Im Konzertsaal des Kanoniers

Rudolf Augstein gründete den Spiegel und gilt vielen als wichtigster Journalist der deutschen Nachkriegszeit. Doch was tat und erlebte er während des Krieges? Eine neue Biografie erzählt bislang unbekannte Facetten eines schillernden Lebens

Rudolf Augstein gilt vielen als wichtigster Journalist der Nachkriegszeit.
() Rudolf Augstein gilt vielen als wichtigster Journalist der Nachkriegszeit.
Tatsache ist, dass Rudolf Augstein in zwei Artikeln, Mitte März 1942, also nach seiner Zeit beim Arbeitsdienst und vor der Einberufung zur Wehrmacht, im Hannoverschen Anzeiger veröffentlicht, einen deutsch-nationalen Grundton anschlägt, der sich der Lingua Tertii Imperii annähert und die Siegeshoffnungen der Nationalsozialisten zu teilen scheint. „Bollwerk nach Osten“ heißt seine Besprechung des Vortrages eines finnischen Professors über Finnland; darin sieht er die Finnen in vielen Jahrhunderten „als europäische Kulturträger dem Ansturm der Steppe ausgesetzt“; und wenn sie im gegenwärtigen Krieg nnisch bewohnte Landstriche in der Grenzregion der Sowjetunion mit ihrem Land vereinigen wollten, dann werde ihre Sehnsucht „in Erfüllung gehen“. Augsteins Schlusssatz lautet: „Denn ihr (der Finnen) Kampf ist unser Kampf.“ In einem Artikel einige Tage zuvor, in dem es ebenfalls um Finnland geht, schreibt er vom „unverzagten Heldenmut“ des kleinen nnischen Volkes, das stets „einen Schutzwall nach Osten“ abgegeben habe. Nur: Was ist hier Überzeugung, was gezielte Verwendung nationalsozialistischen Vokabulars, um seine ganz persönlichen Ziele zu befördern? Als er diese Zeilen zu Papier bringt, ist er knapp achtzehneinhalb Jünglingsjahre alt und hat sich zuvor vom Arbeitsdienstlager in Kulm aus beim Luftgaukommando XI in Hamburg-Rissen als Freiwilliger für die Luftwaffen-Nachrichtentruppe beworben. Dem Vater, mit dem er offenbar hin- und herüberlegt, wie er möglichst heil und unbeschadet durch den Krieg kommen kann, dünkt dies viel zu riskant; er lässt den Sohn wissen, dass er „sehenden Auges in sein Unglück“ renne, und bittet ihn, sich bei einer anderen „ungefährlichen Truppe“ als Freiwilliger oder, wenn kein anderer Weg bleibe, dann für eine Ofzierslaufbahn zu melden. Er schreibt aber auch von Rudolfs „unbestreitbarer P.K.-Geeignetheit“. Offenbar haben beide darüber nachgedacht, ob der Einsatz bei einer der Propaganda-Kompanien, die über das Frontgeschehen für Zeitungen, Rundfunk und Wochenschauen berichten, nicht nur eine bessere Überlebenschance, sondern auch die erwünschte Weiterbildung für den angestrebten Beruf garantieren könnte. Um ihm den Weg als P.-K.-Berichterstatter zu ebnen, hatte sich Bernhard Haake, der Studienrat und Kunsterzieher vom Ratsgymnasium, schon für den ein Jahr älteren Freund Ernst-August Born um die Fürsprache des NSDAP-Gauamts in Hannover bemüht – allerdings vergebens, denn die Propaganda-Kompanien bevorzugen erfahrene Journalisten. Bemüht sich Haake auch für Rudolf Augstein, und hat vielleicht jene Reihe damit zu tun, die er für das „Gauheimatwerk Südhannover-Braunschweig“ organisiert, in der Gedichte von Augstein und Born in Schulen vorgestellt werden? Eines der Augstein-Poeme klingt geradezu „martialisch“, wie Leo Brawand 1995 zu Recht urteilt, aber es passt sich den Zielen dieses Haake- und NSDAP-Unternehmens wohl nahtlos ein: Einmal das Leben wägen, dem Tod ins Auge, das kalte, klare schauen, unbewegt! Das Leben einfachwie Hirten leben, einmal das Herz in Händen halten jung und groß – das bist du, o Zuchtmeister Krieg! Wen Du packtest und wieder ließest, der ist gefeit. Dieses Gedicht sei natürlich „Tendenz“, er habe es „mit Hinblick auf die PK“ geschrieben – so der Kanonier Augstein an seinen alten Lehrer Haake im April 1942, und er bittet ihn, es dessen Freund Köhler von der Gauleitung vorzulegen, denn er möchte es „für den gleichen Zweck“ auswerten – eben für eine Bewerbung für den Dienst bei einer Propaganda-Kompanie. (…) Er habe sich den Entschluss, sich zur Luftwaffe zu melden, reiflich überlegt, und „von der mehr oder weniger illusorischen Tätigkeit in einer Propaganda-Kompanie“ ganz abgesehen, antwortet der Sohn auf die Einwände des Vaters: „Ich wollte zu einer Truppe, die auf gar keinen Fall in den Erdkampf verwickelt wird.“ Bei den „vornehmen“ Luftnachrichten brauchten sie intelligente Leute für Mess-, Funk- und Horchgeräte. (…) Weil an seinen Augenfehlern dann die ganze Bewerbung bei der Luftwaffe scheitert, muss Rudolf Augstein im April 1942 zur Ausbildung als Kanonier in eine hannoversche Kaserne einrücken. (…) Anfang November wird er nach Braunschweig verlegt, nach Warschau in Marsch gesetzt und dort – eines Meniskusleidens wegen – einer motorisierten Batterie des Artillerie-Regiments 67 südöstlich von Orel zugeteilt. Am 12.November meldet er sich erstmals per Feldpost: „Wir liegen hier an der Front und führen einen ruhigen Winterkrieg, wenn alles so bleibt.“ Es wird nicht so bleiben, aber erst einmal schleppt er Munition – eine Granate wiegt 85 Pfund. Er schippt, hackt, schaufelt Schnee, trägt Holzstämme, holt Wasser aus einem Eisloch, steht im Schneemantel Wache und sieht dann aus wie ein „Wüstenscheik oder Kreuzfahrer“. Er bittet die Eltern um Hölderlins Gedichte samt einem Mittel gegen Läuse, denn sein ganzer Leib sei zerkratzt. Der Kommiss nimmt ihn mehr mit als der Krieg, „von dummen Menschen abhängig zu sein, ist schlimmer als alles andere“, heißt es in einem seiner Briefe nach Hannover. Er drängt sich nicht zu irgendwelchen Unternehmen, aber er drückt sich auch nicht, denn das geht „hier an der Front auf Kosten der Kameraden. Das wäre Unanständigkeit.“ (…) Aber so idyllisch geht es nicht lange zu. „Ich selbst war inzwischen wieder einmal im Schlamassel, da kam es hageldick“, schreibt er Anfang September 1943 den Eltern nach Hannover. „Der Russe war im Graben drin und kam von hinten mit Hurrah! angelaufen. Wir liefen, was wir konnten…“ Laut Tagebuch 1943 geht er im Dezember als VB mit Fallschirmjägern vor, die eine Stadt im Sturm nehmen, und zeigt sich voller Bewunderung: Das seien „zackige Leute“ und „keine Grabenkrieger“, der „wahre Todesmut und der rechte Kampfgeist“ sei „nur in ihren Reihen zu nden“. Dieses Fallschirmjäger-Bataillon, so ein Feldpostbrief nach Hannover, habe nur einen Toten gehabt: „Mit solchen Leuten wäre freilich der Krieg zu gewinnen. Aber sie sind selten…“ Soldatisch-professionelle Hochachtung hat er schon einen Monat zuvor gezeigt, als seine Abteilung der SS-Division „Reich“ zugeteilt war: „Man muss es der SS lassen, dass sie sich gut schlägt. Kein Wunder bei den Menschen – und sonstigem Material.“ (…) Von blutigen Kämpfen ist in den Berichten aus der Soldatenzeit, die der Hannoversche Anzeiger „unter dem Strich“ bringt, nichts zu lesen, denn sie stammen, sieht man von dem Feuilleton über den Frontalltag als V.B. ab, alle aus seiner Rekrutenzeit und sind durchweg in heiterem Ton gehalten. Der Waschraum sei der „Konzertsaal des Kanoniers“, heißt es da einmal; unvergesslich werde ihm bleiben, „wie zwei Kanoniere die Siegesfanfaren aus den ‚Prelüdes‘ von Franz Liszt schmetterten, doppelstimmig: Der eine rasierte sich, der andere wusch sich den Hals, beide aber füllten den Raum und den ganzen Korridor, nein den ganzen Block mit sonoren, vollen Klängen, dass es wie von einer Orgel hinrollte, und ebenso abbrach…“ Der Widerhall der Töne, heißt es zum Schluss mit bei ihm völlig ungewohntem, freilich ironisch-gebrochenem Pathos, sei „die Gänge herabgelaufen wie in den Seitenschiffen eines gewaltigen gotischen Domes“. Dass er und seine Mitschüler den Krieg als Schicksal erleben, dem sich jeder nahezu selbstverständlich stellen muss, bezeugt sein „Offener Brief an die alte Klasse“, von der er schreibt, der große Krieg habe sie „in alle Winde verschlagen“. Als der Jüngste hatte er beim Abitur versprochen, die Mitschüler zusammenzuhalten. „Freunde und Kameraden! Gruß und Heil euch allen!“, beginnt der Kanonier Augstein nun seine Zeilen: „Auf den Gräbern der Väter seid ihr gestanden, aber ihr seid dort nicht stehen geblieben, sondern viel, viel weiter marschiert, hinein in die östliche Steppe…“ Einer liege mit schwerem Geschütz vor Leningrad, „einer bewegt sich in Richtung Kaukasus, einer hat mit stürmender Hand Kreta erobert, ja einer hat sogar in Nordafrika den Führer der indischen Hockey-Olympia-Elf von 1936 gefangen genommen“. Über eines jedenfalls könnten sie sich nicht beklagen, meint Augstein – „dass wir nichts erleben. Weiß Gott, wenn einer Geschichte erlebt, und aktiv miterlebt, so sind wir das, und dafür wollen wir froh sein.“ Skepsis gegenüber dem Kriegsgeschehen ist in diesen Zeilen, Mitte Oktober 1942 veröffentlicht, nicht zu spüren, auch wenn er von einem Schulkameraden berichtet, den es als Leutnant „endgültig ereilt“ hat. Dasselbe Los könne „jeden von uns“ treffen, aber gerade „das Bewusstsein von dieser gemeinsamen Todverbundenheit“ werde sie zusammenhalten. Aus dem großen Krieg heim- und in ihren Lebenskreis zurückgekehrt, wollten sie dann an „eichenen Tischen“ sich zu „löblichem Tun“ zusammennden – „einen schmettern, der sich sehen lassen kann, dass die trinkfesten Himmlischen in Asgards Hallen von den Richterstühlen fallen vor Staunen…“ Augsteins Mitarbeit beim Hannoverschen Anzeiger endet jäh, als das Blatt Anfang März 1943, nach der Kapitulation in Stalingrad, sein Erscheinen für die Dauer des Krieges einstellt und in einem durch Zusammenlegung neu entstehenden „Gauorgan“ aufgeht. Diesem obliege nun, schreibt sein alter Chefredakteur, die Betreuung des „im Felde stehenden Schriftleiters“ Augstein. Sei es, weil die neue Zeitung als hannoversches NS-Parteiblatt rmiert, sei es, weil den Zeiten entsprechend Leichtes und Heiteres aus dem Soldatenleben nicht mehr zu berichten ist – der Kanonier Augstein hat Feuilletons über seine Soldatenzeit seither nicht mehr veröffentlicht. Große Aufregung wird allerdings am Jahreswechsel 1992/93 herrschen, weil Christian Michelides vom österreichischen „Forum“ Augstein beim Durchblättern der Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters als „Schreibenden im Zentralorgan der NSDAP“, und zwar „noch im November 1942“, entdeckt und darob bei sich sofort „Gänsehaut und Zusammenbruch eines kleinen Weltbildes“ konstatiert. „Frau aus der Fremde“ heißt die kurze Betrachtung, aber Michelides’ „Gänsehaut“ passt so recht nicht mit seinem Urteil über Augsteins völlig unpolitischen Beitrag im Feuilleton zusammen, den er die „belanglose Geschichte“ einer Begegnung nennt, die nur mit den Augen stattgefunden habe. Im Wartesaal eines Bahnhofs sitzt Augstein inmitten von Soldaten einer Frau mit „blauschwarzem, in der Mitte gescheitelten Haar“ und schwarzen Augen gegenüber, die „unsagbar verloren“ schauen. Ihr junges Gesicht ist von „einer ganz unwahrscheinlichen, keineswegs überirdischen, vielmehr in sich geschlossenen Schönheit“, und sie trägt bäuerliche Feiertagstracht, die er nicht einordnen kann. Kommt sie aus dem Banat oder aus Siebenbürgen? Weil sie, noch ehe er sie ansprechen kann, zu ihrem Zug eilt, endet die Geschichte mit einem melancholischen: „Fahre wohl, unbekannte Frau! Die Sonne, die so stark in dir strahlt, wird auch draußen in der fremden Welt nicht aufhören, dir zu scheinen. Fahre wohl!“ Er fände diesen jünglingshaften Text gar nicht so schlecht, meint Augstein vierzig Jahre später. Doch der Vorwurf, er leide in biografischen Details wie Waldheim an einer „strategischen Gedächtnislücke“ und habe sich dem „Kampfblatt der Nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“ angedient, ist dem Spiegel-Chef Anlass genug, gleich auf zwei Seiten im eigenen Blatt Stellung zu nehmen. Danach hat er 1942 ein oder zwei Feuilletons, darunter die „Frau aus der Fremde“, der Wiener Ro-Mi-Agentur zur Weiterverbreitung übergeben, von der er als Volontär wusste, dass sie harmlos-unpolitische Texte anbot. Von dieser Agentur, nicht aber vom Völkischen Beobachter, der nie ein Belegexemplar schickte, habe er ein Honorar von 20 Reichsmark erhalten. „Kann man mich nun also als Mitarbeiter des Völkischen Beobachter bezeichnen?“, fragt er und gibt die Beurteilung den Lesern anheim. Einige von ihnen, darunter Will Tremper aus München, halten seine Darlegung in eigener Sache für überüssigen Overkill: Das „Forum“ habe sich mit der These vom Mitarbeiter des NS-Kampfblatts nur lächerlich gemacht, deshalb komme Augsteins Erklärung einer Kränkung der doch intelligenten Spiegel-Leser gleich. Ein Brief Augsteins an seine Eltern vom 19.Dezember 1942 belegt, dass seine Darstellung des Sachverhalts richtig ist. Allerdings scheint er auch Stolz empfunden zu haben, dass sein Artikel Beachtung und Resonanz fand: Der Pressereferent des Reichsarbeitsführers habe ihm einen Artikel geschickt, „der ohne mein Wissen in den ,Völkischen Beobachter‘ gekommen ist. Also auch schon in der NS-Presse!“ Es gibt Kollegen, die jahrelang mit Rudolf Augstein freundschaftlich verkehrten, aber aus diesem jünglingshaften Feuilleton nun folgern: „Der Mann wollte ‚ran‘, coûte que coûte, er wollte Karriere machen, auch unter den Nazis – und zwar nicht als Antiquar, Kofferträger oder Leihbibliotheksbesitzer, sondern als Schreiber.“ Als junger Mann habe Augstein ein kleines Rädchen mitbedient: Wer kleine „unpolitische“ Feuilletons verfasste, wollte „Hauptschriftleiter“ werden, so Fritz Raddatz in seinen Erinnerungen, „was er auch – ein Gründgens für kleine Leute – geworden wäre“. (…) Träumt der Frontsoldat von einer großen Karriere als Journalist und Schriftsteller? Um seinen Aufstieg sei ihm nicht bange, schreibt er den Eltern zum neuen Jahr 1943 und greift Monate später das Thema, diesmal ironisch, wieder auf: Es wäre schade, „wenn Ihr, meine Eltern, die Ihr mir alles ermöglicht habt, diesen Aufstieg nicht mehr erlebtet, die Früchte und die Krone Eurer und meiner Arbeit“ – setzt freilich hinzu: „So, nun habe ich wieder einmal gesponnen“; ab und zu müsse man freilich spinnen, damit man den Mut nicht verliere. Dass er seine Zukunft nicht im politischen Journalismus, sondern im Feuilleton sieht, notiert er nach einem Aufenthalt in Wien und Budapest im Sommer 1944: „Ich (habe) mir mit bescheidensten Mitteln so viel Kunst vergegenwärtigt, dass ich wieder einmal wusste, wofür ich auf der Welt bin.“ Seine Tagebuch-Aufzeichnungen sind ihm so wichtig, dass er sie „selbst in der Stunde der höchsten Gefahr“ bei sich führt: „Ich würde“, heißt es in seiner Feldpost, „sie nur dann im Stich lassen, wenn ich bewusstlos wäre.“ Wertvoller als alle anderen materiellen Dinge sind ihm seine gesammelten Artikel in der Podbielskistraße 310, und so bittet er den Vater, sie im Fall eines Bombenangriffs zusammen mit seinen Feldpostbriefen zuerst in Sicherheit zu bringen. Weil in Hannover jetzt Bomben fallen, rät er, im Garten sofort ein Deckungsloch zu buddeln – zwei Meter tief, zwei Meter breit und so lang, dass zwei bis drei Mann bequem darin sitzen können: „Es wird mit Balken überdeckt und mit Stroh und Erde zugeschüttet, der Eingang wird so verschalt, dass üssiger Brandkram nicht hineinlaufen kann.“ (…) So gut es eben geht, versucht er, „anständig durch den Krieg zu kommen“; besonderen Ehrgeiz, befördert zu werden, zeigt er nicht. „Mir ist es egal. Ich tue nichts“, lässt er die Eltern wissen, als sein Hauptwachtmeister ihm Anfang September 1943 eine Ofzierslaufbahn andeutet. Allerdings hat er sich, obschon naturwissenschaftlich eher uninteressiert und unbegabt – laut Abiturzeugnis waren seine Leistungen in Chemie und Mathematik nur befriedigend – als aktiver Sanitätsofzier beworben, zweifellos in der Hoffnung, der Front entrinnen und erst einmal Medizin studieren zu können. Der Vater bestärkte ihn in dieser Absicht, und Onkel Carl Augstein, ein Rechtsanwalt und Syndikus in Berlin, versuchte, über einen ihm befreundeten hohen Ofzier beim Heeres-Sanitätsinspekteur kräftig nachzuhelfen. Vergebens – Rudolf Augstein, inzwischen zum Gefreiten befördert, wird Ende Juni 1943 die Ablehnung zugestellt. Immer wieder versucht er die Eltern, die in Hannover um ihn zittern, zu beruhigen: „…ihr, die ihr so viel zum Herrgott betet, (müsst) auch einmal ein klein wenig Gottvertrauen haben. Wenn ich für etwas bete, dann einzig und allein dafür, dass euch keine Bombe trifft und ihr sonst keinen Schaden nehmt. Für mein eigenes Wohlergehen zu beten, das bringe ich nicht fertig…wenn es mich nicht treffen soll, dann trifft es mich eben nicht.“ Im Juli 1944 trifft es ihn um ein Haar, denn ein Granatwerfergeschoss schlägt in seinem Graben ein. Aber sein Hintermann nimmt ihm „den ganzen Segen weg“, wie er schreibt – doch sitzen zwei Splitter im linken Ellenbogen, einer im rechten Unterarm, ein anderer im Rücken. Er hat „viel Glück und ein wenig Pech“ gehabt, denn er „wurde ein klein wenig zu leicht verwundet“ – für die Heimat reicht es nicht. Die Wunden heilen schnell, man schickt ihn für acht Tage ins Erholungsheim der Armee in Zakopane, „den schönsten Kurort Polens“ am Fuße der Hohen Tatra; dort wird er gut verpegt, genießt die Aussicht von den Höhenzügen und geht, wie er der Mutter mitteilt, am Sonntag in die Kirche. Nur, um die stets um sein Seelenheil besorgte Mutter zu beruhigen? (…) Wieder bei seiner Einheit, wird er nicht mehr als vorgeschobener Beobachter, sondern nun als Geschützführer eingesetzt, danach als „Rechner“, was soviel wie Gehilfe des Batterie-Ofziers bedeutet. Die Tätigkeit ist für ihn nicht ganz leicht, da er für präzises Rechnen nie etwas übrig hatte und sein Augenfehler – beiderseits chronisches Schielen – ihm den Gebrauch des Kartenmaterials erschwert. Im August 1943 zum Gefreiten befördert, erhält er einen Monat später das Eiserne Kreuz II. Klasse; es sei nicht mehr viel wert, notiert er ins Tagebuch – mancher Infanterist habe es mehr verdient und besitze es nicht, aber: „Heile Knochen sind wichtiger.“ Im Jahr darauf, er ist inzwischen Obergefreiter, zeichnet man ihn mit dem Sturmabzeichen und dem Verwundetenabzeichen in Schwarz aus. Anfang November 1944 wird er durch Abteilungsbefehl zum Reserve-Ofziers-Bewerber (R.O.B.) ernannt, kommt als Fahnenjunker-Unterofzier zur Ausbildung nach Magdeburg und erhält kurz vor Kriegsschluss, am 1. April 1944, noch den Rang eines Leutnants. Diese nüchternen Daten belegen, dass er in drei Jahren beim Militär stets seine Picht getan, aber wahrlich keinen Karriereehrgeiz gezeigt hat; jeder Abiturient, der schneller vorankommen und kein gemeiner Mann bleiben wollte, hätte sich freiwillig und sehr viel früher als Ofziersanwärter gemeldet. Leutnant ist Rudolf Augstein bis zum Tag der Kapitulation nicht einmal anderthalb Monate gewesen. Bei einem letzten Einsatz kurz vor Kriegsende, als er 14 Mann in einem Waldstück bei Riesa ins Gefecht führen soll, wird er am rechten Unterarm verwundet. „Ich wünschte meiner Truppe viel Glück und verließ das Kampffeld“, so beschreibt er in einem Spiegel-Spezial im Frühjahr 1995 sein ganz persönliches Kriegsende: „Während meines Rückzugs war ich plötzlich von einigen Polen umringt. ‚Die schlagen dich tot‘, dachte ich. Das taten sie aber nicht. Sie setzten mich vielmehr auf mein Rad und schoben mich ins nächste Dorf zum Arzt, der mir einen Notverband anlegte…“ Er schlägt sich nach Pilsen durch, ein Luftwaffenzug bringt ihn ins Österreichische, von dort fährt er mit dem Fahrrad, begleitet von einer Luftwaffenhelferin, nach München, wo sie vom Kriegsende hören. „Spontan umarmte meine Helferin mich, ihren ‚einarmigen Banditen‘. Sicher, es würde in den nächsten Jahren keine deutsche Universität geben – so dachten wir damals –, aber wir lebten!“ Aus der Wehrmacht entlassen, radelt er nach Hannover, wo die Verwundung im Lazarett ausgeheilt wird. Der Dank des Vaterlands lässt zwei Jahre auf sich warten. Seine Erwerbsfähigkeit, teilt ihm die Landesversicherungsanstalt Hannover im November 1947 mit, sei durch Kriegseinwirkung wegen Narben am rechten Arm nach „Schussbruch des Unterarms“ und wegen „Schädigung des Ellennerven rechts“ um 30 Prozent gemindert. Dafür setzt sie ihm eine Rente von 30 Reichsmark monatlich aus, die jedoch, weil sein Monatseinkommen 81 Mark übersteigt, auf zehn Mark gemindert wird. Als die Frankfurter Allgemeine 1980 in ihrem Proust’schen Fragebogen wissen will, welche militärische Leistung er am meisten bewundere, antwortet Rudolf Augstein: „Meinen Rückzug aus der Ukraine“ und hat die Lacher auf seiner Seite. (…) Mit der Distanz der Jahrzehnte wächst sein Vergnügen, sich als gänzlich unwilligen Krieger, gar als halben Deserteur darzustellen, der seine Einheit, aus dem Urlaub oder von einer Schulung in der Heimat kommend, nicht nden will und sich immer neue Marschbefehle zu beschaffen weiß, um den Fronteinsatz zu verzögern. Doch scheint bei solchen Schilderungen Vorsicht angebracht, denn was er den Eltern schreibt oder was in seinem Tagebuch zu nden ist, spricht oft eine andere Sprache. Zwar hält er den Krieg seit spätestens Frühjahr 1943 für verloren und äußert dies auch unverhohlen – „was nicht ganz ungefährlich war“, bestätigt ihm vierzig Jahre später ein Kamerad namens Johannes Meyer. Defaitismus wurde damals in der Tat mit drakonischen Strafen belegt. Hofft auch er, wie so viele andere in diesen Monaten, man könne den Krieg besser nur im Westen verlieren, die Ostfront aber halten und die Sowjets daran hindern, nach Deutschland vorzustoßen? „Bis zu Euch kommt der Russe nicht“, versichert er den Eltern im Juli ’44, und noch Ende Oktober schreibt er: „…Wir sind nun schon fast drei Wochen in derselben Stellung. Der Russe greift jeden Tag an und trommelt unverschämt, aber er kommt nicht durch. Seine Panzer wurden abgeknackt, seine Infanterie ist nicht gut, sie läuft in Massen über. Alles Leute aus der Lemberger Gegend. Einzig die Jung-kommunisten sind besser.“ Seine Tagebücher aus den Kriegsjahren belegen die breite Bildung, die ihm die altsprachlichen Gymnasien in Hannover vermittelt haben. Notizen über Platos „fürchterlichen Staat“ wechseln mit literarischen und künstlerischen Anmerkungen: Selbst ein Goethe habe nur einen kleinen Sektor des Menschlichen ausgeschritten, Beethoven sei einfach und klar und Hebbels „Agnes Bernauer“ leide an innerer Unwahrhaftigkeit. Und die „Sperlingsgasse“ oder der „Hungerpastor“ Wilhelm Raabes, so sein Urteil, seien schöne Träume, die nur „vor hundert Jahren geträumt werden konnten“. Gelegentlich schleichen sich auch missratene Formulierungen ein – so, wenn es heißt, echtes Künstlertum bedeute, „den Becher des Lebens in die Felder der Kunst einströmen zu lassen“. Immer wieder aber beeindruckt die Entschiedenheit, mit der er Hitler und den Nationalsozialismus ablehnt, sich jedoch zugleich zu Deutschsein, deutscher Sprache und deutscher Kultur bekennt. Hitler ist für ihn ein „Herostrat großen Stils“, der nicht siegen konnte, „da der Mensch nicht Gott ist“; er sei nur in Deutschland möglich, um sein Haupt werde die Legende keinerlei „jugendlich-mythischen Glanz breiten, wie sie ihn so verschwenderisch um Alexander d. Gr., Cäsar, ja längst um Napoleon ausgebreitet habe“; die Nazis nennt er schlicht „Verbrechervolk“ und meint wohl eher: Verbrecherbande. Aber dann nden sich Sätze wie: „Ich bin froh, ein Deutscher zu sein, denn ich glaube an die große Vergangenheit und Zukunft der deutschen Kunst. Allein, dass die Sprache, in welcher der Faust geschrieben wurde, auch die meine ist, müsste ich über alles schätzen… Die Sprache ist Gefäß und Inhalt jeglicher Kultur in einem. Was ein Volk zusammenkittet, ist seine Sprache.“ Wird hier ein wenig vom Nachkriegs-Augstein, von Augstein dem Nationalen schon sichtbar? Amerika, dessen ist er gewiss, wird der Gewinner des Krieges sein, aber Deutschland verliert deshalb in seinen Vorstellungen keineswegs an Bedeutung – im Gegenteil: Vom Sieg Amerikas verspricht er sich 1943, dass dann die „Kultur Europas in unserer Hand“ liege: „England ist an Europa weniger interessiert als am Empire. Frankreich und Italien sind kaputt. Wir, das stärkste Volk, liegen in der Mitte, unser ist die Kultur des Abendlandes. Um die Kultur zu erhalten, brauchen wir Geist, Gewalt und Geld. Aber nicht nur Gewalt, wie in dieser Auseinandersetzung. Und nicht nur Geist, wie vor hundert Jahren.“ Wer den Rudolf Augstein im Blick hat, der in den fünfziger Jahren so energisch gegen rechte christkatholische Abendländer polemisieren wird, mag es ironisch nden, dass er hier noch von der „Kultur des Abendlandes“ schreibt, die es zu erhalten gelte. Später wird er weniger von Kultur als von Wirtschaftskraft sprechen – aber der Grundton vom schwachen Frankreich, vom abseits stehenden England und vom starken, gesunden Deutschland in der Mitte ist schon angestimmt. Peter Merseburger war von 1960 bis 1965 Spiegel-Redakteur, ab 1969 TV-Chefredakteur des NDR. Bekannt wurde er als ARD-Korrespondent in Washington und London Foto: Picture Alliance

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