Emotionen - „Das Politische ist aus der Politik verschwunden“

Gefühle werden zunehmend aus der Politik verbannt. Das ist beunruhigend, findet Gary S. Schaal, Professor für Politikwissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Streit gehört für ihn zur Demokratie dazu

Eingelullt: Unter Merkel wird nicht mehr diskutiert
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Merle Schmalenbach

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Herr Schaal, haben Sie jemals so einen langweiligen Wahlkampf erlebt?
Nein. Angesichts der Tatsache, dass es im Augenblick ausgesprochen viele, sehr wichtige Themen zu diskutieren gäbe, ist es erstaunlich, wie wenig davon im Wahlkampf ankommt. Die Frage nach der Euro-Rettung ist ja immer noch ungeklärt. Außerdem sollten wir endlich darüber sprechen, inwieweit unsere Verfassung effektiv noch gilt.

Warum tun wir das nicht?
Offenbar, weil wir es nicht wichtig finden. Wenn ich mich daran erinnere, dass vor einem Monat nur knapp 10.000 Menschen aus ganz Deutschland wegen des NSA-Skandals auf die Straße gegangen sind, habe ich das Gefühl, dass es im Augenblick wenig gibt, was die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wirklich bewegt.

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Der NSA-Skandal betrifft uns alle. Wieso lässt er uns so kalt?
Ich glaube, dass uns eine abstrakte Bedrohung auf einer psychologischen Ebene viel weniger betrifft als eine konkrete. Der Umstand, wie wir überwacht werden – unsere Datenströme sozusagen, unser digitales Ich – das ist so unpersönlich, das erzeugt nicht so viel Angst. Hinzu kommt, dass viele Menschen von der Politik entfremdet sind und ein so zynisches Verhältnis zur Politik haben, dass sie nicht mehr davon ausgehen, dass ihr politisches Engagement viel verändern würde.

Stattdessen regen wir uns über den Veggie Day auf. Geht’s uns nur ums Essen?
Ich habe diese ganze Diskussion als zynisch empfunden. Solche Diskussionen haben einen Placebo-Effekt, weil sie in der Lebenswirklichkeit der Bürger angesiedelt sind. Aber mit richtiger Politik hat das meines Erachtens nicht allzu viel zu tun.

Wie haben Sie die Brüderle-Debatte erlebt? Die wurde ja sehr emotional geführt.
Ich kann sehr gut verstehen, dass es diese Debatte in Deutschland gab. Leider hat Bundespräsident Joachim Gauck das Anliegen der Frauen als Tugendfuror abgestempelt. Und „Furor“ ist ein Begriff, mit dem man die inhaltliche Position eines anderen abwertet, ihn als Diskussionspartner kaltstellt. Dabei hatten die Frauen, die sich über sexuelle Belästigung aufgeregt haben, ja inhaltlich recht, sie haben bloß eine andere, nicht so rational kühl-abwägende Art gewählt.

Wer Gefühle zeigt, der wird nicht ernst genommen?
Genau. Bürger, die Emotionen zeigen, werden hierzulande ganz oft diskreditiert. Der Spiegel hat 2010 ja den Begriff des Wutbürgers kreiert, der eine rein negative Konnotation hat. Nach dem Motto: Die Bürger gehen nicht auf die Straße, weil sie rational sind, sondern weil sie wütend darüber sind, dass durch ihre Hinterhöfe eine Bahn fahren soll – polemisch gesprochen. Und als CDU und FDP vor drei, vier Jahren noch nicht aus der Atomenergie aussteigen wollten, haben sie ihre Gegner als emotional instabil, als Angsthasen bezeichnet. Das ist eine beliebte Methode, um ungeliebte Diskussionen abzuwürgen: Alles, was nicht rational, gesittet, ruhig vorgetragen wird, sondern im Ton der Aufregung, des Echauffierens, das kann ausgeschlossen werden. Doch was passiert mit Emotionen, die unterdrückt werden? Was passiert, wenn politische Gegner als Wutbürger diskreditiert werden, so wie es im Augenblick der Fall ist?

Sie klingen besorgt.
Absolut. Denn wann beteiligt man sich politisch? Wenn einen emotional etwas betrifft. Politik ist nicht nur rational, man kann und darf die Gefühle nicht ausschließen!

Warum sind uns Emotionen in der Politik so unheimlich?
Weil die deutsche Politik ganz massiv durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus geprägt wurde. In Westdeutschland hieß es nach dem Zweiten Weltkrieg schon bald, wir seien von Hitler „verführt“ worden. Das hatte ideologisch einen großen Entlastungseffekt für die Bürger. Emotionen gerieten dadurch unter Generalverdacht – man sah sie plötzlich als unkontrollierbar und potenziell bedrohlich an. Doch man kann Gefühle nicht dauerhaft ausschließen, sie sind ein ganz natürliches Feature des Menschen.

Aber es gab doch auch nach der NS-Zeit Emotionen in der Politik. Denken Sie nur an die 68er-Bewegung oder die Kämpfe zwischen Franz Josef Strauß und Herbert Wehner. Wieso kommt die Leidenschaftslosigkeit erst jetzt zum Vorschein?
Das hat meines Erachtens damit zu tun, dass das Politische aus der Politik verschwunden ist. In den letzten 20, 30 Jahren hat ja etwas zugenommen, was man Neoliberalismus nennen könnte. Die Idee, dass Politik auf eine möglichst effiziente Art geregelt werden kann, dass sie sich möglichst an den Kriterien der Wirtschaft orientieren muss und es so etwas gibt wie eine richtige oder falsche Politik. Das zeigt sich am besten in Italien, in dem vorletzten Kabinett, das ja nur aus Experten bestand, es zeigt sich aber auch in der Politik von Schröder, der diese Expertokratie in die deutsche Politik hineingebracht hat. Ich wüsste nicht, welche Akzeptanz heute ein Strauß hätte. Ich glaube, wir würden ihn als unglaublich unprofessionell erleben, weil er einfach zu viel Konflikt, zu viel Stress, zu viel Emotionalität in die Politik tragen würde.

Ganz im Gegensatz zur Bundeskanzlerin.
Angela Merkel scheint bei den Bürgern so etwas wie die Sehnsucht nach einer richtigen Politik zu bedienen, die emotionslos geführt wird. Doch indem sie ihre Entscheidungen für alternativlos erklärt, macht sie das Politische kaputt. Denn wofür soll man sich überhaupt noch politisch engagieren, wenn es sowieso keine Alternativen gibt? In einer Demokratie muss man sich auch mal streiten, das gehört einfach dazu!

Wieso tut sich die SPD derzeit mit ihrem Wahlkampf so schwer?
Das Problem ist, dass die SPD momentan gegen ihr eigenes Regierungsprogramm unter Schröder Werbung macht – nehmen wir die Hartz IV-Gesetze, die Senkung des Spitzensteuersatzes, die Agenda 2010. Ich glaube, dass eine größere Emotionalisierung des Wahlkampfes dazu geführt hätte, dass sich die Diskussion gegen die eigene Vergangenheit der SPD gerichtet hätte.

Peer Steinbrück hat im Wahlkampf fast geweint. Hat ihm das geschadet?
In seiner Situation spielt das eh keine Rolle mehr, würde ich sagen.

Warum sind wir so überrascht, wenn Politiker Emotionen zeigen?
Ich erinnere an Ségolène Royal, die im französischen Wahlkampf geweint hat – und danach als hysterisch galt. Seit dem antiken Griechenland werden Politik und Emotionen strikt voneinander getrennt. Letztere werden dem häuslichen, dem weiblichen Bereich zugeordnet und mit Inkompetenz gleichgesetzt. In dem Moment, in dem wir das Emotionale in die Politik tragen, unterminieren wir den Code der Politik. Es gibt einige Länder, in denen geht das – in den USA zum Beispiel – es gibt andere, da geht das weniger, etwa in Deutschland. Vor allem Frauen, die in der Politik Emotionen zeigen, haben es schwer.

Politiker reagieren also nur auf unsere Erwartungen?
Ja, denn sie wollen wiedergewählt werden. Und wir sind doch diejenigen, die sie wiederwählen! Mit anderen Worten: Vieles von dem, was wir an den Politikern kritisieren, sollten wir in einem Spiegel betrachten. Wir Bürger sind der Ausgangspunkt. In dem Augenblick, in dem wir uns für bestimmte Fragen nicht interessieren, werden sie von der Politik nicht aufgegriffen, weil sie dort nicht als wahlkampfentscheidend wahrgenommen werden. Also stellt sich die Frage, wie wir in unsere Rolle als anspruchsvolle, leidenschaftliche Bürger zurückkehren können.

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