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Beate Zschäpe - Partymaus und Nazibraut

Beate Zschäpe ist im NSU-Prozess angeklagt. Enge Bekannte und Freunde sowie die Mutter ihres früheren Freundes haben nun ausgesagt

Autoreninfo

Von Andreas Förster ist vor Kurzem das Buch Eidgenossen contra Genossen - Wie der Schweizer Nachrichtendienst DDR-Händler und Stasi-Agenten überwachte im Berliner Ch. Links Verlag erschienen.

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Am 21. November offenbarte Beate Zschäpe das erste Mal vor Gericht einen kleinen Moment der Schwäche. An diesem Donnerstag bat ihr Anwalt am späten Nachmittag darum, die Verhandlung abzubrechen, seine Mandantin fühle sich nicht wohl. Die Verhandlungssitzungen an den beiden Vortagen hätten ja auch jeweils sehr lang gedauert, sagte er.

Der 21. November war der 59. Verhandlungstag. Bis dahin hatte Zschäpe den Prozess schweigend und mit deutlich zur Schau gestelltem Gleichmut ertragen. Ihr stets betont lockeres Auftreten vor Verhandlungsbeginn und in den Pausen, ihr zum Teil amüsiertes Geplauder mit den Verteidigern hatten Stärke und Selbstsicherheit demonstriert. Und nun plötzlich diese Schwäche. Ein Infekt, ein vorübergehendes Unwohlsein? Oder steckten ihr wirklich die beiden vorangegangenen Verhandlungstage, an denen die Mutter ihres toten Freundes Uwe Böhnhardt vom Gericht stundenlang befragt worden war, noch so in den Knochen?

Die schwierige Suche nach dem richtigen Bild von der Angeklagten
 

Man wird von Beate Zschäpe sicher keine Antwort auf diese Fragen erhalten. Aber wer sie während der Vernehmung von Brigitte Böhnhardt beobachten konnte, der spürte schon, dass die 38-Jährige wohl das erste Mal in diesem Prozess innerlich aufgewühlt war. Brigitte Böhnhardts sehr emotional gefärbte Schilderungen von dem Leben ihrer Familie, der Liebe ihres Sohnes Uwe zu Beate Zschäpe, der Zuflucht, die die Böhnhardts dem Mädchen vor deren trunksüchtiger Mutter boten – all das mag bei der Angeklagten Erinnerungen aufgerührt haben an eine, ihre so lange nun schon zurückliegende Zeit der Verirrung und Verwirrung. Eine Zeit, in der sie die falsche Lebensentscheidung traf, die sie letztlich hierher, vor das Münchner Oberlandesgericht geführt hat.

Das Gericht muss sich ein Bild von der Angeklagten machen, um ein Urteil fällen zu können. Um herauszufinden, ob und wie aus ihr – so wie es die Ankläger sehen – eine eiskalte Terroristin und Mörderin geworden ist, die zusammen mit ihren Jugendfreunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zehn Menschen ermordet hat. Zschäpe gibt dem Gericht dabei keine Hilfestellung, sie schweigt. Also müssen die Richter auf die zurückgreifen, die Zschäpe kennengelernt haben und Umgang mit ihr hatten. Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn. Ein mühseliger Weg bislang.

Die paar Zeugen aus der rechten Szene, die das Gericht bislang hörte, gaben sich einsilbig oder bestritten von vornherein, die Angeklagten überhaupt gekannt zu haben. Auch Zschäpes Mutter Annerose wollte nichts sagen, sie zog sich auf ihr Aussageverweigerungsrecht zurück. Ihre Auskünfte wären wohl ohnehin nur von geringem Wert für das Gericht gewesen. Schon lange vor ihrem Abtauchen 1998 hatte sich die Tochter von ihrer Mutter abgewandt. 1991 war Annerose Zschäpe arbeitslos geworden, sie ließ sich treiben, trank. Das schon damals angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis wurde dadurch immer schwieriger. Tochter Beate wohnte nun häufiger bei der Großmutter, wo sie schon als Kind mehr Zuwendung und Geborgenheit als bei der Mutter fand. Als „Omakind“ hatte sie sich selbst in einer Vernehmung bezeichnet.

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In einer Befragung durch das Bundeskriminalamt im Jahre 2012 gab sich Annerose Zschäpe selbst die Schuld an dem Zerwürfnis mit ihrer Tochter. Sie sagte damals, ihre Beate sei „ein liebes, nettes Mädchen“ gewesen, das sich immer mal freudige Überraschungen für andere überlegt und viele Freundinnen in der Schule gehabt habe. Leicht beeinflussbar sei sie nicht gewesen, sagte die Mutter noch, aber wenn sie von etwas überzeugt gewesen sei, dann habe sie diese Sache auch konsequent vertreten.

Am meisten erfuhr das Gericht über den Menschen Beate Zschäpe bislang von ihrem Cousin Stefan Apel und Uwe Böhnhardts Mutter. Aber was die beiden über die Angeklagte aussagten, will nicht recht passen zum Bild einer Terroristin und Mörderin.

Stefan Apel etwa beschrieb seine Cousine als selbstbewusst, aber nicht gewaltbereit. Er will nie mitbekommen haben, dass sie Waffen trug. Auch mit den Rohrbomben, die im Januar 1998 in einer von Zschäpe angemieteten Garage gefunden wurden, habe sie seiner Überzeugung nach nichts zu tun gehabt. „Weil sie nicht die Person dazu ist“, begründete Apel seine Vermutung. Ihre beiden Freunde Mundlos und Böhnhardt seien hingegen „immer etwas verrückter“ gewesen, weshalb wohl eher sie dahinter stecken dürften.

Apel kannte seine Cousine sehr gut, zumindest bis zu deren Untertauchen im Januar 1998 sei der Kontakt eng geblieben. In ihrer Kindheit seien sie wie Geschwister gewesen, hatte er in früheren Vernehmungen ausgesagt. Beate sei sehr beliebt gewesen bei anderen, lustig, immer gesellig. Robust im Umgang war sie auch, so Apel, sie sei ein offener, selbstbewusster Mensch, der auf andere zugeht und auch mal sagt, wo es lang geht. Ihre Hobbys seien „Partys, Weintrinken, Kartenspielen“ gewesen. „Sie war 'ne Partymaus.“

Natürlich habe er auch gewusst, dass seine Cousine damals zusammen mit Böhnhardt und Mundlos zu den Treffen der „Anti-Antifa Ostthüringen“ geht, einer militanten Nazi-Truppe, die Jagd auf politische Gegner macht. Auch dass sie sich der Neonazi-Kameradschaft Jena angeschlossen habe, Aktivistin des „Thüringer Heimatschutzes“ war, einem losen Verbund rechtsextremer Gruppen. „Wir waren damals alle rechts gerichtet“, sagte der 39-Jährige vor Gericht. „Gegen den Staat, gegen Ausländer, gegen Links, gegen den Kommunismus.“ Es sei das „allgemeine Palaver, Gruppenzwang“ gewesen. Man sei gegen alle Ausländer gewesen, gegen östliche und „Afrikaner und alles“. Mit Zschäpe will er sich allerdings nie über Politik unterhalten haben.

"Sie war kein Mauerblümchen"
 

Mit ihren beiden Freunden, die da „anders drauf waren“, sei der Umgang nicht so eng gewesen. Mundlos habe er als intelligenten und politisch überzeugten Rechten kennengelernt, der habe sich in politische Aktionen „reingesteigert“, erzählte Apel. Einmal sei er dabei gewesen, wie Mundlos in Jena einer „Zigeunerin“ ein Stück Kuchen an den Kopf geworfen hat. Sie hätten beide gelacht darüber. Gleichwohl habe Mundlos ihn als „Assi“ beschimpft, weil er damals viel getrunken habe, häufig Party machte und kaum auf Demonstrationen und Parteiveranstaltungen gegangen sei, „weil ich keine Lust darauf hatte“. Mundlos sei mit seiner Lebenseinstellung „nicht zufrieden“ gewesen, so Apel.

Die Beziehung zu seiner Cousine habe das aber wenig beeinträchtigt. Sie habe sich von niemandem etwas „aufzwingen“ lassen. Wenn jemand frech zu ihr geworden sei, dann habe sie sich das nicht gefallen lassen. Apel bestätigte auch, dass seine Cousine damals viele Männerbekanntschaften hatte. „Sie war kein Mauerblümchen. Und sie hat gesagt: So geht's nicht, wie du es willst.“

Als selbstbewusst hat sie auch Brigitte Böhnhardt erlebt. 1996 war Zschäpe bei ihnen eingezogen, in der Vier-Zimmer-Wohnung in Jena-Lobeda. „Ihre Mutter hatte damals die Wohnung verloren, und so nahmen wir die Beate bei uns auf“, erinnert sie sich vor Gericht. „Wir haben ihr geholfen, bei allen möglichen Behördengängen. Sie wollte ja so gern eine eigene Wohnung.“

Zschäpe war zu jener Zeit arbeitslos, nach einer Ausbildung als Gärtnerin wurde sie nicht übernommen. Und sie war verliebt in Uwe Böhnhardt, mit dem sie in dem winzigen, drei mal drei Meter großen Kinderzimmer der elterlichen Wohnung zusammenlebte. „Sie waren verliebt“, sagte Brigitte Böhnhardt vor Gericht. „Als Mutter ist man glücklich, wenn das Kind glücklich ist. Sie gehörte einfach zur Familie.“

Sie habe gedacht, Uwe sei bei „Frau Zschäpe“ – so nennt Brigitte Böhnhardt die Angeklagte vor Gericht – in guten Händen. Sie hoffte, die Freundin würde ihren Sohn von seinen „spinnerten Sachen“ abbringen. Sie hätten damals viel zusammengesessen in der Familie, erzählt sie. Über Politik habe man auch miteinander gesprochen, aber rechte Parolen seien dabei nicht gefallen. „Ich hätte nie gedacht, dass die Beate rechts eingestellt ist“, sagt sie. Ihr Sohn sei sehr verliebt gewesen, die Beate auch, das habe man gespürt. „Sie wäre eine richtig nette Schwiegertochter gewesen“, sagt die Mutter.

Von den bisher gehörten Zeugen vor Gericht hatte Brigitte Böhnhardt noch am längsten Kontakt zu dem Trio. Bis 2002 hätten sie und ihr Mann sich einmal im Jahr in konspirativer Weise mit den drei Untergetauchten getroffen. Geld hätten sie ihnen gegeben, Fotos von der Familie gezeigt, auch mal Kuchenrezepte aufgeschrieben. Damals sei sie überzeugt gewesen, dass ihr Uwe und „Frau Zschäpe“ noch immer ein Paar seien, sagte sie vor Gericht. Wie sie das genaue Verhältnis der Drei untereinander eingeschätzt habe, daran wollte sie sich allerdings nicht mehr so genau erinnern. Das waren erwachsene Leute, sagte sie nur, gleichberechtigt eben. Sie habe jedenfalls nicht den Eindruck gehabt, dass die beiden Männer sich von Zschäpe „dominieren“ ließen.

„Alle drei waren erwachsen“, sagte Brigitte Böhnhardt noch. „Jeder hätte gehen können. Jeder hatte gleichermaßen etwas zu sagen.“ Auch wenn sie es sicher nicht wollte, hat sie Beate Zschäpe mit dieser Aussage belastet. Denn auch die Bundesanwaltschaft versteht die Angeklagte als gleichberechtigtes Mitglied des Trios – das aus Sicht der Ankläger jedoch ein gemeinschaftliches Tötungskommando war.

 

 

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