Sensation beim BND - Die Wiederentdeckung der „Kartei-Gehlen“

Reinhard Gehlen hat als BND-Chef eine Sonderkartei über deutschen Politikgrößen angelegt. 40 Jahre blieben Inhalt und Umfang der Kartei unbekannt. Nun hat eine Historikerkommission Teile des Geheimnisses gelüftet. Auch Konrad Adenauer war an dem Machtmissbrauch beteiligt 

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Willy Brandt sei ein „großer Arbeiter, aber erheblicher Streber“, notiert der damalige BND-Chef Reinhard Gehlen Anfang der 1960er Jahre. Brandt war damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin, er sei „den Berlinern jedoch nur durch die Alliierten aufgeschwatzt“ worden, glaubt Gehlen (Foto: picture alliance). Die respektlosen Notizen des BND-Chefs über den SPD-Politiker sind jetzt im Archiv des Geheimdienstes wiedergefunden worden. Sie stammen aus einer berüchtigten „Sonderkartei“ über prominente Politiker, Wissenschaftler und Journalisten, die Gehlen persönlich bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst 1968 führte.

Privatkartei mit „besonders delikaten Dingen“


Die Existenz dieser Kartei war erstmals 1974 im Zuge der Guillaume-Affäre bekannt geworden. Nach dem Auffliegen des Stasi-Spions Günter Guillaume, der damals persönlicher Referent von Bundeskanzler Brandt war, hatte der Bundestag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Vor dem Gremium bestätigten führende BND-Mitarbeiter, dass Gehlen rechtswidrig eine große Zahl von Geheimdossiers über bundesdeutsche Politiker angelegt hatte. Nur der BND-Präsident selbst habe Zugriff darauf gehabt. Ein BND-General bestätigte seinerzeit, dass in dieser Privatkartei seines Chefs „ganz besonders delikate Dinge“ verzeichnet gewesen seien, die als „Führungs-Unterrichtung“ nur an den Präsidenten gegangen seien.

Umfang und Inhalt der „Sonderkartei“ blieben vor 40 Jahren aber unbekannt. Die Dossiers waren von Gehlens Nachfolger, Gerhard Wessel, 1969/70 vernichtet worden, Gehlen selbst verweigerte jede Auskunft. So schossen Spekulationen ins Kraut, wonach in diesen Dossiers auch allerlei schlüpfrige und kompromittierende Details aufgeführt waren - etwa zu sexuellen Vorlieben, Korruptionsgeschichten oder politischen Geheimkontakten.

500 Seiten über 210 Persönlichkeiten


Der Schleier über Gehlens Privatkartei ist jetzt ein wenig gelüftet worden. Auf einer Tagung der Unabhängige Historikerkommission, die die Geschichte des BND und seines Vorläufers, der „Organisation Gehlen“, von 1945 bis 1968 aufarbeiten soll, wurden am Montagabend in Berlin erste Erkenntnisse darüber öffentlich gemacht. Die Vorstellung des Sensationsfundes im BND-Archiv war Bodo Hechelhammer vorbehalten, der zwar kein Mitglied der Kommission ist, als Chefhistoriker des Geheimdienstes aber eng mit den unabhängigen Wissenschaftlern zusammenarbeitet.

Hechelhammer zufolge sei man bei der Auswertung von Archivdokumenten auf „verstreute Akten“ aus der Sonderkartei gestoßen. Auch habe man einzelne Dossier-Inhalte rekonstruieren können. Anhand der Übergabe- und Vernichtungsprotokolle 1969/70 konnte man zudem einen, wenn auch vermutlich nicht vollständigen Überblick des Umfangs der Kartei erhalten.

Danach seien in der Gehlen-Kartei insgesamt 210 Persönlichkeiten erfasst gewesen, deren Dossiers jeweils zwischen einer und 500 Seiten stark waren.

Erfasst darin waren Politiker aller Bundestagsparteien – die meisten von der SPD (39 Prozent), gefolgt von CDU (36), FDP (14) und CSU (9). Den dicksten Ordner hatte der CSU-Politiker Franz Josef Strauß; aber auch Adenauers rechte Hand, Kanzleramtschef Hans Globke, sowie Herbert Wehner (SPD), Wolfgang Döring (FDP) und Jakob Kaiser (CDU) waren neben Brandt und vielen weiteren namhaften Politikern in der Kartei vertreten. Neben Politikern enthielt die Kartei auch Informationen über Spiegel-Gründer Rudolf Augstein und die – von Adenauer kurzzeitig als Kommunistin (!) verdächtigte – Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann. Darüber hinaus gab es auch Sammelordner über den Springer Verlag und den Spiegel.

Politiker und Journalisten verrieten gegen Geld exklusive Informationen


In den Dossiers waren laut Hechelhammer Einzelerkenntnisse des Dienstes notiert, die bei der Aufklärung angefallen und für den Chef Gehlen aussortiert worden waren. Ein Teil der Informationen stammten von sogenannten Sonderverbindungen des BND – Journalisten, Politiker, Wissenschaftler, Ministerialbeamte, die gegen einen Obolus in Form von Exklusivinformationen oder aber auch Geld ihr Hintergrundwissen an die BND-Führung weitergaben. Auch Zeitungsartikel befanden sich in den Akten, persönliche Korrespondenzen, Einschätzungen Dritter. „Intime Details jedoch wurden bislang nicht gefunden“, sagte der BND-Chefhistoriker. Auch Hinweise auf ein Dossier über Willy Brandt und seine angeblichen Frauengeschichten, über die anlässlich seines Rücktritts 1994 spekuliert wurde, fanden sich nicht.

Inhaltlich unterschieden sich die Dossiers nach bisherigem Kenntnisstand erheblich. In den Ordnern über Strauß und Globke etwa, denen Gehlen besonders zugetan war, fanden sich vor allem Unterlagen zu Diffamierungskampagnen aus Ostdeutschland und kritischen Presseberichten. In der Akte Globke spielt zudem der Prozess in Israel gegen Adolf Eichmann eine Rolle. Hier hatte der BND mit Rückendeckung Adenauers in Tel Aviv durchgesetzt, dass Globke – der als Chefkommentator der Nürnberger Rassegesetze eine Mitverantwortung für den Holocaust trug – im Prozess nicht als Zeuge auftreten musste.

Gegen Wehners Wiedervereinigungspläne


In der 37 Dokumente umfassenden Akte Wehner sind unter anderem Berichte über einen Besuch des SPD-Politikers beim jugoslawischen Präsidenten Tito abgelegt. Noch bis zuletzt sammelte Gehlen zudem Informationen über Wehners Zeit im kommunistischen Widerstand. In dem Dossier findet sich der Vermerk, der BND werde das Kanzleramt über den Politiker informieren, um Rednerauftritte Wehners zu Wiedervereinigungsfragen im Bundestag zu verhindern. Anlass war ein Ende 1958 von Wehner angestoßene Initiative zur Wiedervereinigung.

Augsteins Dossier schließlich enthielt laut Hechelhammer insgesamt 11 Dokumente. Darin ging es unter anderem um dessen möglichen Ausschluss aus der FDP, um einen Auftritt in der Redaktionskonferenz der Süddeutschen Zeitung sowie angebliche finanzielle Probleme.

„innenpolitischer Machtmissbrauch“ - mit dem Wissen Adenauers


Untergebracht war die Sonderkartei in einem Raum unmittelbar unter dem Dienstzimmer des BND-Präsidenten in Pullach. Nur er selbst und seine langjährige Vertraute und Sekretärin Annelore Krüger hatten dort Zugang. Hechelhammer spricht von einem „kontrollierten Zugriff“ auf sensible Informationen, mit denen Gehlen „seine politische Position in der innenpolitischen Landschaft festigen“ wollte. Der BND-Präsident habe Strauß, vor allem aber Globke – mit dem er fast täglich Kontakt hatte – mit nachrichtendienstlichen Informationen versorgt, um sich selbst unentbehrlich zu machen. Hechelhammer zitierte in diesem Zusammenhang den 1961 enttarnten KGB-Spion im BND, Heinz Felfe. Der hatte in seinen Erinnerungen den Dienst als „Privatdetektivinstitut von Globke“ bezeichnet.

Klaus-Dietmar Henke, Vorsitzender der Unabhängigen Historikerkommission, nannte das damalige Vorgehen Gehlens „innenpolitischen Machtmissbrauch“. Allerdings hätten er und sein Dienst nicht eigenmächtig gehandelt. Vielmehr habe Gehlen mit Wissen und Wollen von Kanzler Adenauer die rechtlichen Grenzen überschritten, auch weil die beiden „eine übereinstimmende ideologische Grundüberzeugung verband“.

Gehlen sei „von einem zwanghaften, erratischen Antikommunismus geprägt“ gewesen, der dazu führte, dass er „alles links vom konservativen Mainstream“ als Gegner und potenziellen Sowjetspion einstufte. Das traf vor allem führende Politiker aus SPD und FDP, aber auch prominente Christdemokraten wie die beiden aus der DDR geflüchteten Politiker Ernst Lemmer und Jakob Kaiser sowie  parteiinterne Widersacher von Adenauer wie Eugen Gerstenberger. Über alle diese Persönlichkeiten ließ Gehlen für das Kanzleramt sensible politische und persönliche Details in Erfahrung bringen. Henkes Fazit: Eine Persönlichkeit wie Reinhard Gehlen, der den Geheimdienst vor allem als politisches Machtinstrument des Kanzlers verstanden hat, „ist für den heutigen BND nicht traditionsfähig“.

Ob der Dienst das auch so sieht und entsprechende Konsequenzen in seinem historischen Selbstbild zieht, wird sich in gut zwei Jahren zeigen. Dann will die Kommission ihren Abschlussbericht über die Frühgeschichte des BND vorlegen.

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