Eine Frau in einer Burka geht über den Odeonsplatz in München
Eine Frau in einer Burka geht über den Odeonsplatz in München / picture alliance / dpa | Frank Leonhardt

Meistgelesene Artikel 2025: Juli - Die Scharia gewinnt an Boden – mit deutscher Hilfe

Der Islamismus setzt sich in Deutschland und Europa mehr und mehr durch – mit Duldung der Politik. Es sind besonders linke Parteien, die islamische Forderungen aktiv unterstützen. Dies war der meistgelesene Cicero-Artikel im Juli.

Autoreninfo

Susanne Schröter ist Ethnologin an der Goethe-Universität Frankfurt und leitet seit 2014 das des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam.

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Zwei islamistische Vorfälle sorgen zurzeit in Deutschland für Erschütterung, weil sie deutlich machen, dass diese Form des Extremismus offenbar mitten in den Institutionen höherer Bildung angekommen ist. In der Berliner Charité und an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel führten muslimische Studentenvereinigungen Veranstaltungen durch, in denen Männer und Frauen nach den Vorgaben der Scharia getrennt sitzen mussten. In Kiel soll zudem der salafistische Influencer Sertac Odabas als Redner aufgetreten sein, der auf seiner Instagram-Seite gegen Christen und Atheisten hetzt, die Todesstrafe für Apostasie fordert und seine Gefolgschaft auf einen strikten Missionierungskurs einschwört.

Dass auch kleine Kinder bereits im Geiste des Islamismus tätig werden, zeigen mehrere Beispiele religiösen Mobbings in Schulen, die gerade offenkundig wurden. Eines davon betrifft einen Berliner Lehrer, dessen Leben sich in einen Albtraum verwandelte, nachdem er seinen mehrheitlich muslimischen Grundschülern auf deren Frage nach seiner Ehefrau geantwortet hatte, er sei mit einem Mann verheiratet. Bei den Kindern, mit denen er bis dahin ein gutes Verhältnis gehabt hatte, verspielte er sich dadurch alle Sympathien. Sie beschimpften ihn nach dem Outing bei jeder erdenklichen Gelegenheit, bis er schließlich mit einem posttraumatischen Belastungssyndrom zusammenbrach. Die hasserfüllte Schwulenfeindlichkeit war offenbar islamisch fundiert. Er sei eine Schande für den Islam, wurde ihm entgegengeschrien, und: Der Islam sei hier der Chef.  

Dass Berliner Schulen ein Islamismusproblem haben, ist seit langem bekannt. Bereits 2012 machte eine Studie der Stiftung des „Sozialpädagogischen Institut Berlin“ auf den wachsenden Einfluss islamistisch geprägter Schüler aufmerksam, der sich auch in Homosexuellen-, Christen-, Alewiten- und Frauenfeindlichkeit äußerte. Ein islamisch begründeter Verhaltenskodex werde mit repressiven Mitteln durchgesetzt, so die Autoren, und sogar Schulanfängerinnen stünden unter Druck, sich „islamisch“ zu bekleiden. 

Auch Gymnasiasten sind nicht vor islamistischem Gedankengut gefeit 

Dass Schülerinnen, die sich nicht den islamischen Benimmregeln unterwarfen, einer Vielzahl von Schikanen und sogar sexueller Belästigung ausgesetzt waren, hatte zehn Jahre später der Neuköllner „Verein für Demokratie und Vielfalt“ moniert und eine genaue Erfassung des Problems gefordert. Allerdings sind islamistische Umtriebe an Schulen kein spezifisches Berliner Problem. Gerade sind ähnliche Verhältnisse in Hamburg bekannt geworden. Dass auch Gymnasiasten nicht vor islamistischem Gedankengut gefeit sind, wissen wir spätestens seit in Essen ein getrenntgeschlechtlicher Abiturball vorgeschlagen wurde.  

Islamistische Skandale haben eine geringe mediale Halbwertzeit. Nach einer kurzen Empörung endet die Berichterstattung gewöhnlich, und alles bleibt beim Alten. Es seien Einzelfälle, versuchen Politiker zu beruhigen, Integrationsdefizite, die man mit den Mitteln der Sozialarbeit beheben könne, oder gar Folgen von Diskriminierungserfahrungen und fehlenden Partizipationsmöglichkeiten – also die Schuld einer angeblich strukturell rassistischen Gesellschaft. So wurde bereits im Jahr 2010 argumentiert, als die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nach zahlreichen Klagen von Lehrerinnen eine Konferenz zum Thema islamische Deutschenfeindlichkeit anberaumte.  

Das Integrationsargument verkennt allerdings, dass der gegenwärtige Islamismus ein globales Phänomen darstellt, das nichts mit hiesigen Teilhabedefiziten zu tun hat. Er wurzelt vielmehr in historischen Umbruchprozessen, die die islamisch geprägte Welt seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches erschüttern. Dessen imperialer Siegeszug endete 1683 vor den Toren Wiens und damit auch der Traum eines Islam, der sich die Welt untertan macht. Das aufstrebende Europa wurde seitdem zum Vorbild reformorientierter Intellektueller. Diese forderten bereits im 19. Jahrhundert eine Entmachtung der islamischen Eliten und die Hinwendung zu einer säkularen Moderne. Das Symbol dieser Moderne war die Frau, die sich ihres Schleiers entledigt. 

Besonders Ambitionierte hoffen gar auf eine Eingliederung Europas in das „Haus des Islam“

In vielen Ländern übernahmen im 20. Jahrhundert säkulare Regierungen die Macht. Fundamentalistisch gesinnte Muslime wollten dieser Entwicklung jedoch nicht tatenlos zusehen und schlossen sich zusammen, um den Widerstand zu organisieren. Die mächtigste der damals geschaffenen Vereinigungen ist bis heute die Muslimbruderschaft. Das Credo ihres Gründers Hasan al-Banna inspiriert noch immer Millionen von Muslimen. Es lautet: „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.“ 

Trotz der martialischen Worte war Gewalt nicht das primäre Mittel der Wahl, um säkulare Ordnungen durch islamische zu ersetzen. Wichtiger waren die Indoktrination junger Menschen in eigens geschaffenen Bildungseinrichtungen und die Infiltration der Politik. „Ihr müsst euch in den Arterien des Systems bewegen, ohne dass jemand eure Anwesenheit bemerkt, bis ihr alle das Machtzentrum erreicht habt“, soll auch der Prediger Fetullah Gülen gesagt haben, der in den 1980er Jahren tausende von Schulen und Internaten gegründet hatte, um die laizistische Türkei wieder auf den Weg des Islam zu führen.  

Die islamistischen Aktivitäten richteten sich zunächst auf islamisch geprägte Länder, doch seit Mitte des 20. Jahrhunderts werden auch westliche Staaten ins Visier genommen. Islamistische Akteure versuchen zu verhindern, dass sich muslimische Einwanderer in die Aufnahmegesellschaften integrieren, Gefallen am Säkularismus finden und der islamischen Weltgemeinschaft abhandenkommen. Besonders Ambitionierte hoffen gar auf eine Eingliederung Europas in das „Haus des Islam“. Einer von ihnen war der bekannte Muslimbruder Yusuf al-Qaradawi, der von einer neuen Eroberung Europas sprach, ohne dass der Islam dabei zum Schwert greifen müsse. 

Letztendlich ist das Ziel eine Islamisierung der gesamten Gesellschaft

Ähnliches hatte 1962 bereits die „Islamische Weltliga“ formuliert – allerdings mit dem Zusatz, es werde erst dann Frieden geben, wenn die Prinzipien des Islam überall in der Welt durchgesetzt würden. Zu letzteren wurden explizit die Ablehnung der Frauenrechte und die Verankerung der Scharia als Quelle der Gesetzgebung gezählt. Auch für al-Qaradawi standen die Unterwerfung der Frauen, die Ganzkörperverschleierung und eine strikte Geschlechtertrennung ganz oben auf einer Liste von Verhaltensregeln für ein islamkonformes Leben.  

Der Einfluss von Islamisten wie al-Qaradawi auf junge Muslime im Westen sollte nicht unterschätzt werden. Ein gewichtiger Teil von ihnen bekennt in Umfragen, einer archaischen Geschlechterordnung anzuhängen, hält Gottes Gebote für wichtiger als die weltlichen Gesetze und rechtfertigt sogar Gewalt, wenn es dem Islam dient. Eine Folge islamistischer Indoktrination ist auch der Wunsch, sich von der Gesellschaft abzusondern, um das Leben allein nach islamischen Normen zu gestalten. Deshalb entstehen überall dort, wo Muslime numerisch starke Minderheiten bilden, segregierte islamische Gemeinschaften – oft sogar mit eigener Paralleljustiz.  

Doch um Abschottung allein geht es Islamisten nicht – wenngleich Separation als Strategie empfohlen wird, solange man zu schwach ist, um die eigenen Normen in der Gesellschaft durchzusetzen. Letztendlich ist das Ziel aber genau dies: eine Islamisierung der gesamten Gesellschaft. In einer Studie der Universität Münster zu Studenten der islamischen Theologie in Deutschland gab die Hälfte der Befragten an, das Studienfach nur deshalb gewählt zu haben, um besser missionieren zu können. 

In den französischen Banlieues haben Salafisten bereits die Macht übernommen

Im Kontext solcher Vorstellung müssen auch die Ereignisse in der Charité und in Kiel verstanden werden. Es handelt sich um Versuche, auszutesten, wie weit man gehen kann, ohne gestoppt zu werden. Das Gleiche gilt für Kampagnen für islamisch begründete Sonderrechte, also beispielsweise eine Geschlechtertrennung im Sportunterricht, den Verzicht auf Schweinefleisch in der Schulkantine oder um eine Aufweichung des staatlichen Neutralitätsgebotes.  

In den französischen Banlieues, so der Islamwissenschaftler Bernard Rougier, haben Salafisten bereits die Macht übernommen und ein islamistisches Gegenuniversum geschaffen. Das konnte allerdings nur geschehen, weil Bürgermeister aus Eigeninteresse ihren Frieden mit den rechtsfreien Räumen gemacht haben. Ohne die Duldung der Politik kann sich der Islamismus in Europa nicht durchsetzen. 

Paradoxerweise sind es besonders linke Parteien, die islamische Forderungen aktiv unterstützen und jegliche Thematisierung dieses Extremismus als islamfeindlich delegitimieren. Auf den Vorschlag des regierenden Bürgermeisters von Berlin, den Kampf gegen Antisemitismus in die Landesverfassung aufzunehmen, reagierte der Vorsitzende der SPD-Fraktion Raden Saleh mit dem Gegenvorschlag, auch den antimuslimischen Rassismus hinzuzuaddieren. Zudem soll in der deutschen Hauptstadt der 15. März künftig als fester Tag gegen Islamfeindlichkeit begangen werden. Der grassierende Islamismus wird vorsichtshalber nicht genannt. 

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