Luther und die Juden - Kriminologen sollten keine historischen Beweise führen

Die judenfeindlichen Schriften Luthers sind schon lange bekannt. Den Reformator als Vordenker der Nationalsozialisten darzustellen, heißt, deren gedächtnispolitischem Programm zum Erfolg zu verhelfen. Eine Replik auf Christian Pfeiffer

Ein Glasfenster in der Lutherkapelle der Veste Coburg zeigt den Reformator Martin Luther
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Prof. Dr. Johannes Wallmann ist Theologe und emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

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Da hat der Cicero nun die ganz große Enthüllungsstory geliefert: auf dem Cover Martin Luther vor einer brennenden Synagoge, dazu die Aufschrift „Judenfeind Luther... der Kriminologe Pfeiffer führt Beweis“. Welch schockierende Sensation! Schade nur, dass da gar nichts zu enthüllen ist. Von Luthers unsäglichen antijüdischen Schriften ist seit Jahr und Tag in der Presse und in Büchern zu lesen. Und auch Pfeiffers Unternehmen ist nicht neu: zu beweisen, dass seit der Reformation die evangelische Kirche durch jene Schriften Luthers geprägt sei und sie sich so mitschuldig an den Verbrechen der Nationalsozialisten gemacht habe.

Pfeiffers Kronzeuge ist Hermann Steinlein. Der schrieb 1928 gegen Mathilde Ludendorff, die der evangelischen Kirche vorwarf, die antijüdischen Spätschriften Luthers dem deutschen Volke vorenthalten zu haben. Steinlein brachte dagegen vor, dass diese Schriften in allen Gesamtausgaben Luthers enthalten seien und sich zahlreiche Theologen auf sie bezogen hätten. Beide Argumente liefern die von Pfeiffer behaupteten Beweisindizien nicht. Zum einen bestätigt Steinlein, dass sich die evangelische Kirche nach dem Dreißigjährigen Krieg von Luthers Spätschriften abgewandt und seine judenfreundliche Schrift von 1523 Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei, für maßgebend erklärt habe.

Denn Steinlein nennt nur Theologen aus der Zeit vor und kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Außerdem weist er auf Einzeldrucke der Schrift von Von den Juden und ihren Lügen hin, kann aber nur zwei aus den Jahren 1577 und 1616 nennen. Bei den beiden aus dem 19. Jahrhundert genannten handelt es sich nicht um Nachdrucke, sondern um eine Zitatensammlung und um einen Auszug aus Luthers Judenschriften, mit dem 1838 der Leipziger Pfarrer Fischer den zeitgenössischen Juden ihre Begeisterung für den Reformator nehmen wollte. Ohne Erfolg, denn die jüdische Wochenzeitung replizierte umgehend, durch solche Äußerungen ließen sich die Juden von ihrer Verehrung Luthers nicht abbringen.

Auch Steinleins Nachweis, Luthers antijüdische Spätschriften seien in allen Gesamtausgaben enthalten, erbringt nichts für Pfeiffers Beweisgang, dass die evangelische Kirche durch die Jahrhunderte durch sie geprägt worden sei. Die Gesamtausgaben wurden früher wie heute allein von Spezialisten benutzt. Die Lutherkenntnis der Pfarrer nährte sich aus den Auswahlausgaben, die für den akademischen Unterricht der künftigen Pfarrer bereitgestellt wurden und „flächendeckend in den Bibliotheken protestantischer Prediger gestanden haben“ (Heinz Schilling). In keiner dieser Auswahlausgaben war eine von Luthers antijüdischen Spätschriften enthalten.

Gegen meine Behauptung, Luthers antijüdische Spätschriften seien von der evangelischen Kirche seit dem Pietismus zugunsten seiner judenfreundlichen Schrift von 1523 abgelehnt worden, wendet Pfeiffer ein, ich könne dies nur im Hinblick auf die „kleine Gruppe der Pietisten“ belegen. Doch beim Pietismus handelt es sich um keine kleine Gruppe, sondern um eine seinerzeit die ganze Kirche erneuernde Reformbewegung. Pfeiffer möge das Kapitel über den  Pietismus in Christopher Clarks Preußenbuch lesen. Für den größten protestantischen Staat sprechen Historiker vom Pietismus als einer preußischen Staatsreligion. 

Spener, Begründer des Pietismus, hat den Juden nicht nur das Aufenthaltsrecht, sondern auch das Recht auf umfassende Ausübung ihrer Religion zugesprochen. Francke, Speners bedeutendster Schüler, und die Theologen der pietistischen Reformuniversität Halle haben mit Gutachten jüdischen Gemeinden zum Bau neuer Synagogen verholfen. Als Freylinghausen, Schwiegersohn und Nachfolger Franckes, vor dem Soldatenkönig über die christliche Pflicht zur Nächstenliebe predigte, mahnte er eindringlich zur Liebe gegenüber den Juden. Der König wandte ein, das falle ihm schwer, die Juden könne er nicht lieben. Freylinghausen antwortete ihm mit Worten aus Luthers Schrift von 1523.

Kein Kronzeuge des Antisemitismus

 

Die Orientierung an Luthers früher Judenschrift blieb weit über die Zeit des Pietismus hinaus im deutschen Protestantismus leitend, wenn man für das Verhältnis zu den Juden überhaupt Luther bemühte. Wo im 18. und 19. Jahrhundert antijüdische Töne laut werden, beruft man sich auf eine andere Instanz: den reformierten Heidelberger Orientalisten Eisenmenger und seine Schrift „Entdecktes Judentum“ (1700), in der aus dem Talmud nachgewiesen werden soll, dass die Juden betrügerischem Aberglauben verfallen und geschworene Christenfeinde seien.

Eisenmenger, nicht Luther, wird im 18. und 19. Jahrhundert der Kronzeuge für christlichen Antisemitismus. Und dies nicht nur im protestantischen Raum, sondern vermittelt durch den katholischen Kanonikus August Rohling auch im Katholizismus. Die von Pfeiffer aus dem 19. Jahrhundert genannten Autoren (Fries, Rühs, Hundt-Radowsky) haben sich sämtlich auf Eisenenger berufen, Luthers späte Judenschriften nicht einmal gekannt. „Eisenmenger der Zweite“ wurde Fries von Samuel Ascher genannt.

Während sich die das preußische Emanzipationsgesetz von 1812 bekämpfenden Frühantisemiten auf Eisenmenger stützten, zog sich die evangelische Pfarrerschaft vom obrigkeitlichen Kirchenregiment den Vorwurf der Religionsverbrüderung mit den Juden zu. Ein Edikt Friedrich Wilhelms III. vom 9. Juli 1821 verbot christlichen Pfarrern bei Strafe die Teilnahme an jüdischen Religionsfeierlichkeiten. Die Strenge, mit der an dieses Edikt durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch erinnert wird, zeigt, dass Judenfeindlichkeit weiten Teilen der evangelischen Pfarrerschaft fremd war. 

Bei den Trauerfeierlichkeiten für die Märzgefallenen auf dem Berliner Gendarmenmarkt 1848 amtierten evangelische und katholische Geistliche sowie jüdische Rabbiner einträchtig zusammen. Luthers antijüdische Spätschriften blieben in der Breite der Kirche vergessen. Der einflussreiche Berliner Theologe Hengstenberg schreibt 1857 in der Evangelischen Kirchenzeitung: „Diese Stellung, die Luther in seinen späteren Jahren zu den Juden einnahm, ist allerdings recht geeignet, uns den Unterschied zwischen ihm und den Aposteln zur Anschauung zu bringen und zu zeigen, wie bedenklich es wäre, sich einem solchen Meister unbedingt und ohne Prüfung nach der Schrift hinzugeben, was auch die Lutherische Kirche nie getan hat.“

Eine Generation später urteilt der Dorpater Theologe Lezius über Luthers Spätschriften: „Es liegt auf der Hand, daß Luther hier nicht aus dem Geist des Neuen Testaments und der Reformation heraus argumentiert [...] Die evangelische Kirche hat daher die Irrtümer des alternden Reformators als für sich nicht maßgebend abgelehnt und sieht in der Schrift Luthers, daß Jesus Christus ein geborener Jude sei, welche 1523 erschien, den wahren Ausdruck reformatorischen Geistes.“

Die antijüdischen Schriften gingen vergessen

Wie gründlich Luthers antijüdische Schriften in der Kirche vergessen waren, zeigt sich sogar an dem Mann, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie kein anderer für das Aufblühen der Judenfeindlichkeit unter den deutschen Protestanten verantwortlich war, an dem Berliner Hofprediger Adolf Stoecker. Auf Luthers judenfeindliche Schriften bezog sich Stoecker in seinem Kampf gegen das Judentum nie, offensichtlich kannte er sie gar nicht. Als der spätere Rabbiner Reinhold Lewin 1911 schrieb, wer immer aus irgendwelchen Motiven gegen die Juden schreibt, glaube das Recht zu besitzen, triumphierend auf Luther zu verweisen, hatte er die Flut antisemitischer Autoren, aber nicht evangelische Theologen im Blick. Lewins Buch „Luthers Stellung zu den Juden“ (Berlin 1911) erhielt als Dissertation einen Ehrenpreis der evangelischen theologischen Fakultät Breslau und wurde in einer angesehenen Reihe der evangelischen Theologie gedruckt.

Für das Aufkommen des modernen Antisemitismus muss man andere literarische Traditionen bemühen. Die in den USA und Israel intensiv betriebene Holocaustforschung gibt hierzu reichlich Auskunft. Pfeiffers Spekulationen über den Einfluss von Luthers Schriften auf Adolf Hitler sind haltlos. Ob Hitler überhaupt von Luthers antijüdischen Schriften wusste, steht dahin. In seinen Reden und in seinem Buch Mein Kampf  hat er Luther neben Friedrich dem Großen eine Heldengestalt der deutschen Geschichte genannt, jene Schriften aber nie erwähnt. Dass Luther das deutsche Volk durch seine Bibelübersetzung an ein jüdisches Buch, das Alte Testament, band, hielt Hitler für ein Verhängnis.

Adolf Hitler hielt den Protestantismus für ungeeignet im Kampf gegen die Juden


In Mein Kampf prüft er, auf seine Wiener Zeit zurückblickend, die Brauchbarkeit der christlichen Konfessionen für den nationalen Befreiungskampf. Der Katholizismus sei wegen seiner Abhängigkeit von Rom weniger an nationalen Fragen interessiert, doch nützlich durch die in ihm verbreitete Judenfeindlichkeit (Schönerer und Lueger). „Der Protestantismus vertritt von sich aus die Belange des Deutschtums besser... er bekämpft aber sofort auf das feindseligste jeden Versuch, die Nation aus der Umklammerung ihres tödlichsten Feindes zu retten, da seine Stellung zum Judentum nun einmal mehr oder weniger dogmatisch festgelegt ist.“

Freilich haben im späten 19. Jahrhundert die Rassenantisemiten sich auf Luthers Schrift Von den Juden und ihren Lügen berufen. Nun begann auch der eine oder andere evangelische Theologe, das zu tun. Theodor Fritschs „Antisemiten-Katechismus“ (1887) führt Luther neben vielen anderen auf. Nach dem 1. Weltkrieg wird Luther als größter Deutscher zum Kronzeugen für die Antisemiten. Seit Alfred Falbs „Luther und die Juden“ (1921) beruft sich die völkische Bewegung darauf, dass Luther sich von einem Judenfreund zum Judenfeind entwickelte. Die Kirche habe dies der Öffentlichkeit vorenthalten.

Mit Luther gegen die Nationalsozialisten argumentieren


Der aus der völkischen Bewegung kommende Julius Streicher hat die Berufung auf Luthers Judenfeindlichkeit in den Nationalsozialismus eingebracht. Auch in der evangelischen Kirche nahmen solche Stimmen zu. Doch nicht mit dem von der braunen Bewegung erwarteten Erfolg, wie die im „Stürmer“ bis in die Kriegszeiten wiederholte Klage zeigt, Luthers antijüdische Schriften seien in der Bevölkerung unbekannt. Als nach der Pogromnacht von 1938 der Thüringer deutsch-christliche Bischof Martin Sasse in einer zu Hunderttausenden gedruckten Flugschrift Luthers Ratschläge zur Synagogenverbrennung bekannt machte, war das für die meisten evangelischen Christen eine erschütternde Überraschung. Ein amerikanischer Holocaustforscher hat kürzlich gezeigt, dass ostpreußische Pfarrer nicht glaubten, was die braune Presse aus Von den Juden und ihren Lügen abdruckte. Sie wurden dafür als Ignoranten lächerlich gemacht – doch repräsentierten sie mit ihrer Unkenntnis nur eine lange Phase anderer Lutherrezeption in der evangelischen Kirche.

Das tat auch Jean Berlit, ein pensionierter Kasseler Stadtrat und bekannter Mäzen. Der protestantische Christ, der von den Nationalsozialisten als jüdischstämmig eingestuft wurde, richtet im Oktober 1933 einen Appell „An die geistlichen Führer der evangelischen Kirche“, in dem er seitenlange Passagen aus Luthers judenfreundlicher Schrift von 1523 nach der 1927 erschienenen Lutherausgabe von Ricarda Huch zitiert: „Sind die hier vorgetragenen Lutherworte heute nicht ebenso wahr wie vor 400 Jahren, so daß kein Einspruch gegen die Entrechtung unschuldiger jüdischer Mitmenschen aus ihnen laut wird ?“ Diesen Einspruch blieb die evangelische Kirche schuldig.

Damit blieb sie auch schuldig, so mit dem Erbe Martin Luthers umzugehen, wie sie es seit der Zeit des Pietismus gelernt hatte und wie es die lutherischen Kirchen Dänemarks und Norwegens, die sich mit Berufung auf Luther für die Juden einsetzten, taten. Die dunklen Seiten dieses Erbes nicht zu verschweigen, zugleich aber die hellen Seiten zur Geltung zu bringen und fruchtbar zu machen – darauf kommt es im Vorfeld des Reformationsjubiläums an. Pfeiffer mit seiner in einem Zitat Julius Streichers gipfelnden „Beweisführung“ verhilft nur dem gedächtnispolitischen Programm der Nationalsozialisten zu einem späten Sieg.

Hinweis: In einer früheren Version lautete die Dachzeile zu dem Artikel „Luther war kein Judenfeind“. Auf Wunsch des Autors haben wir dies geändert.

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