Illustration von Viola Schmieskors
Die gute Absicht einer absoluten Selbstbestimmung für alle hat eine menschenfeindliche, unerbittliche Logik / Illustration: Viola Schmieskors

Moralische Debatten - Kulturkampf um Abtreibung schadet der Demokratie

Wieder wird über Abtreibung und Sterbehilfe gestritten. Der in der Vergangenheit viel beschworene Kulturkampf ist nun Realität. Beide Seiten liefern vernünftige Argumente – eine Pattsituation. Wie moralische Debatten die Demokratie in die Luft sprengen können.

Lütz

Autoreninfo

Manfred Lütz ist Psychiater und Psychotherapeut sowie katholischer Theologe. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Der Sinn des Lebens“.

So erreichen Sie Manfred Lütz:

Der gelernte Jurist Johann Wolfgang von ­Goethe, der sich auch als Schriftsteller einen Namen gemacht hat, lässt den Teufel in seinem „Faust“ sinnieren: „Es erben sich Gesetz’ und Rechte wie eine ew’ge Krankheit fort. Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte und rücken sacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage …“ Wie Vernunft Unsinn wird, konnte man zuletzt in der wilden Debatte um die Ernennung einer neuen Verfassungsrichterin besichtigen.

Cicero Plus

Ohne Abo Lesen

Mit tiun erhalten Sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Cicero Plus Inhalte. Dabei zahlen Sie nur so lange Sie lesen – ganz ohne Abo.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Gerhard Hellriegel | Di., 2. September 2025 - 08:31

80% der Bevölkerung treten für die Rechtmäßigkeit der Abtreibung in den ersten 12 Wochen ein. Das ist Demokratie.

Wo also ist das Problem? Die Moral von Herrn Lütz ist nicht die der Mehrheit.
Und wieso ist denn das, was er liefert, denn kein Beitrag zu einer moralischen Debatte?

Hans Jürgen Wienroth | Di., 2. September 2025 - 12:11

Antwort auf von Gerhard Hellriegel

Sie fragen zu Recht, warum der Artikel von Herrn Lütz ein Beitrag zur moralischen Debatte sein soll. Er schreibt hier von „Menschenwürde“, von menschenverachtenden Ergebnissen eines Urteils des BVerfG. zur Sterbehilfe. Aber was ist daran „menschlich“, Todgeweihte möglichst lange große Schmerzen erleiden zu lassen, Menschen, die sich ggf. nie mehr ohne fremde Hilfe bewegen können? Kann man Menschen zum Leben zwingen oder ist das ein großer Eingriff in die Selbstbestimmung, die der Autor bei der Schwangerschaft der Frau so hoch hält?

Wer von uns kann sagen, wann das Leben beginnt? Ist es der Moment, wo ein Kind selbst atmen kann (wann genau ist das und wie stellt man das ggf. im Mutterleib fest?) oder ist es der erste Herzschlag? Wo zieht man da die Grenze zum Verbot? Gibt es hier ggf. auch die Alternative der Adoption?

In beiden Fällen – selbst bestimmtes Sterben und Abtreibung – halte ich eine Beratung, die auch Hilfen anbietet und eine Bedenkzeit für wichtig.

Vielleicht habe ich mich wieder einmal unklar ausgedrückt. Ich wollte mich auf den Untertitel "Wie moralische Debatten die Demokratie in die Luft sprengen können" beziehen. Also, Ich halte seinen Beitrag für eine ausschließlich moralische "Argumentation". Außerdem vertritt nmM jemand, der eine befruchtete Eizelle "Mensch" nennt, selbst eine extreme Position.
Wir sind uns da wohl ziemlich einig.

Robert Hans Stein | Di., 2. September 2025 - 09:34

"Der christliche Gedanke von der gleichen Würde jedes Menschen, der ein Ebenbild Gottes ist"
Wenn keine andere Begründung mehr verfängt, dann kommen Sie mit Ihrem Popanz von Gott um die Ecke. Mit selbstbestimmtem Ableben hat die Kirche Probleme, mit selbstbestimmter Wahl der geschlechtlichen Identität offenbar nicht (mehr). Alles, was Sie seit Jahrzehnten von sich geben, ist bei Lichte betrachtet sophistisches Geschwurbel, verfasst mit dem einen Ziel, Ihrer Religion nocht irgendwelche Existenzberechtigung zuzuschwatzen. Ganz klar: Diese Ihre Religion ist nicht genau so unsinnig wie jede beliebige andere. Vielleicht nicht (mehr) so penetrant wie beispielsweise der Islam, aber nichtsdestotrotz kein Gewinn für eine Menschheit im Sinne von Goethe (Prometheus) oder Heine (Wintermärchen).
Dass Brosius-Gersdorf nicht Verfassungsrichterin wurde, begrüße ich wegen ihrer fehlenden parteipolitischen Neutralität, jedoch ausdrücklich nicht, wegen Ihrer Haltung zu §218. Im Zweifel für Logik!!!!!

Maria Arenz | Di., 2. September 2025 - 10:17

Inzwischen wurden so viele Themen auf eine z.T. lächerlich überhöhte moralische Ebene gehoben, daß jede Diskussion von Lösungen zum Glaubenstreit gerät, den sich vor allem die Gläubigen von Links ganz schnel mit Ketzerei-Vorwürfen bestreiten bzw. verweigern. Da wundert es dann auch nicht, was für Blendern zugetraut wurde (und von 30 % immer noch wird !) über Wasser laufen zu können und daß das für Arbeit & Soziales zuständige Ministerium grundsätzlich nur noch von besonders Glaubensstarken geleitet werden darf, der/die/das ganz fest daran glauben, daß man 5000 Leute mit 5 Broten (oder waren es Fische?) satt bekommt. Das Grundproblem scheint mir darin zu liegen, daß die bei Erwachsenen in westlich zivilisierten Ländern einmal selbstverständlich gewesene Fähigkeit, Widersprüche und Offenes auszuhalten, dramatisch abgenommen hat und daß man lieber weiter an offensichtlichen Unsinn glaubt, als sich zu Abstrichen an der nachweislich nicht funktionierenden reinen Lehre bereit zu erklären.

Michael Kaufmann | Di., 2. September 2025 - 10:25

Und am Schluss kommt dann noch die Trump und AFD Keule. So richtig tief war da ja nichts. Schade um die Lesezeit.

Karl-Heinz Weiß | Di., 2. September 2025 - 10:45

Die "Instrumentalisierung " des BVerfG begann nicht erst mit dem Abendessen bei Ex-Kanzlerin Merkel. Seit Jahren fühlen sich immer mehr Juristen (m/w/d) zum juristischen Aktivismus berechtigt, ja verpflichtet - siehe Klimaschutzurteil. In den USA ist der Oberste Gerichtshof bereits zum Abnicken der Trumpschen Politik umfunktioniert worden. Deutschland wird voraussichtlich in wenigen Jahren folgen. Die anstehenden Nachnominierungen könnten richtungsweisend sein.

Markus Michaelis | Di., 2. September 2025 - 15:08

Abtreibung ist in der im Artikel beschriebenen Weise eines der wichtigen gesellschaftlichen Themen, aber nicht DAS EINE Thema. Ich sehe es so, dass der Mensch einerseits verschieden ist, nicht festgelegt, Freiheit braucht, andererseits klare Werte und Leitplanken sucht, die am besten von allen Menschen gleich einzuhalten sind. Dieser Widerspruch ist ewig und drückt sich in vielen Themen aus.

Alle großen Fragen um Familie, Nation, Sozialstaat, Freiheit, Geschichte, Menschheit, universelle Werte gegen Freiheit, Menschenwürde gegen Menschenrechte (mit Pflichten für andere) usw. drehen sich um unauflösliche Widersprüche.

Für einige Zeit tendierte unsere Gesellschaft mehr dahin absolute, ewige Werte für alle zu betonen (etwa DAS Verfassungsgericht legt mit DER Verfassung DIE Menschenwürde für DIE Menschheit fest). Es wird auch wieder die Zeit geben, wo man sich mehr fragt, was wir in einer offenen Welt für uns für die nächste Zeit festlegen.

Wolfgang Z. Keller | Di., 2. September 2025 - 22:32

... ich war insofern angenehm von Herrn Lützens Artikel überrascht, als ich durchaus mit philosophisch Schlimmerem denn "wir" und weltweit eine unermessliche Phalanx unerfreulicher Figuren als Ebenbild Gottes gerechnet habe. War aber nicht.
Warum ich allerdings seine - ansonsten wirklich oft zutreffende - zeitversetzte Parallelität von gesellschaftlich-wirtschaftlichen Strömungen in USA und D hier anzweifle: in Amerika gelten gemeiniglich Reiche und Erfolgreiche als von Gott bevorzugt, was bei uns eher fehlenden Erbschafts- und Steuergesetzen, krim. Energie, Skrupellosigkeit, Vitamin B, Geldgier etc. zugeschrieben wird.
Auch dieses aggressive Predigertum in riesenhaften Hallen mit allem erdenklichen Showgedöns und eingebettet in eine gigantische After-Church-Shopping-und Vergnügungs-Mall kann ich mir hier bei uns schwerlich vorstellen.
Im Gegenteil wenden sich immer mehr Menschen von dem - aus der Sicht auf die historischen Realitäten gesehen - doch recht seltsamen Heilsversprechen ab.

Walter Ranft | Mi., 3. September 2025 - 06:23

Und Letzteres sicher nicht 'endgültig', sondern der Lage ( s.o.: Überzeugungen ...) entsprechend und immer komplizierter, als Herr Lutz sich das vorstellt.
An der Stelle, an der Lutz zu 'argumentieren' beginnt: "Dann müssten unproduktive alte Menschen ..." schlägt Überzeugung in dekretierende Unlogik um: Denn niemand "müsste".
Da schlägt bei Lützens vernünftigem Eintreten dafür, in einer pluralen Gesellschaft einen idealerweise höchstens erwartbaren Kompromiss nicht einseitig überzustrapazieren, doch der Hang zur Reklame durch.
"Jeder wirbt für seine Heimat."
Dabei wird es wohl bleiben. Die eigene Überzeugung muss in diesem Prozess nicht relativiert werden. Aber politisch muss man sehen, wie weit man damit kommt.

Was Menschen täten, wenn sie dürften, was sie wollten und könnten, wird nie und unter keinen Umständen unproblematisch werden.

Anzustreben, dass sie es gewissenhaft und verantwortlich tun, bleibt eine Aufgabe, solange es "uns" gibt.