Franziska Giffey und Martin Hikel
Den Genossen nicht links genug: Franziska Giffey und Martin Hikel / picture alliance / Metodi Popow | M. Popow

Linke Genossen hinterlassen verbrannte Erde - Die Berliner SPD zerlegt sich selbst

Franziska Giffey wird fallen gelassen, Martin Hikel schmeißt hin – und ausgerechnet ein Politiker aus Hannover soll nun die Partei retten. Der Niedergang der Berliner Sozialdemokratie zeigt, wie sehr sie den Kontakt zur Realität verloren hat.

Porträt Mathias Brodkorb

Autoreninfo

Mathias Brodkorb ist Cicero-Autor und war Kultus- und Finanzminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Er gehört der SPD an.

So erreichen Sie Mathias Brodkorb:

Im nächsten Jahr wählt Berlin sein neues Abgeordnetenhaus. Damit wird auch entschieden, ob Kai Wegner (CDU) Regierender Bürgermeister bleibt oder nicht. Eigentlich wollen die Sozialdemokraten den Posten zurückerobern. Die Zeichen dafür stehen schlecht. Sie liegen nicht nur bei den Wahlumfragen seit Monaten hinter den Linken, sondern beschädigen auch noch munter ihr Spitzenpersonal.

Einst galt sie als sozialdemokratische Hoffnung: Franziska Giffey. Bekannt wurde sie als Bezirksbürgermeisterin von Neukölln. Das Amt hatte sie im Jahre 2015 vom robusten Heinz Buschkowsky übernommen. Später wurde sie Bundesministerin, Regierende Bürgermeisterin von Berlin und ist dort heute Senatorin für Wirtschaft. Es hätte im Jahr 2023 auch eine Mehrheit von SPD, Grünen und Linken gegeben. Giffey führte ihre Partei stattdessen in eine Koalition mit der CDU.

Das scheinen bis heute nicht alle linken Genossen verdaut zu haben. Eigentlich hätte es nahelegen, sie wieder zur Spitzenkandidatin zu machen. Noch im Sommer dieses Jahres sprach sie sich für eine Mitgliederbefragung aus. Wer auch immer Kandidat werde, brauche die breite Unterstützung der Partei. Giffey weiß, wovon sie redet.

Hikel gehe zu offensiv gegen migrationsbedingte Probleme in seinem Stadtteil vor

Erst vor wenigen Tag zog ihr eigener Kreisverband Neukölln den Stecker zu ihrer politischen Karriere. Für die Landtagswahlen im nächsten Jahr wird sie keinen sicheren Listenplatz erhalten. Es ist unwahrscheinlich, dass sie ihren Wahlkreis gewinnt. Im Jahr 2023 lag sie rund 15 Punkte hinter dem CDU-Kandidaten. Sang- und klanglos dürfte dieser Tage eine politische Karriere beendet worden sein.

Aber Giffey ist nicht allein. Ihr Nachfolger als Bezirksbürgermeister von Neukölln wurde im Jahre 2018 Martin Hikel. Er gilt als besonnen, realistisch und zupackend. Inzwischen ist er sogar einer der Vorsitzenden der Berliner SPD. Er sollte am Wochenende als Kandidat für die Wahl zum Amt des Bezirksbürgermeisters von Neukölln gekürt werden, erhielt von seinen Genossen allerdings weniger als 70 Prozent der Stimmen. Er gehe einfach zu offensiv gegen migrationsbedingte Probleme in seinem Stadtteil vor und bekenne sich zu wenig zum Kampf gegen „antimuslimischen Rassismus“, sagen seine Kritiker. Offensichtlich wollten sie ihm einen Denkzettel verpassen. Das ist übrigens typisch für Sozialdemokraten: Auch wenn das Schiff schon untergeht, werden trotzdem munter Haltungsnoten verteilt.

Aber Hikel drehte den Spieß um und schmiss an diesem Wochenende hin. Das Votum gebe ihm „nicht ausreichend Rückenwind für einen erfolgreichen Wahlkampf“. Eigentlich sind mittelprächtige Wahlergebnisse in der Berliner SPD schon lange üblich. Traditionelle Sozialdemokraten und postkoloniale Junglinke stehen sich hier wie kaum sonstwo in Deutschland unversöhnlich gegenüber. Hikel bestand angesichts miserabler Umfragewerte seiner Partei auf Geschlossenheit. Und nun steht die SPD Neukölln mit leeren Händen da und braucht einen neuen Kandidaten.

Raed Saleh: Eindrucksvoller lässt sich der geistige Zustand der Partei kaum beschreiben

Wer ein Gefühl dafür entwickeln will, wie es so weit kommen konnte, ist bei der Sendung „Chez Krömer“ bestens aufgehoben. Im Jahr 2020 interviewte Krömer Raed Saleh. Der Berliner palästinensischer Abstammung war damals schon seit fast zehn Jahren der SPD-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus und wollte gemeinsam mit Franziska Giffey SPD-Vorsitzender von Berlin werden. Bereits im Jahr 2014 war er an einer Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters gescheitert. An Selbstbewusstsein fehlt es ihm also nicht. Aber an allerhand anderen Dingen.

Was Saleh bei Kurt Krömer ablieferte, war zum Fremdschämen. Kein einziger kluger Gedanke, kein einziger witziger Satz. Stattdessen peinlich-kindliches Rangewanze. Selbst von politischem „Mittelmaß“ zu sprechen, wäre eine Übertreibung.

Saleh bettelte Krömer regelrecht um rhetorische Schläge an und bekam sie auch. Und dann passierte etwas, was auch für den Komiker eher ungewöhnlich ist. Krömer entwickelte fast so etwas wie Mitleid mit seinem Gast und sagte zu Saleh: „Sie reden sich ja hier um Kopf und Kragen. Das ist nicht einfach nur ein Raum. Hinter diesen Spiegeln sind Kameras.“  

Saleh ist noch immer der Chef der Sozis im Berliner Abgeordnetenhaus. Eindrucksvoller lässt sich der geistige Zustand der Partei kaum beschreiben. Was gab es nicht einst für regelrechte sozialdemokratische Hünen in Berlin: Ernst Reuter, Willy Brandt oder Hans-Jochen Vogel. Aber das ist alles schon sehr lange her.

Der Zustand der Berliner SPD ist ein Spiegelbild der Dysfunktionalität der ganzen Stadt

Einer wird vom momentanen Chaos in der Berliner SPD wahrscheinlich profitieren. In dieser Woche soll Steffen Krach zum Kandidaten für die Wahl zum Regierenden Bürgermeister nominiert werden. Und mindestens der überraschende Abgang Hikels dürfte die Reihen zeitweise schließen. Krach hat zwar Verwaltungserfahrung und war auch ein paar Jahre in Berlin Staatssekretär, aber seit 2021 ist er Präsident der Region Hannover.

Einen Kandidaten für höchste Ämter von außen zu holen, ist nicht nur politisch überaus riskant, sondern auch höchst ungewöhnlich. Möglicherweise war das für Hikel und seine Co-Vorsitzende die einzige Möglichkeit, Saleh zu verhindern. Oder einen großen internen Streit über die Richtung der Partei.  

Warum Krach sich die Kandidatur überhaupt antut, bleibt rätselhaft. Mit dieser Berliner SPD jedenfalls hat er keine echten Chancen auf einen Wahlsieg. Und falls es doch anders käme, würde seine Basis mit ihm mangels eigener Hausmacht munter Schlitten fahren.

Die Sache hat aber auch ihr Gutes. Der Zustand der Berliner SPD ist ja bloß ein Spiegelbild der Dysfunktionalität der ganzen Stadt. Beide passen irgendwie zueinander. Jeder hat immer die Sozialdemokraten, die er verdient.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Achim Koester | Mo., 10. November 2025 - 13:24

dass ein Bürgermeister zurücktreten muss, weil der die brennenden Probleme angepackt hat.
Mehr Realitätsverweigerung geht eigentlich nicht, und diese SPD gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.

Walter Buehler | Mo., 10. November 2025 - 13:54

... begann mit der Invasion der akademisch gebildeten und karrieregeilen Politkberater-Szene in Berlin, ziemlich genau damals, als auch die große Kampagne gegen Thilo Sarrazin gestartet wurde.

Danach haben die LGBTQIA+ -Sektierer nicht nur den Linken und Grünen, sondern auch der alten SPD den Rest gegeben.

Auch in der CDU sind sie stark geworden und haben sie von innen her geschwächt.
----
Das Elend ist auch bei den Grünen zu beobachten. Alle Leute, die noch ein bisschen eigenständig denken können, werden vom woke-queeren Mob mit allen erdenklichen Mitteln bekämpft (Gelbhaar).

Entsprechend steht es mit der Sachkompetenz der Berliner Abgeordneten aus. Sie beherrschen nur noch die Kunst der ausgefeilten Intrige und der vergifteten Diffamierung, auch und gerade beim Kampf um die Listenplätze.

Gegenüber ihren Wählern treten sie dagegen ausschließlich als lustige, spendable Weihnachtsmänner auf.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo., 10. November 2025 - 13:58

ist in Belin (Ost) geboren, er müßte doch den Hauch einer Ahnung haben, wie die Leute ticken?
Eventuell nicht für Neukölln?
Neukölln hat zigfache "Nationalitäten" und wenn man "ordnungspolitisch" an die Missstände, die es dort eben auch gibt, herangehen will, dann ergibt das keinen hochprozentigen Rückhalt in der Neuköllner SPD?
Saleh zu verhindern scheint mir kein tragfähiger politischer Ansatz.
So einen "verwurzelten" bräuchte es für Neukölln?
Giffey war das schon nicht mehr, Müller hingegen schon.
Entschuldigung, wie brilliert man als vlt. höflicher Mensch bei Herrn Krömer?
Dagegen hatte Saleh den Mumm, Gabriel "anzugreifen" wegen dessen "Ununterscheidbarkeit" zu Merkel?
Danke dafür!
Ein dicker Pluspunkt für Giffey, dass sie gemeinsam mit Saleh kandidierte.
Berlin kann weder "ordnungspolitisch" noch "hipp" regiert werden, wenn man mich fragt.
Es braucht Einblick und Überblick und man muss anpacken können.
Hoffentlich hat das der neue Spitzenkandidat der SPD und eine/r für Neukölln..

Thomas Veit | Mo., 10. November 2025 - 14:14

Ach neee - SORRY! Das war ein ganz anderer Artikel... ... ..., und auch nicht über die SPD.

So was aber auch...

Christa Wallau | Mo., 10. November 2025 - 14:33

wird sich Berlin nach dem Motto weiterentwickeln:
"Schlimmer geht immer!"

Die SPD wickelt sich selbst ab, und die CDU macht es keinen Deut besser.
Der regierende Bürgermeister der deutschen Hauptstadt, Kai Wegner (CDU), wäre unter Kohl längst aus der Partei geworfen worden.

Die Lage in Berlin bleibt hoffnungslos, so lange den Verantwortlichen dort nicht der Geldhahn zugedreht wird.

Leider geht das nicht, den Geldhahn zuzudrehen, was glauben Sie, wie gerne wir Bayern das schon getan hätten, es scheiterte immer an den regierungstreuen Bundesrichtern.

Markus Michaelis | Mo., 10. November 2025 - 14:38

Es gibt in Deutschland im Moment etwas zu viele Gruppen, die fest davon überzeugt sind, dass gerade sie für die ganze Menschheit, die Gerechtigkeit, Wissenschaft, absolute Werte etc. sprechen. Manches davon kann man einfach weglächeln. Interessant daran ist aber, dass es in D, EU, Welt soviele Umwälzungen und Veränderungen gibt, dass es relativ klar scheint, dass auch diese Gesellschaft sich wahrscheinlich deutlich neu sortieren wird. Auch wenn keiner der selbsterklärten Menschheitsvertreter heute oder in Zukunft große Mehrheiten auch nur in dieser Gesellschaft vertreten wird (dazu sind D, EU und die Welt zu vielfältig), ist es zusammen mit anderen Strömungen doch Ausdruck von irgendwelchen größeren Veränderungen, die kommen werden. Nur welche, das ist glaube ich ziemlich offen. Genauso wie es offen ist, in welche Richtung es die Gesellschaft verändern wird, wenn man heute verbissen für universelle Werte (dieselben für alle) und die ganze Menschheit kämpft.

Ich denke das ist gar nicht so offen wie wohl gewünscht. Es gibt das zwei Szenarien die da im Raum stehen, aus lauter Menschlichkeit und Überheblichkeit in den Bürgeraufstand oder voller Pathos erneut gegen Russland. Das K Wort möchte nicht über meine Lippen.

Stefan | Mo., 10. November 2025 - 14:53

Ines Schwerdtner von den Linken wetzt wahrscheinlich jetzt schon mal die Messer, ob der desolaten Lage der SPD.
Sie wird sich, so habe ich das kürzlich gelesen, wohl genau anschauen wie der neu gewählte Bürgermeister von New York sein Husarenstück vollbracht hat.
Sie wird's ihm gleichtun wollen.
Wie dem auch sei, von Versprechen die nicht eingehalten werden können und mit heißer Luft, wird man Berlin auch nicht besser regieren als die SPD,mit Kai Wegner, als Galionsfigur das momentan tut.
In New York schätze ich, kommt der Bürgermeister ziemlich schnell an sein Ende, denn wenn sein Unfug finanziert werden soll, dann hört's schon auf mit aller Herrlichkeit.
Genauso wird's dann auch in Berlin aussehen.

Thomas Hechinger | Mo., 10. November 2025 - 15:03

Der Artikel gibt interessante Einblicke in die Berliner SPD. Nun würde man sagen wollen: Wenn die SPD ausfällt, gibt es ja immer noch die CDU. Und man kann das nicht sagen! Denn der Zustand der Berliner CDU ist – auf andere Weise – mindestens so trostlos wie der der SPD. Nun bin ich mir bewußt, daß das typische Berliner CDU-Mitglied und der typische Berliner CDU-Wähler wohl ein wenig anders ticken als ihre Brüder und Schwestern bei uns im Badischen. Und vielleicht geht es nicht ohne ein wenig Queerness. Aber daß von traditioneller bürgerlicher Politik so gar nichts mehr übrigbleibt, macht einen schon fassungslos. Wir sitzen hier und können Berlin beim Scheitern zusehen.

Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Schaut auf diese Stadt und erkennt, wie sie sich selbst preisgibt! Eifert ihr nicht nach, denn es wird kein gutes Ende mit ihr nehmen!

IngoFrank | Mo., 10. November 2025 - 17:53

Ich finde das Klasse & Super und das noch im Zusammenspiel mit dem Ableger von den SED Erben ….. das BSW …….da Wagenknecht sich aus der ersten Reihe verabschiedet.
Ihr fehlt das, was Weidel hat und auszeichnet: Steherqualitäten …
was ich i.ü. bei Gründung des BSW vorhersagte.

Interessant wird’s natürlich für die Grüne Sekte wenn die SED Erben einige Entteuschten des BSW aufsaugt und die Sekte endgültig die „rote Laterne“ des letzten Rankingplatz des deutschen Parteienspektrums erreicht hat. ……
Außerdem, um auf den Kern die Berliner SPD zurückzukommen, stehen die Chancen nicht schlecht, einen Regierenden Bürgermeister Berlins aus den Reihen der SED Erben zu bekommen was wiederum für Deutschalnd gar nicht sooooo schlecht wäre, da sich die Asylmafia sich nicht aufs Ganze (westdeutsche) Land verteilen muss und sich ihre Klientel dann wenigstens noch mehr in der „Hauptstadt“ konzentriert.
Mit freundlichen Grüßen a d Erfurter Republik

Ernst-Günther Konrad | Mo., 10. November 2025 - 18:53

Einerseits ja. Die SPD vergrault ihre eigenen Leute. Da war wohl Herr Hikel nicht links genug bei dem Thema und schwups wird er gedisst und angegangen und natürlich mit demokratischen Mitteln aussortiert. Eigentlich könnte man sich freuen, wenn sich diese SPD zerlegt. Im Bund mit den Jusos ja nicht anders und den ANTIFANTEN in der Regierung. Da wird ja auch munter das eigene Credo gefrönt. Und doch ist es auch traurig, was aus dieser einstmals führenden Volkspartei geworden ist. Brand und Schmidt, Wehner und Wischnewski und wie sie alle hießen, sie würden ihre Partei nicht mehr wieder erkennen.
Ja, Herr Hikel hat wohl etwas verstanden als er sich gegen diese Art der Migrationspolitik gestellt hat und realitätsnah die Probleme anpacken wollte. Es kommt jetzt sehr darauf an, was die Berliner nächstes Jahr aus den vielen Vorgängen in ihrer Stadt als politisches Resümee ziehen und wen sie wählen werden. Und wen werden die Berliner wahrscheinlich wieder wählen? Ein weiter so.

Gisela Hachenberg | Mo., 10. November 2025 - 22:43

„Er gehört der SPD an“ steht immer noch unter Ihrem Namen hier im Cicero, lieber Herr Brodkorb! Ich glaube es nicht, wie ich schon mehrere Male schrieb, wie auch andere Foristen. Es müsste Ihnen doch in der Seele wehtun, einen solchen Artikel über „Ihre“ SPD zu schreiben… Nun denn! Heute in der NZZ: „ Die deutsche Hauptstadt hat ihren Ruf als dreckige und dysfunktionale Metropole zementiert. Warum ist Berlin so vieles egal?“ Das hat natürlich nicht nur mit der SPD zu tun, aber doch zu einem großen Teil. Ich hatte, obwohl ja unsere Hauptstadt, noch nie eine große Sympathie mit dieser Stadt. War auch noch nie dort (sorry!). Und jetzt zieht mich schon gar nichts mehr dorthin. Die guten und netten Berliner, die es ja noch gibt, mögen es mir verzeihen! 😉