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Beate Zschäpe bricht ihr Schweigen - „Ich fühle mich moralisch schuldig“

Es ist ein genau kalkuliertes Geständnis, das Beate Zschäpe vor Gericht vortragen lässt. Zwar bricht sie mit ihrer Aussage ein vier Jahre währendes Schweigen, die entscheidenden Fragen spart Zschäpe jedoch aus – ihre Rolle als Ahnungslose wirkt unglaubhaft

Autoreninfo

Von Andreas Förster ist vor Kurzem das Buch Eidgenossen contra Genossen - Wie der Schweizer Nachrichtendienst DDR-Händler und Stasi-Agenten überwachte im Berliner Ch. Links Verlag erschienen.

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Es ist eine andere Beate Zschäpe, die an diesem Mittwochvormittag den Gerichtssaal A 01 im Münchner Justizzentrum an der Nymphenburger Straße betritt. Am 249. Verhandlungstag des NSU-Prozesses tritt sie mit Schwung an den Tisch der Anklagebank heran, packt lächelnd ihre Sachen aus und zeigt ihr Gesicht unverstellt den Kameras. Kein Abwenden mehr wie in den zweieinhalb Jahren zuvor, kein Verstecken hinter den Rücken ihrer Anwälte. Es soll ein Signal sein: Seht her, ich habe die Last des Schweigens hinter mir gelassen und werde nun, nach vier Jahren, endlich sprechen.

90 Minuten später hat Verteidiger Matthias Grasel die letzte der 53 Seiten verlesen, auf denen sich seine Mandantin zu den Anklagevorwürfen der Bundesanwaltschaft äußert. Zschäpes Gesicht ist wieder ernst und verschlossen. Sie scheint zu ahnen, dass das, was ihr Anwalt gerade vorgelesen hat, nicht reichen wird, um sie vor einer lebenslangen Haftstrafe mit Sicherungsverwahrung zu bewahren.

Vielleicht spürt sie aber auch die Enttäuschung und Wut unter den Hinterbliebenen der NSU-Opfer, die sich heute extra wegen ihrer Aussage ins Gericht begeben haben. Sie vor allem hatten sich endlich eine Erklärung dafür erhofft, warum ausgerechnet ihre Angehörigen sterben mussten. Beate Zschäpe aber hat ihnen diese Erklärung nicht geben wollen. Sie hat sich stattdessen selbst als Opfer einer emotionalen Abhängigkeit stilisiert, das sich gezwungen fühlte, über die von ihren Lebenspartnern begangenen Morde zu schweigen.

Zschäpe gleitet in die rechte Szene


Um 9.50 Uhr beginnt Verteidiger Grasel damit, die Aussage seiner Mandantin zu verlesen. Zunächst geht es um ihre Kindheit und Jugend in Jena. Zschäpe erzählt von ihrer Mutter, die kurz nach der Wende arbeitslos und alkoholkrank wird. Es kommt zu Streitigkeiten, das Mädchen, gerade 16 Jahre alt, klaut, weil die Mutter ihr kein Geld gibt. Sie rutscht in die rechte Szene ab, verliebt sich in Uwe Mundlos. An ihrem 19. Geburtstag lernt sie dann Uwe Böhnhardt kennen, sie werden ein Paar, als Mundlos kurz darauf zur Armee muss.

In der rechten Szene in Thüringen sei Tino Brandt der Anführer und Organisator gewesen, liest Grasel aus der Erklärung seiner Mandantin vor. Mit seinem – teilweise vom Verfassungsschutz stammenden – Geld habe er Aktionen und Treffen auf die Beine gestellt. Sie, Zschäpe, habe vor allem aus Liebe zu Böhnhardt mitgemacht. Sie habe Drohbriefe an Zeitungen geschickt, eine Garage angemietet, in der angeblich nur Propagandamaterial gelagert werden sollte.

Man habe einen „politischen Gegenpol“ zu den Linken setzen wollen, stellt sie es dar. Bei einer Durchsuchung der Garage in Jena seien dann aber Sprengstoff und Rohrbomben gefunden worden, wovon sie keine Ahnung gehabt haben will. Die Drei tauchen ab, weil sie eine mehrjährige Haftstrafe fürchten. „Ich dachte nicht, dass das viele Jahre dauern würde“, heißt es in Zschäpes Erklärung.

Kein Zurück in ein „bürgerliches Leben“


Nach einem Jahr im Untergrund kommt es zum ersten Raubüberfall. Zschäpe weiß davon, beteiligt sich aber nicht. Aber ihr ist klar, dass nun der Weg zurück in die „Bürgerlichkeit“ versperrt ist. „Mundlos und Böhnhardt hatten damit abgeschlossen, in ein bürgerliches Leben zurückzukehren", liest Grasel aus Zschäpes Erklärung vor. Wir haben es verkackt, hätten die beiden gesagt. Nach dem dritten Überfall wollen die Uwes nach Südafrika fliehen, aber dazu kommt es nicht.

Stattdessen erschießen Mundlos und Böhnhardt laut Zschäpe im September 2000 den türkischen Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg. Sie will erst drei Monate später davon erfahren haben. „Ich bin regelrecht ausgeflippt“, heißt es in ihrer Erklärung. Eine „unfassbare Tat“ sei das gewesen, bis heute kenne sie die wahren Motive der beiden nicht. Von politischen Aktionen sei jedenfalls nicht die Rede gewesen.

Die Stimmung unter den Dreien sei danach eisig gewesen. Die beiden Uwes hätten ihr nicht vollständig vertraut, aber auch damit gedroht, sich umzubringen, sollte sie zur Polizei gehen. Sie selbst habe zudem Angst gehabt, für den Mord mit zur Verantwortung gezogen zu werden.

„Ich war entsetzt, dass sie erneut gemordet haben“
 

Auch vom Anschlag in der Kölner Probsteigasse habe sie erst später erfahren. Böhnhardt habe damals laut Zschäpe einen mit einer Bombe präparierten Präsentkorb in den Laden gebracht und ihn dort abgestellt, während Mundlos Schmiere stand. Wochen später wurde bei der Detonation des Sprengsatzes die 19-jährige Tochter der iranischen Ladenbesitzer schwer verletzt. Das Motiv für den Anschlag? Die Uwes sagten, sie hätten „Bock darauf gehabt“, gibt Zschäpe an. Sie selbst nennt die Tat „eine brutale und willkürliche Aktion“.

In den folgenden Jahren, so stellt es Zschäpe in ihrer Erklärung dar, will sie immer erst nachträglich von den Freunden über deren Morde informiert worden sein. Auch von dem Mordanschlag auf die Polizisten in Heilbronn hätten ihr die Jungs erzählt. Dabei sei es den beiden angeblich nur um die Polizeiwaffen gegangen, weil ihre Pistolen öfter Ladehemmung hatten.

Von den letzten vier Taten der Ceska-Mordserie will sie auf einen Schlag erfahren haben. „Ich war entsetzt, dass sie erneut gemordet haben“, liest Grasel vor. An dieser Stelle gibt es das erste Mal eine Reaktion im Gerichtssaal. Einige Anwälte und Zuhörer auf der Pressetribüne lachen bitter auf, andere schütteln empört mit dem Kopf.

Emotional abhängig


Grasel aber lässt sich nicht beirren und liest weiter Zschäpes Darstellung vor: „Ich fühlte mich wie betäubt. Mir war bewusst, dass ich mit zwei Menschen zusammenlebe, denen ein Menschenleben nichts wert ist.“ Sie habe stundenlang auf die Uwes eingeredet, aber nie nach Details gefragt. Ihr war klar, dass sie mit zwei Menschen zusammenlebe, die „zuvorkommend, tierlieb, hilfsbereit, liebevoll“ gewesen seien und zugleich Menschen getötet hätten. Sie habe sich aber nicht von ihnen lösen können, weil die beiden „meine Familie“ gewesen seien. Sie sei emotional abhängig gewesen, deshalb „habe ich mich meinem Schicksal ergeben. Denn die beiden brauchten mich nicht, ich aber brauchte sie.“

Außerdem habe sie Angst vor einer Haftstrafe gehabt. Ihr hätte doch niemand geglaubt, dass sie mit den Morden nichts zu tun habe. Sie habe in jener Zeit viel Alkohol getrunken, „drei bis vier Flaschen Sekt am Tag“, und die Katzen vernachlässigt. Bei den Gesprächen mit den Freunden hätten die ihr das Versprechen abgenommen, im Fall ihrer Festnahme die Bekenner-DVDs zu verschicken und die Beweise in der Wohnung zu vernichten.

Zschäpe will allerdings nicht gewusst haben, was sich auf diesen DVDs befand. Sie sei davon ausgegangen, dass sich die beiden darauf zu den Raubüberfällen bekennen würden. Auch habe sie die Musik aus den „Paulchen-Panther“-Filmen aus dem Nachbarzimmer gehört, wenn Mundlos an dem Film arbeitete. Die DVD habe sie das erste Mal im Gerichtssaal gesehen, lässt sie ihren Anwalt vorlesen.

Kein Mitglied des NSU


Die Existenz einer Organisation NSU bestreitet Zschäpe in ihrer Erklärung. Den Begriff habe sich zwar Mundlos ausgedacht, es habe aber keine rechtsextreme Gruppe gegeben, der sie angehört habe, trägt Grasel vor. Sie habe auch nicht, wie es die Bundesanwaltschaft behaupte, an einem „Vernichtungskampf gegen den Staat“ teilgenommen. Zwar habe sie mehrmals für eine „Abtarnung“ der Uwes vor den Nachbarn gesorgt, aber nur, weil sie Angst vor einem Auffliegen hatte und nicht, weil sie sich mit den Morden identifiziert hätte. Wegen ihrer Gefühle für Böhnhardt sei sie nicht ausgestiegen.

Über den 4. November 2011, den Tag der Selbstenttarnung des NSU, berichtet Zschäpe nur in groben Zügen. Nach ihrer Darstellung will sie im Radio von einem brennenden Wohnmobil und zwei Toten erfahren haben. Ihr sei augenblicklich klar gewesen, dass es sich dabei um ihre beiden Freunde handele. Deshalb habe sie Benzin in der Wohnung verschüttet und Feuer gelegt. Zuvor will sie im Hausflur gehorcht haben, ob die Bauarbeiter noch im Dachgeschoss gewesen sind. Auch habe sie bei der betagten Nachbarin geklingelt, aber aus deren Wohnung auch nichts gehört, weshalb sie davon ausgegangen sei, es ist niemand zu Hause. Auf ihre anschließende Flucht, bei der ihr zumindest anfänglich der neben ihr auf der Anklagebank sitzende André E. geholfen hat, geht sie mit keinem Wort ein.

Auf der 53. und letzten Seite ihrer Erklärung steht eine kurze Entschuldigung Zschäpes bei den Hinterbliebenen der Opfer. „Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und allen Angehörigen der Opfer der von Mundlos und Böhnhardt begangenen Straftaten. Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“, liest Anwalt Grasel vor.

Kühl kalkuliertes Geständnis


Es ist ein kühl kalkuliertes und genau abgegrenztes Geständnis, das Zschäpe vor Gericht vortragen ließ. Überraschend ist, wie deutlich und emotional beherrscht sie sich von Mundlos und Böhnhardt abwendet und ihnen die alleinige Schuld an allen NSU-Taten zuschreibt. Die Bundesanwaltschaft darf sich dadurch bestätigt fühlen: Obgleich ihr bislang überzeugende Beweise für die alleinige Täterschaft der beiden Uwes fehlten und im Gegenteil eine ganze Reihe von Indizien auf einen größeren Täterkreis hindeuteten, hatten die Ankläger darauf beharrt, dass das NSU-Kerntrio stets allein gehandelt habe. Abgesehen von ihrer eigenen Rolle im NSU hat Zschäpe damit den Bundesanwälten sicher nicht ohne Eigeninteresse zum Munde geredet. Es bleibt abzuwarten, ob die sich bei ihrer Strafmaßforderung für die Angeklagte im späteren Plädoyer erkenntlich zeigen werden.

Bis dahin aber liegt noch ein hartes Stück Arbeit vor Zschäpe, die in der nun zu erwartenden Befragung durch das Gericht und die Verteidiger der Mitangeklagten die Glaubwürdigkeit ihrer Einlassung erst noch unter Beweis stellen muss. Anwälte und Nebenkläger sprachen bereits kurz nach der Verhandlung von einer „sinnlosen Erklärung“ der Angeklagten. Der Nebenkläger-Vertreter Mehmet Daimagüler etwa nannte die Aussage ein „Lügenkonstrukt“. Zschäpe könne nicht nach 249 Verhandlungstagen kommen „und dann erwarten, dass wir dumm genug sind, das zu glauben“. Auch der Berliner Rechtsanwalt Sebastian Scharmer sagte, die Erklärung halte einer gründlichen Überprüfung nicht stand. „Zschäpe als Ahnungslose, den beiden Mittätern unterlegene Frau, die von den Taten jeweils vorher nichts wusste - das glaubt ihr niemand, der die Verhandlung von Anfang an besucht hat. Die Aussage ist konstruiert, ohne Belege und in sich widersprüchlich“, so Scharmer. So werde sich die Angeklagte nicht vor einer Verurteilung retten können.

Gamze Kubasik, die Tochter des 2006 ermordeten Mehmet Kubasik, sagte, Zschäpe habe einfach versucht, ihre Rolle herunter zu spielen. „Für mich ist das reine Taktik und wirkt total konstruiert. Die angebliche Entschuldigung für die Taten von Mundlos und Böhnhardt nehme ich nicht an“, sagte sie.

Fehlende und unglaubhafte Antworten


Tatsächlich hatte Zschäpe in ihrer Einlassung ganz entscheidende Fragen völlig ausgespart. So etwa die nach der Unterstützung des Trios durch die rechte Szene und danach, wo sich die beiden Uwes während der oft wochenlangen Abwesenheit aus der gemeinsamen Wohnung aufgehalten haben. Diese Zusammenhänge aber sind von entscheidender Bedeutung für eine abschließende Bewertung darüber, ob das NSU-Kerntrio wirklich keine Mittäter und Helfer bei seinen Mordtaten hatte.

Auch Zschäpes Darstellung, das Motiv für die Mordanschläge sei eine Art Frustration gewesen und habe keinen politischen Hintergrund gehabt, ist schlicht unglaubhaft. Über ihre eigene politische Einstellung hat sie ebenfalls bislang nichts ausgesagt. Soll sie wirklich mit ihren beiden Freunden nie darüber diskutiert haben, was sie angetrieben hat? Es bleibt abzuwarten, ob Beate Zschäpe an den kommenden Verhandlungstagen wirklich die Kraft und den Willen hat, reinen Tisch zu machen. Bislang ist sie diesen Nachweis schuldig geblieben.

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