Jenische - Das vergessene Volk

Kaum jemand kennt die Volksgruppe der Jenische. Sie entwickelten sich im Mittelalter, besaßen handwerkliches Geschick und hatten eine eigene Sprache. Im Nationalsozialismus wurden sie als „Zigeuner“ verfolgt. Noch immer sind sie keine anerkannte Minderheit

Alexander Flügler (rechts) gehört der Volksgruppe an und kämpft für ein jenisches Kulturzentrum / picture alliance

Autoreninfo

Klaus Vater (SPD, *1946) war stellvertretender Regierungssprecher der Großen Koalition im Jahr 2009. Zuvor war er Sprecher von Bundesarbeitsminister Walter Riester und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Heute ist er Krimiautor und Beirat der Kommunikationsagentur Advice Partners.

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Zurzeit werden die Wahlprogramme der Parteien entwickelt und aufgeschrieben. Darin steht, was die jeweilige Partei regeln will: Steuern senken, Renten stärken, Polizei ausbauen und so weiter. In dem einen oder anderen Wahlprogramm steht auch etwas über das Verhältnis zu den Minderheiten im Land. Meist findet man das unter dem Stichwort „Kultur“. Anerkannte Minderheiten in Deutschland sind die Dänen, Friesen, Sinti und Roma sowie die Sorben. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD aus dem Herbst 2013 heißt es: „Wir verpflichten uns weiterhin zur Förderung der vier nationalen Minderheiten in Deutschland – Dänen, Sorben, Friesen sowie deutsche Sinti und Roma – und der deutschen Minderheit in Dänemark sowie den deutschen Minderheiten in Mittelost- und Südosteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.“

Jenische keine anerkannte Minderheit

Eine Minderheit freilich fehlt: die Jenische. Obgleich wir in Deutschland mittlerweile ein hochentwickeltes Gespür für Diskriminierung entwickelt haben und der Deutsche Bundestag sich mit der Diskriminierung indigener Völker und ethnischer Gruppen weltweit beschäftigt, findet man zur Lage der Jenische in Deutschland fast nichts; obwohl sie eine klassische Minderheit sind. 

Ihre Angehörigen sprechen – zum Teil jedenfalls noch – eine eigene Sprache, also keinen regional verwurzelten Dialekt. Sie haben ihre eigene Musik, ihre eigene Handels- sowie eine Leidensgeschichte, die wenig von der der Sinti und Roma abweicht.  

Jenische gibt es praktisch in ganz Mittel- und Westeuropa, insgesamt sind es Hunderttausende, in Deutschland nach veralteten offiziellen Schätzungen weniger als 10.000. Aber so genau weiß man es eben nicht. Es gibt eine Schätzung, wonach etwa 400.000 Menschen in Deutschland von diesen Jenischen abstammen. Keine Kleinigkeit.

Der Deutsche Bundestag hat sich zuletzt 2013 in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Links-Fraktion mit den Jenischen beschäftigt. Die Fraktion hatte gefragt: „Plant die Bundesregierung, wie in der Schweiz geschehen, dem Jenischen Rechte und Status als Minderheitensprache zuzugestehen?“ Die Regierung antwortete: „Die Bundesregierung kann Einrichtungen und Vorhaben nur dann fördern, wenn sie von gesamtstaatlicher Bedeutung sind. Die Stärkung der Rahmenbedingungen für das kulturelle Leben in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt sowie die Förderung von Einrichtungen und Vorhaben von gesamtstaatlicher Bedeutung tragen positiv zu der reichen Kulturlandschaft bei, von der auch der ländliche Raum profitiert.“ 

Beschimpft als „Dreckszigeuner“

Die „reiche Kulturlandschaft“ präsentiert sich im Einzelfall so. Josef Kelnberger hat eine großartige Geschichte in der Süddeutschen Zeitung über einen Jenische geschrieben. Sie ist wert, nachgelesen zu werden. Er beschreibt Alexander Flügler aus Singen am Hohentwiel, 59 Jahre alt, Unternehmer mit rund 100 Angestellten, der sein Leben lang von anderen als „Dreckszigeuner“ beschimpft werde.  

Kelnberger nannte die Jenische „die Vergessenen“. Flügler kämpft und ackert, damit seine Heimat am Hohentwiel ein jenisches Kulturzentrum erhält. Das erste in Deutschland. Dem oder der einen wird nun etwas läuten, denn während des vergangenen Jahres war in den Kinos kurz die Verfilmung des Romans von Robert Domes „Nebel im August“ über einen jenischen Jungen zu sehen, Ernst Lossa, den Nazis umgebracht haben. Der Film war – weiß Gott – kein „Blockbuster“. 

Verdächtig friedfertig

Wer sind diese Jenische? Wo leben die? Was tun die? Warum wissen wir so wenig über sie? Was zeichnet sie aus? Ich schreibe über eine seit Jahrhunderten existierende Menschengruppe mit – wie erwähnt – eigener Sprache und Musik. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind sie entstanden, als sich im Ausklang des Mittelalters Besitzlose, Menschen ohne für die Städte nützliche Kenntnisse, Verarmte, Verfolgte mit jüdischen Gruppen zusammenfanden, mit ehemaligen Söldnern und Fremden. Sie trafen dabei auch auf nach Europa drängende Sinti oder Roma.  

Jenische waren den damaligen Mehrheitsgesellschaften verdächtig, weil sie keine Gebiete eroberten, weil sie anderen nicht ihre Religion und Lebensweise beziehungsweise keine Herrschaftsform aufzwangen. Friedliche Leute. Im Gegenzug haben die damals Herrschenden die Jenische mit Polizei, Justiz, mit Verboten geschurigelt, sie sogar zu Vogelfreien erklärt. Ihre Lebensweise wurde dadurch ebenso ideologisch umgekehrt wie die der Roma. Aus eigentlich friedfertigen Menschen wurden Diebe, Räuber gemacht, Leute, die man besser aus den städtischen Gemeinschaften heraushalten sollte.   

Diese Menschen haben Kenntnisse erworben, Kniffe gefunden, das Know-how entwickelt, um Handel über Land zu betreiben, mit Tuch, Geschirr, elektrische Leiter und Besteck; um kaputt geschlagene Gegenstände zu reparierenTöpfe zu flicken im Alltag Nötiges herzustellen – Körbe und anderes mehr. Dann wussten sie in der nachrichtenarmen Zeit auf dem Land, das Neueste zu berichten, Musik zu machen, Witze zu reißen, den „Paias“ zu geben, die als Strohpuppe heute noch in manchen Gegenden am Ende der Kirmes symbolisch verbrannt wird. Diese Jenische waren damals das, was wir heute innovativ, technologisch fortschrittlich nennen. Sie waren keine Verschwender, sondern Wiederverwender, schlaue Leute. 

Neroth heißt ein Ort in Rheinland-Pfalz, der einmal von der Drahtwarenindustrie lebte, speziell von Mausfallen aus Draht. Über die Jenische, die solche Spezialitäten herstellten, erfährt man auf der Nerother Homepage wenig, es heißt da lapidar: „Oft gingen sie zu zweit und unterhielten sich dann untereinander auf ‚Jenisch‘, einer Art Geheimsprache, die Fremde nicht verstanden. Jenisch wurde damals auch im Dorf gesprochen, heute kennen diesen Dialekt nur noch die Alten.“

„Fremdes Blut“ für den Nationalsozialismus

Traditionell wurden die Jenische, die sich selber als Volk bezeichnen, fälschlich zu den Zigeunern gerechnet und mit Sinti oder Roma verwechselt. Der Spiegel schrieb über die Einwohner Neumühles, eines mehrheitlich von Jenischen bewohnten Orts in der Pfalz 1949: „Am Ausgang des 18. Jahrhunderts sollen sich an einer einsamen Mühle ein paar Zigeuner niedergelassen haben. Sie hielten sich von den Bewohnern der Gegend fern, hausten in Höhlen, ernährten sich von gefallenem Vieh, Hunden und Katzen und nahmen nur selten fremdes Blut auf. So entstand die Siedlung Neumühle. Ihre 420 Einwohner, von denen allein 100 Fleckinger heißen, sprechen noch heute untereinander ihre eigene Sprache. ‚Jänisch‘, ein ans Hebräische erinnerndes Zigeunerkauderwelsch. Fortgesetzte Inzucht garantierte, dass die Kinder nicht aus der Art schlugen. Sie wussten nie, wofür sie zur Kommunion gingen, ihre Eltern wussten es auch nicht. Sie hielten ihre Kinder von der Schule fern und lehrten sie Stehlen und Lügen, nahmen sie mit, wenn sie des Nachts die Kartoffelfelder abernten gingen oder wenn sie in die Stadt fuhren, dort ihre Beeren, Besen und Körbe absetzten und dabei mitnahmen, was sie gerade greifen konnten.“ Soweit der Spiegel das „Sturmgeschütz der Demokratie“. Jeder mag sich seinen Reim darauf machen, dass solche Sätze noch vier Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft geschrieben wurden.  

Die Sache mit dem „fremden Blut“, die hatten zuvor die Nazis wörtlich genommen, Jenische verfolgt, festgesetzt, zwangssterilisiert, in KZs transportieren und dort ermorden lassen. In ihrem Ethno-Wahn und ihrem wahnwitzigen Katalogisier-Gehabe hatten die Nazis Jenische zu „nach Zigeuner Art“ Lebenden umgedeutet. Jenische waren für die Herrenmenschen Asoziale, unnütze Esser, menschliches Ungeziefer. Wie viele Jenische ihnen zum Opfer fielen, weiß bis heute niemand.

Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wirkte dies nach. In die Historische Sammlung des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin ist eine Ausstellung über das „Reichsgesundheitsamt im Nationalsozialismus“ integriert. Da findet man die entsprechenden Hinweise des Nazi-Rassenforschers Robert Ritter: „Wie ich in meinen Berichten schon wiederholt hervorgehoben habe, ist außer den Zigeunern auch noch die asoziale jenische Landfahrergruppe, sowie die Bevölkerungsgruppe der zur Kriminalität neigenden umherziehenden Schausteller zu zählen. Im Rahmen unserer Arbeiten auf dem Gebiet der kriminalbiologischen Erbforschung, in dem die Zigeuneruntersuchungen nur eine Teilaufgabe darstellen, gelten unsere Forschungen stets auch diesen und anderen asozialen und kriminellen Gruppen.“ 

Nachfahren als Traveller-Tinker in Irland

Dabei kennt kaum jemand den Gruppenbegriff. Das liegt auch daran, dass Jenische Allerwelts-Nachnamen tragen. Sie treten zudem, wenn sie das wollen, unerkannt von einem auf den anderen Tag aus ihrer Minderheitengeschichte hinaus, um in die Mehrheitsgeschichte einzutreten. Denn sie weisen keinerlei oberflächliche Merkmale auf. 

Zwar kennen die allermeisten von uns keine Jenische, aber deren Vettern aus anderen Ländern sind landläufig „berüchtigt“. „Irische Traveller sorgen für Wirbel in Bonn“, überschrieb der Bonner General-Anzeiger eine Geschichte am 11. August 2013. „Die Tinker fallen im Stadtbild schon optisch stark auf, vor allem die jungen Mädchen. Sie tragen meist sehr knappe, neonfarbene Kleider.“ 

Weiter im Text des General-Anzeiger: Durch ihren abweichenden Lebensstil und das Leben im großen Familienverbund sorgten die Traveller-Tinker immer dort für Aufsehen, wo sie auftauchten. Mit ihren von „Luxuswagen gezogenen Wohnwagen“ tauchten sie immer mal wieder im Rheinland auf. Derartige Berichte findet man in hessischen Zeitungen ebenso wie in denen des Rheinlandes, auch im Berliner Tagesspiegel obgleich sich keine Tinker-Clans nach Berlin aufgemacht hatten: Knappe, neonfarbene Kleider, abweichender Lebensstil, Leben im Familienverbund, Luxuswagen. Hinzu kommen nach Informationen des General Anzeiger hinterlassener Müll, Schlägereien, Raserei, besorgte Bürger. Im Februar vergangenen Jahres war es dann in Bonn so weit: Die Polizei – 40 Beamte – räumte einen Landfahrerplatz in der Nähe der Stadt. Anwesend waren außerdem die Feuerwehr und ein Schnellrichter. Begründung: Verdacht auf Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Diebstahl eines Fahrrads. 

Ich neige nicht zu Verschwörungstheorien und ich weiß, dass Tinker- oder Traveller-Clans nerven können, bis zur hellen Empörung. Aber ein böses Gefühl beschleicht mich dennoch, wenn ich lese, dass die Staatsmacht in großer Besetzung und unter Zuhilfenahme eines Schnellrichters – was keine Alltäglichkeit ist sowie der Feuerwehr anrückt, um Landfahrenden Beine zu machen. 

Totschweigen der Jenische

Vergessen ist im Falle der Jenische keine Nachlässigkeit, kein Aussetzen des Kurzzeitgedächtnisses, sondern Vergessen ist hier gleichbedeutend mit Totschweigen. Totschweigen im Sinne des Wortes, denn es wird nicht mehr lange dauern, bis die letzten Jenische gestorben sind, die von den Nazis in ein KZ verschleppt worden waren. Das Äußerste, was die Verfassungsorgane bisher für diese Deutschen getan haben, war, sie als eigenständige Opfergruppe auf dem Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin zu benennen. Das Schicksal der Jenische in Deutschland ist nach meiner Auffassung ein entsetzliches Indiz für vorhandene kulturelle Gräben und für soziale Zerrissenheit. 

Auf der einen Seite haben wir Gegenwärtigen eine große Sensibilität für Situationen der Benachteiligung, der Diskriminierung entwickelt; Auf der anderen Seite haben wir diese Gruppe unter uns einfach aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt. Welche kulturelle Leistung, welche Anpassungskraft steht hinter den Lebens- und Überlebenskämpfen der Jenische? Das ist nie erforscht worden. 

Heute sind manche Jenische, wie früher ihre Eltern und Großeltern, Altwarenhändler. Und selbst das wurde ihnen schwer gemacht, denn das Kreislaufwirtschaftsgesetz hat dieses Sammeln den lokalen Behörden übertragen, die nun entscheiden, wer Eisen, Lumpen und Papier sammeln darf und wer nicht. Die Jenische, die „Kleinsammler“, wie sie im Behördenjargon genannt werden, gerieten also unversehens in die Mühle der Modernisierung, der Zulassungsbeschaffung, der Nachweise und der Effizienz.. 

Viele Fragen und wenig Zeit

Und nun werden wieder die Wahlprogramme mit vielen Vorhaben zusammengestellt und dann beschlossen. Wird man dieses Mal an die Jenische denken? Was hindert den nächsten Deutschen Bundestag eigentlich daran, in vielen Fragen für Klarheit zu sorgen? 

Wird der neue Bundespräsident hier eine Initiative ergreifen? Warum starten die Städte und Gemeinden keine Aktion, mittels der ermittelt werden könnte, wann und wie viele Jenische im Dritten Reich von den Nazi-Bürokraten eingesammelt wurden, um deportiert, zwangssterilisiert und getötet zu werden? Warum gibt es keinen Ort, an dem zusammengetragen wird, was über die Jenische zu erfahren ist? Ein Ort wider das Vergessen? Die Minderheiten- und Diskriminierungsforschung in Deutschland  ist wach und rege. Warum eine so geringe Forschung über die Jenische? Wer geht voran? Die Zeit drängt.