"Ich war politisch tot"

Horst Seehofer hat der Verbissenheit abgeschworen und sich mit der Bundeskanzlerin ausgesprochen. Trotzdem kämpft er hinter den Kulissen weiter gegen die Ökonomisierung des Lebens und um den Erhalt einer gewissen Sozialromantik.

Sie waren einige Monate der beliebteste Politiker Deutschlands. Wie fühlt man sich da? Ein Platz eins auf solcher Rangliste ist schnell vergänglich. Das ist jetzt keine Koketterie. Ich habe so viel Auf und Ab in der Politik erlebt – vom Super-Wahl-ergebnis bis zum Rücktritt –, dass ich versuche, normal zu bleiben. Den Spitzenplatz bei den beliebtesten Politikern haben Sie zwischenzeitlich an die Bundeskanzlerin abtreten müssen. Sind die Missstimmungen zwischen Ihnen und Frau Merkel ausgeräumt? Ja, vollkommen. Das Verhältnis ist so normal, dass man nicht mehr darüber reden muss. Außer zu Ihnen gab es auch zu Friedrich Merz ein gespanntes Verhältnis. Hat er auch eine Chance auf einen Kabinettsposten? Ich wäre schon froh, wenn er in der politischen Landschaft wieder eine stärkere Rolle spielen würde. Als gelernter Sozialpolitiker bin ich naturgemäß nicht immer der gleichen Meinung wie Friedrich Merz, aber er ist auf dem Feld der Wirtschafts- und Finanzpolitik ein ganz starker Mann, den man sich als Partei nur wünschen kann. Hat Ihnen etwas gefehlt in der Zeit, als Sie nicht in der vordersten Reihe standen, nachdem Sie 2004 im Streit um die Gesundheitsreform als Fraktionsvize zurückgetreten waren? Ich war ja politisch tot. Damals dachte ich, das wäre irreversibel… Wie hat sich das angefühlt? Nicht sonderlich gut. Deshalb habe ich ja den Weg außerhalb der Politik beschritten und habe mich im Sozialverband VDK engagiert. Das war eine anspruchsvolle Aufgabe. Ihnen fehlte da aber Macht… Ja, aber mit einem starken Sozialverband haben Sie auch eine Menge Einfluss. Nach Ihrer schweren Krankheit 2002 haben Sie einmal erklärt, Sie seien nicht mehr ehrgeizig. Wie ist der Ehrgeiz zurückgekommen? Ich habe vor allem der Verbissenheit abgeschworen. Es gibt gesunden Stress. Mich belasten nicht eine Fülle von Terminen oder große Herausforderungen. Entscheidend ist, wie man mit seinen Gefühlen zum Alltag steht. Wenn Sie verbissen an die Dinge herangehen, sich in kleine Alltagsprobleme vergraben, dann sind Sie auf der abschüssigen Bahn. Wenn es gelingt, trotz des Ehrgeizes und der Verantwortung ein Stück Gelassenheit zu entwickeln und Distanz zu den Dingen zu bewahren, entwickelt sich daraus im Allgemeinen keine Belastung. Gelingt es Ihnen denn, stets die Distanz zu wahren? Wie immer im Leben gelingt auch das nicht jeden Tag und jede Stunde. Im Großen und Ganzen schaffe ich es aber schon. Natürlich gibt es manchmal Tage, an denen man am liebsten niemanden sehen oder alles hinwerfen möchte. Aber die sind recht selten. Diese Haltung haben Sie durch Ihre Herzerkrankung entwickelt? Ja. Ich war ja sehr angeschlagen. In solch einer Situation merkt man, dass man nur ein kleiner Teil des großen Räderwerks ist. Am zweiten Tag auf der Intensivstation dachte ich mir, es läuft alles weiter, auch ohne mich. Während der ersten Tage gibt es noch viel Anteilnahme. Schon nach einer Woche aber hört man, dass die Rangeleien um den eigenen Posten beginnen. Wenn nach zwei Wochen dann ein Besucher völlig unaufgefordert berichtet: „Du musst dir keine Sorgen machen, deine Stelle halten wir schon frei“, dann weiß man, wie viel schon über die Nachfolge diskutiert wird und dass man sich nicht so wichtig nehmen darf. Tut das weh? Nein. Wenn man sich erst einmal klar darüber geworden ist, dass man nicht unersetzlich ist, fasst man Vorsätze. Grundlegendere Vorsätze als zu Silvester. Ich habe mir fest vorgenommen, mich nicht mehr derart vereinnahmen zu lassen, nicht mehr wie im Hamsterrad zu laufen. Das bringt letztlich eine innere Distanz zu den Dingen des Alltags und ein Stück Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, was dann auch schon einmal als Querulantentum fehlinterpretiert wird. Für eine Sache zu streiten, ohne sich dafür zu verzehren, ist die Kunst, die man lernen kann. Wenn Sie selbst jetzt so gelassen sind, muss es Ihnen doch schwer fallen, mit den zuweilen hysterischen Reaktionen der Verbraucher umzugehen, die nur schwer nachvollziehen, dass in der Natur Dinge vorkommen, die absolut unbeschwertes Konsumieren nicht möglich machen. Man kann den Stil prägen, etwa im aktuellen Fall der Vogelgrippe. Ich habe mich entschieden für konsequentes Vorgehen bei der Bekämpfung der Seuche, aber für eine besonnene Sprache. Jeden Tag gibt es neue Verdachtsfälle – bei Nutztieren wie bei Wildtieren. Als Politiker kann man schon Einfluss nehmen auf den Umgang mit einer derartigen Entwicklung. Ich kann das Thema anheizen oder dämpfen… Also kommunizieren Sie nicht alles in die Öffentlichkeit? Zu dämpfen heißt trotzdem, verantwortlich mit der Sache umzugehen. Ich muss nicht jeden Verdachtsfall mit fünf Pressekonferenzen begleiten. Vorübergehend war es tatsächlich ruhiger an der Vogelgrippe-Front. Dann kam der Fall in Sachsen. Haben Sie das Problem wirklich im Griff? Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft ja. Aber wir wissen leider noch viel zu wenig, haben keine ausreichenden Erkenntnisse über die Infektionswege. Es gibt keinen Impfstoff für die Tiere, der wirklich mehr Sicherheit bringt. Es ist, wie es mir die Ärzte während meiner eigenen Krankheit immer sagten: „Sie wissen gar nicht, was wir alles nicht wissen.“ Essen Sie zurzeit Geflügel? Ja, natürlich. Ich esse das, was auf den Tisch kommt. Würden Sie Urlaub auf Rügen machen? Selbstverständlich. Allerdings fahre ich seit 1995 nicht mehr in Urlaub, sondern bleibe in meiner Heimat. In Bayern zu bleiben, passt ja auch gut zum künftigen CSU-Vorsitzenden. Das werden Sie nicht erleben, weder jetzt noch in den nächsten Jahren. Trotz aller Diskussionen, die Edmund Stoiber und ich gelegentlich führen, arbeiten wir gut zusammen. Wir wären doch von allen guten Geistern verlassen, wenn wir diese Erfolgskonstellation aufgeben würden. Also ist das Ministeramt im Bund die Endstation Ihrer politischen Träume? Mein Platz ist in Berlin. Einen Wechsel nach München ins Amt des Ministerpräsidenten schließe ich für alle Zeiten aus. Das ist kein Schuss aus der Hüfte. Mein Amt hier ist die Erfüllung meines politischen Lebens. Es wurden Fehler gemacht, die dazu führten, dass die CSU an Kraft und Einfluss verloren hat. Das sehe ich nicht so. In einer großen Koalition hat es der kleinste Partner schwer. Das ist nun einmal die CSU. Darum ist es eine Herausforderung, die Identität zu wahren und Profil zu zeigen. Das aber erwarten unsere Anhänger nicht durch Streit, sondern durch konstruktive Mitarbeit. Da wird es mit dem Profil schwierig… Wir befinden uns in der Reformarbeit derzeit in der Pyrenäen-Etappe. Das wird noch hart und steinig. Das werden wir bis zur Sommerpause spüren. Trotzdem muss man die Dinge nicht mit Hauen und Stechen lösen, sondern in einem vernünftigen Klima. Mit Blick auf die Diskussionskultur müssen wir in Deutschland noch eine Menge lernen. Man muss inhaltliche Auseinandersetzungen als etwas Natürliches begreifen und sie ohne persönliche Herabsetzung betreiben. Ich habe ja auch erfahren müssen, dass eine abweichende Haltung dazu benutzt wird, eine Person zu diskreditieren. Wir sollten etwa die Debatte um die Gesundheitsreform ruhig kontrovers führen. Wenn Union und SPD dann für einige Wochen auseinander liegen, ist das kein Weltuntergang. Wird denn am Ende ein tragfähiger Kompromiss stehen? Ja. Das ist die wichtigste Reform dieser Legislaturperiode. Wie wird der aussehen? Wenn ich das jetzt sage, wird es das Ergebnis nie wiedergeben. Aber ich kann aus langer, langer Erfahrung heraus versichern, es wird ein gutes Modell geben. Das muss auch sein. Denn es gibt den hohen politischen Anspruch, eine Reform zu verabschieden, die über eine Legislaturperiode hinausreicht. Die Menschen und vor allem die junge Generation wollen wissen, wie es langfristig um die Gesundheitsversorgung steht. Und gerade weil die Messlatte hoch gelegt ist – von der Politik wie von der Bevölkerung – kann man sich nicht bloß einen Minimalkonsens leisten. Wie bringen Sie sich da ein? Ich rede mit verschiedenen, die Verantwortung tragen. Das reicht mir. Mir geht es um die große Richtung, dass das Ganze einfach und gerecht ist – und vor allem wirksam. Sie reden also mit Frau Merkel darüber? Ja, auch. Ist die Union ausreichend profiliert und detailkompetent, um der Gesundheitsministerin Paroli zu bieten? Das müssen wir sein, denn Ulla Schmidt ist stark. Es gibt nicht viele, die solche Sachkenntnisse im Tornister haben. Man sollte sie nicht unterschätzen. Da muss man mit höchster Konzentration ans Werk gehen. Das habe ich ja erlebt. Sie müssten sich mit der SPD als Gegenüber doch wohler fühlen, als wenn die FDP der Koalitionspartner geworden wäre. Sie sind geradezu die Inkarnation der Großen Koalition. Nur wegen der Großen Koalition habe ich die Chance bekommen, noch einmal Minister zu werden. Kommen Sie eigentlich manchmal durcheinander? Eigentlich sind Sie doch immer noch der Gesundheitsminister, nicht der für Verbraucherschutz. Man kann sich doch in einer Großen Koalition nicht auf die Ressorts reduzieren, die die eigene Partei besetzt. Es geht doch nicht, dass wir bei den Zuständigkeiten der SPD-Minister sprachlos werden. Umgekehrt gilt das genauso. Insofern ist es doch natürlich, wenn ich mich auch zur Gesundheitspolitik zu Wort melde. Wie läuft das im Kabinett? Es werden häufig Diskussionen geführt, ohne dass sich jeder reduziert auf das eigene Ressort. Niemand fragt dann, wieso Wolfgang Schäuble etwas zur Außenpolitik erklärt, und wieso der Außenminister seine Meinung zur Innenpolitik kundtut. Das ist so ein Unterschied. Es heißt, Frau Merkel moderiere diese Prozesse mehr als dass sie regiere. Wenn Sie an Kabinettssitzungen teilnehmen könnten, würden Sie sehen, es kommt zu Entscheidungen. Die Debatten führen auf den Punkt. Es wird nicht geschwätzt, sondern es wird entschieden, also im Klartext: Es wird regiert. Als Landwirtschaftsminister aus der CSU haben Sie bei den Bauern erst einmal einen großen Sympathievorsprung. Trotzdem werden die Landwirte auch durch Sie nicht leicht für die grüne Gentechnik zu begeistern sein. Ich glaube, es lässt sich leicht erklären, dass die vielen ungelösten Fragen – von der Wirkung auf die Umwelt und Gesundheit bis hin zur Kosten-Nutzen-Relation – nur durch Forschung aufgeklärt werden können. Wer Wissenslücken in der grünen Gentechnik beklagt, muss einverstanden sein, dass sie durch Forschung, auch Freiland-Forschung geschlossen werden. Ich bin deshalb ein glühender Verfechter, bei neuen Technologien die Forschung voranzutreiben. Aber selbst die SPD bremst, obwohl im Koalitionsvertrag steht, dass man die grüne Gentechnik fördern will. Am Ende steht die Union allein da. Wir können und wollen nicht mit dem Kopf durch die Wand. Aber wir können den Menschen klar machen, dass es nicht sein kann, eine Technik hierzulande abzulehnen, dann aber die damit gewonnenen Produkte aus anderen Ländern einzuführen. Wenn Sie irgendwann einmal auf Ihre politische Laufbahn zurückblicken – worauf möchten Sie stolz sein? Ich bin kein Akademiker, komme aus einer Arbeiterfamilie. Niemand hat auf mich früher in Bonn und heute in Berlin gewartet. Trotzdem konnte ich ins Parlament einrücken und kann sogar schon zum zweiten Mal an einer Regierung mitwirken. Dass ich dies ohne jegliches Netzwerk, ohne Hausmacht, Intrigen und Ähnliches geschafft habe – aus eigener Kraft –, darauf bin ich stolz. Und inhaltlich? Es bleibt bei meinem lange schon formulierten Grundsatz, dass bei aller Bedeutung der ökonomischen Fragen zur Politik der Zukunft auch Mitmenschlichkeit gehört. Sinnstiftung und Erfüllung des Lebens sollten nicht dauernd von ökonomischen Fragen verdrängt werden. Die Ökonomisierung unsers Lebens darf nicht alles andere verdrängen. Manche nennen das Sozialromantik. Wenn man aber in schwierigen Situationen ist, weiß man diese zu schätzen. Das Gespräch führten Martina Fietz und Christiane Götz

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