Mitarbeiterinnen der Pflege in Schutzausrüstung betreuen einen Corona-Patienten.
Hoher Aufwand: Pflegekräfte in Schutzausrüstung betreuen einen Corona-Patienten / dpa

Intensivbettenskandal - „Sobald Geld im Spiel ist ...“

Der Skandal um einen Schummelverdacht bei Intensivbetten zeigt, wie angeschlagen das deutsche Gesundheitssystem ist. Im Interview erzählt der Intensivpfleger und Wissenschaftler Carsten Hermes, wie es zu den Betrugsfällen gekommen sein könnte, wie die Arbeit auf Intensivstation während der Pandemie aussieht und was sich zukünftig ändern muss.

Autoreninfo

Ulrich Thiele volontiert bei Cicero.

So erreichen Sie Ulrich Thiele:

Ulrich Thiele

Carsten Hermes ist Fachkrankenpfleger und Pflegewissenschaftler (M.Sc.). In der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist er Sprecher der Sektion Pflege und kooptiertes Mitglied des Vorstandes.

Herr Hermes, wie war die Arbeit auf der Intensivstation nach Pandemieausbruch?
Sehr wechselhaft. In der ersten Phase waren wir alle erschrocken, weil wir nicht wussten, was auf uns zukommt. Das war eine sehr angespannte, gespenstische Situation. Von Angst und Panik bis hin zu Verdrängung waren beim Personal alle normalen menschlichen Reaktionen dabei. Ich habe am Anfang aber eine unheimliche Solidarität festgestellt in diesem Land.

Und nach dem Anfang?
Da ist es sehr schnell heterogen geworden. Als die Infektionszahlen hochgingen, haben Kollegen und ich vereinzelt, aber nur vereinzelt, auch schlechte Erfahrungen in der Bevölkerung gemacht. Manche wurden von bestimmten öffentlichen Abschnitten des Lebens ausgeschlossen. Ein Kollege wurde freundlich aus dem Supermarkt verwiesen, weil bekannt war, dass er eine Intensivpflegekraft ist. Da herrschte viel Angst und Fehlinformation, und dann hat sich etwas Fatales herauskristallisiert: Die Pflege wurde immer nur als Ganzes betrachtet.

Warum ist das fatal?
Weil die Pflege hochgradig differenziert ist. Die Altenpflege hat eigene und manchmal ganz andere Probleme zu bewältigen als die Intensivpflege. Auf der ärztlichen Seite wurde immer zwischen den Fachbereichen unterschieden, von der Pflege wurde als homogenem Beruf gesprochen.

Woran liegt das?
Daran, dass verschiedenste Berufsgruppen und Menschen nicht mit uns, sondern über uns gesprochen haben.

Carsten Hermes Profilbild
Carsten Hermes / privat

Sie meinen Journalisten?
Ja, das betrifft unter anderem den Journalismus, aber nicht nur. Das meine ich nicht als Kritik am Inhalt, der oft richtig war, sondern an der Art und Weise. Stellen Sie sich mal vor: Sie sitzen mit mehreren Leuten an einem Tisch und plötzlich fängt einer an über Sie zu reden. In der Bundespressekonferenz ist nun endlich mal eine Pflegekraft sehr pointiert zu Wort gekommen. Ich hätte mir gewünscht, dass man uns von Anfang an in der ersten Reihe in die Qualifizierung und Quantifizierung von den Zuständen auf Station offiziell und öffentlichkeitswirksam mit einbezogen hätte. Wir wurden für Hintergrundgespräche und Faktenchecks angefragt, vor der Kamera hat man aber oft ein stereotypes Bild gezeichnet.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Ich habe einmal eine Medienanfrage von einem seriösen, öffentlich-rechtlichen Format bekommen. Nach einem Hintergrundgespräch sagte man mir: „Herr Hermes, Sie können sich zwar sehr gut artikulieren, aber für die Kamera brauchen wir jetzt eher jemanden, der weiblich ist und in einer devoten Haltung darüber erzählt – als Gegenpart zu den Medizinern, die jetzt schon hier sehr stark fordern, was zu tun ist.“ Die Welt mag halt ihre Stereotypen.

Cicero Plus weiterlesen

  • i
    Alle Artikel und das E-Paper lesen
    • 4 Wochen gratis
    • danach 9,80 €
    • E-Paper, App
    • alle Plus-Inhalte
    • mtl. kündbar
Annette Seliger | Fr, 25. Juni 2021 - 17:08

Betreiber genauso viele mit krimineller Energie geben wie bei der CDU/CSU, die sich aus den Geldflüssen der Maskengeschäfte die Taschen gefüllt haben. Und wir sehen wie bei allem nur die Spitze des Eisberges.

Da es sich hier um Steuergelder handelt sollte man alles sauber aufarbeiten und die Prüfer in die Krankenhäuser schicken.
Wer lag auf einer Intensivstation und war er wirklich Intensivpatient? Wurden für gewährte Gelder für richtige Intensivbetten mit entsprechendem Personal vorgehalten? Das alles lässt sich sauber aufarbeiten genauso wie einen Offenlegung von Zahlungen an Abgeordnete für Vermittlung von Maskengeschäften.

Die "politischen" Entscheidungen gehören rigoros überprüft.

Ich habe meine Zweifel, dass das wirklich ehrlich und transparent aufgeklärt wird durch die Politik. Eigentlich erfüllen diese Falschmeldungen der Betten aus meiner Sicht den Anfangsverdacht des Betruges und es müssten Staatsanwälte ermitteln. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Staatsanwälte sind Beamte und unterliegen dem Weisungsrecht der Justizminister, obwohl der § 163 StPO unmissverständlich ist. ( Strafverfolgungspflicht) Die Damen und Herren werden alles tun, gerade keine solchen Verfahren zu zulassen. Am Ende wird es vielleicht "Bauernopfer" geben und Merkel, Spahn und Konsorten sind aus dem Amt. Denkbar wäre auch ein U-Ausschuss, aber was soll der dann noch bewirken?
Vielleicht sollten wir Klabauterbach fragen, der ist doch in allem Experte und Gesundheitsökonom. Vielleicht hat er die Klinikchefs auch beraten? Ihnen für ihre "Mithilfe" zu seinen erfundenen und unwissenschaftlichen Lageeinschätzungen und Panikmache auf diese Art gedankt? Will das Volk das wirklich wissen?

Gunther Freiherr von Künsberg | Fr, 25. Juni 2021 - 17:26

Die Ausbildung von Azubis kostet Geld. Als die Wehrpflicht noch Soldaten zum Lkw Führerschein verhalf konnte die Transportbranche noch aus dem Vollen schöpfen und LKW-Fahrer einstellen. Mit Beendigung der Wehrpflicht endete diese für die Wirtschaft günstige Situation. Wenn es auch keine Wehrpflicht mehr gibt so sollte doch überlegt werden, ob es nicht sinnvoll ist Soldaten, die jetzt freiwillig ihren Dienst absolvieren und dafür auch eine angemessene Entlohnung erhalten, entsprechend den Notwendigkeiten der freien Wirtschaft noch zusätzlich auszubilden, zum Beispiel im Pflegebereich oder im Sanitätsbereich. Eine Ausbildung im Intensivpflegebereich dauert zwar Jahre; trotzdem wäre es sinnvoll genügend Soldaten und Soldatinnen entsprechend auszubilden die dann, wenn eine Pandemie deren Einsatz erfordert, auch außerhalb der Kaserne eingesetzt werden könnten. Gäbe es die Wehrpflicht noch wäre die Sache noch erheblich einfacher.

Rob Schuberth | Fr, 25. Juni 2021 - 18:26

Die Einführung einer sogn. Kopfpauschale war der Kardinalfehler den unsere Politiker gemacht haben.

Ich will lieber nicht wissen welche Lobbyisten da die Fäden gezogen haben, aber sie, die privaten KrKhs sind es, die daran gut verdienen.

Es muss wieder ein Zurück geben zu der eisernen Regel: Mit und an der Gesundheit/Krankheit unserer Bevölkerung darf niemand Gewinne erwirtschaften.

Alles was mit Kliniken u. ä. vergleichbar ist hat am Aktienmarkt NICHTS verloren.

Allgemein gilt nat auch, dass, wenn es so leicht gemacht wird, sofort auch Betrüger (nicht Schummler werte Red.) aktiv werden.

Das müssen sich aber Spahn u. sein Stab hinter ihre Ohren schreiben.

Hermann Kolb | Sa, 26. Juni 2021 - 10:36

Warum liefen die Intensivstationen in Deutschland denn zum, obwohl es hier selbst nach den diversen Bestandskorrekturen immer noch 2,5 Mal so viele ICU wie in der Schweiz gab, die Schweizer Intensivstationen aber trotzdem einen ähnlichen Auslastungsgrad hatten?

Albert Schultheis | So, 27. Juni 2021 - 13:53

"... aber für die Kamera brauchen wir jetzt eher jemanden, der weiblich ist und in einer devoten Haltung darüber erzählt ..." - Ja, die Auswirkungen der Gender-, Regenbogen- und Identitätspolitik sind schlicht katastrophal! Wir brauchen eine Frau, einen Schwulen, einen Schwarzen, einen Juden, einen syrischen Virologen, etc. So funktionieren die "Narrativ-Medien"! Denn das Narrativ muss stimmen, auch und selbst wenn der Artikel Lügen verbreitet (ich hasse den Begriff "fake news", der einmal als Waffe gegen "Rechts" geschmiedet wurde und nun, Tag für Tag folgenschwer auf die linken Propagandisten zurückfällt). Und das Narrativ geht mit Lügen auf der einen Seite und Verharmlosungen auf dem Gegenüber sehr kreativ um. Leider auch bei Cicero: Da ist von "Schummelverdacht" die Rede - Leute, es geht um nichts weniger als um Betrug. Andernorts wird von "Rangeleien" geschrieben, wenn es um provokatorische Gewaltaktionen der falschen Seite geht.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Ebenfalls gelöscht werden ad-hominem-Kommentare, die lediglich zum Ziel haben, andere Foristen zu diskreditieren. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Generell gilt: Pro Artikel ist pro Nutzer ein Kommentar und eine Replik auf einen anderen Leserkommentar erlaubt. Kommentare, die Links zu zweifelhaften Webseiten enthalten, werden nicht veröffentlicht. Um die Freischaltung kümmert sich die Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.