Bundeswehr
Anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Bundeswehr wird dieses Jubiläum mit einem Feierlichen Gelöbnis am Gründungstag der Bundeswehr gewürdigt / picture alliance / SZ Photo | Mike Schmidt

Neuer Wehrdienst - Union und SPD räumen Streitpunkte bei Wehrpflicht aus

Ziele für die Aufstockung der Bundeswehr, eine flächendeckende Musterung und eine „Bedarfswehrpflicht“, falls Freiwilligkeit nicht funktioniert. Was die vereinbarten Änderungen im Wehrdienst bedeuten.

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Ein Kompromiss legt den Streit der Regierungsparteien um den neuen Wehrdienst bei. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) muss dafür und auf Drängen der Union die Aufstockung der Truppe – im Jargon des Ministeriums „Aufwuchs“ – in Zielzahlen messbar machen. Mit der Forderung nach einer flächendeckenden Musterung für junge Männer setzt er sich aber durch.

Was wurde an den Plänen geändert?

Die Union wollte vor der Regierungsbildung eine Rückkehr zur Wehrpflicht und stoppte das neue Wehrdienstgesetz. Sie forderte messbare Kriterien für den Erfolg eines zunächst freiwilligen Wehrdienstes – und setzte sich damit nun durch. „Auf Grundlage des militärischen Ratschlags wurde dafür ein Aufwuchspfad mit klar definierten Zielkorridoren festgelegt, der gesetzlich verankert und durch eine halbjährliche Berichtspflicht des Verteidigungsministeriums gegenüber dem Deutschen Bundestag überprüft wird“, heißt es nun.

Wie sollen ganze Jahrgänge gemustert werden?

Die Militärverwaltung hat gut 18 Monate Zeit, um wieder eine Musterungsorganisation aufzubauen, die bis zu 300.000 Menschen im Jahr auf Eignung checken kann. Ältere haben daran und an sogenannte Kreiswehrersatzämter teils schlechte Erinnerungen. „Als ich damals gemustert worden bin, bin ich in ein ganz furchtbares Haus gekommen. Da hat es ganz furchtbar nach Bohnerwachs gerochen, und die Menschen waren ganz deutlich unfreundlich zu mir“, sagte Falko Droßmann, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, in einer Anhörung im Bundestag. „Und dann haben sie mir an Sachen gefasst, wo man nicht hingefasst werden möchte.“

Generalleutnant Robert Sieger vom Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr antwortete, er teile dieses Bild von damals. Deswegen wolle man sich an Skandinavien orientieren. Er habe dort gesehen, dass die Durchführung der Musterung „insbesondere auch in Schweden hell, freundlich und positiv ist“. Sieger sagte: „Und genau da wollen wir auch hin.“ Die Musterung solle nicht in Kasernen stattfinden, sondern es solle mit einer „Anmietlösung“ gearbeitet werden.

Wehrdienstleistender oder gleich Soldat auf Zeit?

Pistorius hatte sich dafür starkgemacht, die neuen Rekruten gleich als sogenannte Soldaten auf Zeit in den Dienst zu nehmen. Da gibt es nun mit der Einigung eine Änderung: „Der freiwillige Wehrdienst als besonderes staatsbürgerliches Engagement bleibt erhalten. Ab zwölf Monaten Verpflichtungsdauer wird der Status Soldat auf Zeit (SAZ 1) eingeführt.“ Es bleibt aber bei einem Dienst, der mit höherer Bezahlung und zusätzlichen Ausbildungen wie Führerscheinen oder IT-Lehrgängen schmackhaft gemacht wird: „Wer freiwillig dient, erhält rund 2.600 Euro brutto monatlich. Ab einer Verpflichtungszeit von einem Jahr wird ein Führerscheinzuschuss für Pkw oder Lkw gewährt.“

Was bedeutet „Bedarfswehrpflicht“ und welche Rolle spielt das Losverfahren?

Schon jetzt soll für den Fall vorgesorgt werden, dass sich nicht genug junge Männer und Frauen freiwillig zum Dienst melden. Unter Abwägung der sicherheitspolitischen Lage soll der Bundestag dann entscheiden, ob eine sogenannte Bedarfswehrpflicht eingeführt wird. Das Parlament übt dann aber nur ein Recht aus, das ihm ohnehin zusteht, denn eine Mehrheit der Abgeordneten könnte die Wehrpflicht wieder einführen und auch mit der Feststellung des Spannungs- oder Verteidigungsfalls einen solchen Automatismus auslösen. Bei der Bedarfswehrpflicht kann dann ein Zufallsverfahren zur Auswahl eingesetzt werden. Das umstrittene und von der Union vorgeschlagene Losverfahren noch vor einer Musterung ist damit aber vom Tisch.

Wird Freiwilligkeit funktionieren?

Pistorius und andere führende SPD-Politiker betonen dies. Andere Stimmen – darunter auch der Militärhistoriker Sönke Neitzel – zweifeln daran und sprechen von einem „Prinzip Hoffnung“. Den Abgeordneten hielt er vor, sie führten eine Debatte losgelöst von der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung, die für eine Wehrpflicht sei. „Also historisch betrachtet ist die Wehrpflicht im Frieden nie gerecht gewesen“, sagte er. „Sie war immer gerecht im Krieg, weil dann alle Männer, die irgendwie laufen konnten, in der Armee dienen mussten. Aber im Frieden gab es dieses Problem immer, das ist uralt.“

Wie soll der neue Wehrdienst starten?

Ab dem kommenden Jahr erhalten alle 18-Jährigen einen Fragebogen, der Motivation und Eignung erfasst und über weitere Formen des freiwilligen Engagements informiert. Union und SPD sind sich einig: „Für Männer ist die Beantwortung verpflichtend. Mit Inkrafttreten des Gesetzes beginnt zudem die verpflichtende Musterung der ab dem 1. Januar 2008 geborenen Männer, die schrittweise entsprechend dem Aufbau der Musterungskapazitäten auf den gesamten Jahrgang ausgeweitet wird.“

dpa

 

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Peter William | Do., 13. November 2025 - 11:25

Im Militär geht es nunmal anders zu. Der Imperativ wird häufig genutzt. Kurze klare Anweisungen und wenig Rücksicht auf Befindlichkeiten. Schnell und somit effizient. Ist so im Militär, dass darf man meines Erachtens nicht mit Unfreundlichkeit verwechseln.

Es gibt halt kein Bitte und Danke im normalen Militär-Sprachgebrauch während des Dienstes. Außerhalb dieses kann euch niemand irgend etwas befehlen, außer halt die Militärpolizei.

Walter Buehler | Do., 13. November 2025 - 12:55

Kann man nicht alles kaufen? Kann man nicht auch Sicherheit kaufen? Kann man nicht Verträge mit Sicherheitsfirmen schließen, die mit ihrer Expertise unsere Sicherheit gerantieren können?

Arbeiter, Bauer, Soldat: Der Arbeiter kann das Haus bauen, der Bauer liefert die Nahrung, und der Soldat liefert Sicherheit - ganz normale Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Berufen. In der Schweiz hat der Söldnerberuf eine große wirtschaftliche Rolle gespielt.

Das hat sich auch in der Ukraine und in Russland gezeigt: hauptsächlich sind gekaufte Söldnerhaufen aktiv; Wehrpflichtige spielen keine große Rolle und haben sich verständlicherweise zahlreich in Sicherheit gebracht, z. B. in Deutschland.

Wie die Begriffe "Söldner" und "Soldat" schon klar macht, iat der Sicherheitsdienst nur gegen Sold zu haben. Das hat dazu geführt, dass Reiche idR mehr Schutz genießen als Arme.

Also auf: Zurück ins Mittelalter.

Ernst-Günther Konrad | Do., 13. November 2025 - 14:07

...wird selig, sagt ein Sprichwort. Die wievielte Meldung ist das von dieser Chaos Regierung, dass man sich über irgendetwas geeinigt haben will, dass bereits einen Tag später wieder in Frage gestellt wird oder im Detail betrachtet und umgesetzt nichts bringen wird und etliche Fußangeln hat? Und selbst wenn es so kommen sollte, glauben die ernsthaft, das junge Leute bereit sind für diesen Staat ihr Leben zu riskieren? Und wenn nicht genügend freiwillige sich melden, wer wird unter welchen Bedingungen wie gezwungen? Und wer wird sich für zwei Jahre verpflichten, streicht Berufssoldaten Sold ein, bekommt verbilligt einen Führerschein, frei Kost und Logis, um denen dann den Stinkefinger zu zeigen?
Und wollen sich Soldaten künftig wegen *pöhser Chats* disziplinarrechtlich verfolgen lassen und als angebliche Nazis *verfolgt* ihre Meinungsfreiheit einschränken lassen? Ich habe mal einen Fahnen Eid überzeugt geschworen, auf diese Republik/Land würde ich es heute nicht mehr tun.

Urban Will | Do., 13. November 2025 - 14:33

dass ein Großteil der neuen „Freiwilligen“ die Kohle einstreichen und die halbe Zeit im Blaumann herum laufen, weil sie „krank“ sind.
Eine kampfesfähige Armee – so etwas in der Art möchte man doch jetzt, um die bösen Russen zurückzuschlagen, oder? - wird man so nicht bekommen, sondern nur einen Haufen Kosten, viel Ärger und am Ende eine Bundeswehr, die noch lächerlicher dasteht als vorher.
Ich kann es nur wiederholen. Junge Männer und Frauen, die bereit sind, dieses Land mit dem Leben zu verteidigen, kann man weder kaufen noch verpflichten. Man müsste erst mal das Land neu erfinden, bevor man Menschen sucht, die dafür sterben wollen.
Und man müsste diese Bundeswehr neu erfinden.
All das bedeutet, zunächst eine komplette polit. geistig-moralische Wende durchzuführen, wieder Schwarz-Rot-Gold und Patriotismus zu fördern (der Dt. Fußballbund schaffte S-R-G gerade ab...).
Erst dann kann man mal nachdenken, ob es sich lohnt, dies zu verteidigen.
Ein linksgrünwokes Narrenschiff gewiss nicht.

IngoFrank | Do., 13. November 2025 - 16:52

Wahrscheinlichkeit mit überbordernden Schlüflöchern versehen, das es der Jugend mehr als leicht fallen wird, den Wehrdienst zu umgehen.
Andererseits kann ich’s ach verstehen, warum ein Land verteidigen, dessen Regierung Geld in der ganzen Welt verteilt, und die wenigen, die nichts abbekommen haben, ins Buntland einläd um fleißig Stütze zu zahlen…….
Schlimmer noch, keinen einzigen Cent fürs eigene Volk auszugeben !
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik .