Maskenpflicht im ÖPNV - „Ich habe eine Risikogruppe zu schützen“

Als Busfahrerin bringt Greta Salome Bollig jeden Tag hunderte Menschen von A nach B. Doch nicht alle halten sich an die Maskenpflicht. Für die Hamburgerin ist klar: Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt raus – Eigeninitiative, die kaum belohnt wird. Ein Interview.

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Wer sich nicht an die Maskenpflicht hält, muss den Bus verlassen - wenn Frau Bollig Schicht hat / dpa

Autoreninfo

Johanna Jürgens hospitiert bei Cicero. Sie studiert Publizistik und Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Zuvor arbeitete sie als Redaktionsassistenz beim Inforadio des RBB.

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Greta Salome Bollig ist Busfahrerin aus Hamburg. Auf Twitter berichtet sie unter anderem von ihrem Arbeitsalltag. 

Frau Bollig, wie hat sich Ihre Arbeit verändert, in Zeiten von Corona?
Seit den Anfangszeiten im März ist viel passiert. Am Anfang sind die Leute noch weiterhin vorne eingestiegen. Später wurde die erste Sitzreihe abgesperrt und die Leute sind haben dann nur noch die hinteren Türen benutzt. Aber – wie man jetzt weiß – sind die Aerosole dann trotzdem hinten im Bus fröhlich herumgesprungen. Das hat also im Prinzip überhaupt nichts genutzt. Jetzt wurden Trennscheiben eingebaut, die für meine Begriffe aber einfach nicht groß genug sind, auch wegen der Geräte für die Ticketausgabe – da könnte man mir immer noch ins Gesicht niesen. 

Vor ein paar Tagen kursierte auf Twitter der Post einer Frau, die sich als Maskenverweigerin in den öffentlichen Verkehrsmitteln recht sicher fühlt – auch der Schaffner habe sie nicht ermahnt. Sie ruft öffentlich dazu auf, es ihr gleich zu tun. Was machen solche Posts mit Ihnen?
Ich habe direkt gedacht: Bei mir wäre die Frau nicht ungeschoren davon gekommen, ich hätte sie darauf angesprochen. 

Machen Sie solche Aussagen wütend oder sind Sie das mittlerweile gewohnt?
Also ich muss sagen, hier in Hamburg verhalten sich die meisten Leute korrekt. Es gibt ab und zu mal Leute, die ihre Maske vergessen, oder meinen, ihre Nase zeigen zu müssen. Aber so einen Tweet abzulassen von wegen „Seid mutig, ihr könnt das auch“, das finde ich vor allem wegen der steigenden Infektionszahlen nicht in Ordnung. 

Sie konterten mit der Aussage, dass Sie noch nicht aufgegeben haben und nach wie vor jeden Verweigerer auf die Maskenpflicht hinweisen, im Notfall sogar die Fahrt beenden würden. Wie sah die Resonanz auf diesen Post aus?
Bis auf eine Handvoll Leute kam nur positives Feedback, ich bin auch jetzt noch überwältigt. Ich habe mir das eben nochmal angeschaut: Diesen Tweet haben sich über 330.000 Leute bisher angeschaut, das fasse ich einfach nicht. Ich bin in Bonn geboren, die Stadt hat etwa 300.000 Einwohner. Das haben sich also mehr Leute angeschaut, als Bonn Einwohner hat. 

Waren da auch kritische Stimmen dabei?
Ja, ein paar wenige Leute haben mich als Nazi bezeichnet oder als Blockwart. Bei den ersten, die mich so angegangen haben, habe ich noch versucht, zu argumentieren. Aber da musste ich leider feststellen, dass das zu nichts führt. Als die Beleidigungen nicht aufgehört haben, habe ich die Leute blockiert. Ich bin für jegliche Kritik offen, solange das auf einer vernünftigen Basis abläuft. 

Sie twitterten, wer sich bei Ihnen nicht an die Maskenpflicht hält, fliegt aus dem Bus. Wie oft mussten Sie schon solche Maßnahmen ergreifen?
Ich würde mal sagen, so ein halbes Dutzend Mal. Aber bis auf ein Mal, wo mich ein Mann mehrmals beleidigt hat, ist das alles glimpflich abgelaufen. Viele sind dann einfach ausgestiegen. Wenn einer ein Attest hat und mir das zeigen kann, habe ich damit überhaupt kein Problem. Aber wenn Leute da so einen Terz machen, weil sie sich auf irgendwelche kruden Sachen berufen, habe ich dann auch kein Verständnis mehr.  

Die Maskenpflicht ist eine Maßnahme, an der sich viele Proteste aufhängen. Dazu gehört auch Mut, das so offen einzufordern …
Für viele ältere Leute ist der Bus die einzige Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Und dann hab ich dann da ne echte Risikogruppe drin sitzen, die habe ich zu schützen. Das geht vor das Wohlbefinden des Einzelnen. Und deswegen ziehe ich das auch durch. 

Das kostet dann natürlich auch Zeit, oder? Was sagt Ihr Chef dazu, wenn es wegen solchen Vorfällen zu Verspätungen kommt?
Bei uns gibt es die Regel: „Du darfst nie zu früh fahren, aber du darfst zu spät ankommen.“ Im Prinzip heißt das: Wenn ich zu spät an der Endhaltestelle ankomme, dann geht die Verspätung von meiner eigenen Pause ab. Wenn das mehrmals passiert und ich nicht die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen einhalten kann, bekomme ich die Verspätungen auch bezahlt, das wird dann ausgeglichen. Aber manchmal funkt einen die Zentrale dann auch an und ein Bereitschaftswagen übernimmt die Tour. 

Was sind das für Leute, die die Maske verweigern?
Das sind ganz unterschiedliche Leute. Bei Twitter hat mir heute jemand geschrieben: „In meinem Multikuti-Kiez könntest du das nicht durchsetzen, da müsstest du das in fünf Sprachen erklären.“ Lustigerweise haben aber gerade die Leute häufig schon an der Bushaltestelle ihre Maske auf. Ich fahre in Hamburg auch durch Multikulti-Gegenden, wo mehr Migranten einsteigen als Deutsche und die haben immer eine Maske dabei. 

Wie handhaben Ihre Kollegen die Durchsetzung der Maskenpflicht?
Jeder Busfahrer macht das anders. Es gibt auch Kollegen, die sich da nicht drum kümmern. Das ist im Prinzip ein bisschen so wie mit der Corona-Politik der Bundesländer: Jedes Bundesland hat da seine eigenen Regeln, obwohl es natürlich einheitlich sein sollte. Wir sind dazu angehalten, die Leute auf die Maskenpflicht hinzuweisen. Aber ob wir das auch so umsetzen, das bleibt uns freigestellt. Man will da natürlich nicht so einen zweiten Frankreich-Fall provozieren, wo ein Busfahrer angegriffen wurde und später an den Folgen gestorben ist. 

Einen ähnlichen Fall gab es auch schon in Niederbayern. Beunruhigt Sie das?
Also in dem Moment, in dem ich Leute darauf hinweise, denke ich nicht daran, dass mir etwas passieren könnte. Ich denke auch, dass ich mit meinen Fahrgästen ein ziemlich gutes Verhältnis habe. Ich begrüße jeden einzelnen, der in den Bus reinkommt, um eine positive Atmosphäre zu schaffen. Ich handle immer nach dem Motto: „Wie man in den Wald reinruft, so hallt es auch hinaus.“ Wenn man die Leute anlächelt, hat man schonmal eine ganz andere Basis. 

Andere anzulächeln ist gerade natürlich etwas schwieriger als sonst. Müssen Sie auch eine Maske tragen?
Ich habe zeitweise eine Maske getragen, obwohl das nach der Straßenverkehrsordnung nicht erlaubt ist. Ich weiß aber, dass das in NRW zum Beispiel nicht durchgesetzt wurde und die Busfahrer fleißig mit Maske gefahren sind. Ich habe mich in Hamburg auch eine Weile lang darüber hinweggesetzt, aber dabei festgestellt, dass das sehr anstrengend ist. 

Wegen Ihrer Vorbildfunktion oder zum Selbstschutz?
Ich wollte mich auch selber schützen. Man hat ja in den letzten Monaten auch einiges über das Virus gelernt, zum Beispiel über Aerosole. Wenn ich im Moment Pause mache, mache ich auch immer alle Türen auf und lüfte. Normalerweise geht man nach dem Ende der Fahrt durch den Bus, um nach Fundsachen zu schauen. Jetzt mache ich das erst, nachdem ich mehrere Minuten durchgelüftet habe. Wenn man – je nach Linie – jeden Tag hunderte bis tausende Gäste befördert, ist das Risiko, dass es einen trifft, gar nicht so gering. 

Werden Sie als Busfahrerin regelmäßig getestet?
Ich bin noch nie getestet worden, nein. 

Sehen Sie sich in der Verantwortung, die Einhaltung der Maskenpflicht zu kontrollieren? Oder übernehmen Sie die Aufgabe, weil es sonst niemand macht?
Das ist meine Eigeninitiative. Ich habe bisher noch keine Kontrollteams gesehen, die die Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert haben – da geht es eigentlich immer nur um Fahrkarten. 

Häufig intervenieren Kontrolleure nur auf Nachfrage von anderen Fahrgästen. Auch die Frau auf Twitter prahlte damit, dass selbst der Schaffner sie nicht ermahnt habe. Was denken Sie, woran das liegt?
Ich habe schon gehört, dass gerade Schaffner in Zügen schon häufig angegriffen worden sind. Ich denke, die wollen sich diesem Risiko nicht aussetzen. Das kann ich natürlich auch verstehen, die haben diesen direkten Kontakt. Ich sitze wenigstens noch hinter einer Trennscheibe, auch wenn das natürlich keine richtige Kabine ist. Man kann mich dann nicht so direkt angreifen. Und ich denke auch, dass die Hemmschwelle höher ist, weibliche Busfahrerinnen anzugreifen. Da kommen dann eher dumme Sprüche.

Fritz Elvers | Fr, 9. Oktober 2020 - 15:42

sich mal in die Lage eines geistig normalen Fahrgastes versetzen, der die unsäglich dämliche Arroganz von Maskenverweigerern ertragen muss.

Man sollte gleich die Polizei anrufen, um diese an der nächsten Haltestelle einzusammeln.

Yvonne Stange | Fr, 9. Oktober 2020 - 16:22

In reply to by Fritz Elvers

... ja auch noch nicht genug zu tun hat.... guter Vorschlag. xD

Ann-Kathrin Grönhall | Sa, 10. Oktober 2020 - 12:24

In reply to by Fritz Elvers

Wie erklären Sie sich, dass die Infiziertenzahlen, die Zahlen der Erkrankten und Intensiv Behandelten in allen Ländern in denen ein Lockdown durchgeführt wurde und in denen seit
Monaten Maskenpflicht herrscht, extrem ansteigen?

Hermann Held | Sa, 10. Oktober 2020 - 18:02

In reply to by Fritz Elvers

Können Sie irgendwo eine Maske kaufen die vor Viren schützt?
Beim größten Teil steht der Hinweis nicht für medizinische Gründe zu verwenden.
Gehen Sie in eine Apotheke und verlangen eine Maske die vor Vieren schützt
und dies auch in der Gebrauchsanleitung steht. Besonders Sicher sind die schönen
selbst gebastelt die im Pkw am Rückspiegel hängen.

Heidemarie Heim | Fr, 9. Oktober 2020 - 16:47

Danke Frau Jürgens und Frau Bollig! Es gibt doch wie hier auch nichts besseres als Diskussionsgrundlage, als Schilderungen aus dem Alltagsleben. Ebenso was ignorante Blödheit mancher auf den ersten Twitter-Blick eigentlich intelligent aussehende Mitbürger*innen betrifft! Wir waren vor nicht allzu langer Zeit in Salzburg und mein Mann vergaß in der Eile vor bzw. während des hastigen Einsteigens in den Bus die Maske aufzusetzen. Sofort erfolgte die höfliche Ansage vom Fahrer: "Maske auf oder aussteigen!" Um dem Ganzen zusätzlichen Nachdruck zu verleihen und dem Rest möglicher Nachahmer;) seine Position klar zu machen, löste er auf der relativ kurzen Fahrtstrecke bis zu unserem Hotel manuell dreimalig die in jedem österreichischen Bus vorgeschriebene und "unmissverständlich" detaillierte ,zweisprachig verfasste Ansage
aus, die über eine Beförderung oder Nichtbeförderung betreffs Schutzmaske die Fahrgäste informiert;-). Holzhammermethode, aber sehr wirksam;) Alles Gute Ihnen! MfG

Rainer Mrochen | Fr, 9. Oktober 2020 - 16:49

der Busfahrerin gut verstehen. Allerdings ist es nicht ihr Auftrag Risikogruppen zu bestimmen und diese zu schützen. Eben sowenig hat sie eigenmächtig das ,durch den Kauf einer Fahrkarte, entstandene Vertragsverhältnis durch stehen lassen des Busses aufzulösen. Die Situation ist schwierig. Lebenswirklichkeit und Regelung treffen hart aufeinander.

Bernd Muhlack | Fr, 9. Oktober 2020 - 19:53

kennen die Probleme des Alltags sehr gut!

Wenn man zur Räumung des Hauses Liebig 34 in Berlin etwa 1.500 Sicherheitskräfte bundesweit rekrutiert, dann sieht eine Busfahrerin, Zugbegleitpersonal realiter natürlich "alt" aus.
Nicht dass jetzt in Bussen und Bahnen Zusammenrottungen der Antifa präsent sind, jedoch haben ja seit etwa fünf Jahren Mitglieder einer gewissen Klientel ein Messer, eine Stichwaffe bei sich.
Auch bei den bereits länger hier Lebenden gibt es notorische Querulanten, Dauerbedrohte und Durchgeknallte.

Das ist ein latentes Gefahrenpotenzial, welches jederzeit zu einer "überkritischen Masse" mutieren kann, wie bei einer Atombombe.

Es kann doch nicht Aufgabe des Fahrdienstpersonals sein, solche "Verweigerer" zur Ordnung zu rufen, diese gar durchzusetzen.
Das kann tödlich enden!

An Statt ständig "die Zügel strammer zu ziehen" (Merkel), sollte man diese Soziopathen zur Rechenschaft ziehen!

WIR SCHAFFEN DAS - wir haben so vieles geschafft!
Na dann fangt endlich an!