Geburtstag von Karl Marx - Links daneben

Ausgerechnet zum 200. Geburtstag von Karl Marx steckt die politische Linke in einer tiefen Sinnkrise. Aus dieser hilft ihr nicht mehr ihre traditionelle Zuversicht, sondern nur noch selbstkritische Skepsis. Sie muss verstehen, dass auch ihre Wähler klare Ordnung und feste Regeln wollen

Illustration von Karl Marx
Die politische Linke läuft Gefahr, in diesen stürmischen Zeiten unterzugehen / Lennart Gäbel

Autoreninfo

Dieter Rulff ist freier Autor in Berlin.

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Können Parteien trotzig sein? Aufstampfen mit dem Fuß, wie das kleine Kind, dem sein Wille nicht erfüllt wird? Weil es sich falsch benommen hat, das aber nichts Falsches in seinem Benehmen erkennen will. Weil es sonst seine Schwäche eingestehen und sein Verhalten ändern müsste. Wer je mit kleinen Kindern zu tun hatte, kennt diesen feuchten Tunnelblick, der die Einsicht in die Unausweichlichkeit der eigenen Situation meidet. Und wer in den vergangenen Wochen in die Gesichter führender Sozialdemokraten geschaut hat, spürt, dass auch Parteien bisweilen kindlichen Gemüts sein können, selbst wenn sie 155 Jahre alt sind.

In der sozialdemokratischen Regierungsunwilligkeit lässt sich keine Strategie erkennen. Die Partei verharrt, angesichts der Widrigkeiten, die sie nun schon seit Jahren peinigen und die nach Remedur verlangen, in einem mauligen Trotzdem. Ihr Zuspruch im Volk schwindet so konstant wie die Zahl ihrer Mitglieder, und es erleichtert die SPD auch kein Verweis auf die Schwesterparteien in den anderen europäischen Ländern, die in weit geringerer Halbwertzeit zerfallen sind.

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Joachim Wittenbecher | So, 6. Mai 2018 - 09:11

Sehr guter Kommentar von Herrn Rulff, der das Hauptdilemma der Linken klar zum Ausdruck bringt:
Die Parteieliten - z.B. die der SPD - haben durch Globalisierung/Europäisierung einen sozialen Statusgewinn erzielt, während große Teile Ihrer bisherigen Wähler einen Statusverlust empfinden. Es geht dabei nicht so sehr um die materielle Versorgung. Beispielhaft sei die Migrationsentwicklung genannt: die bisherige Bevölkerung wandelt sich vom ethnisch homogenen Staatsvolk zur Bevölkerungsgruppe. Selbst bei steigendem Wohlstand wird dies als Schmälerung empfunden. Diese Kluft zerreißt das Band zwischen Parteiführungen und Wählerschaft. Diese Kluft muss zumindest abgemildert, am besten überbrückt werden - dies ist schwierig; das Erstellen von überlebensgroßen Marx-Denkmälern trägt bestimmt nicht dazu bei.