Islam nach Paris-Attentat - Die große Ratlosigkeit

Die Ereignisse in Paris schockieren. Weder Thomas de Maizière noch unsere Gesellschaft haben eine Antwort auf die Gewalt der Extremisten

Die Flagge vor der Merkez-Moschee in Duisburg hängt wegen des Paris-Attentats auf Halbmast: Eine Kollektivschuld der Muslime gibt es nicht.
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Die Frage lautet ja nicht, ob der Islam etwas mit Terrorangriffen zu tun hat. Denn dass genau dies der Fall ist, kann schwerlich geleugnet werden. Warum der deutsche Innenminister es dennoch tut, bleibt vorerst sein Geheimnis. Wenn Thomas de Maizière jedoch glaubt, mit seiner geradezu grotesken Beschwichtigungsstrategie Sorgen und Ängste bei der Bevölkerung zerstreuen zu können, dann wird ihm das nicht gelingen.

Im Gegenteil: Ausgerechnet noch am Tag des Massakers in Paris in einem Zeitungsinterview wörtlich zu behaupten, „Terroranschläge haben nichts mit dem Islam zu tun“, das grenzt nicht nur an eine Verhöhnung der Opfer, die mit „Allah ist groß“-Rufen niedergemetzelt wurden. Es weckt vor allem den Eindruck, als habe der oberste deutsche Sicherheitspolitiker den Ernst der Lage entweder nicht erkannt. Oder, noch schlimmer: Als wolle er die wahre Situation bewusst verschweigen, gerade weil sie so ernst ist. Damit gewinnt man aber kein Vertrauen, sondern bestärkt vielmehr alle Pegida-Demonstranten, die sich ohnehin von „der Politik“ verschaukelt fühlen.

Wie geht die liberale Gesellschaft mit dieser Bedrohung um?


Es hat auch, wie mein Kollege Christoph Schwennicke schreibt, keinen Sinn, den Koran oder die Hadithen nach einzelnen Stellen zu durchforsten, um die Gewaltbereitschaft beziehungsweise Friedensliebe des Islam beweisen zu können. Denn wer sucht, wird für beide Lesarten genügend Belege finden. Vielmehr gilt stattdessen die einfache Feststellung, welche der Kolumnist Deniz Yücel gestern in der taz formuliert hat: „Den Islam gibt es nicht, der Islam ist die Summe dessen, was diejenigen, die sich auf ihn berufen, daraus machen. Und was ein nennenswerter Teil daraus macht, ist Barbarei.“ Eine Barbarei, die längst auch auf europäischem Boden stattfindet und die auch nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ihre Fortsetzung haben wird. Denn der Dschihad findet auch bei uns statt – mit Waffen und mit Worten. Es sei denn, jener Imam, der im Juli vergangenen Jahres in der Berliner Al-Nur-Moschee dazu aufrief, die zionistischen Juden „bis zum Letzten zu töten“, hat auch nichts mit dem Islam zu tun.

Die eigentliche Frage lautet also: Wie geht unsere immer noch liberale Gesellschaft mit dieser Herausforderung um? Es ist ja keineswegs damit getan, wenn die hiesigen Islamverbände Terrorakte wie den in Paris verurteilen und sich von extremistischen Predigern distanzieren. Übrigens: Wenn ich selbst Moslem wäre, hätte ich auch keine Lust, mich für jeden Mord, der im Namen meiner Religion verübt wird, rechtfertigen zu müssen. Es existiert nämlich keine Kollektivschuld, inzwischen scheint man das in aller Deutlichkeit hinzufügen zu müssen: auch nicht, was den Islam betrifft.

Aber es existieren sehr wohl radikalisierte Gewalttäter, die sich auf den Islam berufen. Um sie geht es – und nicht darum, ob diese Religion einer Aufklärung bedarf. Womöglich bedarf sie tatsächlich einer Aufklärung. Aber wir können ja nicht die nächsten hundert Jahre darauf warten und hoffen, dass hinterher alles besser wird. Die Probleme stellen sich hier und heute.

Schluss mit dem Appeasement gegenüber Islamisten


Und die wohl bitterste Erkenntnis ist, dass wir keine Lösung für sie haben. Dass auch der deutsche Innenminister ratlos ist, wird aus seinem verqueren Verdikt von wegen, der Islam habe nichts mit den Terrorangriffen zu tun, ja nur allzu deutlich. Wiedereinführung der Todesstrafe, wie Marine Le Pen sie für Frankreich verlangt – also Barbarei mit Barbarei beantworten? Das entspräche genau einer Umwertung unserer Werte, wie Extremisten jeder Couleur sie uns aufzwingen wollen. Für das exakte Gegenteil haben übrigens die Zeichner von Charlie Hebdo ihr Leben riskiert und verloren. Und wenn jetzt allenthalben gefordert wird, es müsse endlich Schluss sein mit dem allzu bequemen Appeasement gegenüber dem um sich greifenden Islamismus in vielen europäischen Ländern, dann ist das sicherlich völlig richtig.

Aber nur durch das deutliche Benennen der Probleme wird man ihrer eben noch längst nicht Herr. Also noch mehr Überwachung? Oder eine andere Einwanderungspolitik? Über beides wird zu reden sein. Attentate lassen sich aber auch dadurch nicht ausschließen.

Vielleicht werden wir in zehn oder zwanzig Jahren auf die unruhigen und bedrohlichen Zeiten von heute zurückblicken, wie wir es heute auf den „deutschen Herbst“ der siebziger Jahre tun: eine abgehakte historische Erfahrung. Besonders plausibel erscheint diese Möglichkeit allerdings nicht. Als „Krieg der sechs gegen 60 Millionen“ wurde der RAF-Terror damals bezeichnet, um das Zahlenverhältnis zwischen Aggressoren und der Bevölkerung zu verdeutlichen. Solche Rechenexempel sind längst nicht mehr möglich, weil keiner weiß, welchen Radikalisierungs- und Multiplikatoreffekt die sozialen Netzwerke im World Wide Web noch entwickeln werden. Entspannung ist jedenfalls nicht in Sicht.

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