Friedrich Merz
Friedrich Merz / picture alliance / photothek.de | Florian Gaertner

Die CDU und der Allversicherungsstaat - Was ist nur aus der Partei Ludwig Erhards geworden?

Wenn Benzin knapp wird, soll der Preis steigen und der Verbrauch gebremst werden. So funktioniert Marktwirtschaft. Doch die CDU will die Folgen steigender Preise mit Tankrabatten und Einkommenshilfen abfedern. Es stellt sich die Frage, was von Ludwig Erhards Erbe noch übrig ist.

Bernd Lucke

Autoreninfo

Bernd Lucke war Mitbegründer und Vorsitzender der AfD, deren marktwirtschaftlichen und liberalen Flügel er bis zu seiner Abwahl im Juli 2015 vertrat. Nach seinem Austritt aus der AfD gründete der 58 Jahre alte Wirtschaftsprofessor die Partei Alfa – später Liberal-Konservative Reformer –, für die er bis 2019 im EU-Parlament saß. Lucke lehrt Makroökonomie an der Universität Hamburg.

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Was ist nur aus der CDU geworden? Der Partei, die mit Ludwig Erhard die Marktwirtschaft verkörperte? Hat sie vergessen, dass die Marktwirtschaft konstitutiv für unseren Wohlstand ist? Wie verträgt sich das mit Tankrabatten, 12-Uhr-Regelungen und – neu – direkten Einkommensbeihilfen für Geringverdiener?

Drastisch steigende Benzinpreise gab es auch in den Ölkrisen der siebziger Jahre. Aber die damalige SPD/FDP Bundesregierung dachte gar nicht daran, die Preise künstlich zu verbilligen. Benzin sparen war das Motto: Durch Umsteigen auf den ÖPNV, durch Fahrgemeinschaften und durch den – teilweise erzwungenen – Verzicht auf nicht dringend notwendige Fahrten.

Knappheit lässt sich nicht wegsubventionieren

Das ist die richtige Reaktion: Wenn das Angebot knapp wird, muss die Nachfrage sinken. Dann fällt der Preisanstieg weniger stark aus als es bei unveränderter Nachfrage der Fall wäre. 

Das ist Erstsemesterwissen in VWL. Die Bundesregierung aber hat andere Vorstellungen. Auf die Verknappung des Angebots durch militärische Aktivität in der Golfregion reagiert sie mit Maßnahmen, die die Nachfrage stützen – und damit den Preisauftrieb. Zunächst ein ausdrücklich auf zwei Monate befristeter Tankrabatt und jetzt, beim nächsten Preisschub, entweder der nächste Tankrabatt oder direkte Einkommensbeihilfen.

Die CDU entdeckt den Staat als Preisbremse

Der Vorschlag der Einkommensbeihilfen kommt von der CDU. Peinlicherweise sogar aus dem Wirtschaftsministerium. Wahrscheinlich wollte Ministerin Reiche damit wenigstens dem besonders teuren Tankrabatt den Wind aus den Segeln nehmen, aber man sollte den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben.

Vorderhand klingt das natürlich sehr sozial: Nur die Einkommensschwachen sollen staatliche Zuschüsse erhalten. Wer aber wären die Einkommensschwachen? Wohl die Menschen, die Grundsicherung beziehen, vormals Bürgergeld. Denn nur von denen kennt man die Einkommenssituation einigermaßen verlässlich, sodass man kurzfristig Geld auszahlen kann.

Was ist noch zumutbar?

Bürgergeldempfänger sind meistens Personen, die wenig oder gar nicht arbeiten. Im Umkehrschluss: Personen, die relativ viel Freizeit haben. Ist es dann so schlimm, wenn sie jetzt vermehrt Bus oder Bahn fahren? Sich mal auf’s Fahrrad schwingen oder gar die eine oder andere Strecke zu Fuß gehen? Auch wenn es etwas länger dauert: Zeit haben sie ja. 

Das traut sich niemand laut zu sagen, weil es sozial kalt klingt. Aber die Grundfrage von Sozialpolitik ist doch stets: Was ist noch zumutbar? Nur bei unzumutbaren Belastungen sollte der Sozialstaat eingreifen.

Eine Benzinpreissteigerung um 20% ist finanziell unschädlich, wenn man 20% weniger Auto fährt. Wer aus anderen als beruflichen Gründen im Auto unterwegs ist, sollte sich ein wenig umstellen können. Ist das unzumutbar?

Wenn der Staat zum Generalversicherer wird

Berufstätige hingegen sind meist keine Geringverdiener. Eine direkte Einkommensbeihilfe würde gerade denen kaum helfen, die wirklich aufs Auto angewiesen sind: Im ländlichen Raum etwa, wenn man morgens pünktlich bei der Arbeit sein muss. Oder nachmittags rechtzeitig zurück, weil die Kinder auf der Matte stehen. Kurz: Die direkte Einkommensbeihilfe ist ein ungeeignetes Instrument.

Das alles weiß die CDU. Aber sie scheint ins Lager derjenigen übergelaufen zu sein, die am liebsten alle Menschen gegen alle finanziell negativen Entwicklungen absichern möchten. Ins Lager jener, die den Staat als Generalversicherer gegen die Unbillen der Märkte verstehen. Auf Kosten der Steuerzahler natürlich. 

Mit Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun. Marktwirtschaft verlangt, dass Menschen ihr Konsumverhalten ändern, wenn Waren knapper und teurer werden. Da muss man vielleicht auf manche liebgewordene Gewohnheit verzichten. Aber genau dieser Verzicht bedeutet, dass richtig auf die Knappheit der Waren reagiert wird. Deshalb sind Verzicht und Verhaltensänderung die Grundlage für anhaltenden Wohlstand.

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manfred westphal | Mi., 16. September 2026 - 18:34

Wenn Sprit-Preise sich marktwirtschaftlich bilden würden, stimme ich Herrn Lucke zu. Aber die planwirtschaftlichen staatlichen CO2-Aufschläge, von Raffinerie bis zur Tankstelle, haben m.E. nichts mit dem Markt zu tun und müssen gestrichen werden. Dann wäre der Preis auch erträglich.

Andreas Turnwald | Mi., 16. September 2026 - 18:35

Herr Lucke, Erstsemesterwissen in VWL ist aber auch, dass die Steuereinnahmen des Staates zusammen mit dem Benzinpreis steigen! Diesen Aspekt ignorieren sie hier, warum? Der Staat verdient am steigenden Ölpreis kräftig mit. Zumindest diese leistungslosen Steuermehreinnahmen sollte der Staat den Bürgern zurückgeben, idealerweise mit einer gleichwertigen Senkung der Steuern und Abgaben auf Benzin/Diesel. Es ist eine Täuschung der Bürger, wenn Lars Klingbeil behauptet, der Tankrabatt wäre ein Entgegenkommen des Staates - Nein, es war lediglich ein Verzicht auf noch höheren Steuerraub!

Markus Michaelis | Mi., 16. September 2026 - 19:03

Insbesondere kann der Staat all diese Gerechtigkeit nicht leisten, weil er überfordert ist. Das Vertrauen in den Staat sinkt. Er wird dann mehr zum Kampfplatz zwischen den verschiedenen Ansprüchen.

Christa Wallau | Mi., 16. September 2026 - 19:36

für anhaltenden Wohlstand"
Ach, lieber Herr Prof. Dr. Lucke, was glauben Sie denn, wer von den jüngeren Leuten (etwa bis 40) noch in dem Geiste erzogen wurden, den Sie und ich vertreten?
Diese betrachten den Wohlstand doch als Selbstverständlichkeit, glauben quasi ein Anrecht darauf zu haben. Niemand hat ihnen den Begriff "Verzicht" je beigebracht!
Ebenso wenig wissen sie noch etwas mit
Lebensregeln anzufangen, die uns Alten (ich bin 82) geläufig waren.
"Ohne Fleiß kein Preis" / "Übung macht den Meister" / Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen" / "Wer nicht hören will, muss fühlen" / "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" usw.

Alle diese bewährten Sprüche will heute der große Teil der Deutschen nicht mehr hören und erst recht nicht befolgen. Daher rührt ein Großteil der Misere, in der wir jetzt stecken.

Ja, die CDU als einstige Bewahrerin des Bewährten, hat in den letzten Jahrzehnten jämmerlich versagt, u. a. deshalb, weil sie die Bildung den Links-Grünen überließ!

Bei allem Respekt, aber wenn Sie solche Probleme mit Leuten unter 40 haben, wie wäre es, wenn Sie fairerweise auf die Rentenbeiträge, die diese Gruppe an Sie zahlt, verzichten? Sie klingen ja wie Friedrich Merz.
Wie soll ich denn etwas sparen, wenn der Staat mutwillig die Wirtschaft zerstört, sodass Gehaltserhöhungen ausgeschlossen sind und mir gleichzeitig noch absichtlich die Fahrt zur Arbeit verteuert ("Es wird erst einmal für alle TEURER!")?

bzw. Pensionserhöhungen in meinem Falle verzichten, wenn die übrigen Maßnahmen der Regierung zur Sanierung des deutschen Haushaltes adäquat
sinnvoll und vernünftig wären - nämlich im Sinne der von mir genannten
altbewährten Grundsätze.
Wenn es notwendig wird, Leistungskürzungen vorzunehmen, müssen sie möglichst gerecht u n d den Realitäten des Lebens entsprechend vorgenommen werden, z. B. nach der Devise: Nur Unternehmer, die nicht von staatlichen Vorschriften stranguliert werden, sind in der Lage eine florierende Marktwirtschaft zu betreiben.
Da ist es dann eben sehr wichtig, daß die Bürger a l l e vernünftige Ansichten haben. Verwöhnten jungen Leuten fehlt leider diese Vernunft weitgehend.
Der beste Beweis dafür ist die Zunahme der Stimmen für "Die Linke".

Aber Sie haben den Kommentar von Frau Wallau offenbar nicht verstanden. Die ältere weise Frau hat doch mit jedem Wort recht. Woraus lesen Sie, dass Frau Wallau Probleme mit Leuten unter 40 hätte? Und es stimmt, die eigentliche Bewahrerin des Bewahrenswerten, die CDU, hat jämmerlich versagt. Wer erfüllt jetzt diese Rolle, welche die CDU so leichtfertig aufgegen hat? Es ist die AfD und niemand anderes. Und deshalb wird die Partei der Blauen auch so siegreich sein. Bitte in Zukunft genauer lesen und auch mal was aufnehmen, was zwischen den Zeilen steht.

Klaus Funke | Do., 17. September 2026 - 17:02

Antwort auf von Klaus Funke

Statt "aufgegen" bitte "aufgegeben".

Ingo Frank | Mi., 16. September 2026 - 20:19

wenn die Hälfte des Kraftstoffpreises aus Steuern besteht. Da hätte sich Ludwig Erhard wohl im Grabe herumgedreht, wüßte er von der irrlichternden deutsch Energie und Wirtschaftspolitik von heute…… und das schlimme ist, der Verbraucher wird immer weiter ausgenommen an der Tanke ist’s das Eine, im Supermatkt geht’s weiter und dann schlagen Finanzamt und Kommunen noch weiter zu. Und, das schlimmste, es reicht immer noch nicht Krankenkasse, Rentenkürzungen, Pflege, Arbeitsplatzverlust usw, usw, usw.
Und dann wollen uns diese Luschen uns es besser erklären ? Für wie blöde wird das deutsche Wahlschaf von der Politik eigentlich noch gehalten ? Aber, es scheint langsam hat’s das Wahlschaf im ganzen Land gelöffelt, auch der Westen verliert langsam seinen Wohlstand an dem der Osten nie herangereicht hat, und damit die Geduld in Ost & West.
MfG a d Erf. Rep.

Urban Will | Mi., 16. September 2026 - 22:50

ich erstaunt, warum der die in der Überschrift gestellte Frage an der Benzinpreissache aufhängt.
Da gäbe es doch sicher viele andere, viel wichtigere Gründe.
Die Partei Ludwig Erhards paktiert mit den Sozialisten, den verkappten aus der SPD und den knallharten von den Linken. Und mit den Ökö-Sozialisten der Grünen.
Friedrich Merz, der noch agierende Bundeskanzler, hat ganz klar gesagt, dass er nur mit den Sozialisten Mehrheiten suchen wird und da er nicht verhandeln kann, da er jedem in den Hintern kriecht, um seinen vergötterten Kanzlerposten zu behalten, ist die Partei Ludwig Erhards nun eine sozialistische Partei.
Warum schreiben Sie, der Sie sich in dieser Materie doch hundert mal besser auskennen als der Durchschnittsbürger nicht mal einen Artikel, in dem sie all den Irrsinn, den die Union angerichtet hat auflisten und dessen Folgen für dieses Land darlegen?
Die Partei Ludwig Erhards hat mM nach dieses Land dauerhaft beschädigt und ist dabei, es komplett zu ruinieren.

Armin Latell | Do., 17. September 2026 - 09:07

vllt. fehlt noch: das große Vorbild, nämlich der Staat, verzichtet auf rein gar nichts von dem, was ihm wichtig scheint, und wenn das Geld nicht reicht, bedient er sich am Ersparten seiner Untertanen. Eigentlich meine ich aber nicht den Staat, der sind wir alle, sondern die (gewählten) Parteifunktionäre, die Wasser predigen und selbst Wein saufen. Wenn das Brot nicht ausreicht, sollen sie eben Kuchen essen....

Ernst-Günther Konrad | Do., 17. September 2026 - 11:02

... den man entsorgt, wenn man ihn nicht mehr braucht.
Merkel und ihre Jünger haben ganze Arbeit geleistet und Merz und die jetzigen CDUler im Amt vollenden nur ihr Werk. Die Partei ist dem Untergang geweiht, es fragt sich nur, wer von den Klatschhasen noch den Absprung schafft und sich zur AFD rettet oder auf *unabhängig* macht. Und nochmal an alle Kritiker von Merz. Er allein war es nicht. Es hat bei Merkel angefangen und bereits da haben etliche mitgeholfen bis zum heutigen Tag. Und wir werden sehen, wenn die UNION auseinanderbricht, welche Merkel Jünger zurückbleiben werden. Ich kann nur sagen, so wie ich das auch der SPD wünsche. Isch over. Ihr habt das Volk verloren, die lassen sich nicht mehr verar..... Wir Kritiker sind inzwischen mehr und waren es eigentlich auch schon immer. Nur ihr wart bislang lauter. Jetzt aber hört man nur noch autoritäres Geschrei. Ihr habt fertig.

Sebastian Habel | Do., 17. September 2026 - 11:41

Muss man jetzt ausgerechnet Wirtschaftsprofessor Lucke erklären, dass ein Verzicht auf einen Teil der Steuern keine Subvention ist?

Wenn ich jemanden beispielsweise um die kompletten 200 EUR, die er dabei hat, beraube und ihm dann höhnisch 15 EUR fürs Abendessen hinwerfe, kann man den gesamten Vorgang ja wohl kaum mit "Ich habe ihm in meiner grenzenlosen Güte 15 EUR geschenkt" beschreiben.

Tut mir Leid, aber diese Einstellung erreicht ja schon merz'sche Hochnäsigkeit.

Angelika Sehnert | Fr., 18. September 2026 - 02:57

Man ist schon erstaunt von einem Professor für Makroökonomik so etwas zu lesen. Es sind die exorbitanten Steuern und unsinnigen Abgaben, die den Sprit so teuer machen. Teurer Sprit macht alles teurer, weil alles transportiert werden muss.
Eine Molkerei kann nicht auf den ÖPNV umsteigen! Dort werden die Preise übrigens auch bald ankommen. Und Pendler auf die Bahn zu verweisen grenzt beim Zustand derselben an Hohn.