Harald Martenstein
Harald Martenstein / picture alliance / Frank May | Frank May

Harald Martenstein im Interview - „Wir haben heute jeden Tag den 29. Januar 1933“

Mit seiner Rede im Hamburger Thalia-Theater hat der Kolumnist Harald Martenstein einen Nerv getroffen. Im Interview spricht er über bedrohte Meinungsfreiheit, gelenkte Demokratie und darüber, warum es nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sehr ungemütlich werden könnte.

Clemens Traub

Autoreninfo

Clemens Traub ist Cicero-Redakteur. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Future For Fridays?“ im Quadriga-Verlag (Bastei Lübbe).

So erreichen Sie Clemens Traub:

Harald Martenstein zählt zu den bekanntesten Kolumnisten des Landes. Der gebürtige Mainzer schreibt für Die Welt und trat bei Bild die Nachfolge von Franz Josef Wagner an, wo er nun die Kolumne „Mail von Martenstein“ verfasst. Dieses Interview wurde als Podcast geführt und findet sich als solcher hier und auf allen gängigen Podcast-Plattformen. 

Cicero Plus

Ohne Abo Lesen

Mit tiun erhalten Sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Cicero Plus Inhalte. Dabei zahlen Sie nur so lange Sie lesen – ganz ohne Abo.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Jens Böhme | So., 19. Juli 2026 - 08:48

Dieser Gedanke ist auch mir gekommen. Die Unsicherheit, die Energiepreisentwicklung, der Abbau von Wohlstand und Arbeit bzw. die Abneigung gegen Leistungswillen und zunehmend staatliche (inklusive EU-) Bevormundung und Betreuung führen dazu. Ähnlich erging es vielen Bürgern in der DDR und in den 1930er Jahren. Wenn eine Entscheidung zwischen Freiheit und U ansteht, ist solch Auswanderungsgedanke natürlich.

Urban Will | So., 19. Juli 2026 - 08:53

Denn es stimmt. Alles was er in dieser Hamburg-Rede sagte, waren Binsenweisheiten. Selbstverständlichkeiten, über die man in einer echten Demokratie eigentlich nicht diskutieren müsste und über die man in Deutschland vor 30 oder 40 Jahren auch nicht diskutiert hat. Es entstanden damals diese Talkrunden (vielleicht auch vorher) und man diskutierte über Politik. Heute geht es hauptsächlich nur darum, wer wann was gesagt hat und ob man deswegen ein Nazi ist. Wenn eine Hayali eine Weidel auf dem Parteitag interviewt, geht es nur um Höcke, Nazi und wer wo wie welcher Gruppierung angehört. Weidel möchte eine andere Politik machen und redet darüber aber niemand aus der linksgrünen Blase interessiert sich dafür, was die machen möchte. Es geht nur um Nazi.
Und ein zweiter Satz Martensteins sticht heraus: Linke akzeptieren Demokratie nur, wenn das herauskommt, was sie möchten. Und das lief bisher gut.
Und daher ist Deutschland seit Jahren keine echte Demokratie mehr, sondern eine gespielte.

Rainer Mrochen | So., 19. Juli 2026 - 09:28

Verstehe ich so, daß hauptsächlich "unnormale" Berufe das Parlamentsdasein bestimmen. So sieht dann auch, gespiegelt, der Zustand des Landes aus. Aber Gedanke beiseite. Deutschland, daß Land der Quoten- und nicht der Qualitätsfetischisten. Selbstverständlich kann es keine Zwangsquote für die Zusammenstellung der Parlamentarier geben. Allerdings stünde die Möglichkeit der direkten Bürgerbeteiligung (Schweizer Modell), als echte Gegenkraft, zur Verfügung. Wenn es um existentielle, gesellschaftliche Fragen geht (wer definiert?); denn selbst hierüber müsste abgestimmt werden, dann kann nur über den Hebel echter Bürgerbeteiligung eine Bürgergesellschaft, entstehen. Was heute zu erleben ist, die Zersplitterung des politischen im speziellen und der Gesellschaft im allgemeinen ist doch lediglich Ausdruck eines gesellschaftlichen Willens dem schon längst Bürgerentscheide zuzubilligen wären. In den ganz großen Rahmen (Brüsseler-EU, Europa, Souveränität des Nationalstaates) passt das alles nicht.

Hans Page | So., 19. Juli 2026 - 10:19

dass man die herrschende Elite nachhaltig abwählen kann. Und das scheint Deutschland unmöglich zu sein.

Deutschland ist dahingehend noch in den Kinderschuhen. Schauen Sie in die USA mit deren politisches System. Da ändert sich seit Jahrhunderten nichts. Immer dieselben an die Macht gewählt. Die Präsidentschaftskandidaten müssen eigenständig Wahlkampfgelder einsammeln. Das geht nur über monetär potente und einflussreiche, politische Organisationen und Wirtschaftsgiganten. Da ist das "Präsidentenamt in Demokratie kaufen" perfekt umgesetzt.

Dr. Oliver Strebel | So., 19. Juli 2026 - 11:05

Genau so wie beim Parteitag kürzlich in Erfurt wird es mE. bei einer eventuellen Machtübernahme der AfD in Magdeburg unspektakulär ablaufen. Folgende Szenarien sind denkbar:

40%: Die AfD verkracht sich und verliert innerhalb von 1 bis 2 Jahren die Mehrheit in Magdeburg, denn es sind die Hälfte der AfD-Parlamentarier Neulinge und die AfD ist voller "Charaktere", die sich wegen Nonsense zoffen. Auch wurden in Erfurt 3 Berufslose (Tritschler und 2 andere) in den AfD-BV gewählt, also solche, die nicht einmal ihr eigenes Leben im Griff haben. Können solche sinnvoll parlamentarisch arbeiten?

20%: Die AfD realisiert die Sozialpolitik aus ihrem Programm (Führerscheinbeihilfe uvam) und wird für Jahrzehnte die dominierende linke Volkspartei im Osten.

40%: Irgendetwas anderes, weil die Welt so bekifft bzw. beschwipst ist, dass sie unberechenbar ist. Oder irgendetwas, was ich einfach nicht auf dem Schirm habe.

Das Gros der AfD distanziert sich seit über 10 Jahren sehr glaubwürdig von Gewalt, denn es wurden fast keine AfD-Funktionäre wegen politischer Gewalttaten verurteilt.

Wie sich Höcke eine Machtübernahme vorstellt, hat er in seinen stundenlangen Laberinterviews auch durchblicken lassen: die Ministerien werden in einem gefühligen Happening a la DDR-Wende von den herrschenden Schergen befreit. Höckes Denkfehler ist jedoch, dass die Schergen ihn ins Parlament gelassen haben, sowie ihn und seine Partei finanziert haben. Das ist schon ein großer Unterschied zur DDR.

Aber weil viele in der AfD so seltsam sind, kann man einen gewaltsamen Umsturz nur zu mehr als 99% aber nicht zu 100% ausschliessen. In diesem Fall werden die Gegner der AfD durch das Ausland derart mit Waffen und Aufklärungsdaten zugeschüttet, dass kein AfDler mehr in der Nase popeln kann, ohne dabei gefilmt zu werden. Etwaige AfD-Umstürzler haben ganz, ganz schlechte Karten ;).

Ingbert Jüdt | So., 19. Juli 2026 - 11:17

... vom Tragen des Sterns angesprochen, und bin sehr gespannt, ob mein Kommentar wirklich »von Website-Administratoren geprüft« werden oder bloß von der KI blind verschluckt wird.

Spielt es eine Rolle, ob von Moderator oder KI abgelehnt? Wenn meine Kommentare "geprüft" - auf deutsch abgelehnt werden - ist es mir einerlei, von wem, da es meine Meinung nicht ändert. Und so kriegs- oder friedensentscheidend ist meine nichtveröffentlichte Meinung nicht.

Ingbert Jüdt | So., 19. Juli 2026 - 14:56

Antwort auf von Jens Böhme

... denn darin drückt sich die Beziehung zwischen Redaktion und kommentierender Leserschaft aus, die ja ausdrücklich zur Diskussion eingeladen wird. Wenn tatsächlich nur der KI die Entscheidung obliegt, dann ist die Rückmeldung nach Absendung eines Kommentars nämlich irreführend und müsste korrekterweise lauten: »Ihr Kommentar wurde auf Gedeih oder Verderb unserem KI-Guardrailing überstellt. Lasciate ogne speranza, voi ch'intrate!«

Wenn mir die Rückmeldung aber menschliche Begutachtung verspricht, dann gehe ich davon aus, dass ich nicht bloß von Triggervokabeln blockiert worden bin, sondern der Sinngehalt meines Kommentars aus Redaktionssicht nicht erwünscht ist.

Das mag mir dann nicht passen, aber ich lerne etwas über die »Grenzen des Sagbaren« im betreffenden Magazin.

Dorothee Sehrt-Irrek | So., 19. Juli 2026 - 11:35

zwischen links, rechts und konservativ.
Aus diesem "konservativ" machte man evtl. die "Mitte der wissenschaftlichen Wahrheit", obwohl sie bei den Linken eben links, den Rechten rechts und den Konservativen konservativ war?
Irriger Ansicht nach war das dann jeweils "die Säule des Himmels, der Freiheit oder der Gerechtigkeit""?
Als Altlinker kennt man das z.B. von der DKP?
Ich war nicht deshalb gegen die Berufsverbote, weil ich den Ansatz der DKP so toll fand, sondern weil ich nicht ausschliessen wollte und auch eine generelle Anfrage beim Verfassungsschutz für überzogen hielt.
Entscheidend sind für mich Begründungen.
Ich persönlich fand von Beginn ihrer Kanzlerinnenwahl an Frau Merkel Begründungen teils "kindlich, empathisch oder haarsträubend".
Dennoch hatte ich bei einer promovierten Physikerin nicht mit ihrem Ausstieg aus ihrem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergie gerechnet-> "neue Überlegung" , auch nicht mit "ihrem freundlichen Gesicht" und nicht mit "Zwangs"-Impfungen...

Klaus Elbert | So., 19. Juli 2026 - 11:48

Martenstein: Boris Palmer hat Tübingen klimaneutral gemacht. KI sagt: die Behauptung, Tübingen sei bereits komplett klimaneutral, beruht auf einem Missverstandnis zwischen dem bereits Erreichten und dem gesetzten Ziel. 2019 hat der Tübinger Stadtrat beschlossen, die energiebedingten Co2-Emissionen bis 2030 auf Netto-Null zu senken. Unter Palmers Amtszeit (seit 2007)konnte die Stadt die Co2-Emissionen pro Kopf um 45 % senken. Aktuell räumt Palmer ein, dass der Stadt erhebliche finanzielle Mittel fehlen, um die notwendigen Maßnahmen zur Erreichung der beschlossenen Klimaneutralität umzusetzen.

Boris Palmer, OB von Tübingen - Bündnis 90/Die Grünen grüßt herzlichst die Kritiker der Impfung:

„Für Leute wie Sie, muss die Impfpflicht her. Wenn nötig mit Beugehaft.“
Bild.de 21.12.2021
“ kein Geld mehr bis zur Vorlage der Impfbescheinigung.“
Stuttgarter Zeitung 21.12.2021
.... die Impfpflicht ab dem Alter von 60 Jahren. Ein Verweigerer-Bußgeld von 5.000 Euro bringe eine Impfquote von 98 %.
SWR 13.1.2022

Kommentar: Wir werden euch das nie vergessen und auch nie verzeihen!

Hans Süßenguth-Großmann | So., 19. Juli 2026 - 11:55

wird auf jeden Fall, das Ende der gewohnten Ordnung einläuten. Gewinnt die AfD beginnt die Presse über die Machtübernahme zu faseln und die Hysterie erreicht absolute Höhepunkte, wenn nicht, haben wir die "Nationale Front des demokratischen Deutschland" und man sollte das DDR -Wahlsystem anwenden, damit keine "Machtübernahme" der AfD passiert. Jeder bekommt einen Zettel und steckt ihn brav in die Urne. "Wählt schon früh die Kandidaten, denn dann seit ihr gut beraten" DDR Wahlkampflosung von 1968.

Eine Machtübernahme ist eine normale demokratische Prozedur, denn eine frisch gewählte Regierung übernimmt die Exekutivmacht. Das wurde bisher nach jeder Wahl in der BRD durchexerziert.

Das Wort Machtergreifung wird im Deutschen im Zusammenhang mit 1933 verwendet. Dazu gehört die Erschießung von höheren Polizeioffizieren in ihren Büros durch die SA in Preussen ab Februar 33 und die Verschleppung von entsprechenden Ermittelungen durch Reichsinnenminister Göring, der aufgrund des Preussenschlags auch preussischer Innenminister war.

Dazu gehört auch der SA-Terror gegen SPD und KPD, sodaß bei der Wahl am 5.3.1933 schon einige Kandidaten dieser Parteien ins Ausland geflüchtet waren.

Viele Medien werden mE. daher von Machtergreifung reden.

Christa Wallau | So., 19. Juli 2026 - 12:21

besonders hervorheben möchte, ist folgendes:

"Es gibt in jedem freien Land rechte und linke Parteien. Das ist n o r m a l. Wenn man sich nicht damit abfinden kann, dass es auf der anderen Seite des politischen Spektrums Menschen mit anderen Vorstellungen gibt, dann ist man eben kein Demokrat oder keine Demokratin."

Genau das ist der Kern des Übels, das in Deutschland herrscht.
Es ist den Linken gelungen, a l l e Rechten zu diskriminieren!
Faktisch bedeutet dies: Jeder, der die linken Überzeugungen nicht teilt, wird automatisch abgewertet.
Dadurch entsteht eine schiefe Ebene, auf welcher der Staat abwärts rutscht statt auf festem Grund zu stehen. Irgendwann beschleunigt sich das Tempo des Rutschens, und der Absturz droht.
Es wird allerhöchste Zeit, alle Bremsen zu ziehen, daß es nur so quietscht! Wenn dabei - was leider unvermeidlich ist - eine Menge kaputt geht, so ist das eine "quantité négligeable" gegenüber den Zerstörungen, die bei einem kompletten Absturz entstehen.

Ingo Frank | So., 19. Juli 2026 - 16:00

Meinungsfreiheit ?
Ich kann mich noch sehr genau an die TV-Bilder der schier unendlichen Schlangen auf Deutschlands grenznahen Straßen aus Richtung Österreich erinnern. Vor allem an die dazugehörigen Fernsehkommentare, die von kriegsgeschwächten, traumatisierten und gebeutelten syrischen Familien mit Kindern berichteten.
Wir sahen uns die Beiträge gemeinsam an und meine erste Reaktion auf die Bilder und die dazugehörige Berichterstattung war: wollen „die“ uns verarschen ? Wir sahen kaum Familien, wenig Kinder und in der absoluten Mehrheit junge Männer, gut genährt und frisiert in Jeans und Marken- Turnschuhen ……
Als dann uns dann noch eine Familie „vorgeführt“ wurde und deren Erwartungen an Deutschland …. „Zuerst suchen wir uns ein Haus in einer schönen Gegend, und danach eine gute Arbeit“ bestätigte sich mein erster Eindruck.

I ü bezeichnete S. Gabriel die die gegen eine Flüchtlingsunterkunft im Osten demonstrierten nicht als „Unholde“ er sprach von Pack🤮
MfG a d Erf. Republik

H. v. Weissensand | So., 19. Juli 2026 - 18:07

eine solche Sprengkraft besitze liegt auch daran, dass wir im Schloss Bellevue und auf den Bischofsstühlen beider Kirchen intellektuelle Totalausfälle sitzen und statt die Gesellschaft zu einen, die Spaltkeile tiefer treiben.