- „Es kommen Geburtstage. Weihnachten. Feiertage. Und Ann-Maries Platz bleibt leer“
Ann-Marie Kyrath wurde am 25. Januar 2023 von einem Asylbewerber getötet. Seitdem erhebt ihr Vater seine Stimme für Opfer und Angehörige migrantischer Gewalt. Im Interview spricht Michael Kyrath über seinen Verlust, Politikerfloskeln und die Wut der Hinterbliebenen.
„Das Interview“ ist die neue Bühne für Gespräche, die über das Tagesgeschehen hinaus Bestand haben. Nachdenklich, klug und intim widmet sich das Format den großen Fragen unserer Zeit – vom gesellschaftlichen Zeitgeist bis zu den ganz persönlichen Lebenswegen der Gesprächspartner. Zu Gast sind bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Medienwelt, die Einblicke gewähren, die oft verborgen bleiben. Jeden Donnerstag erscheint „Das Interview“ auf Cicero Online.
Michael Kyrath ist Initiator der „Trauerwache Deutschland“. Seine Tochter Ann-Marie wurde im Alter von 17 Jahren von einem palästinensischen Asylbewerber in Brokstedt ermordet. Seitdem erhebt Kyrath öffentlich seine Stimme für Opfer und Hinterbliebene migrantischer Gewalt.
Herr Kyrath, beim Anschlag auf den CSD in Berlin ist eine Frau aus Polen gestorben, viele Menschen wurden teils schwer verletzt. Im Januar 2023 haben Sie Ihre Tochter Ann-Marie bei einem Attentat in Brokstedt verloren. Der Täter war ein palästinensischer Asylbewerber. Was macht der Anschlag in Berlin mit Ihnen? Was war Ihr erster Gedanke?
Der erste Gedanke war tatsächlich: Nicht schon wieder. Seit vor dreieinhalb Jahren die Hölle über uns hereingebrochen ist, stehen wir inzwischen mit über 1000 Familien in Kontakt, die Kinder oder andere Angehörige verloren haben. Tatsächlich vergeht kaum ein Tag, an dem mich nicht mindestens ein Anruf, eine E-Mail oder eine Nachricht erreicht. Und viele dieser Fälle schaffen es gar nicht erst in die Medien.
Was uns alle eint, ist das Tatmuster: Es ist fast immer das gleiche Täterprofil. Es ist fast immer das gleiche Tatwerkzeug, entweder ein Messer oder ein Auto. Es sind ähnliche Tatmotive und fast immer der gleiche Tathergang. Und anschließend hören wir die immergleichen Floskeln der verantwortlichen Politiker. Falls sie überhaupt ihre Trauer bekunden. Denn dafür müssen es offenbar die richtigen Opfer und die richtigen Täter sein.
Sie haben gesagt, dass vor dreieinhalb Jahren die Hölle über Sie hereingebrochen ist. Würden Sie uns davon erzählen?
Der Tag begann wie jeder andere. Ich bin morgens gegen halb sechs in die Firma gefahren. Ann-Marie ist mit mir mitgefahren und dann die letzten 300 Meter zum Bahnhof gelaufen, um den Zug nach Münster zur Schule zu nehmen. Ann-Marie war absolut zuverlässig. Sie hätte eigentlich gegen 15 Uhr wieder zurück sein müssen. Sie kam aber nicht. Wir haben versucht, sie anzurufen. Sie ging nicht ans Telefon. Wir haben Freunde und Mitschüler angerufen. Aber niemand wusste etwas. Dann rief plötzlich ein Freund von Ann-Marie an und sagte: „Ich wollte gerade mit der Bahn nach Brokstedt fahren. Die Bahnstrecke ist wegen eines Anschlags gesperrt.“
Daraufhin haben wir versucht, bei der Bundespolizei Informationen zu bekommen. Das war nicht möglich. Nageln Sie mich bitte nicht auf die genaue Uhrzeit fest, aber ich meine, es muss gegen halb fünf oder fünf Uhr gewesen sein. Da bin ich ins Auto gestiegen und nach Brokstedt gefahren. An der Einsatzstelle traf ich zunächst eine junge Polizeibeamtin. Sie war sehr freundlich und sagte zu mir: „Ihrer Tochter wird bestimmt nichts passiert sein. Vielleicht ist sie aus dem Zug geflüchtet und hat ihr Handy verloren.“ Aber ich wusste schon, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Denn wenn Ann-Marie irgendwo gewesen wäre, hätte sie sich ein Telefon geliehen. Sie hätte jemanden gebeten, kurz ihre Eltern anrufen zu dürfen. Sie hätte sich gemeldet.
Dann kam plötzlich ein Beamter und nahm mich mit. Er stellte Fragen zu Ann-Marie: wie sie gekleidet war, welche Tasche sie dabeihatte, wie sie aussah. Dann sagte er mir, dass es zwei Todesopfer gab. Eines davon sei Ann-Marie, das andere ihr Freund Danny. Ich weiß bis heute nicht, wie ich danach nach Hause gekommen bin. Ich erinnere mich nur noch, dass bei uns bereits ein Rettungswagen stand. Die Polizei war da. Ein Seelsorger war da. Die ersten Freunde waren ebenfalls schon da.
Wie haben Sie die Zeit danach erlebt?
Die nächsten vier Wochen waren unglaublich intensiv. Wir hatten ganz tolle Menschen um uns herum. Menschen haben sich Urlaub genommen. Sie haben WhatsApp-Gruppen gegründet. Sie haben bei uns übernachtet. Sie haben nachts darauf geachtet, dass wir uns nichts antun. Sie sind einkaufen gegangen. Sie haben alles organisiert und uns von allem ferngehalten. Es war eine Zeit unglaublicher Unterstützung und großer Nähe. Als Selbstständiger musste ich allerdings nach vier Wochen wieder arbeiten. Die Kosten laufen weiter. Also blieb nichts anderes übrig.
Gibt es einen Moment in diesen Tagen, der sich besonders eingebrannt hat?
Ja. Das war im Bestattungsinstitut. Wir durften Ann-Marie noch einmal sehen. Über ihrem Gesicht lag allerdings ein Tuch. Der Täter war überwiegend auf Hals und Gesicht losgegangen. Ich weiß noch genau, wie ich ihr zum letzten Mal über die Hand gestrichen habe. Diese Hand war eiskalt. Dieses Gefühl wird man nie wieder los. „Das wünsche ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind“: Wenn heute jemand diesen Satz sagt, weiß ich ganz genau, was er bedeutet.
Wie haben Sie die Unterstützung durch Politik und Behörden wahrgenommen?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Damals war Daniel Günther bereits Ministerpräsident und Sabine Sütterlin-Waack war Innenministerin in Schleswig-Holstein. Beide waren sofort da. Sie haben uns in vielen Dingen unterstützt und vieles sehr unbürokratisch geregelt. Auch vom Weißen Ring (eine Hilfsorganisation für Opfer von Gewalt und ihre Angehörige; Anm. d. Red.) hatten wir einen ganz hervorragenden Ansprechpartner. Daraus ist sogar eine Freundschaft entstanden. Er hat damals fantastische Arbeit geleistet.
Auch die Polizei hat uns eine Beamtin an die Seite gestellt, zu der bis heute ein freundschaftliches Verhältnis besteht. Sie hat uns unglaublich getragen. Wenn man das überhaupt so sagen kann, dann ist in unserem Fall vieles gut gelaufen. Die Zahnräder haben ineinandergegriffen. Natürlich kamen irgendwann auch Rechnungen, etwa für die Obduktion oder von Behörden, mit denen man vorher nie etwas zu tun hatte. Aber wir konnten das weitergeben, und der Weiße Ring oder auch der Ministerpräsident haben sich sofort darum gekümmert. Ich kenne inzwischen allerdings viele Familien, bei denen das leider ganz anders ist.
Was erleben diese Familien?
Oft meldet sich niemand. Kein Ministerpräsident. Kein Minister. Manchmal nicht einmal der Weiße Ring. Stattdessen kommt zuerst ein Standardschreiben vom Amt für Opferentschädigung. Sinngemäß steht dort: Sehr geehrte Frau ..., sehr geehrter Herr ..., wie Ihnen bekannt ist, wurde Ihr Kind am ... ermordet. Sollten Sie weitere Fragen haben, erreichen Sie uns montags bis freitags zwischen ... und ... Uhr.
Das ist häufig das Erste, was Eltern nach der Ermordung ihres Kindes bekommen. Dann folgen Rechnungen: für die Obduktion, für Leichentransporte oder andere Kosten. Viele Eltern wissen in diesem Moment überhaupt nicht, ob sie diese Rechnungen bezahlen müssen. Man staunt plötzlich über Summen, mit denen man nie gerechnet hat. Das sind die Dinge, die in den ersten Tagen auf Familien einprasseln.
Haben Sie damals Beileidsbekundungen aus der Bundespolitik erhalten? Immerhin war der Fall bundesweit in den Medien.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war der Einzige, der uns eine Kondolenzkarte geschickt hat. Die Karte war handschriftlich unterschrieben. Das war das Einzige, was wir aus Berlin bekommen haben. Ansonsten: eisiges Schweigen. Ich hatte den Eindruck: falsches Opfer, falscher Täter.
Wie meinen Sie das?
Wenn Täter und Opfer in ein bestimmtes Narrativ passen, dann stehen Politiker Schlange. Dann gibt es große Trauerbekundungen. Dann finden Konzerte statt. Dann organisieren Initiativen Veranstaltungen. Dann ist sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit da. Passen Täter und Opfer aus Sicht der Politik nicht in dieses Bild, dann wird vieles klein gehalten oder verschwindet schnell aus der öffentlichen Wahrnehmung. Ich empfinde das als Ungleichbehandlung.
Wie war das für Sie, Ihre Tochter zu verlieren und überall Berichte über den Mord zu sehen?
Eigentlich begann das für mich schon am ersten Abend. Keine fünf Stunden nach der Tat saß plötzlich ein selbsternannter Psychiater im Fernsehen und erklärte in fast hysterischer Art und Weise, welche Traumata der Täter wohl gehabt haben müsse und weshalb er möglicherweise schuldunfähig sei. Da wurde per Ferndiagnose erklärt, warum der arme Täter eigentlich gar nichts dafür könne. Für mich war das völlig unverständlich. Ich habe damals gedacht: Ein Notarzt braucht an einer Unfallstelle länger, um einen gebrochenen Arm zu diagnostizieren, als dieser Mann gebraucht hat, um dem Täter sämtliche Traumata zuzuschreiben. Mein Kind war doch gerade erst ermordet worden.
Am nächsten Morgen trat Nancy Faeser in Brokstedt vor die Kameras.
Ja. Sie stand auf dem Bahnsteig und sagte sinngemäß, das Wichtigste sei jetzt, dass diese Tat nicht von Rechtsextremen missbraucht werde. Für mich war das nicht das Wichtigste. Für mich war das Wichtigste, dass zwei Kinder ermordet wurden. Ich fand damals schon, dass Frau Faeser ihre Prioritäten als Innenministerin falsch gesetzt hat. Sie warnte auch davor, diese Tat zu instrumentalisieren. Dabei war sie die Erste, die den Mord an meiner Tochter instrumentalisiert hat. Das habe ich mir damals verbeten. Und ich verbitte mir das bis heute.
Wenige Tage später fand in Neumünster ein Gedenkgottesdienst statt, an dem auch Bundeskanzler Olaf Scholz teilnahm. Unsere Kinder waren da noch gar nicht beerdigt. Während dieses Gottesdienstes wurden die Namen Danny und Ann-Marie unzählige Male genannt. Dann trat Herr Scholz nach dem Gottesdienst vor die Kameras. Ich weiß, dass man ihm manchmal nachsagt, sein Erinnerungsvermögen sei nicht das beste. Aber zwei Namen hätte er sich nach anderthalb Stunden Gottesdienst vielleicht merken können. Er stellte sich vor die Kameras und sagte sinngemäß: „Es tut mir leid, dass diese Leute ums Leben gekommen sind.“ „Diese Leute“: In diesem Moment war für mich eine Grenze überschritten.
War das der Moment, als Sie beschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen?
Ja. Ich habe mein Leben lang den Mund aufgemacht, wenn ich etwas als Unrecht empfunden habe. Das hat mir oft Ärger eingebracht. Aber wenn ich etwas für falsch halte, dann muss ich etwas sagen. Für mich war damals der Punkt erreicht, an dem ich gedacht habe: Seid ihr eigentlich alle verrückt geworden?! Da wird ständig über den armen Täter gesprochen. Dabei lebt der Täter weiter. Vielleicht im Gefängnis. Vielleicht in einer psychiatrischen Einrichtung. Aber er lebt.
Meine Tochter lebt nicht mehr. Sie wurde 17 Jahre alt. Sie wird niemals heiraten. Sie wird keinen Schulabschluss machen. Sie wird keinen Führerschein machen. Sie wird keinen Beruf erlernen. Sie wird keine Kinder bekommen. Sie wird nichts von alledem erleben. Und trotzdem beschäftigen sich viele Menschen zuerst mit dem Täter. Ich habe mich gefragt: Was ist mit meiner Tochter? Was ist mit uns als Eltern? Was ist mit den Freunden? Mit den Mitschülern? Mit den Hunderten Menschen, die unmittelbar betroffen sind? Warum spricht darüber kaum jemand?
Das war der Moment, an dem ich gesagt habe: Ich gehe an die Öffentlichkeit. Eigentlich wollte ich nur genau diesen Punkt ansprechen. Was sich daraus entwickelt hat, war nie geplant. Ich bin Handwerker. Ich sitze normalerweise hier in meiner Werkstatt und bin froh, wenn ich in Ruhe vor mich hin arbeiten kann. Heute kann ich kaum noch irgendwo hingehen, ohne erkannt zu werden.
Welche Menschen melden sich bei Ihnen?
Am Anfang meldeten sich vor allem Eltern, die ihre Kinder verloren hatten. Dann kamen immer mehr Familien hinzu, die Geschwister, Eltern oder andere Angehörige durch Gewalttaten verloren hatten. Mittlerweile melden sich immer häufiger auch Familien nach schweren Sexualstraftaten. Vor allem nach Vergewaltigungen. Das hat eine neue Dimension erreicht.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich habe ein Mädchen in der Betreuung, die ist von drei Syrern über Stunden vergewaltigt worden. Die haben auf sie gepinkelt, haben sie mit Kot beschmiert, haben auf sie eingeschlagen und sie getreten. Das Mädchen ist zehn Jahre alt. Zehn Jahre! Ein anderes Mädchen, das ich in Betreuung habe, ist jetzt 15. Bei ihr ist die Tat zwei Jahre her. Sie sitzt nur noch in ihrem dunklen Zimmer. Sobald einer die Tür aufmacht und Licht hineinscheint, fängt sie hysterisch an zu schreien und mit Sachen um sich zu schmeißen. Können Sie sich vorstellen, wie ein Mensch aussieht, der seit zwei Jahren kein Tageslicht mehr gesehen hat? Glauben Sie mir, dieses Bild bleibt einem für immer im Kopf.
Wie ergeht es anderen Eltern, deren Kinder Opfer von Gewalt, vielleicht sogar ermordet werden?
Anfangs glauben viele Eltern, dass es gar nicht ihr eigenes Kind sein könne. Man denkt: Das muss ein Irrtum sein. Warum ausgerechnet wir? Dann beginnt ein Gefühl, das ich immer mit einem Sturz vergleiche. Es ist, als würde man rückwärts in eine Schlucht fallen. Man sieht den Rand immer kleiner werden. Man weiß, irgendwann kommt der Aufprall. Aber man weiß nicht wann. Und man kann nichts dagegen tun.
Wann kam dieser Moment bei Ihnen?
Bei uns war das ungefähr nach neun Monaten. Damals sagte mir Mesut, der Vater von Ece, die mit 14 Jahren in Illerkirchberg erstochen wurde: „Es dauert ungefähr neun Monate, sich von einem Kind zu verabschieden, genauso lange, wie ein Kind braucht, um geboren zu werden.“ Damals konnte ich mit diesem Satz nichts anfangen. Heute weiß ich, dass er recht hatte. Nach ungefähr neun Monaten begreift man wirklich: Das eigene Kind kommt nicht wieder. Dann kommen Geburtstage. Weihnachten. Feiertage. Und Ann-Maries Platz bleibt leer.
Woher nehmen Sie die Kraft, trotzdem weiterzumachen?
Natürlich gab es diese dunklen Gedanken. Und die gibt es auch heute noch. Man sitzt im Auto. Im Radio läuft plötzlich ein Lied, das einen an die Tochter erinnert. Man hat ohnehin keinen guten Tag. Dann fährt man an einem Brückenpfeiler vorbei und denkt: „Ein kurzer Ruck am Lenkrad und alles wäre vorbei.“ Solche Momente gibt es. Auch heute noch. Aber ich weiß gleichzeitig: Ann-Marie hätte das niemals gewollt. Ihr Lebensmotto lautete: „Aufgeben ist keine Option.“ Das ist heute auch unser Mantra.
Wir sagen uns diesen Satz immer wieder. Und wir erleben inzwischen, dass viele andere Menschen genau daraus Kraft schöpfen. Es gibt junge Frauen, die sich nach Vergewaltigungen diesen Satz auf den Unterarm tätowieren lassen, zusammen mit „#Ann-Marie“. Sie sagen: „Ich darf leben. Ann-Marie würde gerne leben. Sie darf es nicht mehr. Deshalb darf ich mein Leben nicht wegwerfen.“
Gott hat uns mit einer Bürde belegt, die wir uns nicht ausgesucht haben. Aber es hat wahrscheinlich auch seinen Grund, warum er uns ausgewählt hat. Und ja, dann müssen wir diese Aufgabe mit uns tragen und erfüllen.
Sie erheben Ihre Stimme für Menschen, die seit 2015 durch Asylbewerber getötet wurden und es selbst nicht mehr können. Wie viele Menschen sind das? Kann man das sagen?
Das ist eine schwierige Zahl. Der Focus hat neulich mal ausgerechnet, dass wir ungefähr eine Million Opfer von Gewalt jedweder Art haben. Wir wissen von etwas mehr als tausend Familien, mit denen wir in Kontakt stehen. Wir wissen noch von ungefähr 500 bis 600 weiteren Fällen, wo wir nicht an die Kontaktdaten herankommen oder aufgrund des Datenschutzes nicht direkt in Kontakt treten können. Wie hoch aber die Dunkelziffer ist, wie viele Menschen das noch betrifft: Das weiß ich nicht.
Ich kann Ihnen nur sagen: Wenn Sie mal anfangen nachzurechnen, dann gibt es ja auch die öffentlichen Statistiken des Bundeskriminalamtes. Wir haben ungefähr 80 Messerdelikte pro Tag. Davon sind 25 bis 30 Prozent mit schweren beziehungsweise tödlichen Verletzungen. Wenn davon nur zehn Prozent tödliche Verletzungen wären, reden wir allein dort schon von acht Opfern pro Tag. Und da ist noch keine Gewalt dabei, die durch Fußtritte entstanden ist. Keine Schlägereien. Keine anderen Waffen. Keine Pistolen. Nichts davon. Das ist nur die Messergewalt.
Aus Ihrem Engagement ist inzwischen die „Trauerwache Deutschland“ entstanden. Wie kam es dazu?
Eigentlich war das so nie geplant. Die „Trauerwache Deutschland“ ist kein Verein, sondern eine geschützte Marke. Entstanden ist sie aus der Initiative „Ein Lächeln für Niclas“ (der 15-Jährige wurde beim Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt schwer verletzt und kämpft mit Folgeschäden; Anm. d. Red.). Frau von Waldenburg hat diese Initiative aufgebaut und mich vor gut einem Jahr gefragt, ob ich bei einer Kundgebung der „Trauerwache Deutschland“ als Hauptredner auftreten würde. Ich habe mir angehört, was sie vorhatte. Mir hat gefallen, wie viele Menschen sich dort engagiert haben und etwas bewegen wollten. Deshalb habe ich zugesagt.
Später wurde ich gefragt, ob ich dauerhaft mitarbeiten möchte. Das war für mich eine Ehre. Wir haben uns dann zusammengesetzt und überlegt: Machen wir so weiter wie bisher oder stellen wir das Ganze professioneller auf, um mehr Menschen zu erreichen? Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden. Mit der Kundgebung in Dresden haben wir einen großen Schritt gemacht. Wir haben deutlich mehr Menschen erreicht. Jetzt folgt Frankfurt. Dort wollen wir noch mehr Menschen sensibilisieren und mitnehmen.
Was sind die Ziele der „Trauerwache Deutschland“?
Wir haben uns zwei Dinge klar auf die Fahnen geschrieben. Das Erste ist Ann-Maries Lebensmotto „Aufgeben ist keine Option“. Wir möchten Eltern und Familien Mut machen, die gerade ihr Kind oder einen anderen Angehörigen verloren haben. Ich kenne Familien, in denen sich nach dem Tod eines Angehörigen Menschen selbst das Leben genommen haben. Wir möchten zeigen, dass Aufgeben keine Option ist. Dass es sich trotz allem lohnt weiterzuleben. Das Zweite ist: „Gegen das Vergessen“. Wir erzählen die Geschichten von Menschen, die ihre Geschichte selbst nicht mehr erzählen können. Und wir geben Menschen eine Stimme, denen sonst niemand zuhören würde. Dabei geht es uns ausdrücklich nicht darum, Menschen gegeneinander auszuspielen. Es geht darum, dass unsere Kinder und Angehörigen nicht vergessen werden dürfen.
Unser Leitidee lautet: Das Ehrlichste, was wir in unserem Leben jemals sehen und hören können, ist das Lachen eines Kindes. Das Lachen eines Kindes kennt keine Hautfarbe, keine Religion, keine Herkunft und erst recht keine politischen Befindlichkeiten. Es ist einfach ehrlich. Gerade deshalb sagen wir auch ganz klar: Mehr als die Hälfte der Kinder, um die wir heute trauern oder deren Familien wir begleiten, haben selbst einen Migrationshintergrund. Wir wollen nicht spalten. Wir wollen Menschen zusammenführen. Jedes Opfer, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder Religion, hat das gleiche Recht auf Trauer.
Im September gibt es eine Kundgebung der „Trauerwache Deutschland“ in Frankfurt.
Ja. Wir werden am 19. September vor dem Römer in Frankfurt sein. Wir haben dort auch zwei Gastredner, die wir noch geheim halten möchten.
Was wollen Sie mit der Veranstaltung erreichen?
Wir wollen Menschen bewegen. Wir wollen sensibilisieren. Wir wollen zeigen, dass die Opfer nicht vergessen werden. Wir bekommen sehr viel Unterstützung. Unser Newsletter hat inzwischen drei Millionen Menschen erreicht. Das zeigt uns, dass viele Menschen dieses Thema beschäftigt. Wir organisieren das alles zu viert. Wir bezahlen vieles selbst. Natürlich führt das manchmal auch zu Diskussionen zu Hause. Ob man einen Urlaub macht oder eine Veranstaltung organisiert. Aber wir machen weiter. Denn: Aufgeben ist keine Option. Nach Frankfurt werden wir entscheiden, wie es weitergeht. Ob dieses Konzept Zukunft hat. In welchem Umfang wir weitermachen. Und wie wir die nächsten Schritte gestalten.
Welche Politiker haben Sie eingeladen?
Wir haben den Bundespräsidenten angeschrieben. Wir haben den Bundeskanzler angeschrieben. Wir haben den Innenminister angeschrieben. Und wir haben alle 16 Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder angeschrieben. Wir haben sie gebeten, ihren bisherigen Trauerbekundungen auch einmal Taten folgen zu lassen. Da wir inzwischen für jedes Bundesland ein eigenes Gedenkfeld haben, haben wir gefragt, ob sie als Paten für diese Gedenkfelder auftreten möchten. Wenn sie selbst keine Zeit haben, haben wir um einen entsprechenden Vertreter gebeten. Die meisten haben abgesagt. Mit verschiedenen Begründungen. Herr Merz hat zurückgeschrieben, dass er sehr viele Einladungen bekommt und nicht allen folgen kann. Die anderen haben wegen angeblicher Terminschwierigkeiten abgesagt.
Haben Sie trotzdem Unterstützung aus der Politik bekommen?
Ja. Es gibt Politiker, auch aus Berlin, die nicht unbedingt in der ersten Reihe stehen, aber in der zweiten Reihe. Die hinter uns stehen. Die sagen: Es wird Zeit, dass jemand den Mund aufmacht. Es wird Zeit, dass wir wieder mehr Normalität und mehr Menschenverstand in die Diskussion bekommen. Aber ganz wichtig: Bei uns ist jeder willkommen, der in Anstand und Respekt trauern möchte. Jeder. Auch Politiker. Aber: Kein Politiker wird bei uns auf die Bühne kommen. Kein Politiker wird bei uns das Mikrofon bekommen. Wir wollen uns von keiner Partei vereinnahmen lassen. Wir sind unabhängig. Keiner von uns ist Parteimitglied. Das soll auch so bleiben. Denn nur dadurch können wir die Politik weiterhin kritisieren.
Aus welchen Parteien kommen diese Politiker, die mit Ihnen sprechen?
Das sind Politiker von der CDU, von der AfD, auch von der SPD und sogar von den Grünen. Gerade Letzteres hat mich am meisten überrascht.
Das Gespräch führte Clemens Traub.
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endlich einmal die Opfer in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt werden - und nicht die Täter.
Mitleid und allgemeine Aufmerksamkeit müssen den getöteten bzw. körperlich / seelisch verletzten Menschen und ihren Angehörigen gelten, n i c h t den Verbrechern - egal, wie, wann und wo sie zu Verbrechern wurden.
Wie kann man heute allen Ernstes noch behaupten, daß die Entscheidung Merkels im Jahre 2015 eine "Tat der Nächstenliebe" gewesen sei, wenn man die hohe Zahl an Ermordeten, Verletzten und Vergewaltigten
denkt, die es o h n e die Grenzöffnung niemals gegeben hätte!
Wenn Eltern ihre eigenen Kinder nicht schützen, werden sie zu Recht als Un-Menschen angesehen. Aber wenn der Staat seine Bürger nicht schützt bzw. hohen Risiken aussetzt, dann soll das in Ordnung sein?
Das ist so unsinnig wie die gesamte deutsche
Politik in den letzten 20 Jahren.
Es ist unfaßbar, wie es gelingen konnte, den "gesunden Menschenverstand" bei vielen Deutschen derart außer Kraft zu setzen!
Einfach nur erschütternd wie die Täter als „psychisch Kranke“ jegliche staatliche Hilfe erhalten und die Opfer im Regen stehen bleiben.
Auch ein Grund wie nötig die Zeitenwende ist, wenn aus Unrecht Recht wird.
Mit freundlichen Gruß a d Erfurter Republik
Wie können Politiker oder Gutmenschen, die in entsprechenden "Pamper-NGOs" arbeiten, Anwälte,kirchliche Vertreter,Justiz oder zusammengefasst alle,die wegschauen,ignorieren,relativieren und kritische Stimmen mit Nazi/Rassismus/Muslim/Menschenfreundlichkeit bis dato erschlagen überhaupt noch in den Spiegel schauen ohne vor sich selbst Ekel zu bekommen?Ihren Eid, Schaden von Staat und dessen Bürger abzuwenden....usw.Genau so hohl und verkommen wie die telegenen Krokodilstränen die man erschüttert vergiesst aber schon im Hinterkopf die weiteren Sprüche besser Mahnungen hat von wegen Instrumentalisierung,Verallgemeinerung und das man sich dies und das nicht nehmen lassen sollte.Ich bewundere Herrn Kyrath und all die anderen Angehörigen für ihre Kraft,aber vor allen Dingen die Beherrschung gegenüber z.B. einer Ex-IM,die nur ihren ideologischen Kampf gegen rechts im Schädel hatte o.Buergermeisterinnen,die von einer Armlänge Abstand schwafelten zu behalten!Die hätte ich nicht!Alles Gute! MfG
Wort kommen lassen.
Gänsehaut und Tränen lösen sich ab, wenn man das hier ließt. 10-jährige die von „Schutzsuchenden“ vergewaltigt wurden,Mädchen,die nur noch in dunklen Räumen sitzen. Und Menschen, deren Kinder geschändet wurden und die Rechnungen bekommen.
Während der Staat Bestien,die hier als „Schutzsuchende“ ins Land kamen Betreuungen bezahlt,weil sie ja ach so traumatisiert sind.
Ich bewundere Menschen wie Herrn Kyrath, dass sie noch so ruhig bleiben können.
Für mich gibt es klare Schuldige für das Leid, was ihm und so vielen Tausenden anderen angetan wurde.
Und es bringt mich zur Verzweiflung, dass diese Menschen, allen voran die Dame aus der Uckermark, noch mit Orden voll gehängt werden.
Es ist alles so widerlich, was hier abläuft, dass Menschen sich noch immer hinstellen und diesen Wahnsinn der „Willkommenskultur“ für gut befinden.
Ich hörte von der Trauerwache in Frankfurt. Von all den Absagen der oberen Politik.
Ich schäme mich dafür, von solchen Menschen regiert zu werden.
daß Sie versucht haben, die Gefühle zu beschreiben, die jeden Menschen mit Empathie und gesundem Menschenverstand angesichts dessen, was sich in Deutschland abspielt, täglich aufwühlen.
Was uns Deutschen, die "immer schon hier gelebt haben", spätestens seit 2015 zugemutet wurde und weiterhin zugemutet wird, ist so ungeheuerlich und unfaßbar, daß man als "normaler" vernünftiger Mensch kaum noch Worte dafür finden kann.
Wie Sie richtig sagen: Die katastrophalen Zustände (in jeder Hinsicht!) rufen pure VERZWEIFLUNG hervor.
Eigentlich kann ein Mensch in einer solchen Lage nur noch schreien!
Was mag uns noch bevorstehen?
Ich halte inzwischen alle Schreckensszenarien für möglich - von gewalttätigen Verteilungskämpfen bis hin zu Krieg auf deutschem Boden.
Nach 100 Jahren ist offenbar die Stunde der "Schlafwandler" wieder gekommen.
Es gibt nicht genug oder aber auch keine Worte für das was geschehen ist und immer noch geschieht.
Fassungs- und sprachlos macht der Umgang der Politik mit den Vorgängen !
Wegen der grossen Schuld, nicht Mitschuld sondern Schuld die diese daran trägt.
Danke Cicero, großen Dank Herrn Kyrath !
Den Worten meiner Mitkomentatoren schließe ich mich voll und ganz an!
kommentatoren
Eer tut etwas, das eigentlich die verantwortlichen Politiker tun müssten, nämlich den Opfern eine Stimme geben. Ich rechne allerdings damit, dass der Mann recht bald von einer gewissen, dem IM unterstellten Behörde, unter Beobachtung gestellt wird.
"...viele dieser Fälle schaffen es gar nicht erst in die Medien." - Warum wohl...??
Thomas de Maizière (November 2015): „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ - aus 11.2015!, aber NOCH HEUTE BRANDAKTUELL... ... ...!? 🤔
Wie IGNORANT UND REALITÄTSVERWEIGERND muss unsere Politik sein um DA! nicht SOFORT UND MASSIV gegenzusteuern...!!?? UNFASSBAR!..., wenn man das mal sacken lässt... ...
Die geschätzten Mitkommentatoren haben alles wichtige und richtige dazu bereits gesagt. Bei aller Anteilnahme und Mitgefühl für die Hinterbliebenen, frage ich mich, wo bleibt der Zusammenschluss und der laute Protest der vielen anderen betroffenen Angehörigen? Wen wählen diese Angehörigen? Es gibt inzwischen so viele freie Medienportale, warum reden nicht mehr Angehörige Klartext und beschreiben den Umgang der Politik mit ihnen? Familie Kyrath ist ja eben kein Einzelfall. Wo bleiben die Opferverbände, der Weiße Ring und viele andere Opferorganisationen? Wo bleibt die sichtbare Anteilnahme der Aufrechten? So sehr ich diese Interview begrüße und Herrn Kyrath zustimme und ihm weiterhin alle erdenkliche Kraft wünsche das Schicksal zu verarbeiten. Ich mache mir nichts vor. Mit dieser Regierung, mit diesen linksgedrehten Politiker wird sich nichts, aber wirklich nichts ändern. Alles erdenklich Gute für Sie Herr Kyrath.
Danke, dass hier einem der Opfer und seinen Angehörigen so viel angemessene-längst überfällige- Aufmerksamkeit geschenkt wird!
Ich würde mir wünschen, dies wäre ein selbstverständlicher Eigenläufer in den zahlreichen anderen Fällen in Deutschland. Denn diese Art der Würdigung ist genau das, was ich an anderer Stelle schrieb, als Herr Krischke hier das "Porträt" des Attentäters vorstellte und ich monierte, es müsse viel mehr "Porträts" über die zahlreichen Opfer geben.
Manche Kommentatoren dort sahen sich sofort bemüßigt, dem mit angeblichem Opferschutz zu widersprechen, denn offenbar möchten "solche" keine Fotos von ermordeten Menschen sehen, aber ALLES über den Täter, bis hin zur linguistischen Aufarbeitung arabischer Namen, ihrer Entstehung, Bedeutung u. Übersetzung! Nicht nur grotesk, für mich pervers geradezu. In manch einer Zeile schwang da sogar so etwas wie eine "Verliebtheit" mit, so als würde man/frau sich über folkloristische Bereicherungen begeistern. Ohne Worte!
Meinen letzten Gedanken würde ich gerne noch weiterführen, weil ich gerade den letzten Kommentar gelesen habe, den Herr Schultz-Gora zur Vita des Berliner-Attentäters mitsamt Analyse abgegeben hat. Leider wurde der Kommentarbereich an der Stelle geschlossen. Da sich bei mir sämtliche Nackenhaare sträubten als ich diese Zeilen las, muss ich dazu eine Replik schreiben:
Der Kommentator vertritt als Arzt(?) die Ansicht, es handele sich bei dem Attentäter "einfach" um einen Typ, der "mit dem Leben nicht zurecht kam". Herrliche Diagnose. Komischerweise ist unser Land geradezu gepflastert mit Menschen, die mit dem Leben u. seinen Anforderungen "nicht zurecht kommen". Nur macht sie das nicht automatisch zu blutigen u. hoch aggressiven Attentätern. Selbst als Laie, ohne Arzt zu sein, kann man wohl bei klarem Verstand & mit normalem Realitätsbezug konstatieren, dass DAS nicht als Entschuldigung herhalten darf. Das ist eine verachtende Bagatellisierung u. damit ein Schlag ins Gesicht aller Opfer!
