenheit nutzen, ihrerseits rhetorisch über die Stränge zu schlagen.

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