Hans-Joachim Maaz - „Der Westen gehört auf die Couch“

Nach der tödlichen Messerattacke auf einen 35-jährigen Deutschen in Chemnitz verhinderte die Polizei mühsam, dass rechte und linke Demonstranten aufeinander losgingen. Die Ausschreitungen sind symptomatisch für die Entfremdung der Ostbürger vom Staat, sagt Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz

Chemnitz: ein Ort der Trauer und rechter Ausschreitungen / picture alliance

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Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Reporterin und Autorin. 

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Hans-Joachim Maaz gilt als einer der besten Kenner der ostdeutschen Seele, seit er 1990 sein Buch „Der Gefühlsstau“ herausgebracht hat. Darin  untersucht der renommierte Psychoanalytiker den Einfluss von staatlicher und familiärer Repression im DDR-System auf die Psyche der Bürger.

Herr Maaz, in Chemnitz hat die tödliche Messerattacke auf einen 35-jährigen Deutschen dazu geführt, dass rechte Fußballfans Jagd auf Menschen gemacht haben, die ausländisch aussehen. Hat die Polizei in Sachsen vor der rechten Gewalt kapituliert?
Tut mir Leid, aber in meinen Augen geht die Frage in die falsche Richtung.

Warum?
Meine Frau kommt aus Chemnitz. Wir haben dort Freunde und Verwandte, Und von denen wissen wir, dass auch ganz normale Bürger gegen dieses Verbrechen auf die Straße gegangen sind. Es sollen auch Hooligans und Rechtsextreme dabei gewesen sein. Aber darf man deshalb alle Demonstranten  in die rechte Ecke stellen? Diesen Fehler haben die Medien gemacht. Und das führt dann zu solchen Beschimpfungen wie „Lügenpresse“. Die Menschen haben das Gefühl, sie dürften sich nicht mehr darüber empören, dass Ausländer Morde begehen.

Aber ob dieser Mord ein Mord war, weiß man doch noch gar nicht. Man hat zwei mutmaßliche Täter verhaftet, der eine ist Iraker, der andere Syrer. Die Hintergründe der Tat sind aber noch überhaupt nicht geklärt.
Komisch, oder? Warum dauert das so lange?

Sie unterstellen der Polizei, dass sie Informationen bewusst zurückhält?
Na ja, die Kriminalität von Migranten ist ein Thema, das nicht gern öffentlich diskutiert wird. Es wird entweder zurückgehalten oder bagatellisiert. Und damit wird das eigentliche Problem geleugnet.

Wollen Sie damit sagen, die Wut, die sich bei der Jagd auf ausländisch aussehende Mitbürger entladen hat, richtet sich eigentlich gegen die Polizei?
Nein, um die Polizei geht es nicht. Viele Bürger sind enttäuscht darüber, was aus der Wiedervereinigung geworden ist und über die aktuelle Politik der Bundesregierung.  

Sie meinen die Flüchtlingspolitik?
Genau. Diese Politik wird so erlebt: Migranten werden fast vorbehaltlos unterstützt und subventioniert. Es wird nicht differenziert nach Asylbewerbern und Wirtschaftsflüchtlingen. Viele Ostdeutsche haben das Gefühl, sie seien vergessen worden – vor allem Hartz-IV-Empfänger, Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, Alte und Familien in Armut.

Es ist das klassische Klischee des Jammer-Ossis.
So höre ich das aber immer wieder. Dass da eine Ungerechtigkeit besteht. Ich möchte keinen Beitrag  zum Sachsen-Bashing leisten, denn die Menschen im Osten haben doch sogar einen Vorteil gegenüber den  Menschen im Westen.  

Wieso?
Erstens sind sie kapitalismuskritischer. Sie haben gelernt, dass es um mehr als den Profit geht, nämlich um zwischenmenschliche Beziehungen. Zweitens haben sie ihre Erfahrungen in der DDR misstrauisch gemacht gegenüber der Obrigkeit. Sie haben den Bonzen nicht alles geglaubt. Das ist so ein Misstrauen, das jetzt auch der Politik im Westen entgegenschlägt.

Heißt das bezogen auf Chemnitz: Das Verbrechen hat nur eine Wut getriggert, deren Ursachen viel weiter zurückreichen  –  bis in die Jahre der Wende?
Ja und Nein. Ich bin davon überzeugt, wenn von Anfang an gesagt worden wäre, hier ist ein schreckliches Verbrechen geschehen, das hat etwas mit dem Problem der Migration und Integration zu tun, hätte das schon etwas Druck aus dem Kessel genommen. Die Menschen hätten nicht so erbost reagiert.

Müsste nicht der Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach Chemnitz kommen, um die Fronten zu klären?
Ja, unbedingt. Und die Bundeskanzlerin müsste der Familie des Opfers kondolieren. Die Bürger warten auf ein klares Signal der Politik: Ein Verbrechen ist geschehen. Wir haben etwas grundsätzlich falsch gemacht mit der Integrationspolitik. Wir müssen das in Ordnung bringen. Aber das geschieht nicht. Die Medien berichten jetzt nur über die Proteste auf der Straße, nicht über das Verbrechen. Man hat den Eindruck, hier werden Ursache und Wirkung verwechselt.

Ausländerfeindlichkeit gibt es auch im Westen. Wieso hat sie im Osten eine stärkere Dimension?
Das hängt mit dem Frust über die verunglückte Wiedervereinigung und mit dem Protest gegen westliche Vorherrschaft zusammen. Viele Bürger fühlen sich durch die Flüchtlingspolitik zurückgesetzt. Es ist nicht angemessen, dafür Menschen verantwortlich zu machen, die zugewandert sind. Die Kritik müsste sich an die Regierung richten. Die Angst der Bürger ist aber völlig berechtigt. Und die Medien täten gut daran, diese ernst zu nehmen, statt die Menschen alle als Rechtsextreme abzustempeln. Die unkontrollierte Migration bringt den Sozialstaat zunehmend in Bedrängnis.

Aber das rechtfertigt doch noch lange nicht, dass Bürger Jagd auf Menschen machen, denen sie aufgrund ihres ausländischen Aussehens kriminelle Energien unterstellen.
War das wirklich so? Wenn es so gewesen sein sollte, muss das natürlich geahndet werden. Aber mein Blick als Psychoanalytiker geht in eine andere Richtung. Ich frage mich, wie es dazu kommen kann, dass Menschen gewaltbereit werden – egal, ob rechts oder links. Die Politik muss klären: Woher rührt diese Gewaltbereitschaft? Die Täter nur zu verurteilen, bringt uns nicht weiter. Wir müssen die Ursachen ergründen.

Hans-Joachim Maaz

Welche Konsequenzen sollte die Politik denn jetzt aus den Ereignissen von Chemnitz ziehen?
Es sind auch Psychotherapeuten und Sozialarbeiter gefragt. Sie könnten helfen, nach Ursachen zu forschen und nach persönlichen und realen Bedrohungen zu differenzieren.

Der Osten gehört auf die Couch?
Als Psychoanalytiker finde ich sowieso, dass alle Menschen auf die Couch gehören, ohne dass sie krank sein müssen. Es ist immer gut, sich selbst besser zu verstehen. Im Moment sehe ich das allerdings eher anders herum: Der Westen gehört auf die  Couch.
 
Warum?
Einen Protest, der auf eine falsche Politik hinweist, halte ich im Moment für progressiver als eine Politik des sich Durchwurschtelns, wie sie die Bundesregierung gerade praktiziert. Dagegen erscheint mir der Osten fast wie eine Avantgarde.

In Sachsen steht nicht nur die Wiege der Pegida. Hier kommt es auch immer wieder zu Übergriffen auf Flüchtlinge. Warum passiert das gerade dort?
Das weiß ich auch nicht. Ich bin ja selbst dort aufgewachsen. Ich kenne die Sachsen als kommunikative Menschen, die sagen, was sie denken. Sie sind helle. Das erlebe ich als positiv. Dagegen suggeriert Ihre Frage, dass der Protest der Sachsen etwas Böses ist. Damit zeichnen Sie aber ein verzerrtes Bild. Vielleicht kommen wir irgendwann dahin, zu erkennen, dass die Proteste auch etwas Positives haben.

Was denn?
Sie machen etwas sichtbar, was wir sehen müssten. Wir wollen aber nicht sehen, dass unser bisheriger Lebensstil eine kritische Grenze erreicht hat. Zu den sozialen Problemen und den Umweltproblemen kommen jetzt auch noch die Probleme mit der Migration. Pediga ist der unbeliebte Außenseiter, der darauf aufmerksam macht.

Ist Sachsen ein „failed state“?
Im Gegenteil. Sachsen ist im Moment ein wichtiges Land, weil es schmerzliche Wahrheiten verkörpert, die vor allen Dingen die Politiker im Westen nicht wahrhaben wollen.

Zur Demo am Dienstag sollen 6.000 Rechte aus der ganzen Bundesrepublik nach Chemnitz angereist sein. Holt sich der Osten Hilfe aus dem Westen, oder wird er von Rechten aus dem Westen instrumentalisiert?
Ich habe Zweifel an dieser Zahl. Ich weiß nur, dass viele Chemnitzer Bürger auf der Straße waren. Wenn es aber stimmen sollte, dass sich Rechte oder auch Linke Verstärkung über das Internet mobilisiert haben sollen, dann wäre es erst recht ein Signal an die Politik, sich zu fragen, weshalb Menschen nur auf eine Gelegenheit warten, um zu protestieren. Das zeigt doch: Wir leben wie auf einem Pulverfass.

Wenn das common sense sein soll, wieso hat sich sich die Polizei dann nicht in angemessener Stärke auf die Demos am Dienstag vorbereitet?
Ich glaube, dass die Politik und die Polizei noch gar nicht erkannt haben, wie ernst die Lage ist.

Jetzt ist der Rechtsstaat in Sachsen wieder in den Fokus der Kritik geraten. Warum ist Sachsen-Bashing eigentlich so beliebt?
Es gibt eine allgemeine Angst vor sozialen Verschlechterungen. Die Leute fragen sich, inwieweit sich der politische Islam ausbreitet und wie stabil der Euro ist.

Die AfD profitiert von der Politikverdrossenheit. In Sachsen, wo nächstes Jahr ein neuer Landtag gewählt wird, liegt sie gerade bei 24 Prozent. Ist die Partei eine Chance oder eine Gefahr für die Demokratie?
Sie ist notwendig für die Demokratie. Bevor die AfD in den Bundestag einzog, hat es keine wirkliche Opposition gegeben. Von den Grünen und der Linken bin ich persönlich sehr enttäuscht. Es waren die einzigen Parteien, die Kritik geübt hatten an einer überzogenen kapitalistischen Politik. In diese Lücke ist die AfD gesprungen – als Protestpartei.

Wird alles besser, wenn die AfD im Osten mitregiert?
Nein, ich glaube, man kann sich nicht wünschen, dass die an die Regierung kommt. Dann geht es auch ihr wieder nur um Macht und Geld. Was wir jetzt brauchen, ist weiterhin eine starke Opposition.

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