Political Correctness versus Realität - Ostholsteiner Lektionen

Vulnerabilität, Empfindlichkeit und Traumatisiert-Sein scheinen mittlerweile eine Art Statussymbol zu sein. Doch Sophie Dannenberg macht im Urlaub eine erfrischende Erfahrung: Sie trifft auf Grobheit, ganz ohne Triggerwarnung.

In Ostholstein trifft Sophie Dannenberg auf die Realität / dpa

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

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Mein Urlaub an der Ostsee verlief nicht ganz so entspannt wie gedacht. Gleich zu Anfang gab es in der Familie einen medizinischen Notfall, und ich musste den Rettungswagen rufen. Während die Sanitäter mit irgendwelchen Geräten und Infusionen hantierten, fragte der Notarzt, breites Gesicht, kerniger Ostholsteiner Akzent, nach der Medikation des Patienten. Ich erklärte, dass gerade ein bestimmtes Medikament abgesetzt wurde und nun ein neues angesetzt werden müsse. Daraufhin der Notarzt, mit Seitenblick auf den derangierten Kranken: „Na, ob wir bei dem noch mal irgendwas an- oder absetzen, ist jetzt nicht mehr so klar.“ Sprach’s und verabschiedete sich mit Blaulicht in die Nacht. 

Tatsächlich empörte mich die Bemerkung erst hinterher, als alles gut ausgegangen war, und dann musste ich schon darüber lachen. Das Verhalten des Ostholsteiner Arztes passte so gar nicht in unsere Zeit, wo nach jedem größeren Unglück von allen Seiten die Traumatherapeuten angerannt kommen, um mit den Überlebenden EMDR (Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung) zu machen. Oder wo Professoren vor ihren Vorlesungen Triggerwarnungen aussprechen, damit sich zarte Seelen rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Oder wo sich jeder im Internet auf Hochsensibilität testen lassen kann, um dann in entsprechenden Foren die eigene Empfindlichkeit zu feiern.

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Fritz Elvers | Fr, 20. November 2020 - 16:17

liest sich sehr vielversprechend.

Christa Wallau | Fr, 20. November 2020 - 16:50

Ja, so sieht's aus:
Wenn einen nur noch Überempfindlichkeit u. Wehleidigkeit umgeben, dann sehnt man sich nach Grobheit.Man kennt das Phänomen vom Essen her: Wer immer Feinkost vorgesetzt bekommt, wünscht sich nichts sehnlicher als einen deftigen Eintopf mit Mettwürstchen.
Eine "kapriziöse Inszenierung der Möchtegernverletzten", wie Sie schreiben, liebe Frau Dannenberg, haben wir gerade wieder im BT erlebt: Die Empörung über die "Angriffe" (!) durch Besucher auf einige Abgeordnete schlägt hohe u. höchste Wellen. Ich warte auf den ersten Abgeordneten, der jetzt in psychotherapeutische Behandlung muß, weil er traumatisiert wurde! Dabei ist das Ganze lächerlich, weil total heuchlerisch.Wären es z.B. Umwelt-"Aktivisten" gewesen, die sich reingedrängt hätten, dann hörte man nix.
Ach, ja, unsere Parlamentarier haben's schwer, besonders jetzt in Corona-Zeiten! Man müßte ihnen mit Sonderzahlungen unter die Arme greifen, damit sie überhaupt noch die Hände zum Zustimmen hochheben können.