Gerd Langguth - "Merkel geht gestärkt aus dem Parteitag hervor"

Gerd Langguth ist Politikwissenschaftler und Merkel-Biograph. Cicero Online traf ihn am Rande des Bundesparteitags der CDU in Leipzig und fragte ihn nach dem Auftritt der Kanzlerin

Angela Merkel, Parteitag, Leipzig, CDU, 2011, Gerd Langguth
(picture alliance) Angela Merkel hat "ihre Position verändert"

Herr Langguth, die Bundeskanzlerin hat die Delegierten bei ihrer Rede vor dem Parteitag nicht gerade von den Stühlen gerissen. Wie fanden Sie den Vortrag?
Es war eine Art Abräumrede. Angela Merkel hat alle Themen weggefegt, die strittig diskutiert wurden in den vergangenen Wochen. Das waren etwa die Bundeswehrreform und der Mindestlohn. Und sie hat diese Dinge in einer solchen Art und Weise erklärt, dass sie zwar nicht sehr starken, aber doch Beifall erhalten hat. Ich glaube, sie geht gestärkt aus dem Parteitag hervor.

Hat Sie es wirklich geschafft, die Parteibasis mitzunehmen?
Merkel ist keine emotionale Politikerin. Sie hat kein Hochamt im kirchlichen Sinne inne, bei dem sie die Menschen emotional voranbringt. Sie ist eben mehr die rationale Erzählerin. Und das hat man auch an dieser Rede gesehen. Dabei muss man auch sehen, dass die Akustik in einer solchen Riesenhalle schwer dazu beiträgt, dass die Menschen wirklich zusammen rücken. So wie die Delegierten an ihren Tischen sitzen, relativ weit auseinander…

Die Diskussion um das Betreuungsgeld hat die Kanzlerin verschieben lassen.
Die  Linie, die bisher festgelegt wurde, hat vor allem mit dem Koalitionspartner, mit der CSU zu tun. Der will, dass das Betreuungsgeld beibehalten wird. Das ist ein sehr ideologischer Punkt. Ich finde es erfreulich, dass es auch Widerstand in der CDU zu diesem Thema gibt - gerade von den modernen Frauen aus der Partei.

Vor sieben Jahren gab es schon einmal einen Parteitag in Leipzig. Damals ging Angela Merkel als Reformerin in die Geschichte ein. Welche Unterschiede sehen Sie zum jetzigen zweiten Leipziger Parteitag?
Das hat sich sehr stark verändert. 2003 war Angela Merkel noch in der Opposition. Sie wollte die CDU zur Reformpartei machen und nachweisen, dass sie selber ein eigenes wirtschaftspolitisches Profil hat. Im Wahlkampf 2005 hat sie dann eingesehen, dass nur ein arbeitnehmerfreundlicher Wahlkampf auch der CDU genügend Stimmen bringt. Insofern hat sie jetzt ihre Position verändert. So werden hier im zweiten Leipzig eine Reihe von Grundentscheidungen getroffen, die mit dem ersten Leipzig im Widerspruch stehen. Das ist doch eine sehr interessante Symbolik.

Die SPD hat mit dem Thema Mindestlohn in den vergangenen Jahren keineswegs Wahlen gewonnen.
Das kann sein. Die SPD hat die CDU aber mit dem Thema Mindestlohn vor sich hergetrieben. Und es ist ein Unterschied, ob die SPD dieses Thema favorisiert oder die CDU, die einen wirtschaftsnäheren Eindruck auf die Menschen hinterlässt.

Das Interview führt Marie Amrhein

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.