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"Ich war gerne in der FDJ"

Elf Jahre lang arbeitete Angela Merkel in der DDR am Zentralinstitut für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften, ein Leben zwischen Theorie und Mangel, zwischen Nische und Anpassung, zwischen Systemkritik und FDJ.

Eine Femtosekunde ist der millionste Teil einer milliardstel Sekunde. In einer oder vielleicht auch ein paar mehr solcher Femtosekunden reagieren Moleküle. Die Frage, mit welcher Geschwindigkeit diese zerfallen, wenn sich ein Wasserstoffatom von einem Methylradikal CH3 abspaltet, ist experimentell nicht zu beantworten. Sie ist von wenig praktischem Interesse und ohne erkennbaren volkswirtschaftlichen Nutzen. Reine Theorie. Selbst eine Grundlagenforscherin braucht viel wissenschaftlichen Langmut und hohes Abstraktionsvermögen, um sich einer Antwort auf diese Frage zu nähern. Angela Merkel beschäftigt diese Frage sieben Jahre lang. Im Herbst 1978 kommt die frisch diplomierte Physikerin aus Leipzig nach Berlin, forscht fortan in der theoretischen Abteilung des Zentralinstituts für physikalische Chemie (ZIPC) an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Sie bezieht einen alten Schreibtisch in einer kleinen grauen Baracke, streift jeden Morgen ihre Ärmelschoner über und taucht fortan ab in die Welt der Sinuskurven, Femtosekunden und Kohlenwasserstoffmoleküle. Eine junge, kontaktfreudige, aber noch etwas naive Wissenschaftlerin drängt da in einen Club von sieben Männern. Sie gibt sich selbstbewusst. Schon bei der ersten Begegnung mit einem zehn Jahre älteren Kollegen legt die damals 24-Jährige Wert auf die richtige Betonung ihres Vornamens: „Ich heiße Àngela und nicht Angéla“, und da weiß der Kollege: „Die müssen wir erst nehmen.“ Die Akademie der Wissenschaften der DDR war ein Hort der Erkenntnis. Zwar gab auch hier die SED die Linie vor, aber anders als an den Universitäten, wo die systemkonforme Ausbildung der Studenten im Mittelpunkt stand, duldet die Partei hier mehr abweichende Meinungen, mehr kritischen Geist, mehr Nischen. 25 000 Menschen arbeiten an der Akademie, darunter 12 000 Wissenschaftler, Spitzenwissenschaftler, selbst solche mit Weltniveau. Allein auf dem Campus in Berlin-Adlershof arbeiten 8000 Menschen. Es ist eine eingezäunte und privilegierte Welt, mit Poliklinik und Autowerkstatt, mit einer Buchhandlung, in der Bückware in den Regalen steht, und einem „Konsum“, in dem es fast das ganze Jahr Bananen gibt. Die DDR weiß, sie muss ihre geistige Elite materiell ein wenig bei Laune halten. Das Forschen ist ja mühsam genug. Immer wieder hört man in der theoretischen Abteilung des ZIPC sarkastische Kommentare über den fast unmöglichen Kontakt zu Forscherkollegen im Westen oder über den lahmenden russischen Großrechner, der die mühsam gestanzten Lochkarten mal wieder nicht bearbeitet. Dabei kann Angela Merkel von Glück reden, dass es sie hierher verschlagen hat. Die experimentellen Abteilungen des Instituts stehen ganz anders unter Druck. Was hingegen können Theoretiker, die sich mit Methylradikalen und Geschwindigkeitskonstanten beschäftigen, schon zur „konsequenten Intensivierung der Volkswirtschaft“ beitragen? Nichts. Der Sozialismus braucht das nicht, er leistet es sich.

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