Politik und Talkshows - Nicht erst talken, wenn es brennt!

Unser Kolumnist Gunter Hofmann nutzt den seltenen Umstand einer Talkshow-freien Woche und zieht eine kleine Zwischenbilanz über diese Form der Politik-Vermittlung

Sandra Maischberger, Günther Jauch, Maybritt Illner, Late-Night-Reinhold Beckman
(picture alliance) "Nur wer sich ernst genommen fühlt, hat auch Respekt vor der Politik."

Achtung, dies ist keine Kolumne über die Aktion Wasserschlag des Bundespräsidenten, die als „Befreiungsschlag“ gedacht war. Den seltenen Umstand, dass wir eine Talkshow-freie Woche genießen, möchte ich dazu nutzen, eine kleine Zwischenbilanz über diese Form der Politik-Vermittlung zu ziehen – die wundersame Vermehrung dieses „Formats“ im Jahr 2011 in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sowie die bedrückende Entleerung der klassischen politischen Institutionen drängen das geradezu auf.[gallery:Die mächtigste Frau der Welt und ihre Gegner]

Welchen Beitrag also leisten Sandra Maischberger, Günther Jauch, Maybritt Illner, Late-Night-Reinhold Beckmann, Anne Will oder „Hart-aber-fair“-Frank Plasberg dazu, mit den großen politischen Themen, den akuten Krisen demokratisch umzugehen? Und wenn es stimmt, dass Angela Merkel ihre Politik nicht wirklich zu „erklären“ vermag, füllen die Talkmaster diese Lücke?

Gestolpert bin ich jüngst über den Bericht Paul Ingendaays, des vorzüglichen Kulturkorrespondenten der FAZ aus Madrid, über den Betrugsfall um Inaki Urdangarin, den Schwiegersohn von König Juan Carlos. Spaniens Medien befassten sich zwar permanent dramatisch mit Korruptionsfragen und der Glaubwürdigkeit der Politik, aber eher, um damit ihr Publikum zu unterhalten und, wie er schrieb, den Schlamm zu verteilen. Den Skandalfall in der Nähe des Königsthrons hätten sie nie wirklich durchleuchtet. Die Art der „Dauerberieselung“ jedoch trage zur Aufklärung nichts bei, im Gegenteil. Lobend hingegen hob der Spanien-Korrespondent die deutschen Talkshows hervor, die sich beispielsweise zwei Tage lang konzentriert mit dem Comebackversuch des ehemaligen Verteidigungsministers, Guttenberg, befasst hätten, oder auch offen und gründlich den dubiosen Privatkredit von Bundespräsident Wulff verhandelten.

Ingendaay ging noch weiter: „Die oft verspottete 'Experten'-Mischung, die sich dort im Studio einfindet, stellt in Wahrheit eine der Errungenschaften deutscher Debattenkultur dar, denn immer wieder gelingt es, auch Außenseitermeinungen ein Forum zu bieten. Tatsächlich vermitteln gelungene Talkshows den Zuschauern im Lauf der Jahre einen anderen, heterogeneren Begriff von 'Öffentlichkeit', welcher der Zusammensetzung eines modernen Gemeinwesens viel eher entspricht als der politische Diskurs der Meinungsprofis.“

Trifft das zu? Guttenberg wurde ohne Not aufgewertet, obwohl es die Sendungen nicht wirklich lohnte. Und was soll interessant und relevant sein an dem Urteil eines Tatort-Kommissars oder der Darstellerin einer Rosamunde-Pilcher-Schmonzette, die zur Verlebendigung einer TV-Gesprächsrunde über die Zukunft des Euro eingeladen werden, neben anderen Zufallsgästen, die vielleicht schräge Meinungen mitbringen, aber von der Sache Null verstehen?

Von „italienischen Zuständen“ könnte man hierzulande in einem gewissen Sinne sprechen, seit die großen Fernsehanstalten, voran das ZDF, ihr Abendprogramm quer durch die Woche vor allem mit „Talk“ bestreiten, eine Runde löst die nächste ab, bis hin zu Markus Lanz, bei dem man nie so genau weiß, ob er kocht oder talkt oder walkt oder alles zugleich. Politische Themen werden von einigen Moderatoren kaum noch verhandelt, eine Tendenz zum Populären und zur Entpolitisierung, die vermutlich die Angst der Fernsehgewaltigen widerspiegelt, mit zu viel Politik das Publikum zu verprellen – sprich, die Quoten zu senken. Aber ohnehin wird die Politik ja geradezu deklassiert, wenn nicht politische Journalisten das Gespräch gestalten, sondern Generalisten, die Sportveranstaltungen kommentieren, Kochsendungen leiten, Unterhaltungsshows moderieren und dann eben auch noch auf Politik angesetzt werden. Welches Elend, dieses Multi-tasking!

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was sich Gunter Hofmann für das deutsche Fernsehen wünschen würde

Günther Jauch, der sich auf „Wer wird Millionär?“ eindeutig am besten versteht, ist einfach kein politischer Journalist. Er wird es auch nicht. Dennoch: Am Beispiel von Maybritt Illner ließe sich zeigen, dass an der These von der „Debattenkultur“ durchaus auch etwas stimmt. Inzwischen hat sich herauskristallisiert, dass sie – im Grunde als einzige – regelmäßig zentrale Themen verhandelt, die auf der nationalen Agenda stehen, und das zuallermeist auch mit kompetenten Gästen, von denen man etwas lernen kann. Sie hält damit gegen den modischen Entpolitisierungs-Trend.

Fragen wie die, wie sich die internationalen Finanzmärkte kontrollieren oder der Primat der Politik zurückgewinnen ließe, sind sicher hochkompliziert. Das auf allgemeinverständliche Weise zu verhandeln und alternative Pfade zur Debatte zu stellen, streng konzentriert mit Leuten, die etwas von der Sache verstehen, ist ein Kunststück für sich. In einem Gespräch mit der „Berliner Zeitung“ hat Maybritt Illner bilanziert, ein solches Jahr hätten ihre Kollegen und sie noch nicht erlebt, für Journalisten sei das „fantastisch“.

Es seien „riesige Räder“, die gedreht werden, um fundamentale, historische Veränderungen gehe es, „denken Sie an den Atomausstieg unter Schwarz-Gelb, der die gesamte Industrie der Energieerzeuger bis hin zu den Verbrauchern vor eine völlig neue Situation stellt“, oder die Finanz- und Bankenkrise, die den Menschen Angst mache. Früher, plauderte sie aus dem Nähkästchen, habe man gern mal fünf Generalsekretäre um den Tisch gesetzt, heute brauche man für eine gute Diskussion Fachpolitiker, die man mit Experten, Freidenkern oder Andersdenkenden ergänzen müsse. Die Welt sei weniger ideologisch gespalten, dafür komplizierter.

Das kann man nun alles unterschreiben, und man muss auch anerkennen, dass der Spaß an der aufklärerischen Rolle des Journalismus plötzlich oft wieder durchschimmerte. Man kann noch einen Schritt weiter gehen: Aufgewertet wird die Politik auf diese Weise, wenn das Fernsehen es gut macht. Andererseits: Wie die Berliner Politik umgeht mit diesen Krisen, das verrät, dass sie das Publikum nicht für sehr mündig hält. Motto: Die Wahrheit dürfen die Leute nur scheibchenweise erfahren, sonst wird man abgestraft!

Umgekehrt wird ein Stiefel draus: Nur wer sich ernst genommen fühlt, hat auch Respekt vor der Politik. Wenn es dem Fernsehen öfter gelänge, die liberale, individualisierte Gesellschaft, ja, einschließlich Occupy und Stuttgart 21, zur Geltung kommen zu lassen und der verängstigten Politik vorzuführen, dass man vor der Demokratie keine Angst haben muss,  wäre das schon ein Gewinn. Aber zugegeben, so weit sind wir noch nicht. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

PS. Wenn das Wünschen helfen würde, sollte ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das seinen Auftrag ernst nimmt, beispielsweise ins Programm heben, wie die ungarische Regierung peu à peu  Freiheit und Demokratie erstickt. Über die sozialen Konflikte in Großbritannien würde dieses Wunsch-TV auch dann berichten, wenn gerade keine riots auf der Insel ausbrechen. Es würde auf den anhaltenden politischen Stillstand in Belgien hinweisen, wo nach vier Jahren ein Kabinett erst auf Grund des Druckes der Rating-Agenturen zustande kam.

In einem glänzenden Essay über die Lage dieses Landes hieß es in der Neuen Zürcher Zeitung zum Jahresschluss, viele Belgier bemächtige das Gefühl, unter ihren Füssen befinde sich „kaum mehr fester Boden“, während zugleich die EU ihre schwerste Krise zu bestehen habe seit ihrer Gründung auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges. Auch Europa, das von Brüssel aus „regiert“ wird, wanke in den Grundfesten. Wörtlich: „Europa mag in dieser Hinsicht selber ein wenig belgischer geworden sein.“ Wie sensibel, genau und wahr! Welches Gesprächsthema! Was für das Fernsehen gilt, gilt für den Journalismus natürlich auch generell: Sein Augenmerk müsste er auf die Schwelbrände vor der Tür lenken, Belgien ist überall, und nicht nur „talken“, wenn Feuer am Dach ist.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.