Generation Y - Work-Life-Bullshit

Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Es übernimmt eine Generation das Ruder, die noch im Vorstellungsgespräch ihre Freizeit regelt, die Work-Life-Balance sucht und weniger statt mehr Arbeit propagiert. Vielleicht aber sollte ein Umdenken stattfinden. Wir arbeiten nicht zu viel, wir haben nur die falschen Jobs

Holzhacken gegen Burnout
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Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Es ist morgens, noch vor dem Frühstück. Er arbeitet. Es ist Nachmittag, wir trinken Kaffee. Er arbeitet. Es ist Sonntagmittag. Er arbeitet. Samstag? Hat er auch gearbeitet. Ist er unzufrieden? Meckert er? Nein. Das neue Leben als Bauer hat aus ihm einen Workaholic gemacht. Einen ziemlich glücklichen Workaholic. Und als Frau Bauer betrachte ich mit Wohlwollen, wie da draußen Ställe in die Höhe, Zäune in die Breite, Tomatenpflänzchen, Stachelbeersträuche und Birnenbäume in alle Richtungen wachsen.

Work-Life-Bullshit
 

Und ich denke um. Öffentlich mokierte man sich vor einiger Zeit über diese doofen Amis, die im Schnitt 500 Stunden mehr arbeiten als der Deutsche, wie die Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf schrieb. Die leben wohl nur, um zu arbeiten. Was für eine kranke Moral. Work-Life-Balance ist das Motto der Stunde. Eine Generation, die schon in Vorstellungsgesprächen eine gehörige Portion Freizeit eintütet, übernimmt das Ruder.

Aber ist das der richtige Weg? Kann „Life“ etwas anderes sein als „Work“? Thomas Vašek, Chefredakteur eines Philosophiemagazins, verteidigt in seinem Buch „Work-Life-Bullshit. Warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt“ leidenschaftlich ein Leben voller Arbeit. Er propagiert, dass das Leben erst durch die Arbeit lebenswert wird. Arbeit mache glücklich, kreativ, schaffe Identität. Unsere Arbeit heute läuft deutlich gesünder ab, wir arbeiten weniger – und doch steigt die Zahl psychischer Krankheiten im Job. Vašeks Erklärung: Davon gebe es nicht mehr, sie werde nur erst in einer Welt mit viel „Life“ und wenig „Work“ sichtbar, weil sich der Mensch dann viel mit sich selbst beschäftige.

Dass es auch schlimme, entwürdigende Arbeit gibt, liegt auf der Hand, aber auch Freizeitgestaltung kann entwürdigend und sinnlos sein. Der Gedanke kommt mir immer öfter, seitdem wir hier auf dem Land beim Holzstapeln und -hacken ins Schwitzen kommen, während in der Stadt glänzende Oberkörper hinter Glas auf Fitnessgeräten herumjuckeln.

Es geht nicht darum, wie viel jemand arbeitet. Es geht darum, welche Arbeit er macht. Und für wen er sie macht. Gute Arbeit, so Vašek steht im Einklang mit unseren Werten und Gefühlen, bereichert, vermittelt (nicht nur finanzielle) Anerkennung, fördert soziale Bindungen, findet das Maß zwischen Über- und Unterforderung, enthält frei verfügbare Zeit und erzeugt Gewohnheiten.

Identikfikation statt Arbeit
 

Heute kommen aber mehrere Dinge zusammen: Wir arbeiten viel, vor allem aber arbeiten wir häufig für Unternehmen, mit denen wir nur eine Episode unseres Lebens verbringen. Identifikation kommt so keine auf. In vielen Branchen rechnen die Mitarbeiter ständig damit, dass ein Projekt beendet, eine Finanzierung abgesagt, ein Pitch verloren oder eine Unternehmenssparte abgestoßen wird. Wer aus dieser Unsicherheit eine Tugend macht und sein Arbeitsglück in die Hand nimmt, kann davon profitieren. Wer unter seiner Arbeit leidet, der hat den falschen Beruf. Und nur er selbst kann versuchen, etwas daran zu ändern.

In der Debatte um die Einführung des Mindestlohns argumentieren Politiker wie die CDU-Vizechefin Julia Klöckner, dass „jemand, der die Ausbildung noch nicht hat, sagt [...]: Warum soll ich denn eine Ausbildung fertig machen, wenn ich die Kohle jetzt kriege?“ Dahinter steckt der Irrglaube, dass junge Menschen einem Scheißjob mit Mindestlohn hinterherhecheln und dafür eine Ausbildung sausen lassen. Es ist genauso ein Irrglaube, wie der Mythos des faulen, antriebsarmen und unsozialen Hartz-IV-Empfängers. Die Ruhr-Universität Bochum veröffentlichte vor kurzem die Erkenntnisse einer Studie, nach der Arbeitende und Arbeitssuchende etwas ganz anderes voneinander unterscheide: Jenen, die seit längerer Zeit nicht in den Arbeitsmarkt hineinfinden, fehlen, so die Studie, Führungsmotivation, Wettbewerbs- und Teamorientierung.

Es gilt also herauszufinden, welches Betätigungsfeld dem Einzelnen liegt, welche Arbeit für ihn „gut“ ist. Und es geht nicht darum, jeden Menschen auf Teufel kommt raus in ein Arbeitsumfeld zu pressen, in dem Teamgeist, Führungswille und Ellenbogen gefragt sind.

 

 

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