„Jeder hat das Recht zu glauben – aber auch, vor Religion geschützt zu werden“
Martin Haake

Leitkultur ist... - „Dass die Religion nicht über der Verfassung steht“

Seitdem jeden Tag Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist plötzlich wieder von Leitkultur die Rede. Aber wie soll eine deutsche „Leitkultur“ aussehen? In der Dezemberausgabe eröffnet Cicero die Debatte und lässt dazu viele prominente Persönlichkeiten zu Wort kommen. Heute schreibt Necla Kelek, was Leitkultur für sie bedeutet

Autoreninfo

Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren, kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Die promovierte Sozialwissenschaftlerin ist Autorin zahlreicher Bücher zum Islam und Vorstandsfrau von Terre des Femmes

So erreichen Sie Necla Kelek:

Als Gastarbeiterkind war für mich all das, was das Leben hier so erstrebenswert macht, nicht selbstverständlich. Ich habe mir die Freiheit erobert, ich musste sie lernen und ich werde sie verteidigen. Und ich sage gern, welche Werte aus meiner Sicht verbindlich sind: Wir leben hier in einem Rechtsstaat, einem Sozialstaat, nach den Prinzipien der Demokratie. Es gelten die Grundrechte – wie Religions- und Meinungsfreiheit. Wir haben das Recht auf Würde und körperliche Unversehrtheit. Das Recht jedes Einzelnen wird im Idealfall vom Staat auch vor dem Staat geschützt.

Je mehr sich der nationale Gedanke des „Deutschseins“ in Europa aufzulösen scheint, desto mehr sind wir darauf angewiesen, dass jeder Bürger weiß, was Europa ausmacht und was es zu verteidigen gilt. Die Einheit der Werte und die Freiheit des Einzelnen.

Der Sozialstaat kann auf Dauer nur funktionieren, wenn er nicht vorsätzlich missbraucht wird. Religionsfreiheit kann nur funktionieren, wenn klar ist, dass Religion ein Teil der Freiheit ist, jeder das Recht hat zu glauben – aber auch, vor Religion geschützt zu werden. Und dass die Religion nicht über der Verfassung steht.

Der Rechtsstaat kann nur funktionieren, wenn der Geist der Gesetze von allen getragen wird. Demokratie kann nur funktionieren, wenn Bürger sich einmischen und Verantwortung übernehmen.

Es ist unsere Aufgabe, alle – auch die Hinzukommenden – von den Vorteilen dieser Freiheit zu überzeugen. Und wir müssen darauf bestehen, dass die Regeln, die diese Freiheit eben auch braucht, eingehalten werden. Es mag sein, dass die Europäer die europäischen Werte für sich nicht mehr brauchen. Aber die Eingewanderten und die, die jetzt vor der Tür stehen, brauchen sie. Viele sind auch aus ihren archaischen Gesellschaften geflohen und wollen endlich Freiheit. Für sie und für mich ist Europa eine große Sache und so wunderbar wie das tägliche Brot.

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