Euro-Krise - Mehr Aufrichtigkeit wagen

Krise und kein Ende – aber warum traut die Politik uns eigentlich nicht zu, dass wir ein bisschen mehr Wahrheit vertragen?

Euro, Troika, Brüssel
(picture alliance) Fünf vor zwölf in der Euro-Krise

Wenn ich in diesen Tagen einen Satz wirklich nicht mehr hören kann, dann den folgenden: „Wir müssen erst noch den Troika-Bericht abwarten.“ Nur um es klarzustellen: Abwarten an sich ist eine prima Sache, es wird grundsätzlich viel zu wenig abgewartet und umgekehrt viel zu schnell losgelabert. Und was mich angeht, könnten auch die Ladenbesitzer mit ihrer Weihnachtsbeleuchtung in den Schaufenstern gerne noch bis zum ersten Advent abwarten. Aber beim Troika-Bericht verliere ich so langsam die Geduld. Und zwar einzig und allein aus dem Grund, weil Politiker fast jedweder Partei zum Thema Euroschuldenkrise befragt nur noch eine Antwort zu kennen scheinen: „Wir müssen erst noch den Troika-Bericht abwarten.“

Leider wird dieser Satz aber regelmäßig mit einer Mimik vorgetragen, die einen schaudern lässt. Wenn ein Arzt mir mit diesem Gesichtsausdruck verkünden würde, er könne noch nichts genaues sagen, denn „wir müssen erst noch die Röntgenbilder abwarten“, würde ich unverzüglich mein Testament aufsetzen.

Liebe Volksvertreter, vielleicht sollten wir einfach mal Klartext miteinander reden. Kann ja manchmal ganz hilfreich sein. Also: Nein, wir müssen den Troika-Bericht überhaupt nicht mehr abwarten. Denn erstens scheint er ja bereits in sämtlichen Ministerien herumzuflattern, weil ja sonst wohl kaum schon jetzt jeder wüsste, was drinsteht. Und zweitens ahnen wir auch ohne Kenntnis des präzisen Wortlauts dunkel, dass die Troika bei ihrer Expedition nach Griechenland weder einen bisher verborgenen Goldschatz, noch eine geläuterte Politikerkaste und am allerwenigsten so etwas wie eine aufkeimende Steuermoral entdeckt hat. Blöderweise geht das ja jetzt schon eine ganze Weile so: Die Troika fährt nach Athen, hinterher sind überraschender Weise wieder ein paar Milliarden fällig.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich gönne den Griechen das viele Geld aus vollem Herzen – und würde mich sogar noch mehr freuen, wenn ich wüsste, dass es nicht nur dazu dient, korrupte, dysfunktionale  Strukturen aufrecht zu erhalten und den Banken den Arsch zu retten. Aber auch daran hat man sich ja inzwischen gewöhnt.

Womit ich mich allerdings überhaupt nicht abfinden will, das ist diese schäbig-verlogene Art, mit der die Wähler hierzulande hinters Licht geführt werden sollen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Dass von der Bundeskanzlerin seit der Verfestigung dieser ganzen krisenhaften Gesamtsituation keine einzige öffentliche Rede gehalten wurde, die als hellsichtig, vorausschauend, weise und vor allem aufrichtig in Erinnerung geblieben wäre, das ist schon schlimm genug. Aber Angela Merkel hat bekanntlich spätestens seit ihrem ersten Kanzlerwahlkampf die Vorstellung aufgegeben, Macht und Wahrheit schlössen einander zumindest nicht grundsätzlich aus. Was sich in ihrem Fall bisher seltsamerweise auch bewährt – fragt sich nur, wie lange noch.

Vorläufig scheint die Methode Merkel, dieses falsche Spiel mit der asymmetrischen Information, jedenfalls zu fruchten. Denn alle anderen tun es ihr gleich – zumindest, wenn sie nicht als Outcast enden wollen. Wolfgang Schäuble zum Beispiel, der an einem Tag in Asien verspricht, „there will be no Staatsbankrott in Greece“, und ein paar Tage später in Deutschland den Eindruck erweckt, die Hilfsmilliarden kämen schon irgendwie zurück. In der Zwischenzeit müssten wir nur noch den Troika-Bericht abwarten.

Ich beneide die politischen Akteure nicht für ihre gewaltige Verantwortung, geschweige denn für die Aufgaben, die sich ihnen stellen. Denn es gibt keine einfachen Lösungen, billige schon gar nicht. Das hat inzwischen jeder begriffen – auch ohne den Troika-Bericht studiert zu haben. Warum traut man uns dann nicht zu, dass wir verantwortungsvoll mit dieser Erkenntnis umgehen?

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