Neonazis - „Ich habe Anwälte in Bomberjacken gesehen“

Hitlergrüße und Hakenkreuze gehörten lange zum Arbeitsalltag von Thomas Kuban. Der Journalist recherchierte jahrelang verdeckt in der Nazi-Szene und hat 2012 „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ veröffentlicht. Im Interview spricht Kuban über den NSU, Anwälte in Bomberjacken und das unerklärliche Desinteresse der Medien

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FilmFaktum

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Julian Graeber hat Sportwissenschaft und Italienisch in Berlin und Perugia studiert.

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Am 6. Mai beginnt in München der Prozess gegen Beate Zschäpe. Wie haben Sie die zahlreichen Ermittlungspannen wahrgenommen?
Die vielen Ermittlungspannen haben mich nicht überrascht. Im Rahmen meiner fünfzehnjährigen Recherche in der Neonazi-Szene habe ich vielfach Versagen der Sicherheitsbehörden erlebt. Da sind Polizeibeamte an wesentlich einfacheren Aufgabenstellungen gescheitert, als an der Aufklärung terroristischer Morde.

Hatten Sie in der Neonazi-Szene zuvor vom NSU und seinen Taten gehört?
Nein, vor dem Auffliegen nicht. Sonst hätte ich selbstverständlich darüber berichtet. Nach dem, was heute bekannt ist, hätte man aber tatsächlich von journalistischer Seite auf den NSU aufmerksam werden oder zumindest den rechtsextremistischen Hintergrund erkennen können. Stattdessen ist festzustellen, dass ein großer Anteil der Berichterstattung nur den Thesen der Polizei gefolgt ist.[[nid:54192]]

Wie erklären Sie es sich, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt so lange nahezu unbehelligt agieren konnten, obwohl sie schon 1998 ins Visier der Polizei geraten waren?
Da kann ich nur spekulieren. Ob es einfach nur Versagen der Behörden war oder ob Beamte bewusst weggeschaut haben, weiß ich nicht. Beides ist auf jeden Fall denkbar. In der Tat überrascht es, dass es so lange gedauert hat, bis die Terroristen aufgeflogen sind. Die Frage bleibt natürlich, ob das, was wir heute wissen, schon wirklich die ganze Wahrheit ist. Man kann darüber streiten, wie realistisch es ist, dass eine Handvoll Leute genügt haben soll, um über Jahre hinweg solche Terrorakte zu begehen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich verdeckt in die Neonazi-Szene zu begeben?
[[{"fid":"52819","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":178,"width":220,"style":"width: 180px; height: 146px; float: left; margin: 5px;","alt":"Thomas Kuban, Foto: FilmFaktum","title":"Thomas Kuban, Foto: FilmFaktum","class":"media-element file-teaser"}}]]Das war ein längerer Prozess. Ich hatte einen Kollegen kennengelernt, der ein großes Archiv zum Thema Neonazis hatte. Der hat mich in den 90er-Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass es eine konspirativ organisierte Neonazi-Musikszene gäbe. Das habe ich in Deutschland erst einmal für unmöglich gehalten, musste mich aber eines Besseren belehren lassen. Da hat mich der berufliche Ehrgeiz gepackt.

Für wie gefährlich halten Sie die Rechtsrock-Szene?
Die Szene wird weiterhin massiv unterschätzt. Es geht dort nicht nur um Musik. Der Mord an Juden und Ausländern wird nicht nur besungen und glorifiziert, sondern auch in die Tat umgesetzt. Schon vor dem NSU gab es Statistiken über Opfer rechtsextremer Gewalt. Die Amadeu-Antonio-Stiftung kommt seit 1990 auf rund 180 Todesopfer, die Polizei nur auf etwa 60.

Haben Sie auf den Konzerten Straftaten beobachten können?
Bei Nazikonzerten kommt es immer wieder reihenweise zu Straftaten – von Hitlergrüßen über „Sieg Heil“-Rufe bis hin zu volksverhetzenden Liedtexten –, die von den Sicherheitskräften nicht geahndet werden. Ich habe erlebt, dass der polizeiliche Staatsschutz, die Rechtsextremismus-Experten der Polizei, im Konzertzelt stehen und trotzdem wird von der Bühne dazu aufgefordert, Berlin-Kreuzberg als türkische Stadt in Deutschland dem Erdboden gleich zu machen. Wenigstens die Hitlergrüße hätte auch ein schlecht ausgebildeter Polizeibeamter als Straftat erkennen müssen. Und trotzdem wurde nicht eingegriffen.

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Kam es auch zu körperlicher Gewalt oder zu Übergriffen?
Übergriffe gegen Asylanten oder ähnliche Personengruppen habe ich nicht erlebt. Die Konzerte finden ja meist sehr abgelegen statt. Es kommt aber teilweise zu Gewalt untereinander. Es gab zum Beispiel Massenschlägereien in Belgien zwischen deutschen und österreichischen Neonazis auf der einen Seite und polnischen auf der anderen Seite, weil die polnischen Neonazis in den Augen der Deutschen nicht arisch genug waren.

Was haben Sie für Menschen auf den Konzerten erlebt?
Das Publikum ist sehr heterogen. Man trifft dort den typischen Nazi-Skinhead, einfach gestrickt, mit entblößtem Oberkörper und gewaltbereit. Bis zum Rechtsanwalt sind dort jedoch Menschen aller Schichten zu treffen. Ich erinnere da an Steffen Hammer und Alexander Heinig, die Mitglieder bei den Rechtsrock-Bands „Noie Werte“ und „Ultima Ratio“ waren: Die sind immer noch als Anwälte tätig. Bei einem Gedenkkonzert für den Gründer des Netzwerkes „Blood & Honour“ in England habe ich Heinig beispielsweise in olivgrüner Bomberjacke, anstatt in schwarzer Robe gesehen.

Wie eng sind die Kontakte zu Neonazis, die Sie für Ihre Tarnung brauchen?
Inzwischen habe ich die Kontakte in die Szene auf ein Minimum reduziert. Zu den Hochzeiten meiner Recherche hatte ich bis zu 40 Pseudonym-Accounts gleichzeitig in sozialen Netzwerken und Foren. Bei den Konzerten selbst habe ich mich natürlich auf oberflächliche Kontakte beschränkt und häufig den Standort gewechselt, um nicht Gefahr zu laufen, enttarnt zu werden.

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Gab es dabei schon einmal brenzlige Situationen, wo Sie Angst hatten, entdeckt zu werden?
Nein, fast aufgeflogen bin ich nie. Ich habe mich immer sehr gut vorbereitet und hatte Geheimdienstequipment aus den USA und Israel. Bei so einer Undercover-Recherche muss man selbst absolut von seiner Tarnung überzeugt sein, sonst wirkt man unsicher und läuft Gefahr, enttarnt zu werden.

Haben Sie nie daran gedacht, die Recherche hinzuschmeißen?
Doch, aber nicht aufgrund der psychologischen Belastung. Man muss sich das ganze wie ein großes Strategiespiel vorstellen. Da fühlt man schon immer wieder eine Befriedigung, wenn man dieses Strategiespiel gewinnt und die Nazis einen nicht entdecken. Der Grund, meine Recherchen letztlich zu beenden, war das mangelnde Interesse an meinen Arbeitsergebnissen in vielen Fernsehredaktionen. Deshalb musste ich aus finanziellen Gründen Schluss machen.

Die rechte Musikszene gilt als Nährboden der Nazi-Bewegung. Was kann der Staat gegen diese Tendenz tun?
Der Hauptgrund für den großen Zulauf, den die Rechtsrock-Szene und die nationalistische Bewegung allgemein haben, ist meiner Meinung nach eine große Politikverdrossenheit und ein Misstrauen der repräsentativen Demokratie gegenüber. Jugendliche nehmen die Vertreter der Demokratie heute als Gefahr für den bisherigen Wohlstand und ihre finanzielle Existenz wahr. Man denke nur an die Agenda 2010, die Menschen dazu zwingt, für Löhne zu arbeiten, mit denen sie keine Familie ernähren können. Diese Perspektivlosigkeit im Rahmen einer immer weiter fortschreitenden wirtschaftlichen Globalisierung sorgt dafür, dass sich viele Menschen nach Halt und nach mehr Übersichtlichkeit sehnen. Da ist die Heimat, das Volk, ein Bezugspunkt, den viele in dieser Situation suchen.

Was für eine Rolle spielt die NPD bei der Rekrutierung von jungen Neonazis?
Eine zentrale. Sie verteilt zum Beispiel CDs mit rechtsradikalem Gedankengut an Schüler, um sie zu ködern. Dabei setzt die NPD auch auf den Überraschungseffekt: auf diesen CDs finden sich teilweise auch Lieder gegen Krieg, so dass manche Jugendliche vielleicht denken: „Die Nazis sind ja gar nicht so schlimm, wie mein Geschichtslehrer immer behauptet.“ Sobald solch ein erstes Interesse geweckt wurde, kommen die durch den Parteistatus ermöglichten öffentlichen Großveranstaltungen ins Spiel. Dazu gehören Konzerte wie der „Rock für Deutschland“ in Gera, wo 2009 mehr als 5.000 Besucher waren. Es gibt keinen anderen Teilbereich der Neonazi-Szene, der ein auch nur annähernd so großes Rekrutierungspotential hat wie die Musik.

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Halten Sie ein NPD-Verbot für sinnvoll?
Wer die Nazi-Bewegung wirkungsvoll schwächen will, der muss die Nachwuchsrekrutierung unterbinden. Vor diesem Hintergrund macht ein NPD-Verbot natürlich Sinn.

Kennen Sie die Rechtsrock-Szene in Jena, der Heimat des NSU-Trios?
In Jena habe ich nur einmal in einem Ladengeschäft gedreht. Ich habe aber bei anderen Konzerten Bands aus der Region wie „Blutstahl“ und die „Boot Boys Jena“ gesehen. Erst dieser Tage hat Innenminister Gall aus Baden-Württemberg laut Medienberichten gesagt, dass die mutmaßlichen Terroristen früher bei einschlägigen Konzerten in Baden-Württemberg gewesen seien. Das zeigt, dass auch der NSU Verbindungen in die Rechtsrock-Szene hatte.[[nid:54192]]

Sie und der Filmemacher Peter Ohlendorf sind mit dem Film „Blut muss fließen“ ein großes finanzielles Risiko eingegangen. Der Film lief vor einem Jahr auf der Berlinale, das Interesse der öffentlich-rechtlichen Sender war jedoch gering. Wie ist der aktuelle Stand?
Wir konnten bisher mit keinem Sender ein positives Ergebnis erzielen. Es gab Gespräche mit dem NDR und jetzt mit dem MDR. Nach wie vor ist jedoch kein Sendeplatz in Sicht. Der Sender bietet uns eine Summe für die Ausstrahlung, die nur einen Bruchteil der 200.000 Euro Schulden abdeckt, die insbesondere der Kollege Ohlendorf für den Film aufgenommen hat – von der Arbeitszeit ganz zu schweigen. So geht das natürlich nicht. Außerdem legen wir darauf wert, dass der Film nicht alibihaft mitten in der Nacht gezeigt wird, sondern im Abendprogramm, damit ihn auch Jugendliche sehen können.

Wie erklären Sie sich diese Haltung? Bei dem Budget, das ARD und ZDF für den Tatort oder Fußball-Übertragungen ausgeben, sind das doch minimale Beträge, über die wir reden?
Das ist mir ein völliges Rätsel. Jedes Jahr werden mehr als sieben Milliarden Euro an Rundfunkgebühren bezahlt. Dafür haben die öffentlich-rechtlichen Sender einen Informationsauftrag zu erfüllen, dem sie immer weniger nachkommen. Wenn es nach den Entscheidungskriterien der öffentlich-rechtlichen Sender gegangen wäre, hätte es meine Recherche nie gegeben. Denn vor Beginn der verdeckten Drehs 2003 habe ich sämtliche mir bekannten Politmagazine erfolglos angeschrieben. Mein erstes Videomaterial wurde dann bei Spiegel-TV im Privatfernsehen ausgestrahlt.

Wenn man mal vom NSU-Fall absieht, ist der Rechtsextremismus ein Thema, das von den Medien relativ wenig Beachtung erfährt. Warum?
Ich glaube, das gilt nicht nur für den Rechtsextremismus. Das Problem ist einfach, dass die Berichterstattung tendenziell immer oberflächlicher wird. Das hängt damit zusammen, dass nicht mehr so viel Geld in die investigative Recherche fließt. Es wird viel vom Redaktionsschreibtisch aus gearbeitet, statt hinauszugehen und die Realität auf sich wirken zu lassen. So gibt es jetzt eine extreme Fokussierung auf den NSU, während die Nazi-Bewegung allgemein immer noch relativ wenig beachtet wird. Im Rahmen der Verhandlungen über die Ausstrahlung unseres Films ist Produzent Peter Ohlendorf auch gefragt worden, ob er den Film eventuell verändern und mehr auf den NSU zuschneiden könnte. Das hat er zurecht abgelehnt. Denn ohne die Nazi-Bewegung hätte es den NSU nie gegeben – und der Film zeigt die Entwicklung dieses Milieus.

Das Interview führte Julian Graeber.

Fotos: Titelbild und Porträt von Thomas Kuban: FilmFaktum, Buchcover: Campus Verlag.

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