Olympische Spiele in Sotchi
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Medaillenwahn bei Olympia - Deutschland ist nicht die stärkste Nation

Die Goldmedaillenfixierung ist Quatsch. Nur ein Punktesystem erlaubt eine gerechte Aussage über die sportlichen Qualitäten eines Landes. Das freilich hört der deutsche Michel derzeit nur ungern

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Malte Lehming ist Autor und Leitender Redakteur des Berliner "Tagesspiegels".

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Wenn’s um Genmais, Steuerhinterziehung und die richtigen Lehren aus der Vergangenheit geht, sind die Deutschen schnell moralisch. Bloß in dem Bereich, aus dem der Begriff „fair play“ stammt, mogeln sie sich gerne nach oben. Ginge es gerecht zu bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi, stünde das deutsche Team – Stand 13 Uhr, nach 70 von 98 Entscheidungen – auf Platz sechs der Medaillenwertung. Weil man aber zwischen Flensburg und Konstanz das willkürlichste aller Ordnungssysteme zur Messung der sportlichen Leistungsfähigkeit einer Nation zum Maßstab nimmt, bei dem allein die Zahl der Goldmedaillen zählt, trommelte sich der Michel bis vor kurzem voller Stolz auf die Brust und tönte: Platz eins!

Nun ist es grundsätzlich schwierig, bei sportlichen Vergleichen zwischen Ländern eine Art objektiven Maßstab zu finden.

Reiche Länder sind gegenüber armen Ländern wegen der üppigeren Sportförderung im Vorteil, bevölkerungsreiche gegenüber bevölkerungsarmen, und beim Wintersport kommen noch Schnee- und Eishäufigkeit als Kriterien hinzu. Außerdem ist es fies, dass vierte Plätze gar nichts wert sind. Trotzdem gibt’s auch hier ein richtiges Leben im Falschen, die drei gängigen Medaillenspiegel lassen sich durchaus nach ihrer Gerechtigkeit unterscheiden.

Die Goldmedaillenfixierung jedenfalls sagt gar nichts aus. Ihr zufolge steht ein Land mit zwei Goldmedaillen über einem Land mit 20 Silber- und 12 Bronzemedaillen. Das ist absurd und lässt keine Rückschlüsse auf sportliche Kapazitäten einer Nation zu.

In Amerika und Kanada wiederum werden die Länder traditionell nach der Gesamtzahl ihrer gewonnenen Medaillen aufgelistet. Demnach führen in Sotschi derzeit die USA und Russland (je 21), gefolgt von den Niederlanden, Norwegen, Kanada und der Bundesrepublik. Doch auch dieses System, obgleich viel gerechter als die Goldmedaillenfixierung, hat ein Fairness-Manko. Sind 30 Bronzemedaillen wirklich mehr wert als 15 Silber- und 14 Goldmedaillen? Das leuchtet nicht ein.

Bleibt als bestes das Punktesystem, etwa: pro Goldmedaille gibt’s drei Punkte, pro Silber zwei, pro Bronze einen. Dann stünde Russland aufgrund seiner acht Silbermedaillen ganz oben, gefolgt von den USA und den Niederlanden. Nur im Punktesystem wird Leistung sowohl in der Spitze als auch in der Breite honoriert. Deshalb ist es am gerechtesten.

Deutschland auf Platz eins des Medaillenspiegels? Im Land, wo Schummeln zum Volkssport zählt, wird eine kritische Debatte über dieses Thema wohlweislich nicht geführt - muss ja auch nicht. Wir rutschen immer weiter ab.

 

 

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